Ulrike Baureithel
23.02.2010 | 22:05 39

„Eine ambivalente Entwicklung“

Im Gespräch Die Soziolgin Christa Wichterich über Frauen­arbeit und Ideen der Alphamädchen, den Kapitalismus zu modernisieren

Der Freitag: Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt dabei, die Männer einzuholen. Können nun die Sektkorken knallen?

Christa Wichterich: Nein. Denn dass mehr Frauen berufs­tätig sind, bedeutet keineswegs auch Existenzsicherung oder gar Aufstieg. Tatsächlich hat die Globalisierung der Märkte in den letzten 30 Jahren zu mehr Beschäftigung von Frauen geführt, doch die Zahlen sagen nichts darüber, was das konkret heißt. Überwiegend arbeiten Frauen nämlich in flexiblen, schlecht bezahlten und prekären Beschäftigungsverhältnissen. Gleich­zeitig sinken die Reallöhne in den männlich dominierten Sektoren und die tariflich geschützten Arbeitsplätze nehmen ab. Die beschriebene Integration geht also damit einher, dass Männer ihre traditionelle Versorgerrolle gar nicht mehr ausfüllen können. Ich nenne das paradoxe Integration.

Mitten in die Weltwirtschaftkrise hieß es: Im Gegensatz zur Zeit nach 1929, wo Frauen zuerst ihre Arbeitsplätze verloren haben, sind heute vorwiegend Männer von Kündigungen betroffen. Warum ist das so?

Die Krise hat, und das gilt für alle Industrieländer, durch die sinkende Nachfrage zu allererst die Exportsektoren ergriffen, und das betrifft vor allem männliche Arbeitsplätze. Deshalb wurden zunächst Männer entlassen und in Kurzarbeit geschickt, während die Frauen, die in den Dienstleistungssektoren und in überwiegend flexibilisierten Verhältnissen tätig sind, vorerst verschont blieben. Dasselbe kann man übrigens in allen Rezessionen der Nachkriegszeit beobachten: Mehr Männer verloren ihre Jobs, während die Bedeutung der Frauen als Versorgerinnen stieg. Die Männerarbeit wird abgewertet, während Frauen mehrere prekäre Minijobs annehmen, ohne allerdings mehr zu verdienen.

Die Arbeitswelt hat sich auch qualitativ feminisiert. Waren es weniger die Emanzipations­anstrengungen als vielmehr ­objektiven Entwicklungn, die die Teilhabe von Frauen auf dem Arbeitsmarkt begünstigt haben?

Ich würde das nicht gegeneinander ausspielen. Frauen im Westen drängen seit Jahrzehnten in die Erwerbsarbeit und haben die realen Möglichkeiten als Emanzipationschance für sich genutzt. Gleichzeitig verkünden Global Player wie die Weltbank oder das Weltwirtschaftsforum das Credo, dass Länder, die wettbewerbsfähig sein wollen, ihre weibliche Bevölkerung besser in den Arbeitsmarkt integrieren müssen. Diese Entwicklung ging einher mit der Flexibilisierung der Beschäftigungsformen, die der subjektiven Situation der Frauen entgegenkommt, aber auch mit Niedrig­löhnen und Prekarisierung. Die Ziele der Frauen, Selbstbestimmung und autonome Existenzsicherung, fügten sich nahtlos in die Interessen der Märkte nach Eigenverantwortung und Flexibilität. Es handelt sich also um eine neoliberale Gleichstellung unter den privatisierten und deregulierten Bedingungen der Märkte.

In Politik, Medien und Hochschulen sind die Frauen inzwischen eine Selbstverständlichkeit geworden. Doch wenn sie überhaupt in die höheren Leitungsebenen der Wirtschaft gelangen, verdienen sie rund ein Drittel weniger als Männer. Woran liegt das?

Das ist zu allererst eine Machtfrage. Der Kernbereich des Kapitalismus hat sich von der Produktion auf den Finanzmarkt verschoben. Und der ist tatsächlich sehr männerbündisch organisiert und ­bildet prototypisch die geschlechts­spezifische Arbeitsteilung in der Erwerbsarbeit ab. Ein Großteil der Beschäftigten in den personennahen Dienstleistungen der Banken und Versicherungen sind zwar teilzeitbeschäftigte und unterbezahlte Frauen. Aber an den Spitzen der Finanzmärkte ­sitzen Männer, die dort ihre männlichen Zockereigenschaften kultivieren, wie die Krise gezeigt hat. Die Frauen dringen in diese Segmente nicht vor, weil sie diese Fähigkeiten entweder nicht ­beherrschen oder nicht in gleicher Weise bereit sind, sie anzuwenden. Zusätzlich neigen Frauen dazu, sich im Arbeitsleben zu ­unterschätzen. Entscheidend aber ist, dass sie nicht reingelassen werden.

Aber vielleicht hätte es mit „soften“ Lehman-Sisters die Krise gar nicht gegeben ...

Nein, das glaube ich nicht. Das unterschätzt die Funktions­zwänge auf den Finanzmärkten und in den transnationalen Wertschöpfungsketten. Außerdem treten die Alpha-Mädchen, die es mit den Männern auf­nehmen wollen, ja damit an, durch ihr verantwortungs­volleres Management das System ­weniger krisenanfällig und damit funktions­fähiger zu ­machen.

Die Leiterin eines Pflegedienstes berichtete mir kürzlich, sie beschäftige nur Frauen, wolle aber auch Männer einstellen. Das sei schwierig, weil sie nur wenig bezahlen könne. An diesen Arbeitsmarktrealitäten scheint sich nichts zu ändern.

Die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung setzt sich in ungleicher Bewertung und Bezahlung fort. Gerade in der Pflege erlebt man häufig, dass der einzige Mann in einer Abteilung, die Leitung innehat, während Frauen die harte Pflegearbeit verrichten, davon viele mit Migrationshintergrund. Die wenigen Männer, die ich in der Pflegearbeit sehe, sind ebenfalls Migranten. Sie haben nur Zugang zu geringbewerteten Arbeitsmarktsegmenten, darunter auch typisch „weibliche Arbeit“. Selbst in China, wo die Führung in der Mao-Zeit dezidiert Gleichstellung in der Arbeit anstrebte, setzen sich auf den neuen Märkten wundersamer Weise die alten geschlechtshierarchischen Muster durch: frauen- und männer­typische Berufe und entsprechende Marktsegmente, höchst sexualisierte Geschlechterrollen, eine wachsende Lohnkluft ­zwischen Männern und Frauen, im Rahmen zunehmender ­sozialer Ungleichheit, mehr ­informelle Arbeit.

Andererseits werden nun Tätigkeiten sichtbar, die in der privaten Sphäre des Haushalts verrichtet wurden und eher noch zunehmen, je mehr ­An­forderungen an die Kinder­- er­ziehung und die Pflege alter Menschen gestellt werden. Ist das nicht auch eine Chance?

Das ist eine höchst ambivalente Entwicklung. Ein Teil der Haus­arbeit verlagert sich auf den Arbeitsmarkt. Die Mittelschichten mit entsprechenden Ressourcen stellen dafür überwiegend Migrantinnen ein, die unter prekären Bedingungen arbeiten. In diesen neuen globalen Sorgeketten wandern Frauen aus ärmeren Ländern in die reicheren ein und übernehmen dort Haus- und Betreuungsarbeiten. Statt dass sich Frauen und ­Männer die Hausarbeit teilen, wie von der Frauenbewegung einmal angestrebt, bildet sich zwischen Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Herkunftsländern eine neue Arbeitsteilung heraus. Die Globalisierung macht’s möglich. Auf dem Pflegemarkt wiederum sind es private Pflegedienste, aber auch die Wohlfahrtsorganisationen mit Subunternehmen, die Frauen zu niedrigsten ­Löhnen stundenweise beschäftigen. Das heißt insgesamt, die Markt­gesetze, nämlich effizient zu sein und Gewinn zu machen, greifen auf die Sorgearbeit über.

Das heißt, es wiederholt sich in gewisser Weise auf dem Markt, was sich vorher im Haushalt nach der Ära der Dienstmädchen abgespielt hat?

Ja, aber nun bestimmt der Markt das Geschehen und strukturiert die Formen der Arbeit. Das höhlt aber nicht etwa das System von unten aus, sondern es werden einfach nur mehr Arbeitsbereiche integriert und die Übergänge fließender gestaltet. Wichtig ist, dass es in den globalen Sorge­ketten immer mehr Frauen gibt, die diese Entwicklung sehen und thematisieren. Auf dem Höhepunkt der Krise haben hierzu­lande beispielsweise die Erzieherinnen gestreikt. Hinter diesem Arbeitskampf stand implizit die Frage, warum die Regierung zwar Banken und Automobilindustrie rettet, die Arbeit mit Kindern aber nichts wert sein soll. In Hongkong wiederum haben sich Migrantinnen, die als Hausan­gestellte arbeiten, organisiert. Sie wollen nicht nur als vollwer­tige Arbeiterinnen bezahlt und anerkannt werden, sondern auch als Bürgerinnen, die unabhängig von ihrem Arbeitsort soziale Rechte haben. Solche Kämpfe können ins öffentliche Bewusstsein bringen, dass wir an der Verteilung und an der Bewertung von Arbeit grundsätzlich was ändern müssen.

Das Gespräch führte Ulrike Baureithel

Kommentare (39)

manoe 25.02.2010 | 15:38

stimme meinen Vorrednern in Sachen "lesenswert" absolut zu, da sich

1. viele (in meinem Umfeld v. a. Männer) auch heute noch fragen, warum Frauenbewegungen/ -arbeit im 21. Jahrhundert noch nötig sind ("es ist ja schon alles erreicht und nicht mehr so schlimm wie damals"!)

und
2. das Interview durchaus deutlich macht, dass es kein "besseres" "Geschlecht" gibt, wir alle Gesellschaft sind und jeden Tag jedeR Einzelne von uns die Möglichkeit hat etwas zu verändern.

Imke Elliesen 25.02.2010 | 15:49

Die letzte Antwort kann man auf dem Ausdruck sehen... sehr schönes Interview - macht gut darauf aufmerksam, dass Zahlen hinterfragt werden sollten, 50% Beschäftigung sagt eben nichts aus über die Art und Weise dieser Beschäftigung... Dieses Thema paßt im übrigen gut zu der Diskussion um den Rücktritt Margot Käßmanns - in Sinne von: wie wird gegenwärtig eine "erfolgreiche" Frau wahrgenommen und medial dargestellt, welchen Angriffen ist sie ausgesetzt und wie wird ihr Verhalten bewertet ( im Vergleich zur Bewertung äquivalenten männlichen Verhaltens).

Ulrike Baureithel 25.02.2010 | 18:47

Ja, eben. Aber auch, dass es Frauen gibt, die nicht um jeden Preis am Amt, am Job, an der Karriere kleben, weil sie in ihrem Leben noch andere Prioritäten haben. Die Themen, die Wichterich anklingen lässt, wurden vor zig Jahrzehnten schon mal diskutiert und z.T. viel profunder als heute;es liegen Bibliotheken bereit, die niemand mehr abruft, denn offenbar müssen auch feministische Räder immer wieder neu erfunden werden (nicht nur geölt).

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smith 25.02.2010 | 23:20

"Doch wenn sie überhaupt in die höheren Leitungsebenen der Wirtschaft gelangen, verdienen sie rund ein Drittel weniger als Männer. Woran liegt das?

Das ist zu allererst eine Machtfrage."

Nee, das ist nur eine unzutreffende Frage.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend räumte ein, dass die von Ursula von der Leyen anlässlich des Frauentags 2007 genannten 23 Prozent Minderverdienst von Frauen für gleiche Arbeit in jedem Fall nicht zuträfen. Wörtlich heißt es in der Antwort:

„Die in der von Ihnen zitierten Rede vom 8. März 2007 enthaltene Aussage von Frau Ministerin von der Leyen, dass ‚Frauen noch immer nur 77 % des männlichen Einkommens verdienen, wohlbemerkt für gleiche Arbeit’ ist daher in dieser Form nicht richtig und missverständlich, auch wenn er sich in den Medien oft so oder ähnlich findet. Wir haben die Rede daher aus dem Netz genommen und danken Ihnen für diesen Hinweis.“

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smith 25.02.2010 | 23:34

"Doch wenn sie überhaupt in die höheren Leitungsebenen der Wirtschaft gelangen, verdienen sie rund ein Drittel weniger als Männer. Woran liegt das?

Das ist zu allererst eine Machtfrage."

Nee, das ist nur eine Bullshit-Frage.

Das Ministerium räumte ein, dass die von Ursula von der Leyen anlässlich des Frauentags 2007 genannten 23 Prozent Minderverdienst von Frauen für gleiche Arbeit in jedem Fall nicht zuträfen. Wörtlich heißt es in der Antwort:

„Die in der von Ihnen zitierten Rede vom 8. März 2007 enthaltene Aussage von Frau Ministerin von der Leyen, dass ‚Frauen noch immer nur 77 % des männlichen Einkommens verdienen, wohlbemerkt für gleiche Arbeit’ ist daher in dieser Form nicht richtig und missverständlich, auch wenn er sich in den Medien oft so oder ähnlich findet. Wir haben die Rede daher aus dem Netz genommen und danken Ihnen für diesen Hinweis.“

THX1138 25.02.2010 | 23:55

Lieber Smith: Es nützt nichts, gegen das Phantom der 19, 21, 30, 27 oder 18,987694321 Prozent Lohn"diskriminierung" zu argumentieren. Obwohl diese Differenz mittlerweile zu mindestens zwei Dritteln erklärt werden kann, wie zahlreiche, absolut seriöse, wissenschaftliche Untersuchungen ergeben haben- sogar die Böckler-Stiftung musste das einräumen (wenn auch sehr klein, kleiner am kleinsten geschrieben und erst noch auf einer der hinteren Seiten- damit man im Titel ungestraft mit Phantomziffern- und D.i.s.k.r.i.m.i.n.i.e.r.u.n.g.!!!- prahlen kann): Man hat sich nun einmal endgültg dafür entschieden, dass es diese Lohn"diskriminierung" gibt, basta (imperativ)!

Wenn die Frauenbewegung nur nicht immer und immer wieder mit gezinkten Karten spielen würde- sie würde einen guten Teil ihrer bereits schon lange verlorenen gegangenen Glaubwürdigkeit zurück gewinnen. Doch daran ist man offensichtlich gar nicht interessiert.

Diesbezüglich sind Hopfen und Malz veloren- wahrscheinlich vor allem darum, weil da zuviele (staatliche) Institutionen dranhängen, die auf Fördergelder angewiesen sind. Und mit alten Feindbildern und hanebüchenen Behauptungen lassen sich diese am allerbesten jedes Jahr auf's Neue legitimieren: Niemand kann doch im ernst daran interessiert sein, sich und seine Funktion selber abzuschaffen, das ist irgendwie auch ganz verständlich, oder?

THX1138 26.02.2010 | 00:04

Noch ergänzend: Und sollte man doch erkannt haben, dass es diese Lohn"diskriminierung" so nicht gibt- nun, dann spricht man eben von Lohnungleichheit- und die gibt es nachweislich tatsächlich. Sprachlich macht man einen Schlenker- ohne dabei ein Zugeständnis an die Wirklichkeit zu machen- und siehe: Die Wirkung der ursprünglichen Behauptung bleibt praktisch unverändert: Wer kann schon als Unbedarfter zwischen Lohn"diskriminierung" und Lohnungleichheit unterscheiden? Nur die Allerwenigsten- ganz schön tricky, nicht wahr?

THX1138 26.02.2010 | 20:17

Vieleich wäre es empfehlenswert, sich einmal eingehend mit den Gründen für die Lohnunterschiede (nicht "weniger verdienen" oder Lohn"diskriminierung oder, oder, oder) zu befassen. Ausschnitte aus zwei wie gesagt seriösen, wissenschaftlichen Studien, die erste aus der Schweiz:

"(...) In der Privatwirtschaft erhalten Frauen im Schnitt immer noch einen deutlich tieferen Lohn als Männer. Dies ist mehrheitlich darauf zurückzuführen, dass Männer im Schnitt besser ausgebildet sind, anforderungsreichere Stellen besetzen, mehr Leitungsfunktionen auf Kaderstufe ausüben und in den Hochlohnbranchen stärker vertreten sind als Frauen. Nicht der gesamte Lohnunterschied kann jedoch mit diesen und anderen Faktoren erklärt werden. Selbst wenn man berücksichtigt, dass sich Frauen und Männer hinsichtlich ihres Humankapitals und ihrer Anstellungen unterscheiden, bleibt ein Rest von 38 Prozent des Lohnunterschiedes, der mit den vorliegenden Informationen nicht erklärt werden kann."

Von den in der Schweiz verbreiteten 21 Prozent Lohn"diskriminieung" verbleiben also gerade mal noch 7,8 Prozent- doch das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange, wie weite runten beschrieben. Zu gleichen Ergebnissen kommt eine andere Studie aus Deutschland:

"(...) Die multivariate Analyse prüft den Einfluss folgender Faktoren: personenbezogene
(Geschlecht, Alter, Ausbildung, Berufserfahrung, Kinder), betriebsbezogene (Wirtschaftszweig, Betriebsgröße, Frauenanteil, Tarifbindung), funktionale Faktoren (Vorgesetztenposition, Voll-/Teilzeit), regionale Faktoren (Ost/West).

Im Gesamtsample erklären diese Faktoren rund 60 % der Lohndifferenz zwischen Frauen
und Männern, d. h. 40 % bleiben unerklärt. Bei den Berufsanfängerinnen und Berufsan-
fängern erklären diese Faktoren knapp 57 % der Differenz."

In beiden Studien wurden aber sowohl die unterschiedliche Anzahl Überstunden der Geschlechter, als auch die Jahresarbeitszeit in Stunden nicht berücksichtigt- was für die Erklärung der bestehenden Lohnunterschiede zwishen den Geschlechtern äusserst relevant ist. Weitere, weitaus weniger wichtige Faktoren (unterschiedliche Art, Lohnverhandlungen zu führen beispielsweise, Unterschiede beim Verhalten auf dem Erwerbsmarkt ganz allgemein [Motivation bei der Berufswahl]) wurden ebenfalls in beiden Studien nicht berücksichtigt.

Abgesehen davon: Lohnungleichheiten gibt es zahlreiche in der Arbeitswelt, vertikae wie auch horizontale. Alte verdienen mehr als junge, Menschen mit Migrationshintergrund weniger als ohne etc. etc.

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smith 26.02.2010 | 21:33

Nana, die Bundesfamiienministerin ist doch wohl nicht irgendjemand.

"Eine Untersuchung von Hinz/Gartner für die alten Bundesländer zeigt, dass auch zwischen Männern und Frauen im gleichen Betrieb ein durchschnittlicher Lohnunterschied von 15 % verbleibt, bei gleicher Ausbildung und gleichem Alter immer noch von 12 %.“

Dies zitierten Mitarbeiterinnen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf Nachfrage bzgl. Lohnschere.

Was sie nicht zitierten, war das Kapitel „Schlussfolgerungen“:

„Ist die unterschiedliche Entlohnung in den Betrieben nun als Diskriminierung zu deuten? Die methodischen Ausführungen machen klar, dass wir hier keine eindeutigen Antworten geben können.“ Und in Bezug auf die genannten 12 Prozent: „Es würde weiter gehende (und qualitativ angelegte) Untersuchungen erfordern, um die Rolle der Tarifverträge für den geschlechtsspezifischen Lohnunterschied herauszuarbeiten. Die Eingruppierungsmerkmale erklären wohl einen Teil der zwischen unterschiedlichen Berufen bestehenden Lohnunterschiede, schwieriger sind die Einflüsse von Tarifverträgen auf den Unterschied innerhalb der gleichen Job-Zelle abzuschätzen.“

Heißt: Erst eine detaillierte Analyse von Tarifverträgen und Eingruppierungsmerkmalen kann die Frage beantworten, ob und wenn ja in welchem Maße diese 12 Prozent Minderverdienst von Frauen überhaupt auf „Diskriminierung“ zurückzuführen sind. Dann müssten aber auch noch zwei Mängel der Studie ausgemerzt werden: Die in der Studie (auf Seite 27) selbst bestätigte Überschätzung der Berufserfahrung von Frauen und eine Berücksichtigung der von Männern im Durchschnitt höheren Überstundenbelastung, die in der aktuellen Studie vernachlässigt wurde.

Schon v.d. Leyens Vorgängerin im Amt, die SPD-Politikerin Renate Schmidt, hatte erklärt:
„Frauen verdienen ja nicht weniger: bei gleicher Tätigkeit, gleicher Qualifikation und gleicher Berufserfahrung wird es sehr schwer nachzuweisen sein, dass es tatsächlich in nennenswertem Umfang (von Einzelfällen abgesehen) eine ungleiche Bezahlung gibt. ... Ansonsten ist Lohndiskriminierung auch heute schon bei uns verboten. Und jede Frau hat die besten Chancen, eine Klage zu gewinnen, wenn es eine ungleiche Bezahlung bei sonst gleichen Voraussetzungen gibt.“ (Renate Schmidt im Tagesschau-Chat am 3.6.2003)

Last but not least, bilanziert EU-Kommissar Vladimir Spidla:
„Direkte Lohndiskriminierung’, also ungleicher Lohn für gleiche Arbeit ist in der EU fast ganz verschwunden.“

Ihren Verweis, Frau Baureithel, auf jene Studie des Nürnberger Instituts für Berufsforschung möchten Sie bitte mit Namen der Studie und Zitat versehen.

h.yuren 26.02.2010 | 21:56

die diskussion darüber, ob und wie viel und warum frauen weniger verdienen als männer bei gleicher arbeit muss meines erachtens im zusammenhang mit der unleugbaren ungleichheit quer durch alle gesellschaften gesehen werden.
wenn die studienrätin mit zwei kindern eine migrantin zum hausputz engagiert, passt das ins geschilderte bild der ungleichen verhältnisse.
dass im finanzsektor, beim militär und auch anderswo männer die erste riege mit mehr macht und mitteln stellen, spricht, wie es im interview anklang, gegen die traditionellen männergesellschaften.

THX1138 26.02.2010 | 23:12

Und abgesehen davon: Es gibt auch unter Männern unter absolut kongruenten Voraussetzungen (Alter, Ausbildung Betriebzugehörigkeit, Stellung, Abteilung etc.) ungleiche Löhne- das habe ich persönlich schon mehrfach erlebt. Und die Differenz betrug z. T. mehr als 10 Prozent! Warum? Ein Stichwort: Lohnverhandlungen.

Gut, ich komme wieder mal so richtig in Fahrt *räusper*

Schönen Abend!

THX1138 27.02.2010 | 02:02

Jammerlappen? Sie meinen etwa so: Die Debatte um die armen Jungen, aus denen später die armen Männer werden, reißt nicht ab. WissenschaftlerInnen zeigten immer wieder, dass es vor allem allein erzogene Jungen hart treffe, da diese noch Jahrzehnte später ein erhöhtes Depressionsrisiko hätten, weil sie vaterlos aufwuchsen.

Solange wir arbeiten gehen- wie schon seit tausenden von Jahren- und damit unseren ebenfalls anerzogenen Pflichten nachgehen, ist alles in bester Ordnung? Nur murren sollten wir dabei natürlich nicht, das ist schon klar. Einfach machen, was man von uns verlangt.

Wissen Sie, wie es um die Haushalte in unseren Breiten bestellt ist? Wissen Sie wer immer noch zwei Drittel der Erwerbsarbeit verrichtet (was spiegelbildlich den zwei Dritteln der Hausarbeit der Frauen entspricht): Männer natürlich- aber die sind ja auch im Patriarchat organisiert, deshalb! Selber schuld also! Und wissen Sie auch, wieviel Prozent im Durchschnitt Frauen an das gemeinsame Haushaltseinkommen in den ach so modernen Haushalten des 21. Jahrhunderts beisteuern? Ich habe Zahlen, Daten und Fakten auf Lager- bergeweise. Da muss ich mir von ein paar bequemen Dogmatikerinnen nicht sagen lassen, wie die Wirklichkeit aussieht, die sie selber nicht sehen wollen.

In George Orwells “Animal Farm” gibt es sinnigerweise die Figur des Pferdes Boxer, das sich für die Revolution zu Tode rackert, während die Schweine „immer gleicher werden“. Jede Revolution lebt von „nützlichen Idioten”, so auch die Geschlechterrevolution, wie es scheint.

Ulrike Baureithel 28.02.2010 | 16:21

"Erst eine detaillierte Analyse von Tarifverträgen und Eingruppierungsmerkmalen kann die Frage beantworten, ob und wenn ja in welchem Maße diese 12 Prozent Minderverdienst von Frauen überhaupt auf „Diskriminierung“ zurückzuführen sind"

Das bezieht sich aber überhaupt nur auf tariflich a) abgesicherte oder b) im Rahmen von Tarifverträgen geregelte Beschäftigung. Über die Tendenz zu Dumpinglöhnen außerhalb der tariflichen Beschäftigung (a) muss man wenig sagen; bei den leitenden Funktionen greifen Tarifverträge gar nicht mehr (AT-Bereich), da kommt es darauf an, wie Frauen "gehandelt" werden bzw. wie sie sich verkaufen.
Ehrlich gesagt, finde ich das zwar ärgerlich, aber weniger skandalträchtig als die Tatsache, auf die

@h.yuren verweist: Wie kommt es eigentlich, dass die schlecht(er) bezahlte Arbeit letztlich (fast) immer an den Frauen hängen bleibt - egal, ob die Managerin weniger verdient als ihr Kollege oder diese wiederum davon profitiert, dass sie eine polnische Putze anstellen kann oder (der Trend lässt sich gerade in der Schweiz beobachten), die Sorgearbeit auslagert. Der Trend lässt sich gerade in der Schweiz studieren, wo pflegebedürftige alte Leute nach Thailand "exportiert" werden, wo sie billig versorgt werden. Es ging in dem Interview vor allem um diese Aspekte, weil die global viel dramatischer sind als die prozentuale weibliche Diskriminierung. Obwohl die auch nicht schön geredet werden sollte.

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smith 01.03.2010 | 14:36

2007 bilanzierte das Statistische Bundesamt, dass männliche Selbstständige hierzulande auf eine wöchentliche Arbeitszeit von 49 Stunden kommen, weibliche auf knapp 36. Männliche Angestellte verbringen wöchentlich im Schnitt 39 Stunden im Büro, weibliche 30,6. Bei den Arbeitern lautete das Verhältnis: 38 Wochenstunden Männer, 26 Frauen.

Frauen, die Teilzeit arbeiten, verdienen oft mehr als Männer, die dasselbe tun, im Schnitt 22 Prozent.
Schlechter bezahlte Arbeit? Wie kommt das?

Weitere Frage: wie kommt es, dass laut einer Statistik der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung im Zeitraum zwischen 1991 und 2007 stolze 93,8 Prozent aller tödlichen Arbeitsunfälle auf Männer entfielen? Vermutlich weil Frauen schwer damit beschäftigt sind, den Kapitalismus modernisieren.

THX1138 02.03.2010 | 00:06

Smith hat die Antworten- bis auf eine- bereits geliefert.

Warum Frauen weniger verdienen? Wo wollen wir beginnen? Bei den Bildungsabschlüssen- und zwar vor allem bei all jenen jenseits der Unis und Fachhochschulen? Oder bei der Berufswahl (Stichwort MINT-Berufe). Oder bei der unleugbaren Präferenz vieler Frauen (wieviel, weiss ich genau) für Teilzeitarbeiten- häufiger als angenommen übrigens auf freiwilliger Basis, insbesondere dann, wenn noch keine Kinder da sind? Oder...

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smith 02.03.2010 | 00:55

Zum xten Mal:

Wie das Statistische Bundesamt im Juli 2006 mitteilte (www.destatis.de), lassen die Gehaltsdifferenzen bei Mann und Frau nicht zwingend darauf schließen, dass Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden. Verantwortlich seien vielmehr Unterschiede in der männlichen und weiblichen Arbeitnehmerstruktur. Diese seien beispielsweise gekennzeichnet durch Unterschiede im Anforderungsniveau, der Verteilung auf besser und schlechter bezahlte Wirtschaftszweige, der Größe der Unternehmen, der Zahl der Berufsjahre, der Dauer der Betriebszugehörigkeit und des Ausbildungsniveaus.

Eine vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) in Auftrag gegebene Studie „Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern in Branchen, Berufen und Betrieben“ (IAB Discussion Paper Nr. 4/2005) kam zu dem Ergebnis: Wenn Frauen über die gleiche Qualifikation und Berufserfahrung verfügen wie Männer und außerdem „mit gleicher Humankapitalausstattung im gleichen Beruf und Betrieb arbeiten“, beträgt die Lohndifferenz nur noch 12 Prozent (S. 23). Da Männer jedoch weitaus häufiger und in größerem Ausmaß Überstunden machen, würde der Lohnabstand zwischen Männern und Frauen noch geringer ausfallen, wenn man ihn auf die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden bezöge. (S. 27)

Eine Antwort darauf, warum in Teilzeitbeschäftigungen Frauen mehr als Männer verdienen, gibt Gender-Datenreport-Herausgeberin Cornelißen him self.

„Gender-Datenreport“, Bundesfamilienministerium 2005:
„... So liegt der Bruttojahresverdienst von Frauen, die weniger als 18 Stunden pro Woche arbeiten, 2002 bei 122 Prozent des Verdienstes von Männern in dieser Beschäftigungsform. Bei einer Teilzeitbeschäftigung über 18 Stunden pro Woche erreichen Frauen in Deutschland immerhin 96 Prozent des Männerverdienstes“ (S. 178).

Frauen verdienen also bei Teilzeittätigkeiten mit weniger als 18 Wochenstunden durchschnittlich 22% mehr als Männer. Aufschlussreich ist, dass dieser Lohnunterschied nach Aussage der Herausgeberin, Waltraud Cornelißen, dennoch keine Diskriminierung von Männern darstellt, da teilzeitbeschäftigte Frauen im Schnitt besser qualifiziert sind: „Statt einer Diskriminierung von Männern ließe sich bei den teilzeitbeschäftigten Männern als Ursache für ihre schlechtere Entlohnung ein geringes Humankapital vermuten“, heißt es im Report.

Ganz gleich ob Frauen nun schlechter bezahlt werden oder nicht, gleichlautende Vermutungen darüber, warum Frauen schlechter bezahlt werden (geringes Humankapital), sucht man in Stellungnahmen von offizieller Seite erfahrungsgemäß immer vergebens.
Warum nur?

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rahab 02.03.2010 | 01:20

und du bist sicher, dass du das, was du abgeschrieben hast, auch verstanden hast?
ja?
dann erklär mir doch bitte, was du mit diesem deinen letzten absatz
"Ganz gleich ob Frauen nun schlechter bezahlt werden oder nicht, gleichlautende Vermutungen darüber, warum Frauen schlechter bezahlt werden (geringes Humankapital), sucht man in Stellungnahmen von offizieller Seite erfahrungsgemäß immer vergebens.
Warum nur?"
eigentlich sagen willst. besonders erklärungsbedürftig scheint mir die/deine bedeutung von "geringes Humankapital" zu sein.

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smith 02.03.2010 | 15:48

"Doch wenn sie überhaupt in die höheren Leitungsebenen der Wirtschaft gelangen, verdienen Frauen rund ein Drittel weniger als Männer. Woran liegt das?

Das ist zu allererst eine Machtfrage. Der Kernbereich des Kapitalismus hat sich von der Produktion auf den Finanzmarkt verschoben. Und der ist tatsächlich sehr männerbündisch organisiert und ­bildet prototypisch die geschlechts­spezifische Arbeitsteilung in der Erwerbsarbeit ab. Ein Großteil der Beschäftigten in den personennahen Dienstleistungen der Banken und Versicherungen sind zwar teilzeitbeschäftigte und unterbezahlte Frauen. Aber an den Spitzen der Finanzmärkte ­sitzen Männer, die dort ihre männlichen Zockereigenschaften kultivieren, wie die Krise gezeigt hat. Die Frauen dringen in diese Segmente nicht vor, weil sie diese Fähigkeiten entweder nicht ­beherrschen oder nicht in gleicher Weise bereit sind, sie anzuwenden. Zusätzlich neigen Frauen dazu, sich im Arbeitsleben zu ­unterschätzen. Entscheidend aber ist, dass sie nicht reingelassen werden."

Und da wir noch immer auf eine hinreichende Begründung jener Behauptung warten, sollte sie ebenso entsprechend editiert werden. Andernfalls bleibt zu vermuten, dass dieser Thread tatsächlich nur einem persönlichen Kleinkrieg dient.

Ebenso viele Grüße, schönste Tessa.