Susanne Götze
29.08.2011 | 10:35 1

Auf dem Weg nach Brüssel

Empörte Jugend Keine Ideologie, keine Helden: Die spanischen „Indignados“ wollen ihre Proteste europäisieren. In Frankreich steht die Bewegung jedoch noch am Anfang

Die Empörung in Europa kennt keine Grenzen. Das zumindest ist die Botschaft der spanischen „Indignados“, die aufgebrochen sind, um nach Brüssel zu marschieren. Statt in den Urlaub zu fahren, hat sich der harte Kern des Madrider La Puerto del Sol zu Fuß in die belgische Hauptstadt aufgemacht. Seit Ende Juli sind mittlerweile vier Laufgemeinschaften unterwegs, um den Funktionären in Brüssel „den Marsch zu blasen“.

Das bunte Völkchen zieht von Stadt zu Stadt, um auf Gleichgesinnte zu treffen. Mittlerweile ist Südfrankreich erreicht. Aus der Handvoll „Indignados“, die in Madrid und Barcelona losmarschierten, sollen Hunderte werden – so die Idee des Protestmarsches.

Tatsächlich ist die Bewegung der so genannten „Empörten“ auch in Frankreich sehr aktiv. Seit Mai haben die französischen Aktivisten in über 30 Städten Plätze besetzt und Demos organisiert. Als Höhepunkt wird der 29. Mai gefeiert, als am revolutionserprobten Platz der Pariser Bastille an die 3.000 Menschen zusammenkamen, um Solidarität mit den spanischen „Empörten“ zu zeigen. Der Protest wurde live auf einer Leinwand zum Madrider La Puerto del Sol übertragen – eine Sternstunde der jungen Bewegung.

Polizei, Papst und Puerta del Sol

Anfang August wurde der symbolträchtige Madrider Platz jedoch wiederholt geräumt – und vorerst ist der Traum aus. Statt dem Camp der empörten Jugend jubelten Tausende Katholiken dem Papst zu. Dagegen organisierten atheistische und reformchristliche „Empörte“ eine Protestdemonstration, riefen zum „Massenküssen“ auf und beleidigten angeblich die Papstpilger. Ihre Kritik: Während der spanische Staat beim „kleinen Mann“ spart, wird auf der anderen Seite das Geld mit vollen Händen für den Besuch eines Geistlichen rausgeschmissen.

In Frankreich reagierte die Polizei ähnlich hilflos wie in Spanien: Nach dem Schock vom 29. Mai sperrte die französische Polizei den Eingang zur Bastille-Oper ab, um größere Versammlungen oder gar wild entschlossene Camper fernzuhalten. Bis heute erinnern die Absperrgitter an die bunte Gesellschaft, die hier nur wenige Tage ihr Lager aufschlagen konnte, zuletzt am französischen Nationalfeiertag, dem 14. Juli. Die Empörten treffen sich trotzdem fast täglich keine 50 Meter von der Bastille auf dem Boulevard Richard Lenoir, um politisch zu diskutieren, Demos und weitere Besetzungen zu planen. Unter ihnen sind auch viele Spanier, die den Parisern Nachhilfe in zivilem Ungehorsam und Basisdemokratie zu geben.

Dennoch kam Paris bis jetzt nicht an den Puerto del Sol ran: Zu wenig Solidarität und logistische Erfahrung, klagen die spanischen Besucher. Vielen jungen Parisern gehe es noch zu gut, sagen wiederum Andere. Am 17. September erwarten die Pariser „Empörten“ die Ankunft der Protestläufer aus Spanien. Bis zum 8. Oktober wollen dann alle „Empörten“ gemeinsam in Brüssel vorm Europäischen Parlament sein.

Antwort auf die Euro-Krise

Was als nationale Protestbewegung begann, ist längst ein europäisches Phänomen. Denn Jugendarbeitslosigkeit, machtlose Politiker und zockende Spekulanten gibt es überall in Europa – mehr oder weniger. Inspiriert ist die Bewegung aber nicht nur von Stephane Hessels Buch „Empört euch!“, sondern auch von den Protestcamps des arabischen Frühlings. „Nach dem arabischen Frühling, der europäische Sommer“, so ein Slogan der „Indignados“. Nicht nur in Diktaturen, sondern auch in westlichen Demokratien habe man das Recht, demokratische Mitbestimmung einzufordern – eben „wahre Demokratie“. Für viele ist es vor allem das Gefühl der Ohnmacht, dass sie in die Demokratiebewegung zieht: „Die Finanziers habe ich jedenfalls nicht gewählt“ stand bezeichnenderweise auf einem Schild einer „Empörten“, die am 14. Juli bei der Wiederbesetzung der Pariser Bastille dabei war. Das Gefühl der Spielball von Politik und Finanzwelt zu sein, auf dessen Kosten Banken und Staaten gerettet werden, haben die „Empörten“ so richtig satt. Es sei an der Zeit klar zu sagen: „Wir leben nicht mehr in einer Demokratie“, meint ein Empörter, der mit der „Mittelmeergruppe“ nach Brüssel läuft.

Ihre Kritik am repräsentativen Demokratiemodell eint die sehr heterogene Bewegung und ihre Forderungen sind seit eh und je Grundlage linker, antiautoritärer Theorie: Die politische Emanzipation des Einzelnen, Selbstorganisation, Basisdemokratie, lokale Verwaltung „von unten“. Zwar steht das alles nicht in Hessels kleinem Büchlein und vielleicht hat er dies im weiteren Sinne auch gar nicht so gemeint. Der Aufruf des greisen Resistancekämpfers jedoch, sich gebührend zu empören, hat zweifellos den Stein des Anstoßes gegeben. Das glaubt auch die Ikone der globalisierungskritischen Bewegung und enge Freundin von Stéphane Hessel, Susan George: „Das Wort ‚Empörung’ ist gut gewählt, denn es braucht immer zuerst die Wut, um sich zu engagieren.“ Außerdem könne jeder mit diesem Wort etwas anfangen, da jeder sich über irgendetwas ärgere. Für George ist die „Empörung“ deshalb eine gutes Mittel, Allianzen zu schmieden. Das Gute sei, dass es am Ende wenig Unterschied mache, ob man Trotzkist, Maoist oder einer sonstigen Strömung angehöre. „Man muss sich nicht mit einer Ideologie identifizieren, um sich zu empören“, meint George. In vielen Ländern hätten die Regierenden zu lange die junge Generation hingehalten und ihre Zukunft regelrecht verbaut. Mit den Sparpaketen und der Finanzkrise sei vielen dann der Geduldsfaden gerissen – zu recht, meint die Grand-Dame des französischen Attac-Netzwerkes.

Der Weg ist das Ziel

Die „Empörten“ wollen aber nicht einfach nur eine Jugendbewegung sein – denn Empörung kennt keine Klasse und kein Alter. Auf dem Marsch nach Brüssel würden auch Arbeitslose, Rentner und andere Sympathisanten mitlaufen, die sich ein paar Tage Urlaub genommen hätten, heißt es seitens der Protest-Wanderer. Es gebe keine Sprecher, keine Ikonen, keine Helden.

Auf den Generalversammlungen von „wahre Demokratie jetzt!“ in Paris werden jedes Mal die vier Grundprinzipien der Bewegung aufgezählt: „1. Wir sind eine pazifistische Bewegung, 2. Wir kommen als Individuen und ohne Etikett, 3. Alkohol ist während der Versammlung und bei Aktionen nicht erlaubt und 4. Jeder kommt zu Wort“. Viele Leute sprechen bei den Empörten zum ersten Mal in ihrem Leben vor so vielen Menschen, ernten Beifall oder Kritik. Sind sie nicht gerade auf der Straße, wandern oder campen, wird frei durch ganz Europa via Facebook und Twitter kommuniziert. Sie nennen sich „frenchrevolution“, „spanishrevolution“, greekrevolution, „europeanrevolution“ und posten alle paar Sekunden Neuigkeiten über besetzte Plätze und Demos in Europa und der Welt. Sie wollen keine Ideologie und kein Patentrezept. Deshalb fragen sich auch Viele, was diese „Empörten“ denn eigentlich überhaupt wollen.

Auch beim Marsch nach Brüssel geht es nicht um das Ziel, sondern um den Weg: „Jeden Abend kommen wir in eine neue Stadt oder ein Dorf. Dort versammeln wir uns, hören zu und diskutieren mit den Leuten vor Ort“, meint ein marschierender Blogger aus Frankreich. Nicht alle seien auf der Seite der „Empörten“, würden ihr Forderungen als „unrealistisch“ brandmarken und wären auch nicht der Ansicht, dass sich etwas grundlegend ändern müsse. Doch es könnten eben nicht alle Menschen Humanisten sein, meint der empörte Wanderer. Und außerdem sei gerade das Basisdemokratie.

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