Tobias Orfgen
12.08.2013 | 12:46 21

Generationengerechtigkeit?

Herrschaft der Alten Wer entscheidet eigentlich über die Zukunft der Jungen und wer bezahlt diese? Jedes zweite Mitglied der CDU und SPD und jeder dritte Wähler sind über 60

Generationengerechtigkeit?

Foto: Josep Lago/ AFP/ Getty Images

Florian Bernschneider ist 26 Jahre alt. Er ist das jüngste Mitglied des Bundestages in der ablaufenden 17. Legislaturperiode. Damit gehört er zu den sechs Abgeordneten unter 30 und unterschreitet deutlich das Durchschnittsalter des Parlamentes von 49 Jahren. Das man sich da als junger Wähler nicht wirklich vertreten sieht, ist offensichtlich. 1% des Plenums sollen 30% der Bevölkerung vertreten. Gut werden manche sagen, die restlichen 99% werden ja nicht nur für die Interessen ihrer eigenen Altersgruppe eintreten. Das mag stimmen, aber ändert trotzdem nichts an der Tatsache, dass wichtige Entscheidungen meist von denen gefällt werden, die diese gar nicht mehr betreffen werden.

Auch zur Bundestagswahl in sechs Wochen können wir uns zwischen einer 59 jährigen Kanzlerin und einem 66 jährigen Spitzenkandidaten der SPD entscheiden. Eine mathematische Ursache, die diese Verzerrung unterstützt, ist die niedrige Wahlbeteiligung junger Menschen und deren zahlenmäßige Unterlegenheit. Die Wahlbeteiligung der unter 30 Jährigen lag 2009 zwischen 59 und 63%, die der 50 bis 70 Jährigen dagegen zwischen 75 und 80%. Bald wird jeder zweite Wähler über 60 sein.

Ein Lichtblick für junge Menschen ist da Wolfgang Gründinger. Der Autor ist Mitglied im Think Tank 30 des „Club of Rome“ und Sprecher der „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“. Er studierte Politik- und Sozialwissenschaften in Regensburg, Berlin und an der University of California in Santa Cruz und promoviert zurzeit an der Humboldt Universität in Berlin zur Rolle der Interessengruppen in der deutschen Energiepolitik. Er ist Mitherausgeber des „Zukunftsmanifestes“. Elf Junge Menschen nehmen in dieser Schrift parteiübergreifend Stellung zu verschiedenen Themen und zeigen Möglichkeiten auf, wie eine junge Demokratie in Zukunft aussehen könnte.

Neben dem recht laschen Wunsch nach einer Stärkung der Gewerkschaften, (dies sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein) der CDUlerin Diana Kinnert, lassen sich hier hervorragende Texte von Gründinger selbst, zum demografischen Wandel und von Jacob Schrot (CDU) zu Europa finden. Schrot hatte 2009 in der ZDF-Show „Ich kann Kanzler“, den Sieg davon getragen. Hier schreibt er von der nötigen Erneuerung der europäischen Idee und dem Projekt Europa. Ebenfalls herausragend: ein Entwurf zur Verwirklichung der „Liquid Democracy“ von Sebastian Jabbusch von den Piraten.

Was deutlich wird, sind die Vorurteile der alten über die junge Generation auf der einen und die Ängste der Jungen auf der anderen Seite. Sie müssen, so scheint es momentan, nicht nur die ständig steigenden Kosten der Renten ihrer Großeltern und Eltern bezahlen, sondern auch noch ihre eigene. Auf die Mindestrente von 660 Euro wird ein Durchschnittsverdiener im Jahre 2030 selbst nicht nach 30 Beitragsjahren kommen. Aber dies müsste nicht so sein. Das System der umlagefinanzierten Rente kann ein gerechtes sein und den Zusammenhalt aller Bürger als eine Solidargemeinschaft stärken. In ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“ erklärt Sahra Wagenknecht warum. Bei einer gemeinsamen Rentenkasse für alle Bürger würde das Geld auch in Zukunft reichen. Die Produktivität ist seit 1960 im Jahr im Schnitt um 2,5% gewachsen. Auch wenn diese auf 1% sinken würde, wären in 50 Jahren, immer noch 12% für jeden mehr da. Das Problem der Rentenfinanzierung liegt nicht im demografischen Wandel, sondern in der Privatisierung dieser. Die zu niedrigen Löhne und prekären Arbeitsverhältnisse vieler Bürger lassen zudem eine zusammenhängende Arbeitsbiografie überhaupt nicht zu, die Voraussetzung für gesicherte Renten ist.

Im „Zukunftsmanifest“ spricht sich Gründinger auch für einen „Generationensoli“ aus. Denn es ist nicht so, dass die Jungen das Geld der Alten ja sowieso vererbt bekommen würden. Durch die hohe Lebenserwartung sind es meist erst einmal die Eltern, die das Geld der Großeltern erben. Sie selbst werden es wahrscheinlich, erst als Rentner bekommen. Über eine Umverteilung auch auf Ebene der Altersverteilung von Reichtum muss geredet werden.

In seinem preisgekrönten Essay „Aussterben abgesagt“ und im „Zukunftsmanifest“ spricht Wolfgang Gründinger aber keineswegs nur von den negativen Aspekten und Auswirkungen des demografischen Wandels, sondern sieht auch seine Vorteile. Anstatt sich zu bekämpfen, sollten wir miteinander an einer besseren Zukunft arbeiten. Und Rentner besitzen ein wichtiges Gut - Zeit. Diese können sie investieren und damit entscheidend zum Allgemeinwohl beitragen. Eigentlich eine Idee, die schon seit Jahren in einzelnen Mehrgenerationenhäusern funktioniert, aber noch nicht die punktuellen lokalen Standorte verlassen zu haben scheint. Denn, so Gründinger: „Liebe Alte: Wir brauchen euch!“

Kommentare (21)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 12.08.2013 | 18:41

Die Polarisierung der Gesellschaft in "jung" und "alt" entspringt einem Denken, das den Grundwiderspruch von Arbeit und Kapital glaubt, vernachlässigen zu können.

{Und Rentner besitzen ein wichtiges Gut - Zeit. ...}

Und wenn dann sogar noch die "Zeit" der Selbstbesinnung und -erkenntnis im Alter funktionalisiert werden soll, damit das ausbeuterische System des Wahnsinns noch perfekter zuschlagen kann, dann stellt sich die Frage: Wohin soll dieser Schwachsinn führen? Und: Wer sind (wieder einmal) die größen Profiteure?

balsamico 12.08.2013 | 19:29

Herrschaft der Alten

Waren Sie schon mal in einem sogenannten Altenpflegeheim? Da können Sie die Alten herrschen sehen, insbesondere nachdem sie ausgeplündert wurden bis auf den letzten Hosenknopf, bevor der Staat den ersten Cent für ihre Unterbringung bezahlt. Und dies zumeist nach einem langen Arbeitsleben, welches auf das Versprechen gegründet war, ihre Rentenbeiträge würden für ihre Altersversorgung ausreichen. Ganz süß auch der Hinweis darauf, dass die armen Jungen beim Erben nicht in vorderster Linie stünden, weil vorher noch die Eltern dran kämen. Das ist natürlich ungeheurlich, das sehe ich ein.

Tobias Orfgen 12.08.2013 | 20:15

Gründinger spricht sich gerade dafür aus keine Grenzen zwischen Alt und Jung zu  ziehen. NUR gemeinsam ohne Ressentiments kann etwas verändert werden. Und die Zeit der Rentner soll auf keinen Fall die Defizite der marktkonformen Demokratie ausgleichen. Es geht um ein solidarisches Miteinander. Mal abgesehen davon gibt es viele Rentner die es glücklich macht, gebraucht zu werden, nicht in der Einsamkeit alt zu werden. Beide Parteien haben Vorteile davon.

balsamico 13.08.2013 | 10:36

Nur 2,5 Prozent der Älteren über 65 sind auf die Grundsicherung angewiesen."

Diese 2,5% (richtig: 2,6% im Jahr 2011 mit stark steigender Tendenz) sind diejenigen, deren Einkünfte so um € 800,00 monatlich betragen oder weniger und die kein eigenes Vermögen haben. Wer eigenes Vermögen hat, muss es aufbrauchen, bevor sie/er Grundsicherung erhält. Bei Heimkosten in Höhe von € 3.500,00 monatlich in Pflegestufe II (Frankfurt am Main) ist das eigene Vermögen oft schnell aufgebraucht.

Abgesehen davon, spielt sich Altersarmut nicht nur dort ab, wo bereits Grundsicherung gezahlt wird. Denn in aller Regel wird alles zusammengekratzt, bevor man in die Grundsicherung fällt. Die Verhältnisse sind also auch dort nicht üppig, wo der Grundsicherungsfall noch nicht eingetreten ist. Und da sollen die Alten, mit der Armut vor Augen, mit den Jungen teilen, was die meisten übrigens sowieso tun. Herr Gründinger hat schlicht keine Ahnung von der Situation über die er schwadroniert. Er redet an den Problemen vorbei und streut der goßen Masse der Alten über ihre eigene Situation Sand in die Augen, damit sie auch das Wenige, das sie haben herausrücken. Das ist schändlich. Dass er für sein wirklichkeitsfernes Gerede auch auch noch mit Preisen bedacht wird, ist ein Aberwitz.

Tobias Orfgen 13.08.2013 | 11:12

Niemand will Rentnern die in Armut oder an der Armutsgrenze leben ihr letztes Geld wegnehmen. Das widerspricht einer Solidargemeinschaft, über Alters- und Parteiengrenzen hinweg, wie sie Gründinger fordert, zutiefst. Seine Idee eines „Generationen-“ bzw. „Zukunftssolis“ ist ein Entwurf. Es geht darum, sich einer Gesellschaft anzunähern in der keiner, ob nun Jung oder Alt, Angst vor Armut haben muss. Es ist ja auch nicht so, dass nur die älteren Generationen diese Angst hegen. Man muss doch verstehen das sich junge Menschen Gedanken machen, wie ihre Zukunft aussehen soll. Anstatt jetzt zu wettern, die Jungen sollen sich nicht so anstellen, wir haben ja selber nichts; sollten wir gemeinsam dafür kämpfen diese Zustände zu überwinden und die Angst zu besiegen. Wenn wir das nicht schaffen, sind wir wieder am Anfang des Problems. Dann werden nämlich nur die gewinnen, die jetzt schon von diesen Missständen profitieren, weil wir mit uns selbst beschäftigt sind, anstatt gemeinsam auf die Straße zu gehen.

Lukasz Szopa 13.08.2013 | 13:21

Ihr Hinweis auf die Vorschläge von Sahra Wagenknecht sind richtig, wobei man aus meiner Sicht weiter gehen sollte:  "die Rente" an sich abgeschafft werden, und für alle eine einheitliche Bürgersicherung eingeführt werden. Genaueres zu meinem Vorschlag siehe hier:

https://www.freitag.de/autoren/lukasz-szopa/die-rente-soll-in-den-ruhestand

Das andere Problem ist das Spannungsverhältnis zwischen den Wählergruppen (Interessensgruppen) - "Rentner", "Junge", "Mittelschicht" etc. und deren Vertretern im Parlament - und andererseits deren Forderungen (auch wenn die "Forderungen" die Beibehaltung des Status Quo beinhalten). Solange es eine Mehrheit für das bisherige Rentensystem gibt, bzw. keine Mehrheit für die Forderungen (Sorgen) "der Jüngeren" - wird sich nichts ändern. Hinzu kommt, das in einer Demokratie ein materieller Bonus (Rente, Steuersenkung, Subvention, Pendlerpauschale) viel leicher einzuführen/erhöhen als abzuschaffen/zu senken ist. Und so kommt es nicht nur durch "die Rentner" zur Verschuldung (die auf die "Jüngeren" dann lastet), sondern auch durch Steuersenkungsorgien, Bankenrettungspakete oder Militärausgaben. Mag das derzeitge Umlagesystem der Renten ungerecht sein - würde die BRD in den letzten 30 Jahren weniger Steuer senken, keine Banken "retten" und kaum Militärausgaben erhöhen - wäre die Rentenfrage kaum welche (siehe Ihr Hinweis zu Wagenknecht und Produktivität - erwirtschaftetes Geld wäre genug da).

 

balsamico 13.08.2013 | 14:03

Das widerspricht einer Solidargemeinschaft, über Alters- und Parteiengrenzen hinweg,

Diese Solidargemeinschaft gibt es doch längst und hat es auch immer gegeben. Freilich ist es eine Gemeinschaft im Rahmen des je konkret Möglichen. Alte, die Zeit haben, betreuen ihre Enkelkinder, wenn es geht und gewünscht wird . Junge, die gut verdienen, sorgen im Rahmen dessen, was sie können, für ihre Eltern und kümmern sich um sie, wenn sie es nicht mehr alleine schaffen. Was soll denn da außerdem noch gehen? Dass es hier und da Alte gibt, die auf ihrem Geld sitzen und hier und da Junge, deren Sorge für die Alten sich darauf beschränkt, ihnen an Weihnachten einen Kasten Pralinen ins Heim zu bringen, ist wohl unbestritten. Da stehen Charakterfragen zur Diskussion, die auch ein Herr Gründinger nicht beantworten kann, geschweige denn zufriedenstellend. Um es klar zu sagen: Was wir am allerwenigsten brauchen, sind Schwätzer wie Gründinger.

balsamico 13.08.2013 | 14:21

Mag das derzeitge Umlagesystem der Renten ungerecht sein - würde die BRD in den letzten 30 Jahren weniger Steuer senken, keine Banken "retten" und kaum Militärausgaben erhöhen - wäre die Rentenfrage kaum welche (siehe Ihr Hinweis zu Wagenknecht und Produktivität - erwirtschaftetes Geld wäre genug da).

Es wäre schon ein großer Schritt in die richtige Richtung, wenn man geneigt wäre, Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung und aus Kapitalerträgen der Beitragspflicht zur Rentenversicherung zu unterwerfen. Das macht man aber nicht, weil damit eine eher wohlhabende Bevölkerungsschicht herangezogen würde, die geschont werden soll. Wenn man hierzulande nichtmal den politischen Willen hat, Wohlhabende stärker in die Rentenversicherung einzubinden, erübrigen sich alle Aufrufe zur Solidarität. Denn wenn es den politisch Verantwortlichen primär darum geht, den Wohlhabenden ihren Wohlstand zu sichern, kann es keine Solidarität geben. 

ch.paffen 15.08.2013 | 01:08

hartz 4 für rentner (ü65) sgb XII = grundsicherung im alter (leistungsbezieher erhalten grundsicherung diese ist soweit ich weiß = grundsicherung sgb II (hartz) * dies ist lediglich ein unputziges existenzminimum oder anders gesprochen leistungen = gesetzliche altersarmut? * die frage die sich mir hier stellt warum nicht einen "sozialen + gerechten + wertschätzenden generationen vertrag" anstreben? * und da ist ein headliner wie herrschaft der alten ja eher wenig hilfreich, gell * feine restnach noch cp

Lukasz Szopa 15.08.2013 | 08:53

Der Untertitel "Herrschaft der Alten" kam ja nicht von mir, da finde ich den Haupttitel "Generationengerechtigkeit" passend.

Danke für die Infos bezüglich Sozialsicherung der Rentner. Sie haben Recht, es ist - derzeit - eben eine "gesetzliche Altersarmut". Wenn ich eine Bürgersicherung für Alle vorschlage, erwähne ich die Höhe des Betrages nicht - egal ob für Rentner oder 39jährige Arbeitslose etc.

Siehe meine Antwort an GEBE: Die Höhe eines solchen Betrages ist das eine, das politisch ausverhandelt werden sollte (damit es eben kein Armutsminimum ist). Meine Hauptantwort auf diesen Blog war jedoch was anderes: Man sollte bei Sozialsicherungssystemen nicht unterscheiden zwischen Generationen bzw. zwischen "Erwerbsfähigen" und "Rentnern". Keine Rentenversicherung mehr, damit aber eine steuerfinanzierte Sozialsicherung für alle Bedürftigen, also, wie GEBE findet, eine Art BGE. Dann würde keiner auf die Idee kommen, Konfliktlinien zwischen Generationen zu suchen wie aufzubauen. Übrigens wären dann Diskussion wie "Rente ab 60, 65, 67, 70?" obsolet.