Giles Tremlett
11.07.2013 | 06:00 2

Sauer macht lustig

Komödie Pedro Almodóvar dreht mitten in der spanischen Wirtschaftskrise seinen heitersten Film. Eine Begegnung

Pedro Almodóvar ist stinksauer. Im Fernsehen: Wirtschaftskrise, nichts als Wirtschaftskrise. Ein Viertel der spanischen Bevölkerung ist arbeitslos. „Das ganze Land hat Angst, dass soziale Unruhen ausbrechen. Ich bin jedenfalls beunruhigt. Ich habe den Eindruck, es vergeht kein Tag ohne neuerliche Provokationen. Nicht, dass ich zu Gewalt aufrufen wollte, ganz im Gegenteil. Ich fordere jeden auf, auf diese Provokationen zu reagieren – das aber so friedlich wie nur irgend möglich.“

Man könnte vermuten, dass der berühmteste Filmemacher Spaniens seiner Wut Ausdruck verleihen wollte auf düstere Art und Weise wie in Die Haut, in der ich wohne (2011), seinem bislang wohl ernüchternstem Film. Doch der 63-jährige Almodóvar verfolgt einen anderen Ansatz. „Jetzt, wo die Stimmung allgemein so bedrückend ist, will ich anderen helfen, sich zu amüsieren.“ Und so präsentiert der Filmemacher mit seinem neuesten Film, Fliegende Liebende, der nächste Woche in Deutschland startet, eine Screwball-Comedy auf einem Transatlantikflug voller Blowjobs und tanzender Stewards. Die Kartenverkäufe an den spanischen Kinokassen legen nahe, dass Almodóvar die Stimmung richtig eingeschätzt hat – der Film war am ersten Wochenende so gut besucht wie noch kein anderer von ihm zuvor.

Die Frau von La Mancha

Almodóvar selbst nennt seine erste reine Komödie seit Frauen am Rande eines Nervenzusammenbruchs von 1988 „den heitersten Film, den ich je gemacht habe“. Dabei kann der Film durchaus als Metapher für das unter der Wirtschaftskrise leidende Land verstanden werden. Ein Flugzeug kreist ziellos mit beschädigtem Fahrgestell am Himmel und wartet auf das Signal zur Notlandung. Mannschaft und Passagiere der 1. Klasse ertränken ihre Angst, bekennen ihre Sünden und treiben es auf Meskalin miteinander, während man in der Touristenklasse nichtsahnend und sediert vor sich ihn döst. „Es gab zwar von Anfang an die metaphorische Ebene: Spanien – das Land, das nicht weiß, wohin es unterwegs ist, wo es landen soll, wer eigentlich das Sagen hat oder wo die Gefahren liegen.“ Aber er habe nicht die Flut von Korruptionsfällen vorhergesehen, die mittlerweile von Premierminister Mariano Rajoys konservativer Volkspartei bis hin zur königlichen Familie reichen, sagt Almodóvar. „Seit wir ihn gedreht haben, hat der Film an metaphorischer Bedeutung noch gewonnen.“

Almodóvar selbst steht schon für ein verspielteres, optimistischeres Spanien, das sich seit den siebziger Jahren nach den Jahrzehnten der Franco-Diktatur zu einer lebhaften Demokratie entwickelt hat. Geboren wurde er in den rostroten Ebenen von La Mancha, der Heimat Don Quijotes. Sein Vater Antonio handelte mit Öl und Wein, die er zum Transport auf einen Esel packte, um sie zu verkaufen. Pedro passte nicht in die Vorstellungen, die dieser Mann von der Welt hatte. Seine Mutter Francisca, die gelegentlich in seinen Filmen auftrat, bis sie 1999 starb, war sein entscheidender Bezugspunkt. Sie hatte sich ihr Taschengeld verdient, indem sie für Nachbarn, die nicht schreiben konnten, Briefe verfasste. Wie ihr Sohn liebte sie es, eine Geschichte auszuschmücken. „Von ihren Improvisationen habe ich viel gelernt“, schrieb Almodóvar nach ihrem Tod. „Sie machten den Unterschied deutlich zwischen Fiktion und Wirklichkeit, und wie die Wirklichkeit die Fiktion als Ergänzung braucht, um angenehmer und erträglicher zu sein.“

Ganz in der Nähe seines Heimatdorfs Calzada de Calatrava liegt die langweiligste Stadt Spaniens — Ciudad Real. In der Flughafeninvestitionsruine des Ortes wurde ein Großteil von Fliegende Liebende gedreht. Es handelt sich bei dem Ort um einen der berüchtigten „Weißen Elefanten“ des Landes, Monumente der Hybris, die ein Jahrzehnt der Verschwendung, Korruption und Illusion über die politische Größe hervorgebracht haben: Der internationale Flughafen von Ciudad Real, der zwei Millionen Passagiere im Jahr begrüßen sollte, führte die Kreissparkasse in den Ruin. „Irgendwie haben sie die Leute davon überzeugt, dass Menschen aus aller Welt Flüge direkt ins Herz der Mancha buchen würden“, sagt Almodóvar. „Aber wer will das denn?“

In mancherlei Hinsicht spiegelt sich in Almodóvars Weg aus dem Dorf in die Welt die Entwicklung seines Landes in den letzten 30 Jahren wider. „Wir waren besoffen von Zuversicht und Freiheit“, erinnert er sich. „Es war uns gar nicht bewusst, dass Spanien für ein Land, das traditionell gespalten und uneins war, einen solch großen Schritt nach vorne gemacht hat. Ich konnte mein Leben neu erfinden, als ob ich neu geboren worden wäre.“ Die Zeit hatte trotz ihres Hedonismus etwas Unschuldiges. Almodóvar begann damit, kurze, oftmals tonlose, dafür sexbesessene Super-8-Filme mit Titeln wie Der Untergang von Sodom (1975) zu drehen. Seinen ersten kommerziellen Film Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande (1980) schrieb er nebenher in seiner Freizeit, während er bei einer Telefongesellschaft einen Bürojob hatte. Um drehen zu können, musste er sich unbezahlt Urlaub nehmen. Doch das moralische Korsett des ländlich-katholischen Spaniens hatte er ein für alle mal gegen seine persönliche und künstlerische Freiheit eingetauscht.

14 Prozent der Zeit betrunken

„Heute geht es uns allen schlechter“, sagt er mürrisch. „Und wir sind auch alle schlechtere Menschen geworden. Wenn heute jemand anfangen wollte, Filme zu machen wie ich in den Achtzigern, wäre ihm das unmöglich. Die Konkurrenz ist zu groß. Ich will nicht nostalgisch klingen, es hat sich einfach alles verändert.“ Und Almodóvar ist Teil dieser Veränderung – der Mann, der als Sänger einer Glam-Punk-Band in Fischernetzen und im Ledermini auftrat, geht heute zum Yoga.

Seine Filme haben sich ihre Dissidenz von der „Norm“ dagegen offenbar bewahrt. Einer Untersuchung spanischer Wissenschaftler zufolge sind Figuren in Almodóvars Filmen zu 14 Prozent der Zeit besoffen. (Fliegende Liebende kann den Wert nur erhöht haben.) 170 seiner meist weiblichen Charaktere nehmen Drogen, heißt es an anderer Stelle. Die Studie habe ihn „mit einem kafkaesken Gefühl von Angst, Ekel, Erstaunen, Zorn und Empörung zurückgelassen“, sagt Almodóvar. Nichts ist ihm mehr zuwider als prüder Moralismus. Wenn es um Moral in der Politik geht, ist er mitunter selbst streng: Er ordnete an, dass seine Filme in Italien nicht von Firmen Berlusconis vertrieben werden dürfen. Selbst der frühere Premier Zapatero, der Spanien 2009 nach den Niederlanden und Belgien zum weltweit dritten Land machte, das die Heirat gleichgeschlechtlicher Paare legalisierte, hat ihn enttäuscht, als er den Propheten der Sparpolitik nachgab. „Das ist nicht nur Enttäuschung. Seine letzten vier Jahre waren eine Katastrophe von monumentalen Ausmaßen.“

Almodóvar arbeitet weiter. Eines der halb fertig geschriebenen Drehbücher, die er in der Schublade hat, ist für einen New-York-Film gedacht. Die Chancen, dass der noch gedreht würde, schwinden indes, auch wenn sich amerikanische Stars für seine Frauenrollen durchaus interessierten. „Ich bin ein wenig zu alt, um Sprache und Kultur zu ändern“, sagt der Filmemacher. „Es könnte zu spät sein, so etwas auszuprobieren.“

Fliegende Liebende beschreibt Almodóvar selbst als mediterrane Komödie, die Elemente mit der Art italienischer Lustspiele gemeinsam hat, in denen eine aufgebrachte Sophia Loren ihre Gelassenheit verliert. „Wir haben Haare auf den Zähnen, das heißt aber nicht, dass wir unserem Gegenüber etwas Böses wollen. Die Figuren handeln und sprechen völlig hemmungslos. Sie sollten eigentlich die Fassung verlieren, wenn sie erhitzt genau das sagen, was sie fühlen. Nicht, dass wir aufrichtiger wären als andere oder andere größere Heuchler wären. Wir können einfach den Mund nicht so gut halten. Für eine Komödie ist das etwas Großartiges.“

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (2)

hunter 14.07.2013 | 13:25

Nach meinem Besuch des Filmes komme ich, der größte diesseits der Pyrenäen beheimatete Almodovar- Fan, nicht umhin die Welt über einen grotesken Irrtum aufzuklären.

So Sie "Die fliegenden Liebenden" nicht gesehen haben, halten Sie sich jetzt also fest, haben Sie den Film bereits hinter sich gebracht, so werden Sie immerhin eine gewisse Erleichterung verspüren, wenn Sie hören, dass der Regisseur dieser Pelicula nicht derselbe ist wie der, der uns all diese wundervollen Werke geschenkt hat.

Nein, Irrtum, meine Freunde, der Regisseur dieser völlig lahmen sogenannten Komödie, die allenfalls noch mit "Traumschiff Enterprise" verglichen werden kann - so man dort die Pointen wegstreicht (manche meinen ja "Traumschiff Enterprise" besäße welche) - ist NICHT Almodovar! 

Dieser, liebe Freunde des anspruchsvollen Films, wurde nämlich unmittelbar nach seinem letzten Movie, nebenbei einem großartigen Werk - wie eigentlich alle von ihm, handstreichartig durch ein völlig phantasie- und humorloses Double ersetzt!

Es besteht kein Zweifel, der echte Almodovar ist mutwillig entführt worden und befindet sich einstweilen irgendwo in der spanischen Provinz, um dort -was zu tun? - wir wissen es nicht. Auf alle Fälle warne ich davor, dem ingeniösen Mann nun dieses allenfalls eines spanischsprachigen schwulen Mario Barth gemäße Werkchen unterzuschieben!

So sehr uns auch das Schicksal des wahren Almodovars beunruhigt, desssen Aufenthaltsort wir nur vermuten können, so sehr weiß ich auch, dass der echte Fan jetzt Erleichterung darüber spürt, dass "Die Fliegenden Liebenden" nicht von ihm stammen sondern von einem Double.