Harriet Sherwood
15.11.2012 | 13:55 23

Operation “Säule der Verteidigung“

Israel Die Risiken einer gegen den Gazastreifen gerichteten Militärintervention sind angesichts der sich verändernden politischen Landschaft im Nahen Osten enorm

Operation “Säule der Verteidigung“

Raketenabschüsse im Gazastreifen, beobachtet von einem israelischen Soldaten

Foto: Ilia Yefimovich/Getty Images

In Gaza haben militante Organisationen radikaler, teils islamistischer Palästinenser Fuß gefasst, die sich größtenteils der Kontrolle durch die Hamas-Regierung entziehen. Diese ultraextremistischen Gruppen setzen die Hamas unter Druck, bei deren Mitgliedern inzwischen die Ansicht verbreitet ist, die herrschende Fraktion habe den militärischen Widerstand gegen Israel für den Komfort und die Privilegien des Quasi-Regierens in der hoffnungslos abgeschotteten und abgeriegelten Enklave palästinensischer Selbstbestimmung aufgegeben.

Offenbar verfügen diese dschihadistischen Gruppen über enge Verbindungen zu Gleichgesinnten auf der angrenzenden ägyptischen Sinai-Halbinsel. Deren Ideologie – so heißt es aus Israel – sei mit der Weltanschauung des Netzwerks al-Qaida verwandt. Richtig ist, diese Fraktionen des dschihadistischen Furors zeigen wenig Neigung, auf die Vermittler der ägyptischen Regierung zu hören, die bei Eskalationen der Gewalt im Gazastreifen immer wieder eine Waffenruhe ausgehandelt hatten.

 Ein mögliches Vakuum

Es gibt in Gaza mehr dschihadistische Gruppen, die sich nicht an die Spielregeln halten“, sagt Michael Herzog, pensionierter Brigadegeneral und Ex-Stabschef des israelischen Verteidigungsministeriums. „Die Ägypter haben auf diese Fraktionen nicht den gleichen Einfluss, den sie bei der Hamas geltend machen können.“

Analysten in Israel warnen, es würden derartige Gruppierungen sein, die das Machtvakuum füllen könnten, mit dem zu rechnen sei, sollte Hamas bei einer nachhaltigen Militäroperation gestürzt werden. Möglicherweise könne Israel dann einem Feind gegenüber stehen, der schlimmer und unberechenbarer sei als die Hamas.

Auch Ägypten gibt Anlass zur Sorge. Vor der Anti-Mubarak-Revolution im Frühjahr 2011 konnte Israel auf die Unterstützung des nunmehr gestürzten Präsidenten setzen. Sein Nachfolger Mohammed Morsi hat zeitlich weit zurückreichende Beziehungen zur Muslimbruderschaft, der Mutterorganisation der Hamas. Das heißt, sollte es dazu kommen, wird er sich wohl vehement gegen eine israelische Invasion stellen. Sogar das israelisch-ägyptische Friedensabkommen von 1979 könnte dabei in Gefahr geraten. Ganz abgesehen davon, dass eine Gaza-Offensive solidarische Aktionen der Hisbollah im Libanon entfachen könnte. Bei der Operation Gegossenes Blei – der 22 Tage andauernden Offensive, die am 27. Dezember 2008 begann – wurden im Gazastreifen 1.400 Menschen, darunter über 300 Kinder, getötet und Tausende Wohnhäuser sowie Schulen bei intensiven Bombardements zerstört. Die Luftangriffe der Israelis sind nun zwar viel präziser, doch zivile Opfer werden bei einer großen Operation wohl kaum zu vermeiden sein.

 Wie reagiert Obama?

Die Operation Gegossenes Blei fand zwischen der Wahl Barack Obamas und seiner Amtseinführung statt. Die Reaktion der USA fiel dementsprechend begrenzt aus. Seither hat der US-Präsident zwar mehrfach gesagt, Israel habe das Recht, sich gegen Raketenangriffe aus Gaza zu verteidigen, nach seiner Wiederwahl wird er aber möglicherweise sehr viel schärfere Worte der Verurteilung wegen der zivilen Opfer finden, als es vor vier Jahren der Fall war.

Im Januar wird in Israel gewählt. Wohlwissend, dass die Sicherheit bei israelischen Wahlen stets einen hohen Stellenwert beansprucht, bemühen sich die meisten israelischen Politiker derzeit, die laufenden Angriffe zu befürworten.

Übersetzung: Zilla Hofman

Kommentare (23)

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Ehemaliger Nutzer 15.11.2012 | 15:30

Wer hat denn für die chaotischen Verhältnisse im Gaza-Streifen gesorgt? Es war Israel durch seine Blockadepolitik gegenüber den Palästinensern! Und es ist Israel, dass immer noch gegen alle UN-Resolutionen besetztes Palästinenser-Gebiet nicht freigeben will. Man baut sogar immer mehr illegale Siedlungen. Sollen die Besitzer des Landes sich einfach alles wegnehmen und zerstören lassen? Nur weil ein agressives Völkchen, wie die Israelis, dies wollen? Widerstand mit allen Mitteln ist angesagt!

denkii 15.11.2012 | 15:41

Palästinenserpräsident Abbas hat vor, für Palästina bei der UN den sogenannten Beobachter-Status als Nicht-Mitgliedsstaat zu beantragen. Dahinter verbirgt sich eine vorsichtige Näherung an die Staatlichkeit, in einer Vorstufe die dem des Vatikans gleicht. Israel sieht damit nach offiziellen Angaben seine eigenen Friedensbemühungen torpediert, vielmehr wohl jedoch den Siedlungsbau und die Militäroperationen in der legalen Bredouille.  Daher drohen israelische Regierungssprecher mit der Aufkündigung der Nahost-Friedensverträge und der endgültigen Annektierung von Siedlungen im Westjordanland.

Die Mehrheit für Abbas‘ Antrag bei der UN-Vollversammlung am 29. November gilt als sicher.

https://www.freitag.de/autoren/denkii/auf-die-antwort-folgt-die-gegenantwort

Phineas Freek 15.11.2012 | 16:44

Die Zulassung der Golanhöhen als Rückzugsgebiet im dschihadistischen Krieg gegen Syrien durch Israel und deren AKTIVE militärische Flankierung durch die IDF, machen das ausgemachte Netzwerk dschihadistischer Terrorverbände als Rechtfertigungsgrund für die jüngsten Blutbäder der rechtsextremen Regierung Israels unhaltbar. Es ist aber in seiner wissentlich durchschaubaren Haltlosigkeit auch eine klare Ansage an den Rest der Welt, ihr völkisches (Kriegs)programm nach ihren eigenen Regeln fortzusetzen.

Die verhaltene „Kritik“ des Westens signalisiert hier ausschließlich das schon längst beschlossene Durchwinken, des nun beginnenden und jüngsten israelischen Krieges gegen die noch übriggebliebenen und störenden „Ureinwohner“.

Vaustein 16.11.2012 | 11:56

In Israel stehen Wahlen an. Da kann ein kleiner Krieg wahlentscheidend werden. Also wird er vom Zaun gebrochen. 

Die palästinensischen Raketenangriffe sind zu verurteilen. Sich dagegen zu wehren ist legitim. 

Nichtsdestoweniger zeigen aber die Zahlen der getöteten Menschen welche Seite massiver zuschlägt.

Wege zu einem dauerhaften Frieden wollen offenbar die führenden Kräfte beider Seiten nicht beschreiten.

Hans Georg Ossianowsky 16.11.2012 | 12:46

Israel verstösst gegen Menschenrechte und plant einen Angriffskrieg,welches nach 1945 in der Uno-Charta allen Staaten untersagt ist.Das Problem ist der Zionismus,welches rassistisch und militant ist und der arabische Nationalismus ebenfalls rassistisch und militantist .Mein persönlicher Plan für den Frieden im heiligen Land: Stärkung der jüdischen Orthodoxie gegen Zionisten.Die Auflösung Israels und die Auflösung Palästinas.Die Gründung und Ausrufung des Staates "die konföderierten  Staaten von Kanaan". Dieser neuer Staat Kanaan besteht aus zwei unabhängigen, jüdischen und palästinänsichen Staaten ,die in einer Konföderation als eine Staatseinheit existieren.Juden und muslime sollten in einem gemeinsamen Staat leben,sie sind alle Kinder  Kanaans.

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Ehemaliger Nutzer 16.11.2012 | 13:21

Sehr erhellende Kommentare in diesem Blog. Und so ehrlich.

Man muß bestimmte Leute in Deutschland nicht besonders mögen,um denen nicht in einigen Themenbereichen doch zuzustimmen.

Zur Sache:

Abbas , der palästinens. Regierungschef  in der sog. Westbank,hat vor einigen Wochen mittels einer persönlich gehaltenen ,also typisch diplomatischen klugen, Aussage zu seinem Geburtsort (liegt heute in Israel) des facto Israel anerkannt!

Die radikaleren Kräfte, also Hamas und radikalere Splittergruppen bis hin zu AlKaida-Leuten und die ideologisch linke  Internationale der europäisch-angelsächsischen Israelgegner, hat danach aufgeschrien. Abbas verkauft die Palästinenser - so der Tenor des Aufschreis über eine inhaltlich kluge und diplomatisch übliche Art und Weise der Äußerung jenes Abbas, der also erstmals mittels seiner Äußerung Israel anerkannte informell. Israel goutierte das von Abbas Gesagte übrigens positiv.

Zudem bemühte sich dieser Abbas um die UNO- Anerkennung ff.,wobei den Palästinensern die kluge diplomatische Art und Weise dieses Abbas sehr genutzt hätte.

Die Hamas und andere radikalere Kräfte wollen ja keine Anerkennung Israels.

Mithin läßt sich doch schlussfolgern, dass die Hamas und die anderen Radkalen ein Interesse daran haben, den Teil der Palästinenser politisch zu desavouieren, welche Israel anerkennen wollen.

Wie macht man das,wenn man wenig Hirn und einen großen Mund hat und die Macht, Kinder und Jugendliche ins Feuer zu jagen?

Man sorgt für Unruhe, für Attentate, für kleinere Kämpfe -also für den Abschuß dieser leichten Selbstbauraketen und einiger Panzerfäuste in Richtung Israel um was zu erreichen?

Um eine gewalttätige Antwort Israels zu erreichen- so dass dümmere Zeitgenossen den VORMALIGEN Kurs dieses Abbas , nach einem auf Raketenangriffe reagierend dann erfolgenden Beschuß durch Israel, den Abbas -Kurs der Anerkennung Israels nicht (mehr) gut finden. 

Die jetzige Eskalation ist also - sie haben ja auch selbst angefangen und das erwähnt kein Mensch- das Werk dieser Hamas und anderer radikaler Kräfte, die kein Interesse daran haben, eine Einigung mit Israel zu erzielen .

Umgekehrt hat Israel egal wie man es betrachten würde  ja nichts davon , in direkter Nachbarschaft ständig irgendwelche gewaltbereiten Raketenschützen sitzen zu haben, deren Abwehr ja nur Geld kostet.

Ob es dann immer so klug ist seitens Israels , auf Provokationen der nur gewaltbereiten radikalen Kräfte bei den Palästinensern ebenfalls mit der überlegenen Technik zu reagieren - und eben mittels Luftangriff und gezieltem Raketenbeschuss irgendeinen dieser radikalen  Schmerbäuche die ihre eigene palästinensischen Kinder in den Tod schicken um jüdsiche Kinder zu töten (jeder normale Vater würde seinem 14-Jährigem,der in ähnlicher Situation Steine oder Muttern mit Zwille/Schleuder auf bewaffnete Soldaten schleudert welche an die Fresse schlagen und den Bengel nach Hause zerren und ihn sich da mal gründlich vornehmen! Palästinensiche Väter tun das eher selten.) aus der Landschaft zu schießen ,kann man dahingestellt sein lassen.

Die Hamas hat aggressiv Israel provoziert um Gegenschläge zu provozieren und damit die diplomatischen Erfolge des Politikers Abbas zunichte zu machen.

Und die Israelis haben sich provozieren lassen. Dazu ist aber zu sagen, dass auf  Deutschland  1945 die letzten Raketen - von Jagdbombern der Alliierten abgeschossene ungelenkte, die aber von der Größe her gut mit diesen heutigen palästinensischen Selbstbaudingern zu vergleichen sind  - abgeschossen wurden.  Man sollte ,wenn man lange nicht im Feuer stand, vielleicht recht sachlich über Leute reden, die im Feuer stehen und schon standen. 

Nein, die jetzige Eskalation  geht auf die Kappe der Hamas die verhindern will, dass der gemäßigte Abbas politischen Erfolg hat!

Und dafür ist den Hamasleuten ,die wie gesagt auch eigene Jugendliche ins Feuer schicken bei Bedarf  (statt wichtigtuerische 15-Jährige aus der Nachbarschaft mit einem Tritt in den Hintern nach Hause und nach Muttern zu jagen!) jedes Mittel recht!

Israel hat die Wahl , sich in Reaktion dann stoisch ( kann falsch interpretiert werden und das Gegenteil erreichen bei geistesgestörten Dummköpfen) zu verhalten oder alert und eben manchmal wie der Elefant , den Böswillige in den Porzellanladen lockten und schickten.

Gekreisch gibt es aber in jedem Falle- selbst bei nüchternen Leuten  die das Geschehen dort nur sachlich analysieren.

Vaustein 16.11.2012 | 13:36

Dazu passt ein Auszug aus einem SPIEGEL-online-Artikel:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/offensive-im-gaza-streifen-netanjahus-brandgefaehrliche-strategie-a-867422.html

"Sowohl Netanjahu als auch Barak käme es gelegen, mit einem erfolgreichen Feldzug beim Wahlvolk zu punkten: Der Regierungschef muss fürchten, dass ihm der ehemalige Ministerpräsident Ehud Olmert Stimmen abjagen könnte, sollte dieser sich bei dem am 22. Januar anstehenden Urnengang zur Wahl stellen. Gerüchten zufolge wollte Olmert seine Kandidatur just am Mittwochabend bekannt geben. Die Militäraktion - Codename "Säule der Verteidigung" - habe ihm nun einen Strich durch die Rechnung gemacht.

 

Verteidigungsminister Barak kann derweil nicht sicher davon ausgehen, es mit seiner Splitterpartei "Unabhängigkeit" erneut in die Knesset zu schaffen. Eine erfolgreiche Offensive jedoch könnte seine schwindende Popularität so weit steigern, dass ihm der Einzugs ins Parlament doch noch gelingt. Eine Offensive, die das Volk hinter dem Militär zusammenrücken lässt, lenkt zudem von drängenden sozialen Problemen Israels ab. Das wiederum nimmt Gruppen wie der Arbeitspartei Wind aus den Segeln und könnte sie - zugunsten von Netanjahus "Likud" und Baraks "Unabhängigkeit" - Stimmen kosten.

Doch die Militäraktion birgt enorme Risiken. Sollte die Gewalt aus dem Ruder laufen und sich der Konflikt zwischen Israel und der Hamas zu einer Neuauflage des Gaza-Krieges vom Jahreswechsel 2008/2009 ausweiten, könnte das böse Folgen für die Regierung haben.

Denn die israelische Öffentlichkeit reagiert empfindlich auf eigene Verluste. Eine Häufung von Vorfällen wie der Raketeneinschlag am Donnerstagmorgen, bei dem in dem Ort Kiryat Malakhi drei Menschen durch einen Volltreffer auf ein Wohnhaus starben, kann die Stimmung schnell drehen. Und sollte sich Jerusalem angesichts des anhaltenden Raketenbeschusses aus dem Gaza-Streifen dazu entschließen, Bodentruppen in das Küstengebiet vorrücken zu lassen und es dabei zu größeren Verlusten kommen, könnte auch das das Volk gegen die Männer aufbringen, die die "Säule der Verteidigung" - so der Name der Militäroperation - angeschoben haben."

Phineas Freek 16.11.2012 | 15:04

„…Und die Israelis haben sich provozieren lassen.

Dazu (??!!) ist aber zu sagen,  dass auf  Deutschland  1945 …die letzten Raketen abgeschossen wurden.

Man sollte, wenn man (?!) lange nicht im Feuer stand, vielleicht recht sachlich über Leute reden, die im Feuer stehen und schon standen (!!).“

 

 

 

Die Millionenfachen Feuer in den Verbrennungsöfen des deutschen KZ-Wesens wären vielleicht dazu! noch sachlich erwähnenswert.

 

Träumt Volksgenosse Großmaul hier sein Ideal einer Achse Berlin Jerusalem?

 

Helmut Eckert 17.11.2012 | 21:36

Der Zweck heiligt die Mittel. Beide Parteien zündeln am Feuer der gegenseitigen Vernichtung. Das Gebot des Friedens gilt für beide Staaten erst wenn sie sich in Asche verwandelt haben. Warum könnten die Menschen den Frieden nicht lieben? Hass ist keine Lösung. Wird es nie sein und werden. 10 000 Jahre Menschheitskrieg   machte die Menschen nicht klüger? Warum nicht? Liegt es an unseren verfluchten Genen? Zu viele Fragen. Zu wenige Antworten!

ibn klaus 19.11.2012 | 14:42

Es wird einem ganz schlecht, wenn man die "gleichgeschalteten Medien" Abend für Abend posaunen hört, daß sich Israel gegen terroristische Raketenangriffe verteidigen darf. Aber was tut denn dieses Israel ? :  Es sperrt anderthalb Millionen Palästinenser (das sind die, denen das Land einmal gehörte !) in ein Konzentrationslager namens Gaza ein und wundert sich dann, daß sich einige dieser Eingesperrten radikalisieren und sich mit Waffengewalt wehren. Man kann da durchaus Parallelen zum "Warschauer Ghetto" erkennen ! Israel hat aus der leidvollen Geschichte der Juden nichts, aber auch gar nichts gelernt !