Spencer Ackerman
09.08.2013 | 15:35 8

Offline unter Protest

Überwachung Edward Snowden soll ihn zur Verschlüsselung benutzt haben, nun schließt der E-Mail-Anbieter Lavabit. Das ist dem Gründer lieber als Daten an die US-Behörden rauszurücken

Offline unter Protest

Der Hinweis auf der nun geschlossenen Seite von Lavabit

Foto: Screenshot lavabit.com

Der E-Mail-Dienst, der mutmaßlich von Whistleblower Edward Snowden benutzt wurde, ist am Donnerstag überraschend geschlossen worden. Zuvor hatte der Besitzer kryptisch erklärt, er werde sich nicht an „Verbrechen gegen das amerikanische Volk beteiligen“.

Der E-Mail-Anbieter Lavabit, der eigenen Angaben zufolge über 350.000 Kunden verfügt und sich seiner hohen Sicherheitsstandards rühmt, hat offenbar seine Dienste eingestellt – vermutlich aufgrund einer richterlichen Anordnung, mit der US-Regierung bei der Überwachung seiner Kunden zu kooperieren. Es handelt sich, soweit bekannt, um das erste Unternehmen dieser Art, das lieber den Betrieb einstellt als sich der Überwachung durch die Regierungsbehörden zu fügen.

Firmengründer Ladar Levison schrieb auf der Internetseite des Unternehmens: „Ich sehe mich zu einer schwierigen Entscheidung gezwungen: Mich entweder Verbrechen gegen das amerikanische Volk schuldig zu machen; oder ein Unternehmen aufzugeben, an dem seit fast zehn Jahre hart arbeite und Lavabit zu schließen.“

Ein Fall wie noch nie

Levison zufolge ist es ihm von Regierungsseite verboten, zu erklären, was genau sein Unternehmen in diese Krise geführt hat.

„Ich denke, Sie verdienen zu erfahren, was vor sich geht – der erste Zusatz zur Verfassung sollte mir eigentlich die Freiheit geben, in Situationen wie diesen zu sprechen“, so Levison. „Leider hat der Kongress Gesetze verabschiedet, die etwas anderes besagen. Wie die Dinge gegenwärtig stehen, ist es mir nicht möglich, meine Erfahrungen der vergangenen sechs Wochen zu teilen, obwohl ich zweimal die entsprechenden Anfragen gestellt habe.“

Datenschützer sprechen von einem noch nie dagewesenen Fall. „Mir ist keine Situation bekannt, in der ein Service-Provider sich entschlossen hat, lieber dicht zu machen als sich einer richterlichen Anordnung zu fügen, weil man der Auffassung war, sie verstoße gegen die Verfassung“, sagte Anwalt Kurt Opsahl, der für die Organisation „Electronic Frontier Foundation“ arbeitet.

Unternehmen gegen Geheimdienst

Auch der Anbieter Silent Circle gab bekannt, er habe seinen Verschlüsselungsdienst Silent Mail eingestellt. Man habe zwar selbst keine Anweisungen von der Regierung erhalten, dennoch sei es an der Zeit, erklärte das Unternehmen auf seiner Seite.

Mehrere Technologie-Unternehmen, die den US-Geheimdienst NSA bei seiner Schleppnetzfahndung unterstützen, haben die Aufhebung von Sicherheitsbeschränkungen beantragt. Diese hindern die Unternehmen daran, ihren Kunden genau zu erklären, was sie dem mächtigen Nachrichtendienst – freiwillig oder durch eine richterliche Anordnung gezwungen – zur Verfügung stellen. Yahoo hat auf die Veröffentlichung einiger dieser Gerichtsurteile geklagt.

Der vorsitzende Richter des für die Kontrolle von Auslandsgeheimdiensten zuständigen United States Foreign Intelligence Surveillance Court hat dem Justizministerium gegenüber angedeutet, dass er im Fall Yahoo von einer Aufhebung der Geheimhaltung ausgeht. In der vergangenen Woche stimmte das Ministerium einer Überprüfung der Fragen zu, die sich um die Freigabe dieser Informationen drehen. Die Überprüfung wird voraussichtlich bis September dauern.

Lavabit will klagen

„Wenn die Unternehmen nicht kooperieren“, erklärte der ehemalige NSA-Dechiffrierer William Binney gegenüber dem Guardian, „würde dies die Sammel-Kapazitäten der NSA entscheidend verringern.“

Snowden soll Lavabit-Kunde sein. Die Einladung zu der Pressekonferenz im Moskauer Flughafen Scheremetjewo Mitte Juli soll von einer Lavabit-E-Mail-Adresse verschickt worden sein, die Snowden zugeschrieben wird.

Lavabit-Gründer Levinson nahm keinen Bezug auf die NSA und sagte auch sonst nicht viel zu den Hintergründen der Schließung, erklärte aber, er wolle Klage einreichen. „Wir haben bereits die nötigen Papiere vorbereitet, um den Kampf für die Verfassung im zuständigen Berufungsgericht fortzusetzen. Eine positive Entscheidung würde es mir erlauben, Lavabit als ein amerikanisches Unternehmen zu retten. Diese Erfahrung hat mich etwas Entscheidendes gelehrt: Ohne dass der Kongress tätig wird oder es zu einem entscheidenden juristischen Präzedenzfall kommt, würde ich jedem davon abraten, seine privaten Daten einem Unternehmen anzuvertrauen, das direkte Verbindungen zu den Vereinigten Staaten unterhält.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (8)

balsamico 09.08.2013 | 21:28

Da wird sich der CSU-UHL jetzt aber was Anderes ausdenken müssen, als die Bürger blauäugig zum Verschlüsseln ihrer Mails aufzufordern: 

http://www.faz.net/aktuell/politik/im-gespraech-csu-politiker-uhl-die-regierung-kann-deine-daten-nicht-schuetzen-12285705.html

Denn welchen Sinn soll das Verschlüsseln noch haben, wenn die US-Regierung Verschlüsselungsdienste indirekt zur Aufgabe zwingt, weil sie nicht mit ihr kooperieren, d.h. wenn sie der Regierung nicht zuarbeiten indem sie ihr gestatten Einblick in die verschlüsselte Mails der Nutzer zu nehmen? 

Leute wie UHL argumentieren am Paradigemenwechsel vorbei. Der durch die Verfassung garantierte Deal der Bürger mit dem Staat lautet: Du wirst nicht beobachtet, solange du nicht in den Verdacht gerätst eine Straftat begangen zu haben, notabene, begangen zu haben. Jetzt dagegen heißt es: Du wirst immer beobachtet, auch wenn du noch nicht in Verdacht geraten bist, denn du könntest ja möglicherweise in Verdacht geraten. Das ist ungeheuerlich vor allem deshalb, weil es hintenherum und stillschweigend geschehen ist und nicht in aller Offenheit und von Verfassungs wegen verhandelt wurde. Ich bestreite zwar nicht, dass man wegen der Gefahr terroristischer Anschläge darüber reden können muss. Aber dann müssen Garantien dafür her, dass meine Daten nicht verwendet werden, solange ich nicht nicht in Verdacht des Terrorismus geraten bin, notabene geraten bin. Meine Daten dürfen insbesondere nicht dazu verwendet werden, einen x-beliebigen Verdacht wegen irgendetwas anderem gegen mich erst zu begründen. Aber genau dafür will man sie haben. Das geht nicht - und schon gar nicht stillschweigend und hintenherum.

die Realistin 09.08.2013 | 21:43

Welch Beispiel  für die Wahrung der freiheitlichen Werte in den USA!...Das Land der mittlerweile doch wohl sehr eingeschränkten Möglichkeiten! Was sagt wohl unser Freiheitsfanatiker und präsidialer Oberpfaffe dazu, der ja beim Treffen mit dem Kriegsnobelpreisträger arg mit den Tränen der Rührung (seine eigenen Worte!) kämpfen musste...

Die USA dürfen ungestraft morden, Waffen liefern (derzeit den Assad-Gegnern u.a.), foltern (Guantanamo, Mannings usw.), alle abhören und finanziell kontrollieren (Goldman Sachs).

Aber wehe in Russland wehrt man sich gegen Leute, die ihr Land verraten und verkaufen wollen (und es tun!)...

 

JR's China Blog 10.08.2013 | 06:57

„Wenn die Unternehmen nicht kooperieren, ... würde dies die Sammel-Kapazitäten der NSA entscheidend verringern."

"Eine positive Entscheidung würde es mir erlauben, Lavabit als ein amerikanisches Unternehmen zu retten."

Beide Aussagen haben es in sich. Binneys, weil sich darin ausdrückt, dass Unternehmer mit Gewissen dem Apparat sehr gefährlich werden könnten, und Levinsons, weil es für Internet-Unternehmen auch andere denkbare Standorte als Amerika gibt. Die Offenheit einer Gesellschaft ist ein Wettbewerbsfaktor. Wenn Politiker und "Sicherheits"-Industrie den Wert einer offenen Gesellschaft an sich schon nicht anerkennen können: hier treten Argumente auf, mit denen sie sich schwertun werden - jedenfalls, wenn Levinson kein Einzelfall bleibt.

Antonymus 10.08.2013 | 10:12

Klingt natürlich alles wunderbar.
Endlich einer der sein Lebenswerk opfert für Recht und Gerechtigkeit.
Schön wenn dem so wäre, pardon, schön, wenn dem so ist. Chapeau..
Nur kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Mann wie Snowden einen amerikanischen E-Mail Provider für seine Korrespondenz nutzt. Wär das nicht doch a bisserl dämlich?
Zudem: wer verschickt wichtige Nachrichten heutzutage noch via E-Mail?