Ulrike Baureithel
31.12.2012 | 11:09 26

Das Ende der Zukunft

Nachruf Es kommt nicht nur anders, als man denkt, sondern das, was kommen könnte, will man sich gar nicht mehr vorstellen

Das Ende der Zukunft

Dorfbewohner sammeln im russischen Altai-Gebirge Weltraumschrott

Foto: Jonas Bendiksen/ Magnum

Ihr sollt es einmal besser haben als wir!“ Wie oft gesagt, wie oft gehört. Im Tornister der Wünsche ist es das Goldstück aller aufsteigenden Klassen, die dafür leben, dass ihre Kinder einmal über sie hinauswachsen, besser leben, es besser machen mögen. Das mentale Geländer aufgeschobener Bedürfnisse. An ihm hangelten sich die Nachkriegsgenerationen in die höheren Schulen, zuerst die Jungen, später die Mädchen. Heutzutage gedeiht dieser Wunsch höchstens noch im Einwanderermilieu, und auch dort ist er skeptisch grundiert.

*

In den übrigen Schichten grassiert die Angst, dass der Nachwuchs eher absteigen wird, dass die Zukunft unberechenbarer und schwieriger werden wird und nicht mehr pfeilgerade nach oben weist. „Ich möchte heutzutage nicht mehr jung sein“, sagen gelegentlich die ganz Alten, die so viel hinter sich gebracht haben. In einer Gesellschaft, die die Jugend ansonsten zum Gott erhebt, ist das bemerkenswert. Der verhaltene Pessimismus nährt sich weniger aus der Erfahrung vergleichsweise friedlich überstandener sechs Jahrzehnte als aus der Ahnung, an einem Epochenbruch zu stehen, wo vergegenwärtigte Erfahrung keine Brücke mehr in die Zukunft schlägt. Es kommt, wie man ja weiß, nicht nur anders, als man denkt, sondern das, was kommen könnte, will man sich vielleicht gar nicht mehr vorstellen.

*

Sind die fetten Jahre nun vorbei? Die Jahrzehnte, die mit Krisen schwanger gingen, aber sich erst jetzt zu einer globalen ausgewachsen haben? War die Zukunft, um ein Bonmot Karl Valentins auf Substanz abzuklopfen, früher auch schon mal besser? Und wie vertrüge sich ein solcher Befund mit der tief empfundenen Endzeitstimmung zum Beispiel der ausgehenden siebziger Jahre?

*

April 1986. Die Tage nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Ich sehe mich an meinem Schreibtisch sitzen, in der Schlussphase des Studiums, und alles scheint sinnlos geworden. Wir zählen Becquerel und treiben wie torkelnde Vögel durch die Tage. Wer kann, packt Kind und Kegel und schließt sich dem Exodus in unbelastete Zonen an. Wir anderen hocken in Grüppchen zusammen und denken daran, das Studium, den Job zu schmeißen. Noch ein bisschen leben nach dem GAU. Die strahlende Zukunft, an die wir einmal so fest glaubten, hat eine völlig neue Bedeutung bekommen und misst sich in unfassbaren Halbwertszeiten. Stillstehende Zeit. Endzeit.

*

Was damals passiert ist, hat all unsere düsteren Prophezeiungen übertroffen. Aufgewachsen in einer Zeit, in der wir wie Charon die toten Fische aus den kippenden Flüssen holten, die sterbenden Wälder betrauerten und jeden Tag die atomare Katastrophe erwarteten, wurden wir überholt von Tatsachen, die unseren Erfahrungsraum sprengten. Das Jahr 1986 war die Gefühlszäsur, die der politischen Zäsur von 1989 voranging. Der herbeigeredete Untergang, an dessen Nahtstelle eine neue Gesellschaft hätte stehen sollen, war plötzlich real geworden – zumindest in unseren Köpfen. Und dieser Keim des Neuen, von dem uns die linken Geschichtsphilosophen doch weismachen wollten, er stecke da irgendwo untergründig im Alten und müsse nur freigelegt werden, enthüllte sich als ziemlich aggressiver nuklearer Kern.

Zukunft, weiß die Geschichtswissenschaft, ist ein Produkt der Neuzeit. Sie durchstößt die zyklische Zeit der Natur und der Generationen. Mit der kopernikanischen Wende und der Kolonisierung neuer Erdteile reichte der Erfahrungsschatz der Vergangenheit nicht mehr aus, das Neue säte Unsicherheit, aber auch Hoffnung. Musste das Jenseitsversprechen nie einen Beweis antreten, wird die Zukunft im Diesseits nun auf die Folter gespannt. Sie kommt immer beschleunigter auf uns, ohne dass wir die Bruchstücke aus dem Gestern zu halbwegs brauchbaren Wegweisern zusammenklauben könnten.

*

1945. Ein anderer Ausgangspunkt war der sogenannte Nullpunkt. Ein Mythos natürlich, aber er erlaubte unseren Eltern, überhaupt wieder anzufangen, in der einen oder der anderen deutschen Republik. Beide einte das Beschweigen der Vergangenheit, denn der vorangegangene Untergang war so unerträglich, dass kein Steg sonst in die Zukunft geführt hätte. Der eingebrannte Erfahrungsraum, den Reinhart Koselleck als historische Membran gegen den Erwartungshorizont des Zukünftigen absetzt, musste so weit mattiert werden, dass sich Schmerz und Schuld annullieren ließen. Nur so war es möglich, in der einen Republik das ökonomisch Erreichbare, in der anderen das politisch Erwünschte aufscheinen zu lassen. Aus der daraus entstehenden Spannung entsprang die Hoffnung der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, die die Jüngeren beflügeln sollte. Der Bewegungsvektor wies ins All: Auf dem Mond gibt es keine Vergangenheit und keine geisterhaften Untoten.

*

In den sechziger Jahren, behauptet der Historiker Lucian Hölscher, schwang sich der vielleicht letzte stabile Zukunftszyklus auf. Die damalige technische Dynamik und die breit gefächerten sozialen Entwicklungschancen in Europa ermöglichten noch einmal eine optimistische Orientierung nach vorne. Selbst als die aufkommende Studentenbewegung begann, den verdunkelten Hintergrund zu erhellen und nach der Verantwortung für Krieg und Holocaust fragte, war das eine Art Übersprungshandlung. Das weit aufgerissene Fenster in die Zukunft war nur zu haben um den Preis der eigenen Schuldabwehr. Denn das, was dem Schweigen der Eltern entrissen wurde, war zu ungeheuerlich, um einfach in die Textur des Künftigen eingewoben zu werden. Es war nicht nur der ökologische Preis des Fortschritts – die siechende Natur, die dahin schmelzenden Ressourcen –, der uns ein Jahrzehnt später in die apokalyptische Agonie trieb, sondern vielleicht auch die Ahnung, dass kein „ganzheitlicher“ Zukunftsfuror diesen Zivilisationsbruch je mehr würde heilen könnten.

*

Als 1989 die Geschichte dann die letzte gesellschaftliche Utopie kassierte, waren die Erwartungen schon sehr gedämpft, weil von den Erfahrungen blamiert. Zwar hatte niemand den Zusammenbruch des sozialistischen Lagers auf diese Weise prognostiziert, aber es gab Hinweise darauf, dass die auf die Ewigkeit gedachte Systemkonkurrenz enden würde und an ihre Stelle nicht unbedingt das treten würde, was Zukunft seit der Neuzeit immer verspricht: Verbesserung, Vervollkommnung.

*

Die alten Zukunftsentwürfe haben ihre teleologischen Weihen verloren. Wer noch an eine utopisch aufgeladene Zukunft glaubt, erscheint naiv oder ignorant. Wir sind ernüchtert durch Erfahrung und haben unsere Hoffnungen heruntergeschraubt in einer informationell zusammengeschrumpften und gleichzeitig unendlich beschleunigten Welt. Die einzige Sicherheit ist die Unsicherheit und dass alles mit allem so fragil verknotet ist, dass schon der berühmte Schmetterlingsschlag alles zum Einsturz bringen kann. Die Zukunftserwartungen haben sich verkürzt auf das Börsenbarometer des heutigen Abends und den Zins auf dem Tagesgeldkonto.

*

Es ist schon ein Paradox: Während die Modelle der Klimaexperten weit in die Zukunft weisen und wenig Gutes prognostizieren, Wissenschaftler die Endlichkeit natürlicher Ressourcen voraussagen und selbst optimistische Ökonomen dem Kapitalismus nur noch wenig Selbstheilungskräfte bescheinigen, kurz: Während unser Wissen um die Zukunft sich immer weiter ausdehnt, ist unser Verhältnis zu ihr kleinmütig geworden. Mit uns zieht keine „neue Zeit“ mehr, sondern wir ziehen der schnelllebigen Zeit hinterher. Je globaler die Welt, desto partikularer die Erwartungen und desto „gesprungener“ das Bewusstsein vom Gesamtzusammenhang.

*

1992 läutete der Politologe Francis Fukuyama mit seinem gleichnamigen Buch das Ende der Geschichte ein. Er glaubte, durch die Suspendierung konkurrierender Gesellschaftsmodelle hätten sich alle Widersprüche erledigt und die Geschichte habe ihr höchstes und letztes Niveau erreicht. Aus dieser Perspektive könnte die Zukunft also nur noch besser werden. Wir werden sehen. Morgen. Und vielleicht sagen: Gestern war die Zukunft auch nicht besser.

Kommentare (26)

iDog 31.12.2012 | 13:52

… schön geschriebener Artikel, der uns allerdings mit Aufzählungen des Symptomatischen und daher recht Offensichtlichen alleine lässt. Kein Wort zur ursächlichen Ideologie als Transporteur einer ehemals hohen wenn auch irrealen und illusorischen Zukunftserwartung.  

Der so genannte "demokratische" Kapitalismus als initiativer brainwash, der eben nicht nur auf ideologisch-propagandistischer sprich medial -"edukativer" Ebene verordnet wurde und weiterhin verordnet ist, sondern auch per Staatsgewalt und daher auch tatsächlich mit physischer Gewalt in Form von Staatsterrorismus an der Tagesordnung ist und war, selbst schon in Zeiten als "jedermann" sich noch eine goldene Zukunft weismachen lassen wollte und weismachen lies, .... genau dieses implizite Versprechen einer besseren Zukunft mit allgemeinen Bildungschancen, Chancengleichheit, Egalität und Gerechtigkeit, die einer Demokratie wirklich entsprechen würde, wird im Artikel merkwürdigerweise erst gar nicht angesprochen. 

Nur die elenden und mediokren Nebeneffekte und Konsequenzen eines auf Gewalt basierenden Herrschaftssystems werden zur bitteren Erkenntnis versammelt. Dies alles wohl bemerkt bei gleichzeitiger Kenntnis von der Existenz seit langem bestehender kritischer Prognosen und Analysen zu genau dieser Ideologie, diesem Kapitalistischen KO-System. Es kommt ja dann also doch alles nicht so unerwartet wie man heute gerne tun würde und tut, sondern, nein, gerade die meist diskreditierten Kritiker und Denker einer Zeit, in der es noch möglich gewesen wäre die Entwicklungen zu überdenken und zu korrigieren, behalten, Ironie der Geschichte, recht. Sie haben immer gewusst, dass Kapitalismus und Demokratie nicht kompatibel sind, dass Kapitalismus eine Geschäftsmodell der Krise anderer ist, die einen letztendlich aber selber treffen muss. Aber ein allgemeines Verständnis selbst des alltäglichsten Phänomens dieser Kultur genannten Wirtschaftsdogmen durften nicht und werden noch immer nicht konsequent hinterfragt, geschweige denn in Frage gestellt. Daran ermisst sich die Tiefe einer mythostriefenden und mit extremer Gewalt verteidigten Gläubigkeit, die nicht weiter von einer Wirklichkeitsorientiertheit entfernt sein könnte während sie versucht Wirklichkeit zu erzwingen. 

Der im Artikel konstatierte Mangel an Zukunft(sgläubigkeit) ist mithin nichts weiter als ein erstes Anzeichen, dass man nun langsam, trotz vehementer Bemühungen durch mediale Propaganda von Seiten der herrschenden "Elite", vom Glauben abfällt. Punkt. 

Nicht rationales und logisches Denken, das immer aus der Erfahrung und der Analyse heraus zu antizipieren weis, sondern die pure Ent-Täuschung durch das nicht gehaltene Versprechen der Herrschaftsideologie bezüglich einer  erträgliche Zukunft für alle durch den Kapitalismus, bringt schlicht und einfach eben keine imaginäre Zukunft oder Hoffnung mehr hervor. 

Mehr noch: alle aktuellen Fakten sprechen gegen die vermeintliche Potenz dieses ideologischen Konstrukts jemals Zukunft überhaupt hervorbringen zu können. Gerade das lässt Behauptungen wie die Fukujamas zu dem werden, was sie immer waren: ideologische Girlanden um nicht zu sagen potemkinsche Dörfer. Im Gegenteil zu seinen Ausführungen war  Geschichte schon lange nicht mehr so virulent wie gerade jetzt und ein "Ausbruch" von Geschichte, von vielen als Krankheit gesehen, muss nicht immer Krieg bedeuten, sondern kann auch Genesung bringen - "Krankheit als Weg". 

Das Ende der Geschichte eines Fukujama bedeutet nicht weniger als eine weitere totalitäre Entmündigung des einzelnen, des Bürgers. Geschichte aber ist im besten Fall die aktive und verantwortlich Einflussnahme eine jeden auf das, was wir Wirklichkeit nennen. Dazu braucht man nicht mal eine Vision oder gar utopischen Glauben. Ganz im Gegenteil muss man sich nur klarzumachen bereit sein, dass man seine Zukunft, die der Gesellschaft, wie unvorhersehbar diese auch sein mag, nur als solche verteidigen kann, indem man sie selber in die Hand nimmt. 

Über den ideologischen Beschissmus einer politischen Kaste von korrupten und selbstreferenziellen Wasserträgern der Finanzeliten wird es zu keiner Zukunft und zu keiner Demokratie kommen können. In der Hinsicht kann man wirklich nur auf sich selbst vertrauen. 

Und so ist der uns alle betreffende Satz aus dem Artikel : "Denn das, was dem Schweigen der Eltern entrissen wurde, war zu ungeheuerlich, um einfach in die Textur des Künftigen eingewoben zu werden" nicht grundlegend falsch, aber im Kontext irreführend.  Gerade das Versäumnis diese "Ungeheuerlichkeiten" - eines kapitalistisch orchestrierten Faschismus mit seinen Genoziden und seinem Weltkriegs - konsequent zu dem zu erklären, was sie wirklich sind, lässt uns heute an der Schwelle eines weiteren Totalitarismus des Kapitals erschreckt resignieren. Die Angst vor der Dummheit der Macht war und ist stärker als das Vertrauen auf den eigenen gesunden Menschenverstand, den man sich wohl gerne einbildet, der aber offensichtlich nicht praktiziert wird. 

Jetzt wird es Zeit dazu. Die herrschenden Eliten waren lange nicht so schwach hier heute. Geschwächt durch das eigen Krisenmodell. Lässt "man" den Zeitpunkt der Krise verstreichen, wird dieselbe Elite und nur sie gestärkt daraus hervorgehen mit einer weitere Runde ihres totalitären Geschäftsmodell der Verschuldung, der Verdächtigung, der Versklavung, des Elends und des Todes der anderen. 

"Geschichte" ist schon lange und immer wieder die zwischen der Angst der Kollaborateure und der des Mutes der Resistence behauptete Macht an sich zu negieren. Fatalität und Zufall gibt es insofern nicht. Die "Zukunft" ist immer eine Entscheidung und das Gerangel um die Frage wer diese trifft. Diese Entscheidung sollten wir gemeinsam treffen, oder?

Ravelstein 31.12.2012 | 13:53

Schöner Artikel!

 

Der Artikel beschreibt das Gefühl unserer Zeit sehr treffend. Ich kann diese Einschätzung aber nicht ganz teilen. Die 90er haben mit dem Ende der Ideologien, dem Kult um den Spaß zu einer beispiellosen Entpolitisierung geführt. Jetzt wo es wieder mehr ins allgmeine Bewusstsein tretende politische Probleme gibt, stehen die Menschen allein da. Kollektive Probleme werden als individuelle erfahren. Lösungen sind so nicht zu erwarten. Statt des Auflehnens bleibt nur das Hadern, die Illusion und die Depression.

 

Auf der anderen Seite sind wieder zarte Pflanzen der Repolitisierung  zu sehen, sowohl auf der Linken, als auch der Rechten. Radikale religiöse Bewegungen gewinnen zudem an Zulauf. Das "Zeitalter der Ideologien und der Extreme" hört nicht einfach auf zu existieren, nur weil wir es ausblenden.

Die wirtschaftlichen Eliten haben in den letzten 30 Jahren einen beispielhaften Siegeszug angetreten. Ideologie war nie vorbei, auch wenn die vorherrschende Ideologie, die Ideologiefreiheitimmer  für sich in Anspruch nahm und nimmt.

Dem gilt es etwas entgegenzusetzen, postmoderne Gedanken- und Sprachspiele wieder auf ihren Platz zu Hobbies und Kunst zu verbannen und sich wieder auf die Ideen und die Politik zu stürzen.

Es wird keine einfache Zeit, aber sicher eine spannende und eine wichtige Zeit. Zeit die Gefühle der Vereinsamung zurückzulassen, den Kopf aus dem Sand zu nehmen und sich den gesellschaftlichen Problemen zuzuwenden. Denn auch das kann sehr erfüllend sein - auch wenn das nicht bei vielen angekommen ist. Es wird Zeit!

Avatar
Ehemaliger Nutzer 31.12.2012 | 17:38

Ich freue mich über diesen unprätentiösen Artikel, der einige Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte aus der Blickwinkel einer Generation beobachtet.

Ideologisch verstrahlte Einordnungen zu meiden, wäre eine gute Herangehensweise, denke ich. Gesunde Ratschläge kann man nicht aus verseuchten Quellen holen.

Wir stehen am Ende eines Zeitalters, dessen Versprechen stumpf und hohl geworden sind. Etwas Neues beginnt zu keimen, wir können es noch nicht sehen, geschweige denn benennen.

Bescheidenheit. Keine neuen Versprechen. Unaufgeregt sein. Ein schlichtes Wohnen im Hier und Jetzt in den Mittelpunkt stellen.

Unsere Lektion haben wir gelernt: Wegweiser mit der Aufschrift 'Paradies' führen geradewegs in die Hölle.

Oberham 01.01.2013 | 12:35

... ich finde es nur gerecht, sollen endlich global die gleichen, furchtbaren Verhältnisse herrschen.

Wir hatten über sechs Dekaden lang, den Platz im Paradies, doch der gründete auf den Knochen von Millionen und Milliarden.

Das Fundament ist inzwischen verwest, somit bricht für die Masse der Grund unter den Füßen weg, sie dürften sich künftig eines besseren Gewissens erfreuen.

Der Rest wird Lebenskunst.

JR's China Blog 01.01.2013 | 18:54

Kollektive Probleme werden als individuelle erfahren.

Die "Entpolitisierung" war aus meiner Sicht keine Besonderheit der 1990er. Ich kenne aus der Altersgruppe derjenigen, die in den 1970ern ihre Ausbildung machten und Gesellen wurden, jede Menge Döntjes davon, wie "stark" sie sich gegenüber ihren Arbeitgebern fühlten, wenn sie für ein paar Pfennige zur Konkurrenz wechselten. Perspektive? Egal. Die politische Klasse machte in den 1970ern keine schlechten Angebote - aber die Gesellschaft als Ganzes war m. E. nicht klüger als heute, oder irgendwo dazwischen.

Aber wie die Zukunft aussieht, macht sich an unseren Entscheidungen heute fest: daran, was wir einfordern. Eine Story aus dem Verhältnis der Politik - und der Presse - zur Meinungsvielfalt habe ich hier zusammengefasst. Ich will das allgemeine Schweigen - auch "Linker" - darüber nicht überbewerten. Aber ich werde skeptischer gegenüber Utopien - sowohl denen, die uns 1989 angeblich "abhanden kamen" (das waren doch wohl eher real existierende Albträume), als auch jeder Menge anderer - hier gehandelten - Utopien gegenüber. Ich bezweifle, dass wir erst eine andere wirtschaftliche Ordnung bräuchten, bevor z. B. Zeitungen unabhängig berichten könnten. Die "Marktlücken" für die Presse der Zukunft liegen nämlich ganz sicher nicht darin, systemische Rücksichten zu nehmen.

Die Zukunft liegt für die Zeitung der Zukunft darin, sorgfältig zu recherchieren und bei den Ergebnissen auf Peers, Konkurrenten und auf das Establishment keine falsche Rücksicht zu nehmen. Lesen will die Öffentlichkeit das sowieso.

Und dann? Dann beginnt nicht unbedingt die "Revolution". Aber vielleicht der Reparaturbetrieb. Der ist sowieso fast immer die bessere Wahl.

So gesehen fällt es mir leicht, Cebee zuzustimmen: es gibt keinen Grund zum allgemeinen Pessimismus.

Wir müssen uns aber rühren, wenn's besser werden soll. Die 1960er oder 1970er waren nicht der Normalfall der Geschichte, zu dem man einfach zurückkehren kann. Die Bedingungen dafür, es zur Abwechslung mal wieder besser zu machen, sind heute nicht besser oder schlechter als früher. Sie sind nur anders.

Rupert Rauch 02.01.2013 | 22:15

Ja, so fühlen sich Systeme vor dem Zusammenbruch/Umbruch an.

Die alten Ideen, Ideale und Ideologien haben sich großteils (nicht alle) überlebt, sind gescheitert oder kämpfen mit großen Problemen.

Der Zustand tut weh und ist depremierend, aber nicht stabil.

Die Energiewende ist am Start und unerwartet erfolgreich, auch wenn sie mit schwarz-gelben Konterrevolutionären zu kämpfen hat.

Die Demokratie wandelt sich hin zu echter Volksdemokratie, auch wenn die alten Protagonisten strampeln, schimpfen und ihre illegitime Macht verteidigen.

Die autoritäre EU wankt, das Ende des Euros werden wir hoffentlich noch dieses Jahr sehen. Das macht endlich wieder den Weg frei für überschau- und planbare nationale Projekte und Entwicklung.

Weltweit stürzen jahrzehntealte Regime, auch wenn die Nachfolger noch um ihre Perspektiven ringen, keine uneingeschränkt schlechte Entwicklung.

Am spannendsten wird die ökonomische Entwicklung sein, in der die alte Ideologie zwar als rundherum gescheitert betrachtet werden kann, aber noch keine gleichstarken Alternativen zu beobachten sind. Zwischen Protektionismus, BGE, Freiwirtschaft und keynesianischen Versuchen könnten einige Experimente stattfinden.

Wir wissen nicht was kommt, aber ich hoffe es wird ein unblutiger Umbruch an vielen Fronten sein. Den Pessimismus teile ich nur in der kurz-mittelfristigen Perspektive, Merkel und Schäuble sind eine unheimliche Gefahr für D und die Welt, auch Amerikas Konflikte und die Zündler weltweit machen mir Angst. Mal sehen...

 

Hfftl 02.01.2013 | 22:54

Man kommt an Oswald Spengler nicht vorbei. Auch wenn man ihn nicht sympathisch findet - er behält recht. Der "Westen" (Neusprech-Äquivalent für das altmodische "Abendland") hat den Übergang von der (sinnstiftenden) Hoch-Kultur zur reinen Zivilisation endgültig abgeschlossen. "Werte" als Orientierungshilfe für die Lebensführung sind nicht mehr allgemein verbindlich (auch dann nicht, wenn sie etwa als Menschenrechte auf diesem und jenem geduldigen Papier stehen), sie werden immer individueller, immer beliebiger, immer bedeutungsloser und verrotten immer schneller. Und dies im Rahmen der "zweiten Religiosität", die Spengler ebenfalls konstatiert hat und die heute überall mit Händen zu greifen ist.  Insofern hat auch Fukuyama teilweise recht mit seinem "Ende der Geschichte" - aber nur in Bezug auf den "Westen". 

In welchem Teil der Welt der Keim zu einer neuen Kultur (und damit auch einer neuen Geschichte) liegen könnte, ist offen. Spengler vermutete sie in Russland, ohne dies allerdings zureichend zu begründen. Vielleicht entsteht sie auch in Afrika, wer weiß, wann. Durchaus denkbar ist freilich, dass die kulturlos gewordene westliche Zivilisation - mehr noch als in der Antike das römische Kaiserreich - auf längere Zeit hinaus die Macht behalten wird, neue Kulturen schon im Keim zu ersticken.

 

Lazy Harry 03.01.2013 | 07:07

Mir hat der Artikel ausserordentlich gut gefallen und mich dazu veranlasst, mich bei Der Freitag zu registrieren. Ich konnte gefühlsmässig mitschwingen und kann mich oben genannten Kritiken nicht anschliessen.

Eine umfassende Gesellschaftskritik habe ich nicht erwartet und wäre wohl etwas schwere Kost gewesen.

Die persönlichen Erfahrungen der Autorin z.B. in Bezug auf Tschernobyl fand ich auch sehr lesenswert.

 

Vielen Dank

LH

Weiter-Denken 03.01.2013 | 09:36

Winston Churchill: „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen.“

Zu einer aktuellen Bestandsaufnahme und Orientierung bietet sich das Buch des Historikers Ian Morris an: "Wer regiert die Welt?: Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden." Daraus stammt das Churchill-Zitat, und Morris verwendet zudem eine Persepktive im Sinne dieses Zitates, nämlich die evolutionäre Perspektive.

 

Lösungsvorschlag von dieser evolutionären Perspektive her: Der Mensch muss sein eigentliches Wesen zum Lebenssinn und zum Maßstab für sein Wachsstumsverständnis machen, nämlich sein geistig-kulturelles Wesen. (Dieser Lösungsvorschlag steht nicht bei Morris).

Aussie42 03.01.2013 | 10:16

Ein gelungener Artikel und viele Kommentare ergaenzen lesenswerte Aspekte zur Zukunft der Zukunft.

Ernsthaft zukunftsglaeubige Menschen leben heute, wie mir scheint,  vor allem in der dritten Welt: Menschen, die alles daran setzen (wenigstens ein bisschen) so zu leben wie die Leute in der ersten Welt.

 

Doch @Oberham hat Recht.  Die Realitaet bewegt sich genau in Gegenrichtung.  Darum kann man die Zukunft der ersten Welt  schon jetzt in Indien, Indonesien oder Lateinamerika besichtigen.

Aber auch da leben jetzt schon Berliner.

 

Ulrike Baureithel 03.01.2013 | 11:24

Ich danke den verschiedenen Leserinnen und Lesern für den Zuspruch, der mit dem Wunsch verbunden ist, dem neuen Jahr nicht ganz so pessimistisch entgegenzusehen wie es der Beitrag offenbar zu implizieren scheint - das war nicht meine Absicht, denn er endet ja mit der Einsicht, dass die Zukunft früher auch nicht so viel besser war. 

In diesem Sinne Dank an alle kritischen Ergänzungen und weiteren Perspektiven.

Lieschen 03.01.2013 | 15:30

Interessanter Beitrag, aber ein bisschen neben der Spur. Was in dem Beitrag nur hie und da nebenbei anklingt, tatsächlich aber das Hauptthema sein müsste: Die Ängste und der Pessimismus  haben kaum eine reale Grundlage sondern sind im wesentlichen nur unreflektierte Gefühlsduselei. Die westdeutsche (im Osten war das kaum ein Thema, trotz Westfenrsehen) Urkatastrophe Tschernobyl, die Sie offenbar in eine ähnliche Stimmung versetzte wie Georg Trakl beim Ausbruchdes 1.WK, ist außer in der Ukraine selbst weitestgehend folgenlos geblieben. Die Endlichkeit natürlicher Ressourcen (ürbrigens eine BInsenweisheit, die nicht erst von Wissenschaftlern "vorausgesagt" werden muss, war global gesehen nie ein Problem und wird höchstwahrscheinlich nie eins sein. Luft, Gewässer und Böden sind heute sauberer denn je, dem toitschen Wald geht es gut usw. Wir leben besser als alle Generationen vor uns, noch der letzte Hartz-IV-Empfänger hat einen unendlich höheren Lebensstandard als Ludwig XIV. Der (sehr geringe) Preis, den wir dafür zahlen, sind so Sachen wie eine gewisse Unsicherheit, gelegentliche Krisen... Diese Petitessen reichen abr aus, um den wohlstandsverwahrlosten Jetztmenschen in tiefe Depressionen zu stürzen. Mein Tipp:  Untersuchen Sie doch mal die psychologische Seite des Ganzen, DAS könnte mal ein interessantr Beitrag werden.

Konfuzikuntz 05.01.2013 | 00:56

In der Tat trifft dieser Text exakt den Kern des spenglerschen Lebensgefühl: Wir steigen sehend hinab.

Wobei das nichts Neues ist. Spengler schrieb ihn vor 100 Jahren auf.

Dass der Übergang zu einer seelenlosen Funktionswüste vollumfänglich abgeschlossen ist, würde ich allerdings bestreiten. Wir sind zwar in der Tat für Spengler jenseits der "Kultur", einer Einschätzung, der man leider zustimmen muss, wenn man sein Denken kennt. Das Lebewesen Abendland ist durch und durch "verholzt". Das heißt aber noch nicht, dass es tot ist. Das langsame Untergang erfolgt bis 2200. DANN steht die abendländische Welt da wie ein toter Baum - der irgendwann fällt. "Grüne" Fragen - die Spengler "erst" 1931 in Der Mensch und die Technik behandelte können die Prozesse - und den schließlichen Schlag von Außen - durchaus beschleunigen oder verstärken.

Mit der zweiten Religiosität haben Sie recht. Die ist eigentlich schon da. Die Sehnsucht nach der Rückkehr zum Wesentlichen - in konsumierbarer Form.

Allerdings täuscht man sich, wenn man die Kulturmorphologie aus dem Untergang des Abendlandes für das entgültige Denken Spenglers hält. Der Spengler von 1930 war nicht mehr der Denker solierter "Monaden" von 1913. Dazu war die Welt auch zu schnell zusammengewachsen. Und sie wird keine isoliert aufwachsenden Kulturen mehr sehen. Die Formensprache wird sich global vereinheitlichen. In toter, "zivilisierter" Form. Die modernen Städte Chinas, Russlands, Arabien - sie sehen alle gleich aus. Hochhäuser.

Die "in rasenden Sprüngen dem Abgrund" nähernde Weltgeschichte könnte durchaus noch einer gewissen Tendenz zu einer (kulturfeindlichen) Globalzivilisation sehen, ehe die Geschichte der "Hochkulturen" in einer Wechselwirkung von Überbevölkerung, Umweltzerstörung, Artensterben, Versteppung und ewigen Kriegen um letzte Rohstoffe und schließlich - eher mit Keulen als mit Lasergewehren - um Wasser schließlich endgültig abschließt.

Die ursprünlich eher auf die Kommerzkultur im Vergleich zu Goethe und Schiller gemünzte Perspektive des "sehenden Abstiegs" - sie passt durchaus auch auf die globalen Perspektiven der nächsten Jahrhunderte.

ebsw 05.01.2013 | 10:39

Lamento der Eingerichteten

Die Überschrift ist verräterisch: "...was kommen könnte, will man sich gar nicht mehr vorstellen.."

 

Der Artikel strotzt von Hoffnungslosigkeit. Vielleicht sollte Frau Baureithel mal an Selbsttötung denken...;-). Ich hätte es bei so viel Hoffnungslosigkeit schon getan. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Hier ist sie schon gestorben. Im Unterschied dazu habe ich noch viel zu viel Sehnsüchte, habe viel zu viel Neugier in mir und natürlich auch jede Menge Zorn, um schon alles fahren zu lassen. Kurz gesagt, ich bin mit meiner Veränderungswut noch nicht am Ende. Und ich weiß mich mit Milliarden Menschen darin eins - ändere die Welt, wie sie es braucht. Schon dieser Aufgabe wegen gibt es eine Zukunft, die hoffen läßt.

Frau Baureithel zeigt uns hier den Letzten Menschen - einem Erdfloh gleich. "Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können..."

Frau Baureithel hat dieses Chaos offenbar verloren.....Schade für sie.