Simon Bowers
08.08.2013 | 12:12 1

Nichts ist für die Ewigkeit

Porträt Der Amazon-Gründer Jeff Bezos hat mit Büchern Millionen verdient. Trotzdem war er einer der ersten, die den Tod des gedruckten Wortes vorhersagten

Nichts ist für die Ewigkeit

Bezos nennt seine Mitarbeiter „Amazonier“ oder sogar „Missionare“

Foto: Joe Klamar/ AFP/ Getty Images

Jedes Jahr schreibt der milliardenschwere Amazon-Gründer Jeff Bezos seinen Shareholdern einen Brief und legt dabei jedes Mal dieselbe dreiseitige Infobroschüre bei, die er ihnen bereits kurz nach dem Börsengang des Unternehmens hatte zukommen lassen. „Amazon.com hat 1997 viele wichtige Zwischenziele erreicht“, liest man im ersten Satz des historischen Schreibens. „Das hier aber ist Tag Eins für das Internet...“

Im April dieses Jahres – die weltweiten Erlöse von Amazon passierten gerade die 61-Milliarden-Dollar-Marke – verfasste Bezos wieder seinen jährlichen Brief. Das weltgrößte Internetversandhaus, resümierte er, expandiere einmal mehr in verschiedenste Richtungen – mit Kindle-Tablets, Videostreaming und Cloudcomputing seien nur ein paar von vielen genannt.

Trotzdem, versicherte er den Investoren, bleibe der Ansatz der gleiche. „Und wir stehen immer noch am Anfang.“

Vertrauensvorschuss der Investoren

Dieses hungrige, unbeirrbare Mantra ist bei Amazon tonangebend. Und es unterscheidet das Unternehmen von vielen anderen digitalen Innovateuren wie Apple oder Google, mit denen es oft in eine Schublade gesteckt wird. Stolz fokussiert sich Bezos weiterhin auf Entdeckung, Aufbau und Dominanz neuer Märkte statt auf die Jagd nach kurzfristigen Gewinnen. Die Profite werden sich schon einstellen, sagt er. Irgendwann.

Derweil hat Amazon – das mit Büchern, CDs und DVDs anfing – seine Verkaufslisten um viele Millionen Produkte erweitert. Es probiert sich im Versand von Haute-Couture-Mode und Lebensmitteln und experimentiert mit TV-Angeboten.

Die US-Investoren geben Bezos trotzdem immer wieder gerne einen Vertrauensvorschuss und verhalfen dem Unternehmen so zu einem Börsenwert von 137 Milliarden Dollar, obwohl Amazon jahrelang sehr unterschiedliche Gewinne machte und im vergangenen Jahr sogar einen kleinen Verlust von 39 Millionen hinnehmen musste. Milliardenbeträge, die in neue Technologien wie den Kindle und ein rasant expandierendes weltweites Netz aus Lagerhallen gesteckt wurden, hatten die Erträge zuletzt immer wieder geschmälert.

Das Amazon-Monster

Auch wenn Bezos – dem immer noch ein Fünftel des Unternehmens gehört – selten so unterhaltsam ist wie andere Chefs digitaler Unternehmen, hat er sich an der Wall Street eine nicht minder treue Anhängerschaft aufgebaut. Das Ergebnis ist ein geschätztes Vermögen von über 25 Milliarden Dollar. Laut Forbes-Magazin ist er damit einer der zwanzig reichsten Milliardäre der Welt.

Der Hunger auf Expansion und Marktdominanz brachte dem Unternehmen den Vorwurf von kleineren Buchhandelsketten, Verlagen, Onlinehändlern und Lagerarbeitern ein, Amazon entwickle sich zu einem Monster, das die Vielfalt im Keim ersticke und seine Partner, Lieferanten und Mitarbeiter vor unzumutbare Bedingungen stelle. Einigen Politiker in den USA und Europa stößt zudem auf, wie es Amazon gelingt, seine steuerlichen Verpflichtungen kleinzurechnen.

Bezos, der seine Mitarbeiter „Amazonier“ oder sogar „Missionare“ nennt, ignoriert solche Kritik in der Regel oder wischt sie beiseite. Und er hat kein Problem, den Eindruck stehen zu lassen, Amazon sei nicht der einfachste Arbeitsplatz. Einmal sagte er dazu: „Bei uns herrscht eine freundliche und intensive Atmosphäre. Aber wenn es hart auf hart kommt, muss die Freundlichkeit hinter der Intensität zurückstehen.“ Seine Geschäftsphilosophie ist an das japanische Kaizen-Konzept der kontinuierlichen Verbesserung angelehnt, dem auch die großen Erfolge von Toyota zugeschrieben werden.

"Brutal darwinistisch"

Ein ehemaliger Amazonier beschreibt die sich daraus ergebende Atmosphäre allerdings als „ziemlich brutal darwinistisch“. Ein anderer ehemaliger Insider, der Programmierer und Blogger Steve Yegge, berichtet, Bezos habe einmal scherzhaft vorgeschlagen, seine Mitarbeiter sollten ihn für das Privileg bezahlen, bei Amazon arbeiten zu dürften.

Yegge bezeichnet den Amazon-Gründer in einem anschaulichen, angeblich versehentlich veröffentlichten Blog-Eintrag aus dem Jahr 2011 als „Gräuelpiraten Bezos“, der seine Angestellten mit seinen Anweisungen dazu bringe, sich zu verhalten „wie Ameisen, auf die man mit einem Gummihammer einschlägt“. „Verstehen Sie mich nicht falsch. Bezos ist extrem schlau“, schrieb Yegge. „Er lässt normale Kontrollfreaks wie bekiffte Hippies aussehen.“

Manch traditionellen Einzelhändlern und Lieferanten ist Amazon ein Dorn im Auge. Doch eine ganze Armee von Kleinunternehmen, von denen viele noch am Anfang stehen und wie Bezos früher von ihren Schlafzimmern oder Garagen aus arbeiten, hat die Web-Platform begeistert angenommen. Im vergangenen Jahr verkauften über zwei Millionen solcher Kleinunternehmer Produkte bei Amazon – zwei von fünf Artikeln, die auf der Seite gekauft wurden, stammten von ihnen.

Erfolgsgeschichte des Buches

Obwohl Bezos einen Großteil seines ursprünglichen Erfolges dem Verkauf von Büchern verdankt – davon, dass er mit der Schriftstellerin MacKenzie Bezos verheiratet ist, einmal ganz zu schweigen – war er unter den ersten, die den Tod des gedruckten Wortes vorhersagten und davon sprachen, die Zukunft gehöre dem E-Book und Lesegeräten wie Amazons Kindle.

„Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, aber das Buch in seiner physischen Gestalt ist wirklich eine 500-jährige Erfolgsgeschichte. Wahrscheinlich handelt es sich beim Buchdruck um die erfolgreichste Technik aller Zeiten. Es lässt sich schwerlich etwas finden, das eine noch längere Erfolgsgeschichte vorweisen kann. … Wenn man bedenkt, wie groß die Veränderungen überall sonst waren, ist es bemerkenswert, wie das Buch sich so lange in der gleichen Form halten konnte. Doch keine Technik, nicht einmal, wenn sie so elegant ist wie die des Buchdrucks, hat ewig Bestand.“

Der lächelnde Pfeil auf dem Amazon-Logo steht angeblich für Bezos' Ehrgeiz, alles zu verkaufen, was man sich nur vorstellen kann. Bücher waren da nur der Anfang. 1994 erkannte er die Möglichkeit, über das Internet Bestellungen aufzunehmen und leicht zu transportierenden Waren dann mit der Post auszuliefern. Er kündige seinen aussichtsreichen Job in der Finanzbranche und stieg mit 300.000 Dollar Startkapital seines Adoptivvaters in den Onlinehandel ein. Offiziell ging die Seite am 16. Juli 1995 an den Start und machte in der ersten Woche 12.438 Dollar Umsatz.

Schnell sah er sich nach anderen Waren um und erhöhte sein Kapital, indem er mitten im Dotcom-Rausch zwei Jahre später in New York an die Börse ging. Doch als 2000 die Blase platzte, brach auch die Amazon-Aktie dramatisch ein – von 107 auf 7 Dollar. Für Bezos war dies der beste Beweis dafür, dass man die flüchtigen Launen der Investoren am besten ignorieren sollte. An diesem Grundsatz hält er noch heute fest, wo sich die Aktien des Unternehmens mehr als erholt haben und heute für 300 Dollar ihren Besitzer wechseln.

Abgesehen von Amazon hat Bezos auch in die Raumfahrt investiert – seine persönlichen Leidenschaft. 2000 baute er heimlich das Unternehmen Blue Origin auf, das sich auf suborbitale Flüge spezialisiert ist. Bezos ist darüber hinaus auch noch an einem Projekt beteiligt, bei dem die Triebwerke der Apollo 11, die Neil Armstrong zum Mond gebracht hat, aus dem Atlantik geborgen werden sollen. Andere, kommerziellere Investitionen in seinem privaten Portfolio namens „Bezos Expeditions“ umfassen Anteile bei Dotcom-Startups, unter anderem auch bei Twitter.

Wird Recherche unwichtig?

Im April hat Bezos seine Anteile an der Seite für Technologie- und Business-News, Business Insider, vergrößert, die von deren Gründer Henry Blodget betrieben wird. Der frühere Analyst bei Merrill Lynch darf nicht mehr an der Wall Street arbeiten. Er wurde zu einer Strafe von zwei Millionen verurteilt, weil er Investoren zum Kauf von Dotcom-Anleihen ermutigt haben soll, die er selbst seinen privaten E-Mails zufolge für „Schrott“ hielt.

Blodget, der seit vielen Jahren mit Bezos befreundet ist, glaubt nicht, dass im Journalismus der Recherche noch eine große Bedeutung zukommt. „Wenn jemand einen Scoop bringt, dann steht das vier Minuten später bei uns auf der Seite.“

Die Journalisten der Washington Post werden mit Sicherheit hoffen, dass Bezos diese Meinung nicht teilt, jetzt, wo er der Eigentümer einer der renommiertesten Zeitungen der USA geworden ist.

Übersetzung: Zilla Hofman / Holger Hutt

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