Back When Pluto Was A Planet
01.02.2013 | 12:00 2

Muss es wirklich Facebook sein?

Social Media Experte Geert Lovink glaubt an eine alternative Zukunft sozialer Netzwerke. Noch sei es nicht zu spät, gegen die globale Macht von Facebook, Google und Co. vorzugehen

Muss es wirklich Facebook sein?

BWPWAP Networks mit Geert Lovink

Giulia Baccosi / transmediale

Virtueller Selbstmord ist eine knifflige Angelegenheit. Nicht, weil es Netzmüden an Willenskraft fehlt, sondern weil soziale Netzwerke wie Facebook es Nutzern schwer machen, ihre Profile zu löschen. Fast eine Milliarde Profile zählt das Börsenunternehmen. Nutzer haben Angst vor Manipulation und Datenhandel, Bewegungen wie Europe Versus Facebook oder ShareMeNot gehen dagegen vor. Geert Lovink, Medientheoretiker, Leiter des Institute of Network Cultures und Autor von Publikationen wie Uncanny Networks und Networks Without a Cause: A Critique of Social Media, rief  bei der transmediale zum Kampf gegen die globale Macht der Social-Media-Konzerne auf. In seinem Vortrag gab er Handlungsempfehlungen, wir haben sie zusammengefasst.

– Menschen wollen in sozialen Netzwerken interagieren. Es geht nicht darum, dieses Bedürfnis zu hinterfragen, sondern die Art und Weise, wie Profile gestaltet sind – wir brauchen Ideen für neue Architekturen.

– Wir müssen soziale Netzwerke in Plattformen der Kollaboration verwandeln, sie sinnvoll nutzen und damit gestalten, anstatt sie nur als Umgebung für Kommunikation zu nutzen. Facebook versucht, das zu verhindern, denn für Social-Media-Konzerne stellt Kollaboration unter Usern eine Bedrohung dar.

– Impulse für eine alternative Zukunft sozialer Netzwerke liefern auch künstlerische Positionen und Praktiken. Die Berliner Gruppe Telekommunisten etwa hat mit Thimbl ein Manifest für eine neue Form sozialer Online-Interaktion entwickelt.

– Die Macht, die derzeit in zentralisierten sozialen Netzwerken vorherrscht, muss fragmentiert werden. Lokale Ansätze müssen an die Stelle globaler Netzwerke treten.

– Es gibt bereits alternative soziale Netzwerke, die mit 100.000 bis 150.000 Profilen relativ erfolgreich sind, etwa Diaspora, Crabgrass oder Lorea. Von diesen Projekten können wir lernen, ihre Ansätze müssen wir weiterentwickeln.

Giulia Baccosi / transmediale

 
Daran, dass User, Künstler und Aktivisten noch eine Kehrtwende der sozialen Netzwerk-Kultur bewirken können, glaubt Lovink. Das Potenzial sei riesig, jetzt ginge es darum, zu handeln, sagte er, denn wir seien drauf und dran, dieses Potenzial zu verlieren. Aus dem Publikum meldete sich ein desillusionierter Aktivist zu Wort. Er bewundere Lovinks Optimismus, versicherte er, aber alternative soziale Netzwerke wie Lorea würden oft nicht richtig funktionieren, außerdem sei Facebook überall, es sei unmöglich, gegen den Konzern vorzugehen.

All jene, die den Absprung trotzdem wagen wollen, können sich im Netz Hilfe holen: Mit Web 2.0 Suicide Machine oder Account Killer können Profile bei Facebook, Twitter, Google und anderen Netz-Platzhirschen dauerhaft gelöscht werden.

Sabine Weier

Kommentare (2)

mcmac 02.02.2013 | 12:09

Im Prinzip läuft es wie seinerzeit mit Windows: erst werden alle abhängig gemacht und dann wird der kommerzielle Sack zugemacht. It's the economy, stupid.

Auf ein Werkzeug, welches sehr hilfreich sein kann, den Übergang vom Netzknoten-Moloch Facebook hin zu einem wirklichen sozialen Netzwerk wie z.B. dem oben genannte Diaspora zu schaffen, sei an dieser Stelle zum wiederholten Male hingewiesen:

F

=> Friendica Homepage

=> Deutsches Friendica-Wiki

=> Wikipediaeintrag zu Friendica

JR's China Blog 03.02.2013 | 08:27

Ich habe den Drang in die sozialen Netzwerke nie nachvollziehen können. Stümperte dort eine Weile unter Nick und falschen Daten vor mich hin, weil ich "eingeladen" worden war, und flog dann raus, als Facebook mir eine "Sicherheitsfrage" stellte. Danach eine Email and diejenigen, mit denen ich dort interagierte, dass ich jetzt nur noch per Mail erreichbar bin.

Ist viel angenehmer. Ich muss nicht mehr gucken, ob ich gepoked oder geliked worden bin, ob ich neue Freunde gefunden habe, oder ob jemand etwas auf meine Wall geschrieben hat.

Schwieriger wird es, wenn solche "Netzwerke" aus beruflichen Gründen (fast oder ganz) unausweichlich werden. Aber man muss das Monster nicht unnötig füttern.