Charlie Charambous
21.03.2013 | 15:35 11

Versuchskaninchen der Eurozone

Schikane Die Zypern-Krise sorgt für weitere Euro-Instabilität, nachdem die EZB den Druck auf die Regierung in Nikosia erhöht hat, das EU-Rettungsprogramm doch anzunehmen

Versuchskaninchen der Eurozone

Werbung für russische Produkte in Nikosia

Foto: Patrick Baz / AFP

Zyprioten, die für schlechte Zeiten gespart haben, sahen sich zu Beginn der Woche mit dem Albtraum-Szenario konfrontiert, ihre Ersparnisse könnten von internationalen Bankern und europäischen Technokraten „gestohlen“ werden. Zypern ist sehr familienorientiert, viele Eltern haben Geld für die Ausbildung ihrer Kinder beiseite gelegt – in kaum einem anderen EU-Land haben so viele Menschen einen im Ausland erworbenen Universitätsabschluss. Nun steht eine ungewisse und turbulente Zukunft bevor. Die Banken sind seit Tagen geschlossen und  nennenswerte Handelsaktivitäten erst einmal auf Eis gelegt. Die Zeit wird knapp, in der das Land einen "Plan B" finden muss, um die Krise zu bewältigen.

Napoleon Bonaparte beschrieb England einst als eine Nation der kleinen Ladenbesitzer. Wollte man auf dieses Raster zurückgreifen, wäre Zypern in diesem Sinne eine Nation der kleinen Depot-Inhaber. Die Grundlagen der zypriotischen Ökonomie sind Familienbetriebe und ein großer internationaler Finanzsektor – von dem Bail-Out-Szenario werden beide nun heftig getroffen. Man plant nicht mehr für die Zukunft, man beißt in Erwartung des finanziellen Unwetters einfach die Zähne zusammen.

Fresst oder sterbt!

Im Entschluss der Euro-Gruppe, der eine Kombination aus „Bail-in“ und „Bail-out“ vorsah, war die Sonderabgabe für Sparer bereits fest eingeplant – 6,75 Prozent auf Einlagen bis zu 100.000 und 9,9 Prozent für Summen über 100.000 Euro. Man muss dazu wissen, dass von den insgesamt bei zypriotischen Banken angelegten 68 Milliarden Euro über 30 Milliarden aus Einlagen unter 100.000 Euro bestehen. Kein Wunder, wenn Finanzexperten der Mittelmeerinsel inzwischen eine Lose-Lose-Situation bescheiningen: Das Land sitzt fest zwischen einem diskreditierten Bankensystem und ausländischen Investoren, die unbedingt ihr Geld haben wollen. In den zypriotischen Zeitungen waren zu Wochenbeginn Bilder von am Flughafen Larnaca geparkter Privatjets russischer Millionäre zu sehen, die eingeflogen waren, um ihren Besitz in Sicherheit zu bringen.

Bei der Regierung in Nikosia und den Parteien herrscht derweil das Gefühl, die EU habe Zypern einen „Dolchstoß“ verpasst. Deutschland, so nimmt man es hier wahr, behandle das Land wie das Versuchskaninchen der Eurozone, weil es klein und wehrlos sei. Präsident NikosAnastasiades hat keinen Zweifel daran gelassen, dass man Zypern in die Ecke gedrängt und dem Land eine Pistole an den Kopf gehalten habe – die Abgabe oder eure Wirtschaft, fresst oder sterbt!

Wut und das Gefühl, verraten worden zu sein, sind überall gegenwärtig, in jeder Unterhaltung, ob im Café oder im Büro. Die Zyprioten glauben, sie würden schikaniert, weil der Eindruck herrsche, ihre Insel schwimme in den unrechtmäßigen Einnahmen der russischen Mafia – aus diesem Grund hätten die internationalen Gläubiger auch nur allzu gern Einlagen über 100.000 Euro besteuern wollen. Die zypriotische Argumentation hingegen lautet, wenn man sich ausschließlich auf wohlhabende ausländische Investoren – vor allem Russen – verlasse, sei der Ruf als Finanzknotenpunkt dahin. Es habe nie diese Einseitigkeit gegeben.

Mit Unbehagen nimmt man auch wahr, dass der enge Verbündete und Freund Russland bei dem Bail-Out-Debakel ebenfalls zum Sündenbock gemacht wird. Die russischen Einlagen in Zypern werden auf bis zu 20 Milliarden Euro geschätzt – das ist mehr als das Gesamtvolumen der Inselwirtschaft. „Durch die Belastung großer Einlagen mit einer höheren Abgabe wäre uns die Möglichkeit kaputt gemacht worden, ausländische Investitionen anzulocken“, sagte Andreas Charalamboulis, Direktor für Europaangelegenheiten im zypriotischen Finanzministerium, am Dienstag gegenüber Journalisten. „Große russische Einlagen sollten nicht als Problem betrachtet werden – russische Unternehmer legen überall an, nicht nur in Zypern.“

Selbstmörderisches Ultimatum

Präsident Anastasiades wurde im Februar gewählt, weil er als der Mann galt, der mit Europa verhandeln und einen besseren Bail-Out-Deal rausschlagen könne, als sein kommunistischer Amtsvorgänger. Eines seiner Wahlversprechen lautete, er würde einen „Haircut“ bei den großen Einlagen akzeptieren.

Seine Freunde in Europa machten aber kurzen Prozess mit ihm, als er sich gegen ihre Forderung nach einer Bankensteuer für alle Bankkunden sträubte, die nach seinen Worten einer „Erpressung“ gleichkam. Anastasiades hätte der Eurogruppe den Rücken zuwenden sollen, als ihm das selbstmörderische Ultimatum für die Bankensteuer gestellt wurde – er hatte gar nicht das Mandat, einer solchen Maßnahme zuzustimmen. So nahm sein Ruf als jemand, der die Europäer zugunsten Zyperns zu beeinflussen vermag, beträchtlichen Schaden.

Er hat nun die Stimme des Volkes gehört? Sucht er nach einem „dritten Weg“? Einem Ausweg aus der Krise?



Übersetzung Zilla Hofman

Kommentare (11)

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Ehemaliger Nutzer 21.03.2013 | 17:02

Einen solchen Artikel in einer Zeitung, die sich selbst links verortet hätte ich mir niemals träumen lassen.

Die Marionetten der russischen Oligarchen, haben ja jetzt mit ihrem Plan B deutlich gezeigt, was ihr eigentlicher Augtrag ist, nämlich vorrangig der Schutz der russischen Bankeinlagen. Lieber verhökert man die Rentenkasse Cyperns, als den Großanlegern (russisch, britisch, deutsch ... egal) in die Tasche zugreifen.So sieht's aus!

orgalo 21.03.2013 | 17:41

Also dieser Artikel ist sehr verwirrend, oder sträube ich mich nur ihn zu verstehen, weil ich dann den Autor in die rechte Ecke eines Großkapital Anleger Freundes stellen müsste. Folgendes Zitat (mit welchem ein Beamter des Finanzministerium zitiert wird) „Durch die Belastung großer Einlagen mit einer höheren Abgabe wäre uns die Möglichkeit kaputt gemacht worden, ausländische Investitionen anzulocken“  ist so ein Beispiel für die verwirrende Art des Autors. Was soll damit ausgedrückt werden? Dass man es den Banken Zyperns (und den Finanzpolitikern) nicht vorwerfen kann, mit geeigneten Angeboten ausländisches Kapital anzulocken? Mittlerweile herrscht in Deutschland (mit Ausnahme der neuen Bewegung ´Alternative Deutschland´) und bei der Mehrheit der Eurozone-Staaten die einhellige Meinung vor, dass die Banken Zyperns überdimensioniert sind und zwar hauptsächlich deswegen, weil durch die günstigen Unternehmenssteuern und durch die laxe Bankaufsicht ausländisches (hauptsächlich russisches) Kapital angelockt wurde. usw.

Durch welchen Verlagsmanagementfehler hat sich nur so ein doofer Artikel in die linke online Zeitschrift ´der freitag´ eingeschlichen? Hallo lieber Herr Augstein, wie ist das möglich?

 

 

 

 

 

tja ..., 21.03.2013 | 18:11

Klein-Griechenland und die Russen

Das meiste in Klein-Griechenland gebunkerte Geld soll russischer und britischer Herkunft sein und ich frage mich, wenn das so sein sollte, wie blöd sind diese "Anleger" eigentlich? Es einfach nur liegen lassen?

Jetzt scheint man in Russland besorgt Geld zu verlieren, sogar Putin, und ich frage mich - warum nur die Russen? Sind die Briten, Franzosen, Deutsche und ein paar andere vorher gewarnt worden, und haben ihr Geld rechtzeitig in Sicherheit gebracht?

Klein-Griechenland ist mit o,2% des EU-BIP vielleicht/sicher ein verzichtbares Mitglied, jedenfalls lassen mich die Maximal-Positionen beider Seiten das glauben - oder sollen sie mich das etwa nur glauben lassen? Das deutsch geführte EUropa/€pa hat bis jetzt nicht zum Wohl seiner Völker gearbeitet. Einige wenige Leute in den Vorstandsetagen großer Konzerne, Bankenkonzerne können sich auf die Schultern klopfen. Die Boni-Deckelung wird genug Schlupflöcher lassen, das unüberhörbare Schweigen der Betroffen ist da für mich ein Beleg!

Wirtschaft funktioniert so, daß man sich risikolos verzocken kann - die abhängig Beschäftigten stehen bereit dafür zu bezahlen! Das gilt überall in EUropa/€pa und im Augenblick besonders für die kleinen Leute in Klein-Griechenland.

Was aber, Putin kommt Klein-Griechenland zuhilfe? Umsonst wird das nicht sein! Und wenn ich daran denke, daß er seinen Hafen in Syrien über kurz oder lang verlustig gehen wird ...?

Was, wenn das übermächtige EUropa/€pa sich irgendwie einigen - und "Anleger"-Oligarchen verlieren einen Teil ihres Vermögens? Holt sich Putin die Gelder im nächsten Winter bei den Öl- und Gasrechnungen wieder herein? Und wer bezahlt das - wir! Es hat sich ja so bewährt!

Ich denke, die Regierungen sind blöd - aber wir (die Normalos) sind immer die Dummen!

gweberbv 21.03.2013 | 18:23

Zyprioten, die für schlechte Zeiten gespart haben, sahen sich zu Beginn der Woche mit dem Albtraum-Szenario konfrontiert, ihre Ersparnisse könnten von internationalen Bankern und europäischen Technokraten „gestohlen“ werden.

Diese Abgabe für sich allein betrachtet ist kein "Alptraum", sondern ein Fliegenschiss im Vergleich zu den materiellen Verlusten, die Otto-Normal-Verbraucher in den übrigen Krisenstaaten zu verkraften hat. Man mache sich mal klar, was Sparprogramme, Lohnkürzung, etc. für den wenig betuchten Bürger auf lange Sicht bedeuten.

Plan B der zypriotischen Regierung scheint nun darin zu bestehen, massiv Volksvermögen zu verschleudern (Goldreserven) und die Pensionskassen zu plündern.

Frank Linnhoff 21.03.2013 | 18:45

Ein Drama von Illusionen und Dilletantismus spielt sich vor dem staunenden Publikum ab. Da haben die Politiker, Banker und das Volk offensichtlich jeden Bezug zur Realität verloren, wobei der EU-Krisenstab durch Dilletantismus glänzt. Was ist da eigentlich geschehen? Ein Bankenunwesen hat mit seinem  Geschäftsmodell seit mehr als einem Jahr Schiffbruch erlitten, hängt am Tropf der EZB, macht weiter wie gehabt, als sei nichts geschehen. Da wird in einer Nacht und Nebelaktion ein "Rettungsplan" ausgehandelt, dem die zypriotischen Unterhändler nicht hätten zustimmen dürfen. Ich möchte gern wissen, wie sich die Eliten dieses Inselstaates in den vergangenen 12 Monaten auf die jetzige Situation vorbereitet haben. Ich glaube, die Antwort zu wissen.

lebowski 21.03.2013 | 21:40

Mich würde dann doch mal interessieren, wie der zyprische Kleinsparer so aussieht.  Ich habe jede Menge Verständnis und Solidarität mit Leuten, die wenig oder nichts mehr haben. Aber wieso soll ich mir einen Kopf um Leute machen, die hunderttausend Euronen auf dem Konto haben und auf 4 % Zinsen hoffen. Ich habe so den Eindruck, dass in der Euro-Krise auf sehr unterschiedlichem Niveau geklagt wird und dass es sich bei den Demonstranten um zypriotische Wutbürger handelt, während die, die richtig in der Scheiße sitzen, überhaupt keine Stimme haben.

Helmut Eckert 22.03.2013 | 08:47

Cypern ist die Suppenküche der Europäer. Hier werden Rezepte erprobt, die dem Volk, je nach Bedarf,  vorgekocht, als allgemeiner Fraß,  alternativlos  an die Tür gestellt.  Die Kapitalmächtigen der Erde treiben die Regierungen der Eurostaaten vor sich her. Sie sind die Rezepthersteller. In der Regierung sitzen nur die Köche. Stürzt der Euro, was ich für sehr wahrscheinlich halte, dann hat die Bundesregierung einen Plan A; B; und vielleicht noch C in der Schublade. Diese Pläne liegen nicht im Finanzministerium. Zu riskant , dass sie an die Öffentlichkeit gelangen! Eine ganz kleine Schar erarbeitet im Geheimen diese Pläne. So gesagt, geheime Kommandosache. Streng geheim! Nur durch die Kanzlerin freizugeben. Sie erhält die Oder von den Rezeptemachern.

Stufe 1: Über Nacht, wie in Cypern sind die Banken dicht.                             

Stufe 2: Keine  Geldüberweisung über eine bestimmte, geringe und gedeckelte  Summe ist möglich.

Stufe 3: Der Euro als Zahlungsmittel wird sofort abgewertet. Am Bankschalter kann der Bürger Euros in eine neue, wahrscheinlich provisorische Währung tauschen. Er kann wohl noch mit den derzeitigen Banknoten zahlen, muss allerding den Wertverlust beim Kaufpreis der Ware anrechnen lassen.

Stufe 4: Nach einer Übergangszeit ist die neue Währung, Schrumpfeuro der stabilen Eurostaaten, oder eine neue nationale Banknote vorhanden.

  Vor dem Tag X sicherten sich die Großanleger ihre Euroguthaben. Sie sind vom Wertverlust geschützt. Mit dem Sparguthaben der kleinen Leute, die nicht ihre Guthaben in voller Höhe retten können, gelingt dem Staat die Wertverluste, die durch die jahrelangen Garantieleistungen an die wirtschaftlich schwachen Eurostaaten entstanden sind zu deckeln. Der brave deutsche Bürger zahlt die volle Zeche. Wenn es besonders grausam kommt, dann gewährt die Regierung keinerlei soziale Abfederung. Weil sie nicht bereit ist, eine bestimmte Summengrenze einzusetzen, die vor einer Abwertung  am Tag X geschützt ist.

Alles nur Spinnerei?  Da bin ich mir nicht so sicher!  

sven kyek 22.03.2013 | 17:00

Langsam finde ich das eine ,, professionell gemerkelte " Demokratie auch nichts anderes als eine gut gemachte Diktatur ist .

Man kann sich drüber streiten , ob ein Stück Käse gut oder nicht schmeckt . Auch über Musik kann man diskutieren . Oder ob ein Topf mit nahrhafter Suppe halb voll oder halb leer ist .

Nur wer die Tendenz des halben Topfes Suppe auch geleert zu werden negiert , lebt in einer anderen Welt als ich und die Meisten die ich kenne .

H.F. Rauter 23.03.2013 | 00:37

Alles kommt so plötzlich. Und keiner weiß was zu tun ist. Ein grenzenloses Chaos.

Kurz und gut – es herrscht grenzenlose Korruption und Zerfall staatlicher Strukturen. Wir sollten uns damit abfinden. Für die Handelnden und Herrschenden gelten keine Gesetze, und werden auch nicht geschaffen. Es sind die Raubritter der Moderne.

Zypern – gerade eben mal ein Theaterplatz. Ein Schauplatz, wie Reichtum und Vermögen umverteilt wird.

Verwendungszweck 23.03.2013 | 13:18

Tja, seltsam, seltsam. Endlich wird in der Krisenpolitik mal ungefähr so vorgegangen, wie es nach kapitalistischen Wertmassstäben angemessen wäre, da fangen die Schreiber an zu jammern, dass die Verantwortlichkeit der Geldbesitzer Enteignung wäre, und dass es unziemlich wäre, dass der europäische Steuerzahler nun einhalte, für die Depots der Reichen und ganz Reichen zu bürgen.

 Mäßig seltsam ist, dass die Euro-Krisen-Arbeiter sich nun plötzlich auf die Eigenverantwortlichkeit der Geldbesitzer besinnen, wenn überdurchschnittlich viele russische und englische Gelder der Rettung harren.

 Ich denke, wir können sicher davon ausgehen, dass sobald wieder französische, italienische, spanische oder deutsche Milliarden zu retten sind, diese Aufgabe erneut den europäischen Steuerzahlern aufgelastet wird, und die Armen und bedürftigen ihr Scherflein beitragen dürfen, indem ihnen die Brot- und Butter-Rationen gekürzt werden, zum Wohle des Euro.

Zum Artikel.

Der scheint mir ein typisches Produkt irregeleiteter sozialdemokratischer Sympatie für das Kapital und seiner Verlockungen zu sein.