Ulrike Winkelmann
31.03.2011 | 08:10 5

Die Grünen - eine Abiturientenpartei

Hintergrund Die Grünen sollen jetzt eine Volkspartei sein. Das stimmt - und wieder nicht. Auf Arme und Arbeitslose muss die Partei jedenfalls keine Rücksicht nehmen, sagt das DIW

Dass die Grünen mehr sind als ein „Ein-Generationen- Phänomen“, haben die Analysten in ihren Auswertungen von Wahlergebnissen längst belegt. Nun hat auch das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW in Berlin sich anhand des dortigen Datenpools um die Grünen-Anhängerschaft gekümmert und festgestellt: Die Grünen werden rein demografisch zu einer Art Volkspartei.

Denn seit ihrer Gründung ziehen sie Jung- und Erstwähler an wie es zuletzt keine andere Partei mehr vermochte. Der Großteil der grünen Jungwähler bleibt der Partei aber auch bei fortschreitendem Alter treu. Das gilt besonders für die geburtenstarken sechziger Jahrgänge, aber auch für die Jüngeren, so dass der Grünen-Anhänger heute im Schnitt 42 Jahre alt ist – 1984 bis 1989 war das Durchschnittsalter noch 28.

Aus den ehemaligen Zivis und Studierenden sind Beamte, Angestellte und Selbständige geworden. „Die Grünen rekrutieren ihre Anhänger fast ausschließlich unter Menschen mit Abitur“, schreibt das DIW. Diese waren in den achtziger Jahren zum großen Teil noch nicht in ihren Berufen angekommen, sind es mittlerweile aber sehr wohl. Entsprechend haben sich die Grünen-An­hänger die Einkommenstabelle hinauf geschoben: Die größte Unterstützung genießen die Grünen heute im oberen Einkommensfünftel der Bevölkerung. Soziokulturell sind die Grünen also alles andere als eine Volkspartei.

Unter Menschen mit Haupt- oder Volksschulabschluss ist die Grünen-Unterstützung bei verschwindend geringen drei Prozent geblieben, bei Arbeitslosen sogar gesunken. Auf diese Klientel, folgern die DIW-Autoren, müssten die Grünen in ihrer Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik „folglich nur wenig Rücksicht nehmen“.

Kommentare (5)

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richard-der-hayek 31.03.2011 | 13:55

Da kommt einfach daher, daß die Zusammenhänge praktisch nie hundertprozentig sind.

Es gibt halt statistische Verteilungskurven:
höhere Bildung - höherer Lohn mit einer Wahrscheinlichkeit von viel höher als umgekehrt.

Aus einzelnen Gegenbeispielen kann man keinen gesellschaftlichen Zusammenhang ablehnen.

Es gibt bestimmt auch ein paar Menschen, die weniger als 5000.- im Monat verdienen und trotzdem FDP wählen. Deshalb wird sie aber keine Arbeiterpartei.

matthiasr 31.03.2011 | 14:09

Ich finde dieses "müssen keine Rücksicht nehmen" – gerade von einem Wirtschaftsinstitut – ein bisschen suggestiv, als würden oder sollten sie es tun.

Für mich (Disclosure: Grüner und Student) geht eine Spaltung durch das (Bildungs-)Bürgertum. Überspitzt: wer gebildet ist, Geld hat und nur auf seinen eigenen Vorteil achtet wählt FDP, wer die Welt verbessern möchte (u.U. auch unter Inkaufnahme eigener, finanzieller Einbußen) Grüne. Insofern sind vermutlich auch die Grünen die einzige Partei, die Steuererhöhungen für ihre eigene Wählerschaft fordern kann/könnte (im Zweifel: sollte) ohne dafür allzu schlimm abgestraft zu werden.

KalleWirsch 31.03.2011 | 17:02

Die Frage ist doch, Steuererhöhungen um was zu finanzieren? Hartz IV?

Ist es eine bessere Welt, wenn die Grünen in Hamburg einem Antrag zustimmen, zu prüfen, ob die Obdachlosen unter Brücke am Hafenkrankenhaus auch wirklich "echte Obdachlose" sind oder nur Kriminelle (weil die ja alle freiwillig im Winter unter Brücken wohnen) und dann mitzutragen, dass die Obdachlosenstätte samt Buden geräumt wird, weil sie in der Touristenanfahrtstrecke zu sehen sind? Ist es eine bessere Welt, wenn die Grünen Castordemonstranten zu Regierungszeiten verunglimpfen, um danach in der Opisotion wieder auf den Demozug aufzuspringen, nicht ohne die Schotterer zu kriminalisieren? Ist eine bessere Welt, dass die Grünen für S21 gestimmt haben, u.a. auch ein grüner Aufsichtsrat bei der Bahn? Ist es eine bessere Welt, dass die Grünen mit einem grünen Bürgermeister in Friedrichshain Kreuzberg zusehen, wie die Liebigstrasse geräumt wird und einzig Christian Ströbele versucht zu vermitteln? Ist es eine bessere Welt, wenn Frau Künst für Berlin ankündigt, die Sozialausgaben effizienter zu kontrollieren?

Ich möchte diese grüne bessere Welt nicht haben.

rex1000 01.04.2011 | 12:41

Sehr geehrte Frau Winkelmann,
ich denke, Sie sind bei ihrem Kommentar noch ein wenig zu freundlich geblieben.

Aus einem Ex-Hausbesetzer wird ein Privat-Dozent in Harward. (Das nur als einfaches Beispiel). Eine Alternative zum AKW wird zur Nebensache. Das private Konto muss man stärken. Das wird die Hauptsache. Der Schulabschluss oder ein Studium spielen dabei nur eine untergeordnete.

Alles, was man heutzutage in der Poltik in Deutschland dazu benötigt ist Showtalent. Diesen Trend hat man vom großen Bruder auf der anderen Seite des Atlantiks übernommen. Die machen das schon erfolgreich seit Jahrhunderten.

Wer zu heutigen Zeiten in der deutschen Politik die Show nicht beherrscht, kriegt keinen Applaus und kann nach ein paar verhinderten Auftritten gehen.

Ich denke, die aktuelle Lage mitsamt den hiesigen Reaktionen zeigt, was sich gerade abspielt und -bildet. Mal schauen, was in der nächsten Szene geboten wird.