THX1138
29.01.2011 | 20:17 3

Geschlechterleben, Teil 8: In unserer Zeit...

 

„Nichts in der menschlichen Geschichte bereitete die Menschheit oder die Erde wirklich auf das vor, was nach 1800 geschah.“, schreibt der bekannte US-amerikanische Entwicklungsökonom Jeffrey D. Sachs im Rückblick auf die Industrialisierung. Mit dem Einsetzen der industriellen Revolution wurde der Mensch jäh aus seiner bis dahin vergleichsweise langsam verlaufenen Entwicklung gerissen und beschritt kurz nach der Erfindung der Dampfmaschine den steinigen Weg in die Moderne. Der ungarische Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftstheoretiker Karl Polany (1886- 1964) spricht in diesem Zusammenhang vom grössten Transformationsprozess, dem die Menschheit je ausgesetzt war. Doch mit den gewaltigen Fortschritten auf dem Gebiet der Informationsverarbeitung sowie den Kommunikations- und Fertigungstechnologien hat mittlerweile ein ganz anderes und neues Zeitalter begonnen, dass unser Leben voraussichtlich ähnlich stark verändern wird, wie seinerzeit die industrielle Revolution. Genauso wie sich die Maschine verwandelt hat, wird sich auch unsere Gesellschaft verändern.

„In der Wirtschaft ersetzen Dienstleistungen immer mehr die Güterproduktion als Quelle des Wohlstandes. Der typische Arbeitnehmer in der Informationsgesellschaft arbeitet nicht in einer Stahlfabrik oder einem Automobilwerk, sondern in einer Bank, einer Softwareschmiede, einem Restaurant, in einer Universität oder bei einer Sozialbehörde.“, schreibt der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama in seinem 2002 erstmals auf Deutsch erschienen Buch „Der grosse Aufbruch“. „Im Laufe der letzten fünfzig Jahre haben die Vereinigten Staaten und andere ökonomisch hochentwickelte Länder schrittweise den Übergang in die sogenannte Informationsgesellschaft oder ins postindustrielle Zeitalter vollzogen.“ Diesem tiefgreifenden Strukturwandel sind in den letzten Jahrzehnten in Europa Millionen von Arbeitsplätzen zum Opfer gefallen, viele davon in klassischen Männerdomänen. Alleine in der Schweiz sind im Verlaufe der letzten dreissig Jahre über 60 Prozent aller Industriearbeitsplätze verloren gegangen.

Die mit dem technologischen Fortschritt einhergehenden, geradezu tektonischen Verschiebungen im weltwirtschaftlichen Gefüge führen in den westlichen Industrienationen zunehmend zu einer Konsolidierung der bestehenden wirtschaftlichen und sozialen Strukturen. Diese Entwicklungen dürften sich in den nächsten Jahrzehnten noch akzentuieren. Der globalisierte Handel mit Gütern, Dienstleistungen, Informationen, Ideen, Innovationen und Arbeitskräften ist eine weitere Triebfeder des gesellschaftlichen Umbruchs. 

Ein kennzeichnendes Merkmal des Dienstleistungszeitalters ist der Wandel auf dem Arbeitsmarkt: Der Working Class Hero wird zunehmend weiblich. Das bedeutet nicht, dass dabei der männliche verschwindet, wie häufig postuliert- und manchmal auch fieberhaft herbei phantasiert wird. Seine Rolle wird sich allerdings verändern, weil die postindustrielle Gesellschaft den Frauen insgesamt mehr Möglichkeiten eröffnet, als das gesamte, männlich geprägte Industriezeitalter. Damit gestalten sich zwangsläufig auch die vielschichtigen Beziehungen zwischen Männern und Frauen neu- mit weitreichenden Konsequenzen. Das im Verlaufe der Industrialisierung gewachsene Modell der bürgerlichen Kleinfamilie, bestehend aus einem Ernährer, einer Hausfrau und Kindern, löst sich zusehends auf und macht anderen, wenn auch nicht unbedingt neuen Formen des Zusammenlebens Platz: Familie ist dort, wo Kinder sind, lässt sich zusammenfassend sagen. Doch diese Entwicklungen wären ohne das sozialstaatliche Sicherungsnetz bislang kaum denkbar gewesen. Dass der moderne Wohlfahrtsstaat letztendlich auch ein Produkt der Industrialisierung ist – genauso wie die 42-Stunden Woche, das Lechz und Rinks in der Politik (Ernst Jandl) oder die scharf gezogene Trennlinie zwischen Erwerbs- und Familienarbeit in unseren Haushalten, wird dabei gerne vergessen. Es gibt keinen Bereich in unserem Leben, den die industrielle Epoche nicht verschont hat. Sogar Gott soll auf dem Altar des mechanischen Fortschritts gestorben sein…

„Die wichtigsten Elemente der Sozialstruktur , die sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts entfalteten, sind auch heute noch von grundlegender Bedeutung.“, schreibt der renommierte deutsche Soziologe Rainer Geissler. Doch aus dem tayloristischen Fliessband ist mittlerweile längst ein weltumspannendes Datenflussnetz geworden. Trotzdem denken und handeln wir immer noch im Rahmen weitgehend industriell geprägter, sozialer Strukturen. Wir befinden uns an einer Bruchstelle der Zeit, wie der bekannte schweizer Politiker und UNO-Botschafter Jean Ziegler vor Jahren einmal angemerkt hat. Also sollten wir auch langsam damit beginnen, die Weichen für die Zukunft zu stellen und uns vom industrielle Erbe in unseren Köpfen verabschieden!

 

Kommentare (3)

Lee Berthine 29.01.2011 | 21:36

Ich würde dir zustimmen, wir sind vom industriellen Zeitalter ins Informations-Zeitalter geraten, wobei die alten Produktionsweisen teilweise immer noch aktiv sind, siehe Fabrik- und Fließbandarbeit, auch wenn sie mehr und mehr ins Ausland verlagert wird.

"Familie ist dort, wo Kinder sind". Hm.
Ich sehe die alte traditionelle "Familie als Keimzelle der Gesellschaft" im weitaus größeren Wandel begriffen, aus meiner subjektiven Sicht, aber auch aus dem, was ich objektiv so mitbekomme.

Kinder, die immer weniger Kinder sein dürfen, sondern schon im Hinblick auf eine wie auch immer geartete Zukunft gebildet, trainiert und zurecht geruckelt werden. Die kaum noch freie Zeit zum Spielen haben.
Und Eltern und Lehrer, die den Kindern ein Unterrichtsprogramm anbieten, in dem von Geige, Klavier, Tanz, Akrobatik, Englisch, Chinesisch, Computergrundlagen, Sprachförderung, Theater, Gesang und wasweißich so gut wie alles geboten ist, außer Leerlauf und Zeit zum Träumen, Nachdenken und Verschwenden.
Zeit soll bis zum letzten sinnvoll ausgefüllt und genutzt werden, denn - die Eltern wissens - Zeit ist Geld.
So rasen sie morgens zur Kita, die Kleinen hinbringen, den älteren zur Schule und nachmittags wieder zurück, dann zu diversen anderen Terminen und nebenher noch den eigenen mindestens 8-Stunden-Job bewältigen.
Wozu das alles - die Frage wird sich nur selten gestellt.
Weils die meisten so machen und weils Erfolg verspricht. Zukünftigen.
Und sei es nur der, fünf Minuten früher im Grab zu liegen.

THX1138 30.01.2011 | 13:41

Da muss ich Dir allerdings recht geben, Lee: Wir haben die Industrieproduktion einfach in die Schwellenländer ausgelagert. Und dort haben wir es z. Z. mit einem ähnlichen Phänomen zu tun, wie bei uns in Europa vor 150 Jahren: Der sog. Manchesterkapitalismus scheint wieder von den Toten auferstanden zu sein.

Ich denke, das Informationszeitalter ist mit einigen Schwierigkeiten behaftet. So werden heute Mikroprozessoren bedenkenlos an allen Ecken und Enden eingesetzt- ohne dabei die langfristigen Konsequenzen zu beachten, hauptsache modern und schnell. Daraus droht eine reine Beschleunigungskultur zu werden, über die wir, wenn wir nicht vernünftig werden, die Kontrolle verlieren werden. Der Mensch taktet schliesslich nicht im 2-Gigahertz-Bereich. Genauso wie seinerzeit die Dampfmaschine an die sozialen Verhaltensmuster des Menschen angepasst werden musste, was unter anderem durch die Arbeiten und Erkenntnisse von Frederick W. Taylor möglich geworden ist, müssen wir uns auch heute überlegen, wie sich diese Hochtechnologen sozialverträglicher einsetzen lassen. Oder weiter gefasst: Die Zivilgesellschaft muss sich neu formieren.

Lee Berthine 05.02.2011 | 14:12

"Daraus droht eine reine Beschleunigungskultur zu werden, über die wir, wenn wir nicht vernünftig werden, die Kontrolle verlieren werden."

Manchmal habe ich die geistige Vorstellung von einem Fahrzeug, das mit steigender Geschwindigkeit eine relative steile Steigung heruntersaust.
Unten steht in einiger Entfernung ein Felsen, es wäre also angebracht, rechtzeitig zu bremsen.
Daran haben die Konstrukteure nicht gedacht, es gibt keine Bremse, also müssten die Mitfahrer entweder abspringen oder mit Händen und Füßen und was an Material da ist, selber bremsen.
Die wenigsten haben den Mut zu ersterem und auch bei zweiterem ist das Risiko, verletzt zu werden, groß.

Also - - - warten wir drauf, das irgendwas geschieht und halten gelähmt und belämmert die Luft an.
Oder schließen die Augen.

"U-Bahn fahrn...die Augen zu und die Gesichter bleich...: