Jonathan Jones
28.01.2013 | 01:00 2

Überleben ist, wenn man trotzdem knipst

Fotografie Erst rettete er seine Frau und die Enkelkinder vor den Buschfeuern ins Wasser, dann drückte Tim Holmes den Auslöser: Ein Amateurfoto lässt die Welt nach Tasmanien blicken

Vergangene Woche ging ein Amateurfoto um die Welt, das inmitten der Buschbrände im australischen Inselstaat Tasmanien entstand. Der Australier Tim Holmes hat die Szene festgehalten, als er seine Frau und die Enkel vor der Feuersbrunst ins Wasser rettete. Dass er in dieser Situation an seine Kamera dachte, erscheint zunächst irritierend.

Tim Holmes ist von Beruf Töpfer. Ganz offensichtlich hat er eine künstlerische Ader, das sieht man dieser packenden Aufnahme an. Wir wissen nicht, ob er sich mit Fotografie auskennt, doch das Mitgefühl, das sich in dieser Aufnahme manifestiert, erinnert durchaus an klassische Vertreter des Fotojournalismus wie Walker Evans oder Don McCullin. Evans hielt die Auswirkungen der Großen Depression in den USA fest, McCullin dokumentierte die Unruhen in Nordirland und den Krieg in Vietnam.

Tim Holmes’ Aufnahme aus dem Flammeninferno zeigt, was möglich ist, wenn die Demokratisierung der Fotografie mit einem Ereignis diesen Ausmaßes kollidiert. Kein professioneller Fotojournalist wartete im Wasser darauf, diesen Augenblick festhalten zu können. Holmes leistet hier Bürgerfotojournalismus vom Feinsten. Nur wer selbst durch das Feuer von der Außenwelt abgeschnitten war, konnte diesen Augenblick dokumentieren. In keinem anderen Jahrhundert wäre es denkbar gewesen, dass ein zufällig anwesender Laie ein so erstklassiges Foto macht.

Was dieses Bild so außergewöhnlich macht, ist also dass Holmes und seine Familie in einer klaustrophobischen Extremsituation sind. Aus den Nachrichten erfahren wir von Buschbränden, wir sehen im Nachhinein Bilder der Zerstörung, wir lesen die Namen der Opfer. Überleben im Innersten einer solchen Katastrophe erscheint uns unmöglich.

Besonders erschütternd wirkt die Szene durch die Anwesenheit der fünf Kinder. Trotz der Todesangst wirken sie sehr beherrscht. Ihre Mutter, die vom Katastrophengebiet abgeschnitten war, erzählte später, dass nur die Älteste schwimmen konnte. Das Wasser war extrem kalt. Trotzdem hielten die Kinder durch.

Das Bild zeugt vom Überleben, auch deshalb stößt es weltweit auf so viel Interesse. Diese Menschen haben im Zeitalter der Katastrophen einen Weg gefunden, das Schlimmste zu überstehen. Ihr Haus ist zerstört, aber sie werden neu anfangen. Wir sehen in diesem Bild das Ende der Zivilisation – und eine Familie, die zäh genug ist, es zu überleben.

Was erzählt dieses Bild noch? Während die Temperaturen in Tasmanien auf den Siedepunkt stiegen, korrigierte der britische Wetterdienst den weltweit zu erwartenden Temperaturanstieg bis 2017 nach unten. Die Klimaskeptiker sind auf diese Zahlen sofort angesprungen, während die Klimaforscher sich bemühten, sie zu erklären. Unterdessen scheint das Wetter auf der Erde vollkommen aus dem Ruder zu laufen. Von Hurricane Sandy bis zu den Feuersbrünsten in Tasmanien – die Folgen des Klimawandels scheinen allzu offenkundig.

Warum also nicht vorbereitet sein? Dass Holmes sogar seine Kamera dabei hatte, zeigt, dass er sich diesen Notfallplan lange zurechtgelegt hatte. Auch das sagt dieses Bild: Überlebende sind Menschen – oder Gesellschaften –, die der Gefahr ins Auge sehen und handeln, anstatt auf das Feuer zu warten.

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