­­­­Tom Kington
18.01.2013 | 09:00 7

Täglich grüßt der Duce

Kult Sieben Jahrzehnte nach seinem Tod ist Benito Mussolini in Italien nicht nur in rechten Kreisen zur Pop-Ikone geworden: Er ziert Jahreskalender und Weinflaschen-Etikette

Täglich grüßt der Duce

Foto: Tobias Gerber / laif

Der römische Cafébesitzer Pasquale Moretti nimmt sein Exemplar des aktuellen Mussolini-Kalenders vom Regal und schlägt es auf. Man sieht den Diktator mit den aufgeworfenen Lippen als stolzierenden Erntehelfer. „Ich wurde in dieser Zeit geboren. Er hat Brot auf den Tisch gebracht“, sagt der 78-jährige Moretti zur Erklärung. „Ich kann meine Kultur nicht verraten.“

Zu Beginn jedes neuen Jahres tauchen an italienischen Zeitungskiosken Kalender auf, die ihre Käufer mit Fotos von Benito Mussolini, dem ehemaligen Faschistenführer, durch die kommenden Monate begleiten. Häufig sind sie zwischen Nischenmagazinen versteckt. Die Nachfrage sei aber groß, sagt Renato Circi, Leiter der römischen Druckerei Gamma 3.000, die die Kalender herstellt. „Heute verkaufen wir mehr davon als vor zehn Jahren“, so Circi. „Inzwischen gehören auch junge Leute zu den Käufern.“

68 Jahre nachdem der faschistische Diktator – der die italienische Demokratie zerschlagen und Rassengesetze erlassen hatte sowie ein desaströses Bündnis mit Adolf Hitler eingegangen war – ermordet und kopfüber an einer Tankstelle in Mailand aufgehängt worden war, hat er für viele Italiener den Status einer Ikone angenommen. Zu seinen heutigen Bewunderern zählen etwa die maskierten neofaschistischen Jugendlichen, die im vergangenen Herbst aus Protest gegen Kürzungen im Bildungssektor Schulen in Rom stürmten, Rauchbomben in die Flure warfen und „Viva Il Duce“ („Es lebe der Führer“) riefen.

Subtile Rehabilitierung

Und auch im Mainstream ist der Kult um den Duce angekommen. An der Entscheidung einer südlich von Rom gelegenen Stadt, mit 127.000 Euro aus öffentlichen Geldern ein Mausoleum für Rodolfo Graziani, einen der blutrünstigsten Mussolini-Generäle, zu errichten, nahm kaum jemand Anstoß. In Mussolinis norditalienischer Heimatregion Emilia Romagna schlug ein Geschäftsmann vor, den regionalen Flughafen nach dem Diktator umzubenennen. Ein Schulleiter in Ascoli Piceno wollte sogar ein Porträt des Faschistenführers in seiner Schule aufhängen.

Es war nicht zuletzt Silvio Berlusconi, der dazu beigetragen hat, den Ruf des Duce wieder aufzupolieren. So bezeichnete er das Exil, in das der Diktator seine Feinde verbannte, als Urlaub. Und als Berlusconi 1994 und 2001 die italienischen Postfaschisten in seine Regierungskoalition holte, brachte das auch eine subtile Rehabilitierung Mussolinis mit sich.

„Mussolinis rassistische Gesetze gegen Juden gelten auch heute noch als Schande“, sagt die Journalistin Maria Laura Rodotà von der Tageszeitung Corriere della Serra. „Dass er Jagd auf Anti-Faschisten machte, ist den Leuten aber egal. Und Berlusconi macht Witze darüber.“

In den Kreisen des italienischen Ex-Premiers ist Mussolini-Verehrung keine Seltenheit. Der Showbusiness-Agent Lele Mora, derzeit wegen mutmaßlicher Beihilfe zur Prostitution im Fall der minderjährigen Ruby vor Gericht, hatte sich als Handy-Klingelton eine italienische Faschistenhymne heruntergeladen. Senator Marcello Dell’Utri, ein langjähriger Freund Berlusconis, nannte Mussolini einst einen „außerordentlichen Mann von großer Kultur“.

Mussolini wurde 1945, während die Alliierten in den Norden Italiens vordrangen, von Partisanen ermordet. Danach bemühte das Land sich nicht darum, die Geister des Faschismus auszutreiben. 1952 wurde zwar ein Gesetz erlassen, das faschistische Parteien und die Verehrung des Faschismus verbot. Ernsthafte Umsetzung fand es aber nie. Das habe „unter anderem an der potenziellen Verfassungswidrigkeit von Parteienverboten“ gelegen, erklärt James Walston von der American University of Rome. Und daran, dass es „weiterhin heimliche Bewunderung für den Faschismus“ gegeben habe.

Der Schriftsteller Angelo Meloni ist der Ansicht, dass im Laufe der Jahre die faschistische Ideologie und das Andenken an Mussolini als den starken Mann, der dafür sorgte, dass es an jeder Piazza eine Poststelle gab und die Züge pünktlich fuhren, voneinander losgelöst wurden. „Er ist zu einer Pop-Ikone geworden, zu einem Erz-Italiener, einer Persönlichkeit, deren Andenken mit den Jahren verbunden ist, als in Italien Einigkeit herrschte“, sagt Meloni. „So wie Leute, die nicht zur Kirche gehen, den katholischen Heiligen und Mystiker Padre Pio mögen, haben wohl 90 Prozent derjenigen, die Mussolini-Kalender kaufen, nie eine faschistische Partei gewählt.“

Mussolini neben Katzenbabys

Auf der Webseite von Gamma 3.000 werden die Mussolini-Kalender in einer Reihe mit solchen beworben, die Padre Pio, den Guerilla-Führer Che Guevara, barbusige Models und süße Katzenbabys zeigen. Doch für moderne neofaschistische Gruppen hat der Verkaufserfolg des Kalenders sehr wohl auch ideologische Gründe. „Wer ihn kauft, bewundert auch das Schaffen Mussolinis. Das kann man nicht trennen“, meint Simone di Stefano, Vizepräsident von CasaPound, einer nationalistisch-rechtsextremen Organiation, die ein Bildungs- und Kulturzentrum in Rom betreibt. „Seine Politik wird heute gebraucht. Wir brauchen jemanden, der dafür sorgt, dass unsere Banken und das Finanzwesen Italien dienen“, sagt er. „Die jungen Leute, die zu uns kommen, betrachten Mussolini als Vater dieses Landes.“

Die Studentenorganisation Blocco Studentesco, ein Ableger von CasaPound, ist fester Bestandteil der politischen Jugendszene in Rom. 2009 kam sie bei Studentenwahlen auf 11.000 Stimmen. Auch der 17-jährige Sohn des römischen Bürgermeisters zählt zu ihren Mitgliedern. Er wurde letztes Jahr gemeinsam mit Freunden fotografiert, als er den rechten Arm zum faschistischen Gruß in die Höhe streckte.

Überall in den wohlhabenden Straßen rund um die Piazza Ponte Milvio, die nördlich vom römischen Fußballstadion liegt, sind Poster und Graffitis verschiedener neofaschistischer Gruppen zu sehen – auch von der CasaPound. In den Bars hängen junge rechte Männer in den szenetypischen Fred-Perry-Hemden und Ray-Ban-Sonnenbrillen herum. „Viele Teenager meiden die Ponte Milvio inzwischen, weil das Publikum dort weiter nach rechts gerückt ist“, berichtet Maria Laura Rodotà.

Ein Stück die Straße hinunter, vor dem Eingang des Fußballstadions, steht ein mächtiger Obelisk aus der Zeit des Faschismus. Darauf prangt in riesigen Buchstaben der Name Mussolinis. Pasquale Morettis Bar liegt ganz in der Nähe. Sie beherbergt auch eine Art Mini-Supermarkt der Mussolini-Memorabilia – von Weinflaschen mit dem Konterfei des Diktators auf dem Etikett bis hin zu faschistischen Flaggen und T-Shirts oder Ölporträts des Duce. „Er hat Häuser für die Arbeiter gebaut. Das hat kein römischer Imperator gemacht“, sagt Moretti. „Wie könnte ich davor keinen Respekt haben?“

Übersetzung: Zilla Hofman

Kommentare (7)

ibn klaus 18.01.2013 | 13:47

Provokant gefragt: ist die Diktatur nicht doch die bessere Alternative ?

Für viele Italiener, die Mussolini posthum verehren, scheint das so zu sein. Aber sehen wir uns doch in der Geschichte um: die Deutschen hatten ihren Diktator und jubelten ihm, zumindest am Anfang, zu. Stalin galt als Befreier, ebenso Mao. Und all die kleinen Diktatoren der Gegenwart, in Afrika, Asien und Südamerika, sind doch bei weiten Teilen der eigenen Bevölkerung beliebt. Und wenn die Italiener jetzt wieder ihren Berlusconi wählen, was zu befürchten ist, dann ist die Diktatur der Korruption zurückgekehrt.

Also warum sich darüber aufregen ?

Maria Jacobi 22.01.2013 | 17:55

Die Italiener haben eben  eine verantworungsvolle Sicht auf ihre Kultur , wir hier dagegen betreiben historische Aufarbeitung , will heißen: wir legen  unserere Vergangenheit in ein Prokrustesbett zeitgenössischer Normen. Was nicht passt, wird "korregiert" , zerstört oder einfach nicht mehr erwähnt, ob es nun denPalast der Republik in Berlin oder  Plattenbauten in ostdeutschen Städten trifft, in denen nachfolgend prompt Wohnungsmangel auftritt, oder der Furor der Antifa Jagd auf verdächtige Straßennamen bzw. Grimms Märchen macht. Von dieser "Vergangenheitsbewältigung" leben Legionen von HistorikerInnen, SoziologInnen, PhilosophInnen, PolitikerInnen. Dieselben, die glauben, sie müssten Deutschland von Grund auf aufräumen und dazu gleichzeitig noch den Neuen Menschen schaffen, die gleichen Leute fahren nach Rom und bestaunen das Colosseum, das Vespasian größtenteils mit dem geraubten Gold des 2. Jüdischen Tempels in Jerusalem baute und in dem Nero über eine halbe Million Menschen abschlachten ließ. Die sog. Bildungs- und Kulturelite dieses Landes ergötzt sich an den kulturellen Hinterlassenschaften der Römer und mokiert sich gleichzeitig darüber, dass der Italiener von heute auch seine jüngere Vergangenheit nicht nur bewusst wahrnimmt, sondern auch achtet und nicht verfälscht.