Helen Pidd
22.08.2012 | 09:18 3

Ohne Hemmungen

Gewalt Indien gilt als schlechtester Lebensort für Frauen unter allen G20-Ländern, noch vor Saudi-Arabien. Und: Sexuelle Übergriffe gegen Frauen nehmen dort zu. Woran liegt das?

Ohne Hemmungen

Dieser Angriff auf eine junge Frau, gefilmt von einem lokalen Fernsehsender, hat eine landesweite Debatte ausgelöst

Screenshot: Assam News Live

Die Bilder versetzten ein ganzes Land in Aufruhr. Als Anfang Juli eine junge Frau eine Bar in der Stadt Guwahati im Nordosten Indiens verließ, wurde sie von einer Gruppe von Männern angegriffen. Sie zogen sie an den Haaren, versuchten ihr die Kleidung vom Leib zu reißen und lachten dabei. Das Ganze ereignete sich um halb zehn abends auf einer der belebtesten Straßen der Stadt. Mindestens 20 Minuten lang alarmierte niemand die Polizei, obwohl viele Umstehende Mobiltelefone hatten. Die nutzten sie, um zu filmen, wie die Männer das Unterhemd der Frau hochrissen, an ihrem BH zerrten und ihre Brüste begrapschten, während sie um Hilfe flehte. Wir wissen das, weil der Kameramann eines lokalen Fernsehsenders den Übergriff aufzeichnete, um seine Zuschauer damit zu vergnügen. 45 Minuten lang wurde die junge Frau misshandelt, bis die Polizei einschritt.

Binnen einer halben Stunde liefen die Bilder auf dem Lokalsender LiveNews. Auf der anderen Seite der Stadt sah sie auch die 29-jährige Sheetal Sharma, Aktivistin der regionalen Frauenrechtsorganisation North-East Network. „Ein furchtbarer Übergriff“, sagt sie. „Das Verstörendste war aber, dass die Schuld der Frau in die Schuhe geschoben wurde. Diese sei, so wurde in dem TV-Bericht betont, betrunken gewesen.“

740 Euro Entschädigung

Erst Tage später, als der Clip sich über das Internet verbreitet hatte und auch von den landesweiten Sendern in Delhi ausgestrahlt wurde, sah die Polizei sich zu Ermittlungen gezwungen. Sechs Tage danach traf sich der Regierungschef des Bundesstaates mit dem Opfer und versprach der Frau 50.000 Rupien Entschädigung, umgerechnet 740 Euro.

Der Schaden war damit allerdings nicht wiedergutzumachen. Die meisten Inderinnen wussten schon vorher aus leidvoller Erfahrung, wie hart das Leben als Frau in der größten Demokratie der Welt sein kann, auch 46 Jahre nachdem Indira Gandhi als erstes weibliches Staatsoberhaupt des Landes Geschichte schrieb. Eine Umfrage unter 370 internationalen Genderforschern wählte Indien vor Kurzem zum schlechtesten Lebensort für Frauen aller G20-Länder; noch vor Saudi Arabien. „Nach wie vor werden Frauen und Mädchen in Indien verkauft wie Vieh. Sie werden oft mit zehn Jahren verheiratet, werden verbrannt, wenn es zum Streit um die Mitgift kommt oder werden als Haussklavinnen ausgebeutet und missbraucht“, sagt Gulshun Rehman von der Hilfsorganisation Save the Children.

Laut einer Umfrage halten 52 Prozent der heranwachsenden Mädchen und 57 Prozent der Jungen es auch für gerechtfertigt, wenn ein Mann seine Frau schlägt. Die Straftaten gegen Frauen nahmen vergangenes Jahr um 7,1 Prozent zu. Die größte Zunahme war bei Verstößen gegen das Verbot der Mitgiftzahlung (plus 27,7 Prozent), bei Entführungen (19,4 Prozent) und Vergewaltigungen (9, 2 Prozent) zu verzeichnen.

Vor diesem Hintergrund sorgte ein Interview der Vorsitzenden der National Commission of Women (NCW), einer Regierungsorganisation zur Förderung von Frauen, bei vielen Inderinnen für einen Wutausbruch. Auf die Frage, ob es einen Dresscode für Frauen geben sollte, antwortete Mamta Sharma: „Nach 64 Jahren Freiheit wäre es nicht richtig, Frauen vorzuschreiben, was sie anziehen sollen. Man sollte ungezwungen sein, aber wenn wir den Westen blind nachäffen, zerstören wir unsere Kultur und machen damit solche Verbrechen wie in Guwahati überhaupt erst möglich. Am schlimmsten ist die Verwestlichung in den Städten.“

Die Bemerkungen lösten einen Sturm der Entrüstung aus: „Es geht nicht einfach nur um das blinde Nachäffen des Westens, Frau Sharma. Es geht auch um den Mangel an rechtlicher und physischer Sicherheit, den Mangel an Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, um die Untätigkeit von Polizei und Justiz sowie das fehlende Bewusstsein, dass Männer und Frauen dasselbe Recht haben, zu tun und lassen, was sie wollen“, formulierte es Sagarika Ghose im Online-Magazin First Post.

Taliban-plus-Mentalität

Aini Mahanta, Chefredakteurin des Frauenmagazins Nandini, sieht in Sharmas Worten einen Beleg für die „Taliban-plus-Mentalität“, die ihrer Meinung nach in Indien Einzug hält. „Was hier passiert, ist schlimmer als die Taliban. Denn die sagen wenigstens offen, was ihnen gefällt und was nicht. Die Gesellschaft hier ist dagegen verlogen. Wir beten weibliche Götter an, schaffen es aber nicht, Frauen vor diesen Verbrechen zu beschützen und machen sie dann auch noch selbst dafür verantwortlich.“

Selbst im kosmopolitischen Mumbai komme es vor, dass Frauen als Prostituierte beschimpft und verhaftet würden, wenn sie sich nur in einer Bar aufhielten, meint Mahanta. Junge Feministinnen wie Sheetal Sharma klagen, Frauen würden in „gute“ und „schlechte“ unterteilt – je nachdem, wie sie sich kleiden und ob sie nach Einbruch der Dunkelheit noch ausgingen.

Wie alltäglich sexuelle Übergriffe in Indien sind, erfahren viele Frauen auf dem Weg zur Arbeit. In überfüllten Bussen und Zügen drücken Fremde sich gegen sie und betatschen sie oft. Im Juni sorgte eine Bloggerin aus Delhi mit einem Beitrag für Aufsehen, in dem sie beschrieb, was passierte, als sie sich einmal entschied, nicht das spezielle Frauenabteil der U-Bahn zu nehmen. Als sie einem Mann bat, er solle nicht zu nah neben ihr stehen, sprang ihr ein anderer Mann bei und forderte den Aufdringlichen auf, Abstand zu halten. Daraufhin brach ein blutiger Faustkampf zwischen den Männern aus. Statt dazwischenzugehen, wendeten die Umstehenden sich mit Vorwürfen gegen die 35-jährige Frau: „Es ist alles deine Schuld. Warum bist du in dieses Abteil gekommen?“

Über ihre Erfahrungen möchte die Bloggerin auch auf Nachfrage nur anonym berichten. Sie sagt: „Sexuelle Belästigungen wie diese habe ich tausendfach erlebt. Ich hasse es, das Wort zu benutzen, aber diese Übergriffe sind in Indien leider ,normal‘.“ Sie hat sich jetzt ein Auto gekauft.

Übersetzung: Zilla Hofman/Holger Hutt

Kommentare (3)

Martin Gebauer 22.08.2012 | 23:04

Einstmals waren 80 % der indischen Bevölkerung Vegetarier. Heute sind es noch etwa 25 % der indischen Bevölkerung die kein Fleisch essen.

 

Als die Hindus anfingen Fleisch zu essen und Alkohol zu trinken.

Nachgewiesene Morde in Indien wegen Streitigkeiten um Mitgift: 2005: 6.787 2006: 7.618 2007: 8.093. 

Der »Nationale Verbrechensbericht« hatte von einer enormen Zahl von 75.930 Fällen berichtet, in denen im Jahr 2007 Folterung und Grausamkeit gegen Frauen in der schwiegerelterlichen Wohnung ausgeübt worden war.

The Times of India (Mumbai Edition) vom 2. Juni 2009

(Dhananjay Mahapatra, Übersetzung: Klaus-Dieter Hupke)

In einer Abtreibungsklinik in Bombay haben alarmierende Zahlen ergeben, dass von 8000 abgetriebenen Föten 7999 weiblich waren. 

sandr

Im Bezirk Kandhamal war es nach dem ungeklärten Attentat auf einen Hindu-Führer am 23. August zu schweren Ausschreitungen radikaler Hindus gegen Christen gekommen. Die Zahl der Toten und Verletzten ist nicht bekannt. Neben Gewalt ging es dem Mob um Zwangsbekehrungen. »Sie bedrohten mein Leben, rasierten mir den Kopf nach Hindu-Art und gaben mir flüssigen Kuhdung zu trinken«, erzählt Nayak. Dann hätten die Männer und Frauen Erklärungen unterschreiben müssen, in denen sie sich zum Hinduismus bekannten. Schließlich gelang den Nayaks und zwanzig anderen Familien ihres Dorfes die Flucht durch den Dschungel. Zurück blieben ihre geplünderten und niedergebrannten Häuser. Das erste Lager im nahe gelegenen Raikia bot keinen Schutz vor den Übergriffen einer prügelnden Meute. Erst nach erneuter Flucht, 300 Kilometer weiter weg, kommen die Flüchtlinge nun vielleicht zur Ruhe. Tausende von Christen hätten inzwischen solche »Glaubenswechsel« über sich ergehen lassen müssen, wenn sie nicht ihr Leben riskieren wollten, sagt Pater Mrutyunjay Digal, Sekretär des Erzbischofs von Bhubaneswar: »Ich war geschockt, als ich meinen Bruder im Fernsehen sah, den sie zwangen, Hindu-Gesänge vorzutragen.« Nach Informationen der Kirche sind bei den Exzessen in Kandhamal 28 Christen getötet worden. Wie es heißt, haben Hindu-Fanatiker einen Katholiken in Chennai zum Schein lebendig begraben, weil er sich weigerte, seinen Glauben aufzugeben. Jesus werde ihn schon retten, riefen sie dabei. Den radikalen Hindus gehe es um die Ausrottung des Christentums, meint Pater Prasanna Singh, Vikar der Kirche Sankt Peter in Pobingia. 34 der 37 katholischen Familien seines Ortes seien zwangskonvertiert, die anderen geflohen. Oftmals würden Betroffene gezwungen, zum Zeichen ihrer neuen »Loyalität« Bibeln zu verbrennen oder Kirchen und Wohnungen von Christen anzuzünden. Singh selbst musste vergangene Weihnachten um sein Leben rennen, als eine Menge seine Kirche stürmte. Als es am 23. August wieder gegen seine Türe schlug, befürchtete er das Schlimmste.Draußen aber stand ein Polizist, der ihm riet, sich so schnell wie möglich im Dschungel zu verstecken. Sieben Tage blieb Singh dort.Die indische Kirche klagt, der Staat unternehme zu wenig, um die Bedrängten zu schützen. Im Bundesstaat Orissa verwundert das kaum. Hier sitzt die nationalistische HinduPartei BJP in der Regierung. Umso mehr appellieren die Bischöfe an die Bundesregierung in Neu-Delhi. Denn bei aller Renaissance des politischen Hinduismus bleibt Indien doch eine demokratische Republik, die jedem Bürger Schutz bieten muss.

Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) vom 4. Oktober 2008

(Anto Akkara)

Indien ist zwar mit 160 Millionen Muslimen der drittgrößte muslimische Staat der Welt. Doch die indische Mehrheitsbevölkerung tut sich schwer mit der Minderheit...

In dem von Hindu-Nationalisten regierten Bundesstaat hatten staatliche Stellen gezielt die Übergriffe gegen Muslime gelenkt... Im Jahr 2002 fl ohen in Gujarat rund 250.000 Muslime vor Pogromen. Rund 4.500 Familien leben noch immer in 81 Auffanglagern, in denen es meist an grundlegender Versorgung und Infrastruktur mangelt. Sie wissen, dass sie nicht in ihre Dörfer zurückkehren können, weil die Gewalt dort tiefe Spuren hinterlassen hat. Ein Beispiel dafür ist das Lager Rahimabad. Hier leben unter anderem ehemalige Bewohner des Dorfes Randhikpur, in dem die Schwangere Bilkhis Bano von einer ganzen Gruppe von Männern vergewaltigt wurde und 14 ihrer Familienangehörigen ermordet wurden... 6 Jahre nach der Tat wurden mehrere Vergewaltiger der erwähnten Bilkhis Bano von einem Gericht in Mumbai (Bombay) zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt; ebenso Polizisten, die das Verbrechen zunächst zu verschleiern trachteten

Bedrohte Völker – Pogrom Nr. 252, Heft 1/2009, S. 252

(Ulrich Delius)

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Lethe 28.08.2012 | 15:25

mensch möge sich erinnern, woran Ghandi gemäß seines eigenen Anspruchs scheiterte. Gegenüber der Versöhnung zwischen Moslems und Hindus war die  Erringung der Unabhängigkeit Indiens ein geradezu lächerlich einfacher Akt.

Es reicht eben nicht, eine Idee mit einer anderen Idee zu bekämpfen. Die Ideen werden unter Machteinfluss eine unverdauliche Emulsion bilden, deren Bestandteile sich bei erster Gelegenheit wieder trennen, wie die Staatsbildung Pakistans und die Etablierung moslimischer Provinzen in Indien deutlich macht.

Und genau wie auch in ihren originären Einflussbereichen das Kristentum oder der Islam ist auch der Hinduismus bei weitem nicht allein von den Aussagen der religiösen Schriften gepägt; Sitte und Tradition existiert auch im Hinduismus und haben viel größeren Einfluss, als ein moderner Mensch zu glauben wagen darf. Die Morde an Frauen und weiblichen Kindern und Babies, die Abtreibungen weiblicher Föten sind Selbstverständlichkeiten innerhalb eines Kastensystems, in dem die Aggressionen der Stärkeren an den Hilflosesten ausgelebt wird.

Die indische Staatsform mag eine formal-demokratische sein. Die indische Gesellschaft ist religionsbedingt eine faschistische.