Ulrike Baureithel
06.02.2013 | 12:09 70

Der Kern des Spektakels

Titelentzug Hinter der Aufregung um die Aberkennung von Annette Schavans Doktor-Titel steht auch ein Bedürfnis: Viele wünschen sich eine redliche Wissenschaft

Der Kern des Spektakels

Foto: Sean Gallup / Getty

Doktorarbeiten exponierter Persönlichkeiten waren schon immer Gegenstand politischer „Wühler“. Erinnert sei an die Tiefenschürfungen in der Dissertation von Helmut Kohl, dem man zu gerne reaktionäre oder gar revanchistische Weltsicht nachgetragen hätte. Der ideologiekritische Impuls, der früher einmal diese Grabungsarbeiten anleitete, ist gänzlich unmodern geworden.

Heute müssen sich Politiker nicht mehr vor verdächtigen Inhalten einer längst vergessenen akademischen Arbeit fürchten, sondern davor, den Inhalt nicht auf ihren Urheber zurückgeführt zu haben. Das ist in einer Ära, in der das Urheberrecht wie nie zuvor zur Disposition steht und der unbekümmerte Wissenstransfer zum politischen Aushängeschild avanciert ist, doch immerhin bemerkenswert.

Annette Schavan ist die zweite aus dem Kabinett Merkel, die nun über den laxen Umgang mit fremdem Wissen stolpert. Die entschiedene Willenserklärung der Universität Düsseldorf, den Doktorhut zurückzunehmen, kam am Ende nicht ganz unerwartet, nachdem zunächst alle Diskretionsgrundsätze verletzt und die öffentliche Kampagne gegen Schavan angelaufen war. Im Unterschied zu Karl-Theodor zu Guttenberg, für den sich Schavan damals öffentlich „schämte“, hat sie sich zwar nicht des Copy-Paste-Verfahrens schuldig gemacht, sich aber eben doch mit fremden Federn geschmückt.„Systematische“ und „vorsätzliche“ Täuschungsabsicht erkannte der Fakultätsrat in der vor 33 Jahren verfassten Dissertation „Person und Gewissen“. Er begründet seine Entscheidung mit dem „öffentlichen Interesse am Schutz der Redlichkeit wissenschaftlichen Qualifikationserwerbs“.

Für die Bildungs- und Forschungsministerin, die nun ohne jeglichen akademischen Abschluss dasteht und, falls ihre Klage nicht erfolgreich ist, auf jeden Fall ihre Professur verliert, bedeutet das nicht nur den beruflichen Ruin, sondern auch eine schwere Rufschädigung. Umso mehr, als sie im Vorfeld nicht davor zurückschreckte, die von ihrem Ministerium finanzierten Wissenschaftseinrichtungen für die Rettung ihrer Reputation in Anspruch zu nehmen. Damit hat sich Schavan völlig überflüssig ein zweites Glaubwürdigkeitsproblem eingehandelt.

Aber ganz abgesehen von ihrer Person und der Schwere ihres wissenschaftlichen Vergehens wirft der Fall wieder einmal die Frage nach dem Kern des Spektakels auf. Warum fordern mittlerweile 82 Prozent der Bevölkerung den Rücktritt der Ministerin, obwohl akademische Lauterkeit keine breitflächig verteidigte Tugend sein dürfte und Zitierregeln dem gesunden Menschenverstand eher ferne stehen?

Vielleicht, weil die Wissenschaft als letzte Bastion der Redlichkeit gilt, als eine Insel der Seligen, auf der Uneigennützigkeit gepflegt werden soll. Das ist zwar ein Irrglaube, der aber gerne aufrechterhalten wird, um den Ruf der freien Forschung zu verteidigen und immer wieder Reinigungsrituale inszenieren zu können, bei dem zwar der Körper der Königin fällt, symbolisch aber dennoch weiterlebt.

Annette Schavan hat diesen Akt vorerst nun verweigert, indem sie nicht an Rücktritt denkt. Offenbar vertraut sie auf den Erfolg ihrer Klage, der sie auch nach den Bundestagswahlen im Amt halten könnte, falls Angela Merkel siegt. Doch auch sie ist mit der Beschädigung einer ihrer engsten Vertrauten geschwächt. Eine gute Nachricht aber gibt es: Für kommende Politikergenerationen dürfte sich die alte akademische Regel „Hauptsache Titel“ erledigt haben.

Kommentare (70)

Helmut Eckert 06.02.2013 | 12:40

Diese Frau ist zu bedauern. Ob wir sie demnächst in der Schlange der Wartenden im Jobcenter sehen werden? Vielleicht bemüht sie sich dort um einen geeigneten  Ein- Euro – Job? Wir wollen doch nicht, dass diese verdiente Politikerin am Hungertuch nagen muss und eventuell sich ihr Zubrot an einer Suppenküche  und  der  Tafel holen muss! Ob ihr nun Hatz IV Bezüge nach einem Jahr Arbeitslosigkeit zustehen? Fragen über Fragen… sie beschäftigen die Welt.. oder?

Avatar
Ehemaliger Nutzer 06.02.2013 | 12:58

Es geht um mehr als um wissenschaftliche Redlichkeit, obwohl auch das für einen Amtsträger schon schwer wiegt. Es geht um die Neutralität der Amtsträger schlechthin. Das ist es, was die Bürger erwarten. Und es geht natürlich auch um eigene Leistungen. Wer sich mit fremden Federn schmückt, ist nicht gut angesehen bei uns. Denn, von Nassauern halten wir nichts: "Es handelt sich bei einem Nassauer in dieser Wortbedeutung also um jemanden, der vorgibt etwas zu sein, um dadurch einen Vorteil zu erlangen."

Meyko 06.02.2013 | 13:05

Danke für den Beitrag. Die gute Frage nach dem Kern des Spektakels und warum mittlerweile 82 Prozent der Bevölkerung den Rücktritt der Ministerin fordern.

Na, vielleicht ja , weil die Bevölkerung alles in allem eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit verspürt und dort, wo diese offensichtlich und nachprüfbar wird und sie außerdem keine persönlichen Nachteile zu erwarten haben, da kann man sich eventuell auch mal eindeutig äußern. (Schavanplag und Fakultätsrat: [… ]dass die damalige Doktorandin systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hat[…])

Und zur Ankündigung einer Klage:

"Offenbar vertraut sie auf den Erfolg ihrer Klage, der sie auch nach den Bundestagswahlen im Amt halten könnte, falls Angela Merkel siegt." Falls ich Frau Schavans Strahlen vor der Presse denn richtig gedeutet habe, lautet meine Vermutung: Sie nutzt den "Klagestatus" um weiteren Nachfragen der Medien problemlos ausweichen zu können. Einwandfrei begründet, mit dem Hinweis auf den anstehenden Rechtstreit, verweigert sie jegliche Auskünfte. Und so ein Rechtsstreit kann sich laaange hinziehen.

anne mohnen 06.02.2013 | 14:20

@ Support Danke für die Löschung meines "Foppelt-" und Dreifacheintrags!

@ Baureithel

„Vielleicht, weil die Wissenschaft als letzte Bastion der Redlichkeit gilt, als eine Insel der Seligen, auf der Uneigennützigkeit gepflegt werden soll. Das ist zwar ein Irrglaube, der aber gerne aufrechterhalten wird, um den Ruf der freien Forschung zu verteidigen und immer wieder Reinigungsrituale inszenieren zu können, bei dem zwar der Körper der Königin fällt, symbolisch aber dennoch weiterlebt.“

 

Liebe Frau Baureithel, Fälschungen, Blender sind keine Seltenheit in den Wissenschaften. Das ist bekannt, sowie ja auch Steuerhinterzieher an der Tagesordnung sind, wobei die im Unterschied zu Taschendieben,  schreinen können: „Selbstanzeige“!

Was ist des Artikels "Pudels Kern"? Ist das ein toller Faschingsbeitrag! Dann: „Strüssje, Kamelle der Prinz kütt“? Die „überführte“ Schavan als schaministisches Reinigungsopfer auf dem Altar von Männern. Was für ein Opfer war dann weiland Guttenberg – ein „Amphitryon“ der Berliner Amazonenwelt? Ist das nun die Rolle rückwärts  in Sachen Bildung, nachdem man bei dF 2011 den Fall Guttenberg "zu Tode geritten" hatte?

Was das Weiterleben der Königin anbelangt, scheint mir  "der Kern" zu sein: Merkel hat nun die dritte Amtsbeschädigung nach zu Guttenberg und Wulff zu verantworten. Sollte Merkel weiterhin gute Karten für die nächste Legislaturperiode haben? Vielleicht nach dem Motto: „Die Bildungsrepublik Deutschland III“. Lustig wäre auch die Ernennung eines Finanzminister, der nicht nur sein aus Steuerhinterziehung erworbenes Vermögen auf die Cayman-Inseln auslagerte, sondern öffentlich seine Klientel dazu ermunterte, schon wegen der Notlage, die dort seit neuestem herrscht. Dann fühlte sich nicht nur der kleine Taschendieb endlich wieder wohl in seiner Haut;  Z.B. an den Unis könnte man „organsiert“ zinken und blenden, was das Zeug hält. Und vor allem das Unipersonal wäre entlastet, das müsste ohne große Prüfung nur  mehr seinen „Friedrich Wilhelm“ unter all die mediokren Arbeiten setzen. Letzteres bleibt ja auch wieder außen vor  bei der  "Causa Schavan". Die Universität Düsseldorf wie auch der Doktorvater bleiben unbehlligt, das System hat Kratzer, muss aber keine Konsequenzen fürchten. 

"Was soll's?", wird sich mancher,  fragen.  Wir schicken unseren Nachwuchs eh nach Oxford, Cambridge, obwohl, ich finde (...) auch ganz gut. am

 

hunter 06.02.2013 | 17:32

"Lustig wäre auch die Ernennung eines Finanzminister, der nicht nur sein aus Steuerhinterziehung erworbenes Vermögen auf die Cayman-Inseln auslagert..."

Schon richtig. Doch man muss sich ja eigentlich gar nichts Lustiges ausdenken!

Unser Mann für´s Geld (Asche, Knete, Pinkepinke) hat doch da vor nicht allzu langer Zeit und -zugegebenermaßen- nach einigem Hickhack erklärt, 100 000 von einem Waffenhändler erhalten und diese dann in seinem Büro "vergessen" zu haben.

(Kann ja mal passieren. Zumal ich tatsächlich selbst Leute kenne, denen sowas immer mal wieder geschieht. Die sind sonst auch nett und alles. Wenn sie nur nicht ständig mit ihrem Schutzgeld rumnerven würden..... Ich bezahl ja, nimm schon die Knarre runter Griovanni.....Grazie nochmal.)

Ist der Mann denn nicht schon lustig genug? 

Dagegen wäre das bewusste Täuschen aus schierer Unfähigkeit, einen eigenen Gedanken zu entwicklen oder aus schlichter Faulheit tatsächlich sogar (hoppla!) geringer einzuschätzen.

Ich bitte dies aber keinesfalls als neue Verteidigungslinie unserer erz-katholischen Bundes-Bildungs-Phrasen-dresch-jetztaufeinmal- Potzdonnerwetter- nochmal-Nicht-fach-frau misszuverstehen.

Einmal hatte ich das mehr als zweifelhafte Vergnügen, sie länger am Radio anhören zu müssen. Wahrlich, ich sage euch: Es war zum ins-Lenkrad-beißen. Nein, schlimmer, es war zum das-Lenkrad-durchbeißen. Das muss ich nicht nocheinmal miterleben, echt. (Das Radio ist entlarvender, weil man stärker auf die Hohlheit des Gesagten und die Betonung selbiger Hohlheit des Gesagten achtet. Mal ausprobieren, stärkt das Autoimmunsystem!)

Ja, wir haben da lustige Respräsentanten - wahrscheinlich sind es sogar genau die, die wir verdienen. Respekt ist jetzt allerdings nicht unbedingt ein Begriff, der mir so spontan zu denen einfäll - und mit "denen" - jetzt ist es heraus - ist auch die Opposition gemeint!

 

Achtermann 06.02.2013 | 18:08

Schavan begann mit Hilfe der katholischen Kirche ihren beruflichen Aufstieg. Sie wurde vom Cusanuswerk unterstützt und finanziell gefördert. Um in den Genuss dieser Förderung zu kommen, muss man in drei Bereichen positive Nachweise erbringen: Es zählt die universitäre Leistung des Bewerbers, das soziale Engagement bzw. Ehrenamt sowie der katholischen Glauben. Sie wurde, schön wenn jemand so etwas widerfährt, anschließend vollends in den Dienst der katholischen Kirche aufgenommen und arbeitete als Abteilungsleiterin des Cusanuswerks für außerschulische Bildung. Nach einem Intermezzo bei der Christlich Demokratischen Union kehrte sie als Leiterin dieser Einrichtung zurück in den Schoß der Kirche. Dort verteilte sie Steuergelder(!) an ihre Glaubensschwestern und –brüder. Diese sog. Bischöfliche Studienförderung geht nach Eigenauskunft so vor: „Das Cusanuswerk ist das Begabtenförderungswerk der katholischen Kirche in Deutschland und vergibt staatliche Fördermittel an besonders begabte katholische Studierende aller Fachrichtungen.“ Die Verwobenheit zwischen Staat und Kirche lässt immer wieder neue Facetten zum Vorschein kommen. Schavan zeigte sich stets dankbar. In ihrem beruflichen Werdegang ist sie immer als Lobbyistin der katholischen Kirche aufgetreten, sei es als Mitglied des  ZDF-Fernsehrates, als Bildungsministerin in Baden-Württemberg, als Bundesbildungsministerin und, natürlich, als Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Da sie in der Zwischenzeit ohne akademische Anstrengungen mit vier Ehrendoktorwürden ausgezeichnet worden ist, dürfte der Verlust des 33 Jahre alten Titels doch zu verschmerzen sein. Etwas peinlich ist halt, dass es eine Erzkatholikin trifft.

Ulrike Baureithel 06.02.2013 | 18:18

@Anne Mohnen

Ich habe ja auch geschrieben, dass es sich bei der Vorstellung von einer uneigennützigen und redlichen Wissenschaft um einen Irrglauben handelt. Un ddie Verantwortung der Doktorväter/-mütter ist unbenommen, wenn man systemkritisch auch einwenden kann, dass die Arbeitsbedingungen an Universitäten es kaum erlauben, jede einzelne Fußnote in Dissertationen zu überprüfen. Was in diesem Fall nur teilweise geholfen hätte, denn daraus wäre ja immer noch nicht zu ersehen gewesen, dass A.S. die Quellen gar nicht gelesen, sondern ihre Weisheiten aus der Sekundärliteratur bezogen hat.

 

 

 

balsamico 06.02.2013 | 18:22

Warum fordern mittlerweile 82 Prozent der Bevölkerung den Rücktritt der Ministerin, obwohl akademische Lauterkeit keine breitflächig verteidigte Tugend sein dürfte und Zitierregeln dem gesunden Menschenverstand eher ferne stehen?

Die seit Kindertagen allgemein akzeptierte Regel ist: Wer mogelt fliegt raus. So einfach ist das. Und ich finde: So ist es auch gut.

 

Georg von Grote 06.02.2013 | 18:50

Hoffnung in eine Klage kann Schavan nur sehr bedingt setzen, als Ministerin müsste sie eigentlich wissen, dass bundesdeutsche Verwaltungsgerichte in solchen Fällen oft noch strenger als die Prüfungskommissionen urteilen. Man könnte also hinter diesem Schritt auch eine reine Verschleppung vermuten um Zeit zu gewinnen. Zeit vor allem für Merkel und den Wahlkampf.

Ob Merkel da mitspielt, ist eigentlich kaum zu glauben.

Als Bildungsministerin ist sie im Prinzip nicht mehr tragbar, zumal sie ihren Job auch nicht gerade mit Fortune erledigt hat.

Allerdings darf man auch nicht übersehen, dass Schavan, Guttenberg und die anderen nur die Spitze des Eisbergs sind. Die unberechtigten Doktortitel dürften in die Hunderte gehen. Nur fehlt einfach das Personal, die Arbeiten alle überprüfen zu können.

anne mohnen 06.02.2013 | 19:45

@ Ulrike Baureithel,

von Fußnoten ist nicht die Rede in meiner Replik, obwohl man die auch überprüft - stichprobenmäßig. Und von einer "uneigennützigen, redlichen" Wissenschaft würde ich auch nicht naiverweise reden wollen.  Dagegen sprechen ganz andere Zustände, wo es noch nicht einmal um „Tricksen und Schummeln“ geht. Dennoch  bin ich gegen Pauschalierung, auf deren Hintergrund Frau Schavan oder andere Fälle zu Opfern werden bzw. entlastet werden.

Die Causa Schavan ist mir aus der Presse bekannt.

Dass ihrem Doktorvater, mit dem Schavan später ein weiteres Buch publiziert hat, nicht aufgefallen ist, dass sie sich primär aus Sekundärquellen bediente, ist schwer nachvollziehbar und auch dann, wenn diese Vorgehensweise nicht selten sein sollte, ist dies keine Entschuldigung.  Der Fall Schavan entlastet die Fakultäten so wenig wie dies der Guttenberg-Fall bereits tat. Doch  sollte  am  Ende des Tages alles zu Ungunsten von Frau Schavan sprechen, dann ist sie kein Opfertier. Übrigens finde ich in dem Zusammenhang "feministische" Überlegungen  eher selbstwidelegend.

Und dann bleibt der politisch interessante Aslpekt: Merkels Händchen für die Personalauswahl.

LG am

Avatar
Ehemaliger Nutzer 06.02.2013 | 19:45


"Titelentzug  Hinter der Aufregung um die Aberkennung von Annette Schavans Doktor-Titel steht auch ein Bedürfnis: Viele wünschen sich eine redliche Wissenschaft

Eine redliche Wissenschaft gibt es nicht; es gibt nur redliche Menschen, die Wissenschaft betreiben. Redlichkeit ist sicher eine Voraussetzung um Wissenschaft zu betreiben, aber ein Titel oder ein akademischer Grad garantiert keine Redlichkeit.
Ein akademischer Titel hat mit Wissenschaft nichts zu tun; er teilt das Volk in Klassen, was wissenschaftlich sinnlos ist.
Privilegien daraus weisen redlichen Menschen, die Wissenschaft ohne Titel betreiben in eine soziale Ecke, ohne dass das wissenschaftlich begründet ist.

Hinter dem Bedürfnis kann man zwei Motive erkennen. Zum einen ist es das Bedürfnis der meist Titellosen den Anderen als gleichwertig zu sehen. Zum anderen ist es das Bedürfnis  durch das in die Tiefe ziehen des Anderen, sich selbst zu erhöhen. Vielleicht ist es auch manchmal eine Mischung aus beiden Motiven. 

Die Unvollkommenheit und/oder die spezifische Kompetenz eines Menschen der die methoden der Wissenschaft gelernt hat verändert sich nicht durch einen Titel, noch verändert sich das ohne einen Titel.

Redlichkeit beginnt mit der Anerkennung der Arbeit, die redliche Menschen in der Wissenschaft machen. Ohne diese Anerkennung ist die Arbeit der Menschen, die Wissenschaft betreiben nur für sie von Wert, aber nicht für andere Menschen.

Diese Redlichkeit ist aber nicht zu erkennen; ich sehe nur die Zuweisung von Unredlichkeit an den Anderen. 

 

Konfuzikuntz 06.02.2013 | 20:23

Annette Schavan hat diesen Akt vorerst nun verweigert, indem sie nicht an Rücktritt denkt. Offenbar vertraut sie auf den Erfolg ihrer Klage, der sie auch nach den Bundestagswahlen im Amt halten könnte, falls Angela Merkel siegt.

Ob sie selbst an Rücktritt denkt ist politisch vollkommen irrelevant. Eine Bundesministerin ist, wenn sie selbst im Amt sein will trotzdem genau nur solange im Amt wie die Kanzlerin das will. Wenn Schavan nicht gehen will und Merkel findet, dass sie gehen muss, brauchtsie dem Bundespräsidenten nur einen Brief schreiben, der das Kabinettsmitglied dann formal entlässt (§64 GG). Es kommt auf Schavan überhaupt nicht mehr an, sondern auf Merkel. Sie kann, wenn sie zu dem Schluß kommt, dass die Ministerin untragbar ist (und wenn sie nicht verrückt geworden ist, wird sie zu diesem Schluß kommen) Schavan also ganz einfach die Frage stellen, wie sie denn das Amt zu verlassen gedenke: Durch Entlassung oder nicht doch lieber durch "freiwilligen" Rücktritt. Bei ihrer Freundin Schavan wird Merkel das vermutlich so machen. Aber sie muss es nicht, man denke an Norbert Röttgen. Den hat sie einfach formal entlassen, wenn auch aus anderen Gründen.

Nach Schavans Rückkehr aus Afrika wird es ganz schnell gehen.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 06.02.2013 | 20:28

Der Artikel scheint den Betrug von Frau Schavan zu verteidigen - ach so schlimm war das doch nicht.

Das ist aber Blödsinn - Betrug und Schummelei sind Betrug und Schummelei! Auch bei einer Schavan. Damals gab es zwar kein "Copy & Paste", aber man nannte das damals schon einfach "abschreiben"!

Ich frage mich sowieso, wie viele Leute bei ihrer Diplomarbeit oder Doktorarbeit wirklich ehrlich sind? Das scheint bei sogenannten Akademikern durchaus üblich zu sein. Und das alles nur um einen geilen Job zu bekommen und einen Titel zu haben (wenn auch erschwindelt!).

Mühlenkamper 06.02.2013 | 20:32

Gibt es eigentlich irgendwo mal eine zuverlässige Zusammenfassung dieser Doktorarbeit? Schavan wird darin ja doch wohl noch irgendein Argument geführt haben. Das wüßte ich gern. Wer einen eigenen Gedanken entwickelt hat, der hat die Schummelei in der Regel nicht nötig.

Im übrigen ist die öffentliche Debatte weithin eine Zumutung für alle, die sich redlich gequält haben mit ihrer Promotion.

gweberbv 06.02.2013 | 20:34

"Vielleicht, weil die Wissenschaft als letzte Bastion der Redlichkeit gilt, als eine Insel der Seligen, auf der Uneigennützigkeit gepflegt werden soll. Das ist zwar ein Irrglaube, der aber gerne aufrechterhalten wird, um den Ruf der freien Forschung zu verteidigen und immer wieder Reinigungsrituale inszenieren zu können, bei dem zwar der Körper der Königin fällt, symbolisch aber dennoch weiterlebt."

 

Nach meiner - freilich unmaßgeblichen - Erfahrung sind (Natur-)Wissenschaftler tatsächlich im Schnitt deutlich aufrichtiger, uneigennütziger und eher "an der Sache" als an persönlichem Kleinklein interessiert als der Rest der Menschheit. Naja, zumindest als Handwerker, Ärzte und Juristen. Am Ende gar auch Journalisten?

balsamico 06.02.2013 | 21:55

Gibt es eigentlich irgendwo mal eine zuverlässige Zusammenfassung dieser Doktorarbeit? Schavan wird darin ja doch wohl noch irgendein Argument geführt haben. Das wüßte ich gern. Wer einen eigenen Gedanken entwickelt hat, der hat die Schummelei in der Regel nicht nötig.

Ich habe mir auf Schavanplag einige Stellen angesehen. Mir scheint es so, als hätte sie vielfach die Gedanken anderer, deren Namen sie nicht verschweigt, gewissermaßen paraphrasierend "neu gefasst," wobei sie aber nichts eigenes hinzufügt, sondern lediglich denselben Gedanken umformuliert. Sie bemächtigt sich der geistigen Leistung anderer, formuliert sie um, und tut so, als sei dadurch etwas Neues entstanden.

Ich bin nicht sicher, ob ihr das überhaupt bewusst wurde. Es gibt - gerade im Erziehungsbereich - durchaus Menschen, die das als Methode ganz und gar verinnerlicht haben. Ich kenne z.B. LehrerInnen, die von einer Sache keine Ahnung haben, aber, nachdem sie ihnen erklärt wurde, augenblicklich anfangen, sie demjenigen zu erklären, der sie ihnen gerade erklärt hat. Und macht man sie darauf aufmerksam, sind sie beleidigt.

rose 06.02.2013 | 23:10

Im Bewusstsein der Masse ist "Wissenschaft" abgehoben, elitär, nicht jedem zuteil. Daraus folgt besonders  eine lebenslange Mehrfachbezahlung für saubere, wenig anstrengende Arbeit, die der Beschäftigte meist auch unbezahlt in der Freizeit ausführen würde, im Gegensatz zu den Nicht-Wissenschaftler. Die Ideologen verstehen, im Bewusstsein der Masse ein hohes Sozialprestige der Wissenschaftler zu erzeugen, welches der Sache überhaupt nicht gerecht wird, aber die vielfachen Privilegien dieser Kaste für die Masse akzeptabel erscheinen oder unsichtbar werden lassen.

So erklärt sich auch die Gier nach den Titeln.

Was ist "Wissenschaft", wie sieht die Beschäftigung mit ihr aus. Unteschiedlicher könnte es kaum sein. Der medizinische Doktor für das Aufschreiben der Häufigkeit der Schwindelanfälle nach Medikament a oder b im Krankenhaus c, Mittelwert, mündliche Prüfung etwas aufsagen über Schwindelanfälle. Andere Zählen Bäume, Vögel, Maschinenausfälle, Information wird gesammelt zu irgendetwas immer nutze, alles ist Wissenschaft. Kurz ich lobe einen Preis aus für denjenigen, der mir einzige Erkenntnis aus Schawans Opus nennen kann, die weder abgeschrieben, noch banal oder hanebüchen ist. Aber das interessiert nicht, die Herren und Damen betiteln sich untereinander für auch grossen Müll. Vor diesem Hintergrund gedeihen die Titelkämpfe. Mich würde nebenbei auch interessieren, welches die Messreihe ist, die genauso gut von der MTA durchgeführt worden wäre, aber einer Merkel den Titel brachte. Welche Relevanz hat diesMessreihe?

rose 07.02.2013 | 00:28

"Heute müssen sich Politiker nicht mehr vor verdächtigen Inhalten einer längst vergessenen akademischen Arbeit fürchten, sondern davor, den Inhalt nicht auf ihren Urheber zurückgeführt zu haben. Das ist in einer Ära, in der das Urheberrecht wie nie zuvor zur Disposition steht und der unbekümmerte Wissenstransfer zum politischen Aushängeschild avanciert ist, doch immerhin bemerkenswert."  dies ist ein schierer Stuss, irgendwelche Aussagen, dann Urheberrecht mit Erwerb von Titeln in Beziehung gesetzt, "doch immerhin bemerkenswert"?

Das ist genau der Punkt, in bestimmten Disziplinen haben die Dissertationen den Charakter journaillistischer Schreibe, nichts Bahn Brechendes, nichts geistig Forderndes, Gebabbel halt.

Frank Linnhoff 07.02.2013 | 07:53

Der Kern des "Skandals" scheint mir in der Diskrepanz zwischen dem ethischen Anspruch, welchen Frau Schavan wie ein vor sich trägt, und ihrer Vortäuschung von eigenständiger, wissenschaftlicher Leistung zu liegen. Im Kern geht es um Unredlichkeit. Eine erzkatholische Politikerinnenkarriere nimmt mit dem Urteil des Ausschusses der Fakultät der Universität Düsseldorf ihr Ende. Sollen wir dies beweinen?

kds 07.02.2013 | 07:59

interessant ist für mich Frau Schavans Verteidigungsstrategie: Die wissenschaftlichen Standards hätten sich seit der Zeit verändert. Wie und wo, das bleibt sie schuldig. Als Wissenschaftsministerin, die für manche Exzellenzinitiative etc. verantworlich zeichnet kehrt sich diese bauernschlaue Agumentation gegen sie. Als Definition wissenschaftlicher Standards nach Eigennutz.

Alleine für diese Verteidigungsstrategie sollte sie ihren Rücktritt als Wissenschaftsministerin einreichen.

maguscarolus 07.02.2013 | 09:04

Haben unsere politischen "Eliten" denn wirklich mehr Achtung verdient, wo es ihnen doch nur darum geht beachtet zu werden. Die vielzitierte Verantwortung besteht auch aus lauter Daunenkissen, in welche die Herrschaften gegebenenfalls "abstürzen" können.

Dass man sich von der ertricksten Machtposition ungerne und nur unter Tränen trennt – nun ja – mein Mitgefühl für diese Leute hält sich in sehr engen Grenzen, zumal auf der politischen Bühne in den letzten Jahrzehnten ohnehin nur noch hochbezahlte Schmierendarsteller herumgockeln und herumalbern.

Somit verstehe ich das Gewese und Gejaule verschiedener Medien nur als versuchten Beistand für die Dame Merkel, um zu vermeiden, dass diese Garantin marktkonformer Demokratieentwicklung in Deutschland "unbeschädigt" weiter exekutieren kann.

Guy Fawkes 07.02.2013 | 09:17

Allet Quatsch!!!

Diese ganzen Personaldebatten sind eine reine Ablenkungsshow. Ob Guttenberg, Brüderle oder Shavan. Es wird wochenlang über solche Themen schwadroniert, feullitoniert und gebloggt... während im Hintergrund zu den wirklich wichtigen Themen nichts, aber auch gar nicht passiert. Die Banker bankstern weiter, die Burn-Out-Epedimie brennt lichterloh, Klimawandel und Energiewende eiern im Hintergrund und die soziale Spaltung erlebt tägliche eine Kontinetaldrift...

Helmut Eckert 07.02.2013 | 11:19

Warum ist die Doktorarbeit von a. M. abgeschirmt? Es wäre schon von Interesse zu lesen, ob diese frühere FDJ Sekretärin, zuständig für Agitation und Propaganda, die Errungenschaften des Sozialismus gelobt hat.

Aus meinen Erfahrungen in der DDR und meiner Zeit in Leipzig kenne ich die Soll- und Mussbruchstellen, welche damals notwendig waren, um eine Doktorarbeit zu erstellen. Marxismus und Leninismus, sowie eine gehörige Anzahl vieler Zitate aus den Reden des derzeitigen Ersten Sekretär des ZK der SED und Vorsitzenden des Politbüros, sowie Staatsratsvorsitzenden, gehörten dazu. Sie waren das Sahnehäubchen jeder Arbeit. Diese Texte von  A.M. könnten dann, wenn sie den zu finden wären, an den Anfang jeder ihrer Reden gesetzt, den vielen nichtssagenden Sätzen dieser Frau  erst die Würze geben. Wie ein großer Klecks Ketschup bekämen ihre Auslassungen somit  den richtigen roten Tatsch. So gelingt es ihr, mit den geistigen Ergüssen ihrer Vergangenheit, diesen sozialistischen Herausforderer der SPD  links überholen.

Grundgütiger 07.02.2013 | 14:38

Ganz schön unpolitisch, die Debatten mancher zu dieser Causa.

Ich hätte es begrüßt, wenn Frau Schavan wegen ihrer Politk hätte aufgeben müssen.

Nein, es überwiegt die "klammheimliche Freude".

Sie hat doch Eliteförderung betrieben von wenigen Auserwählten, ein Hobby geradezu, wenn man an Bildung als Grundlage für den Erhalt eines gewissen Niveaus  denkt. Pisa orientiert sich doch nicht an wenigen.

Aus ihrem katholischen Sumpf ist sie eigentlich nie raus gekommen. Dementsprechend die wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Zurichtung für die Wirtschaft, passgenau, zahlt der Steuerzahler. Am Hinterausgang der Uni wartet der "Headhunter", kostenlos Ausgebildete abgreifen.

Der Rest kriegt Hauptschule.

Also, die Frage bleibt doch,  wie geht´s weiter mit der Bildung? Mit der Wissenschaft?

Personalien gäbs doch genug, oder?

Kai Rüsen 07.02.2013 | 15:08

Nun, ich finde schon, dass die Mängel bei der Dissertation von Annette Schavan einen wichtigen Rücktrittsgrund darstellen - unabhängig von ihrer Politik.

Was die Elitenförderung an den Hochschulen betrifft, so ist diese Politik übrigens auf Edelgard Buhlman (SPD) zurückzuführen. Frau Schavan lediglich die Politik ihrer Vorgängerin fortgesetzt.

Daran erkennt man, dass man die Personen austauschen kann wie man will. Solange die politischen Strukturen derart gestaltet sind, dass die Parteiapparate dominieren und sich die etablierten Parteien inhaltlich kaum unterscheiden, solange wird sich nicht viel ändern.

anne mohnen 07.02.2013 | 15:28

@ Achtermann,

auch Parteien und andere Kirchen, Institutionen fördern Studierende – aus meiner Sicht noch viel zu wenige!!

An deutschen Hochschulen studieren mehrheitlich Studierende der gehobenen Mittelschicht. Stiftungen hingegen ermöglichen Studierenden aller Schichten erleichternde Studienbedingungen. Bei der Auswahl berücksichtigen meines Wissens alle Stiftungen selbstverständlich die Studienleistungen zuerst, nicht selten die Sozialauswahl, wenn dann noch Engagement gefördert wird und Themen, die die Stifter für relevant halten, warum nicht? Also, Ihre Kritik verstehe ich nicht.

Der Nachweis eines sauberen wissenschaftlichen Arbeitens lag bei Schavan; die Überprüfung beim Doktorvater und Zweitprüfer sowie beim Promotionsausschuss, der der Arbeit annehmen bzw. ablehnen konnte.

anne mohnen 07.02.2013 | 15:30

@ GvG, warum führen Sie Ihre Kritik nicht aus, belassen es bei einer Behauptung?

@ GvG & Hunter

Frau Schavan verdankt ihr Amt der Freundschaft mit Angela Merkel. Das ist nichts Ungewöhnliches. Wenn man sich in Erinnerung ruft, wie dieses Amt in der Vergangenheit unter Schwartz-Gelb gehandelt wurde, hätte da schließlich Schavan zur Lichtgestalt werden können?

 

(1)Als Kultusministerin von Baden-Württemberg war sie höchst umstritten. Zehn Jahre lang diente sie unter Erwin Teufel und ließ keine Kamera rechts liegen, um vehement gegen Ganztagsschulen zu polemisieren. Soviel zur Frauen- und Familienfreundlichkeit der Anette Schavan und ihrer Kanzlerin. Dann kam es ihr immer darauf an, den bildungspolitischen Vorsprung B-W‘s zu betonen, das im Ranking der Bundesländer zwar weit oben lag, jedoch ganz weit unten, wenn es um die Integration und den Aufstieg von Migrantenkinder ins Gymnasium geht.

(2) In der Umsetzung der Bologna-Verträge ernte Schavan nur herbe Kritik. Laut Deutscher Hochschulkonferenz, geht es Studierenden an deutschen Universitäten noch nie so schlecht wie heute! Frau Schavan, so der Vorwurf, mache da eine denkbar schlechte Figur. Anstatt die Auflösung des Kooperationsverbotes zwischen Bund und Ländern einzufordern, die Situation für Studierende und Lehrkörper erträglich zu gestalten, duckte sie weg und macht den Kotau vor den (CDU/CSU)-Ländern!! Leidtragende dieser Politik sind ganz besonders die Ostdeutschen Länder! Hier gehen immer mehr Lichter nicht nur im übertragenden Sinne aus.

aradi 07.02.2013 | 15:40

ich frage mich bei der ganzen Diskussion welche Rolle spielen die Prüfer? Es kann doch nicht so sein dass ein Professor eine Arbeit mit der Note 1 bewertet und 33 Jahre später es die Note 6 gibt. Meine Meinung nach hat ein Professor die Pflicht eine Arbeit zu prüfen und wenn er zu blöd ist grobe Fehler zu erkennen oder zu faul sich mit der Arbeit gründlich zu beschäftigen dann hat der Prüfling Glück gehabt.

 

Baloo 07.02.2013 | 16:06

Noch Ende der Neunziger Jahre war man als Gutachter weitgehend darauf angewiesen, abgeschriebene Textpassagen aus dem Gedächtnis an das, was man selber mal gelesen hat, zu identifizieren. Erst in den letzten Jahren liegen auch ältere Texte in dem nötigen Umfang digitalisiert und durchs Internet abrufbar vor, um einen entsprechenden Abgleich und die Suche nach Ähnlichkeiten sinnvoll durchzuführen.

Den Gutachtern von Schavan kann man kaum einen Vorwurf machen, sie mussten auf die Erklärung der Doktoranden, es handele sich um wissenschaftliche Eigenleistung, weitgehend vertrauen.

Das ist aber auch ein starkes Argument gegen eine Befristung der Nachprüfung von Dissertationen, wie sie aktuell mal wieder gefordert wird. Wollen wir wirklich, dass uns Leute grinsend erzählen: "Ok, ich habe für meinen Dr. /PD /Prof. gelogen und betrogen, aber das ist lange her, und darum führe ich ihn immer weiter"?

aradi 07.02.2013 | 16:15

Den Gutachtern von Schavan kann man kaum einen Vorwurf machen, sie mussten auf die Erklärung der Doktoranden, es handele sich um wissenschaftliche Eigenleistung, weitgehend vertrauen.

 

genau da bin ich anderer Meinung. Ein Professor macht es sich zu einfach, wenn er nur auf die Ehrenerkärung vertraut. Er muß auch Prüfen, er muß die Literatur kennen und zur Not auch nachlesen. Wenn es so viele grobe Verstöße gibt wie im Falle Schavan, dann sollte er bei der Prüfung auch etwas finden.

Baloo 07.02.2013 | 17:20

ach, er muss "die Literatur" zum Thema Gewissen kennen? Mehr nicht? :D

Mal im Ernst, ein Betrüger ist der oder in diesem Falle die, die begtrügt. Nicht diejenigen, die sie nicht rechtzeitig entlarven (Gutachter). Die Verschiebung der Verantwortlichkeiten, die z.B. Christoph Markschies seiner Theologen-Kollegin Schavan öffentlich angedeihen lässt (http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/annette-schavan-in-der-glaubwuerdigkeitsfalle-12054545.html) mache ich nicht mit.

Achtermann 07.02.2013 | 19:03

"Bei der Auswahl berücksichtigen meines Wissens alle Stiftungen selbstverständlich die Studienleistungen zuerst, nicht selten die Sozialauswahl, wenn dann noch Engagement gefördert wird und Themen, die die Stifter für relevant halten, warum nicht? Also, Ihre Kritik verstehe ich nicht."

Dann habe ich wohl schlecht formuliert. Mich hätte Frau Schavan nicht ausgewählt bzw. auswählen können, auch wenn ich die Leistung betreffend ein hervorragender Student gewesen wäre, weil mir das zentrale Kriterium fehlt: Ich bin nicht katholisch. Dass nun eine katholische Stiftung Steuergelder an ihre Klientel verteilen darf, die auch von Nicht-Katholiken bezahlt worden sind, stört mich.

Ich habe in wenigen Stichpunkte Schavans Karriere, die ohne die römisch-katholische Kirche nicht möglich gewesen wäre, nachgezeichnet.  Du selbst bist ja auf ihre Leistungen als Schulministerin in BaWü eingegangen und hast ihr kein gutes Zeugnis ausgestellt. Hier unterscheiden wir uns nicht. Ich nehme für mich in Anspruch, mitreden zu können, da ich zu Schavans Landesministerin-Zeiten in BaWü lebte. Sie wollte auch den Radikalenerlass wieder aufleben lassen, ist jedoch nach Jahren vor Gericht gescheitert. Der geschasste antifaschistische Lehrer hat schließlich letztinstanzlich den Prozess gegen Schavan gewonnen.

Aber sie kann das Prozessieren nicht lassen. Sie wird eine weitere Niederlage einstecken müssen. Und ich muss sagen: Ich kann damit leben.

UnwiseNomad 07.02.2013 | 22:09

Es wäre nicht schlecht, auf den Kern des Artikels zurückzukommen.

Viele wünschen sich eine redliche Wissenschaft

Es geht nicht um einen Wunsch, sondern um eine bittere Notwendigkeit. Man muss sich nur einmal vor Augen führen, welche Anstrengung es bedeutet, der Insel des Wissens im Meer der Ignoranz ein winziges Sandkorn hinzuzufügen.

Jede wissenschaftliche Arbeit fusst auf Dutzenden anderer Arbeiten, die vom Forscher nicht wiederholt werden können, sondern deren Ergebnisse er als gesichert übernehmen können muss. Er kann sich kein CERN in den Keller stellen, wenn er Nuklearphysik betreibt, nicht zum Mond fliegen, um dort persönlich Steine zu sammeln und nicht in seinem eigenen Garten nach Dinosaurierknochen graben. Er kann jedoch sehr wohl darüber forschen und das Wissen der Menschheit erweitern. 

Für jede Vorgängerarbeit gilt das Gleiche. Fällt ein Grundstein, fallen oft ganze Forschungsgebiete. Das ist in der Vergangenheit geschehen und wird, wenn auch seltener, wieder passieren.

Was ist nun das verwerfliche an einem Plagiat?

Es durchbricht diese Kette, indem es Spuren verwischt und Fehler aus Sekundär- und Tertiärliteratur tradiert. Gerade an solchen Fehlern lassen sich Plagiate erkennen, Schavans Arbeit ist keine Ausnahme dazu. Wird solches Scheinwissen nicht rigoros ausgemerzt, unterhöhlt man damit nicht das armselige Ego einer Frau Schavan, sondern gefährdet (nicht unbedingt in religiöser Pseudo-Wissenschaft, wie Schavan sie betrieb) unter Umständen Menschenleben.

Es sei nur an Lyssenko erinnert oder, mit weniger dramatischen Folgen, an den ach so eisenhaltigen Spinat, bei dem in einer Analyse ein Komma verrutscht war.

Der Doktortitel, sinnvoll oder sinnlos, wie er sein mag, hängt an der Anfertigung einer wissenschaftlichen Arbeit. Das ist keine Fahrprüfung und kein Einstellungstest, bei dem man schummeln und dennoch guter Mitarbeiter oder Autofahrer werden kann. Zu wissenschaftlichen Arbeiten werden auch nach Jahren noch Korrekturen nachgereicht, wenn Fehler auffallen.

Man stellt ein Werk zur Verfügung, auf das andere sich verlassen können müssen und wird dafür ausgezeichnet, dass die Doktorväter dies bestätigen. Hat man geschummelt, sind Doktorand und Betreuer nicht nur vorübergehend blamiert: Der Doktorand ist seinen Titel los, der Betreuer seinen guten Ruf.

Ohne diese unverjährbare "Drohung" kann Wissenschaft nicht funktionieren, im Gegensatz zur Esoterik, bei der ein Hobbyschriftsteller in seiner Freizeit ein ganzes Weltgebäude entwerfen kann, an das seine Jünger noch nach Jahrhunderten fest glauben.

 

Nasenbaer 07.02.2013 | 22:16

Bei Dr. Bartsch, Die Linke, müssen sie schon russisch können. Zumindest der Plagiator sollte dementsprechend leistungsfähig sein.

 „1990 erfolgte seine Promotion zum Dr. rer. oec. an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften Moskau mit der Arbeit Verteilungsverhältnisse unter den Bedingungen einer Intensivierung der sozialistischen Wirtschaft («Распределительные отношения в условиях интенсификации социалистической экономики»)

Nasenbaer 07.02.2013 | 22:31

"Man muss sich nur einmal vor Augen führen, welche Anstrengung es bedeutet, der Insel des Wissens im Meer der Ignoranz ein winziges Sandkorn hinzuzufügen."

Ist das der Grund warum uns die Amerikaner bereits seit vielen Jahren belächeln? Die haben unser Uni und Promotionssystem schon lange durchschaut, während wir so langsam aus dem Wachkoma aufwachen.

Warum reagiert der Weißkittelclub immer erst nach Druck von außen? Die Dunkelziffer wird erschreckend hoch sein? Wir brauchen noch sehr viele Leute die Bettpfannen auslehren. Wer sich vor ehrlichem Promovieren drückt, wird sich vor so etwas erst recht drücken.

UnwiseNomad 07.02.2013 | 22:56

Ich glaube, es ist bei uns auch ein gutes Stück Naivität und Nostalgie dabei.

Der (verklärte?) Regelfall sollte doch sein, dass die Doktorarbeit die erste einer langen Reihe wissenschaftlicher Veröffentlichungen ist. Warum sonst sollte jemand promovieren, wenn nicht, um wissenschaftlich tätig zu werden? Die zweite Arbeit wird besser als die erste werden, die dritte fehlerfreier als die zweite.

Genau das gilt für Geisteswissenschaften, Medizin und zunehmend  auch alle anderen Fächer nicht mehr. Zig-Millionen von Gynasiasten werden zu Millionen von Studenten und hunderttausenden von Doctores, die den Semesterarbeiten eine weitere, etwas längere anfügen. Der zugehörige Titel öffnet Türen dort, wo man diesen Schlüssel eigentlich nicht benötigt und die One-Hit-Wonders verstauben ungelesen im Archiv. Das ist nicht Sinn der Übung.

Die Doktorarbeit sollte wieder werden, was sie einst war: Eintrittskarte in die wissenschaftliche Gemeinde, nicht Praktikumsbericht vor dem Aufbruch in Wirtschaft und Politik. Dann müsste und könnte niemand mehr betrügen, ohne zeitnah aufzufliegen.

kakao10 08.02.2013 | 00:48

als kultusministerin in ba-wue führte bm'in schavan die geistig moralische wende besonders reaktionär ein, indem sie bertolt brecht aus den curricula verbannte. brecht als offener vertreter des plagiats rächt sich nun an schavan, indem sie als repräsentantin originär eigenständiger kreativarbeit des plagiats offenbart wird: schavans person und gewissen zeigt sich in ihrem los - gewissenlos und hoffnunglos doktorlos

rose 08.02.2013 | 01:50

"Für jede Vorgängerarbeit gilt das Gleiche. Fällt ein Grundstein, fallen oft ganze Forschungsgebiete. Das ist in der Vergangenheit geschehen und wird, wenn auch seltener, wieder passieren."

So weit, so gut, aber bei Schavan geht es um eine Disziplin, die gar nicht existieren könnte, würde man deine Massstäbe anlegen, sie ist keine "Forscherin", es werden dünnste Bretter gebohrt wie in einem Schulreferat wird zusammengeschrieben, hier wird nichts erkannt, ausser um wieviel die Müllabfuhr durchschnittlich in den letzten Jahren teurer geworden ist

Merkurlino 08.02.2013 | 11:58

Was ich frage bei all dem, ist dies: Sind die so doof? Wieso  bleiben die „Ertappten“ so hartnäckig bei ihrer Unschuldsbeteuerung, die sie doch der Lächerlichkeit noch mehr aussetzt? Was ist denn hier los? Ich frage also weiter: Bleibt da etwas unberücksichtigt? Die Unschuldsvermutung wegen eines flüchtigen Augenscheins sofort aufzuheben, wie es hier gerade wieder geschieht, ist mir zu einfach. Dennoch ist dies leider ubiquitär. Das haben wir erst kürzlich wieder sehen können am schönen Beispiel „Augstein, der Antisemit“. Die in solchen Fällen benutzen Wenn-Dann-Schlüsse basieren auf der - auch von der Wissenschaft benutzten - aristotelischen Denkmethode. Diese hat die beliebten Polarisierungen von Richtig und Falsch oder „Ich bin ok, du bist nicht ok“ im Schlepptau (Harris).
Es gibt aber auch die viel ältere, analoge Denkmethode eines Heraklits. Hierin geht es u.a. um die Gleichheit der Gegensätze. Wird diese Denkform in extenso benutzt, lösen sich viele Ungereimtheiten plötzlich auf und man gelangt zu neuen, ganz anderen Ergebnissen. Ich meine zu genaueren!

Unter diesem Blickwinkel bleibt von der - wie Sie richtig sehen - von der Bevölkerung gewünschten, „wissenschaftlichen Redlichkeit“  bei genauerem Hinsehen nicht viel mehr übrig, außer eben der fromme Wunsch. Wenn man bedenkt, dass der Mensch ein Schöpfungsgenerator ist (neurowissenschaftliche Erkenntnis) und es mindestens schon seit dem Neuen Testament bekannt sein könnte, dass der Mensch immer (nur) das findet, was er sucht, ist „redliche“ Wissenschaft in letzter Konsequenz eh immer nur eine subjektive, und damit schon eine contradicio in adjecto. In der Tat, Wissenschaft ist immer nur die Diskussion des neuesten Irrtums – nicht zuletzt, weil aufgebaut auf der aristotelischen Logik. Dies ist der Masse der Menschen aber nicht bekannt und hier müsste mehr Bewusstheit in die  Bevölkerung getragen werden und die frommen Wünsche ad absurdum. Der langen Rede kurzer Sinn, frei nach Sloterdijk und Augstein : Im Zweifel, ändern wir unsere Denken!

Blickensdoerfer 08.02.2013 | 16:14

Die Überwindung des Pessimismus beginnt mit der Auseinandersetzung damit, was das eigene Verstehen beherrscht. Hier also damit, die Erläuterungen von @ UNWISENOMAD als „Idealvorstellung“ zu verstehen (verstehen zu müssen). „Idealvorstellung“ ist auch nicht mit dem Hinweis auf @ Rose begründet, die (?) gut das herrschende Verständnis von „Wissenschaft“ beschreibt. Mit dem herrschenden Verständnis wird vor allem das mit ihm „Produzierte“ als „Wissenschaft“ verstanden, bezeichnet und praktiziert, was das Leben, was das Zusammenleben betrifft. Es ist das herrschende Verständnis, das jede Kritik, jede Abweichung davon als eine Meinung von vielen disqualifiziert oder auch, dass diese „Idealvorstellung“ sei,.

Die Überwindung des Pessimismus beginnt also mit der Auseinandersetzung mit dem herrschenden Verständnis, beginnt also damit, sich von dessen Herrschaft über das eigene Verstehen(können) zu befreien.

UnwiseNomad 09.02.2013 | 11:56

Soweit ich es überblicke, gibt es nichts zu revidieren. Ernstzunehmende Wissenschaft beschäftigt sich weiterhin damit, herauszufinden was ist. An eine Phase möglicherweise strittiger Ansichten zu neuen Problemen schließt sich die Konsolidierung an. Ab dann es wird möglich, das gewonnene Wissen anzuwenden.

Strömungsdynamik -> Flugzeugbau

Quantenphysik -> Halbleitertechnik

Kognitionswissenschaft -> Pädagogik

usw.

In der öffentlichen Wahrnehmung, geprägt durch feuilletonistisches "Neues aus der Wissenschaft", rückt der Aspekt des Widerstreits in den Fokus. In diese vermeintliche Kerbe wollen Esoteriker hauen, um ihre eigenen  aus der Luft gegriffenen Erklärungsmodelle zu rechtfertigen und echter Wissenschaft und echtem Wissen ähnlich zu verbrämen. Das ist natürlich Unsinn.

Angewandte Wissenschaft wird immer durch den schärfsten Kritiker auf die Probe gestellt: die Natur selbst. Hätte Einstein Bockmist gebaut, lägen unsere GPS-geleiteten Navis grob daneben. So einfach ist das.

Esoterische Behauptungen werden niemals auf die Probe gestellt. Wozu sollte das auch dienen? Zur Erschütterung des eigenen Glaubens?

Irgendwo dazwischen liegen 'Forschungen' wie die von Frau Schavan. Ein bisschen realitätsbezogen, ein bisschen spekulativ, vor allem aber streng christlich und damit für das Menschheitswissen irrelevant.

Dass sie technisch gesehen einen Doktorgrad dafür verliehen bekommen hat, damit auffiel, zu großen Teilen abgeschrieben zu haben und nun den Grad verliert ist die eine Seite - dass man für Bibelforschung keine wissenschaftlichen Titel verleihen sollte die andere. Es ist also nichts an der Wissenschaft zu ändern, sondern der Pseudowissenschaft darf nicht weiter erlaubt werden, sich unverdient an das Erfolgsmodell anzuhängen.

femtonio 09.02.2013 | 20:46

Zitat: Warum fordern mittlerweile 82 Prozent der Bevölkerung den Rücktritt der Ministerin, obwohl akademische Lauterkeit keine breitflächig verteidigte Tugend sein dürfte und Zitierregeln dem gesunden Menschenverstand eher ferne stehen?

82% fordern den Rücktritt. Ja, warum wohl? Weil die Erkenntnisse der selbst ernannten Plagiatsjäger auf ein skandalsüchtiges Publikum treffen. Und weil die Mitglieder der damit befassten Gremien allesamt weiche Knie bekommen haben, aus Angst, sie könnten das nächste Opfer der InternetPlage werden.

Dabei hätten die Universitäten und deren Gremien, die ja die Praxis der wissenschaftlichen Arbeit kennen, sehr wohl souverän und angemessen reagieren können. Sie hätten bei Dissertationen aus jüngerer Zeit, die lediglich formale Mängel aufweisen und nicht neu geschrieben werden müssten, verlangen können, dass die fraglichen Textstellen nachträglich gekennzeichnet werden und sie hätten bei Arbeiten, die älter als 10 Jahre sind, es rundweg ablehnen können, sich damit zu befassen.

Zugleich hätten sie sich daranmachen können, ihre Promotionsordnungen so zu überarbeiten, dass für alle erkennbar wird, worum es eigentlich geht: nämlich die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit zu sichern und Täuschung zu unterbinden.

Beckmesserei schafft jedoch keine Qualitätssicherung.