Verena Reygers
02.03.2012 | 14:10

So schön traurig

Porträt Lambchop-Sänger Kurt Wagner hat es immer vermieden, in seinen Liedern das Wort „Liebe“ zu benutzen. Warum ist es jetzt doch passiert?

In einem Berliner Hinterhof steht Kurt Wagner an einem kalten Morgen rauchend vor der Tür der Plattenfirma City Slang, einem Independent-Label, bei dem die Alben von Lambchop in Europa erscheinen. Wagners zerknautschtes Gesicht mit Walther-Matthau-Einschlag ziert eine eckige, schwarze Hornbrille. Auf dem Kopf trägt der Lambchop-Frontmann das obligatorische Baseball-Cap, ohne das man ihn nie sieht. Später im Konferenzraum bringt der Labelchef Espresso. Wagner hält seine Tasse die nächste Viertelstunde aber bloß in der Hand, ohne daraus zu trinken.

Der Freitag: Mr. Wagner, Sie sitzen bei Konzerten ausschließlich. Wieso eigentlich?

Kurt Wagner:

Das liegt vor allem daran, wie ich Gitarrespielen gelernt habe. Nämlich im Sitzen, weil es für mich bequemer war. Normalerweise habe ich meinen Fuß immer noch auf einen kleinen Hocker gestellt, das tue ich nicht mehr. Aber sonst spiele ich auch heute noch so. Außerdem bin ich ein alter Mann, da sitzt man lieber.

Ich dachte, es läge an Ihren chronischen Rückenschmerzen.

Das ist auch ein Grund.

Leiden Sie noch immer stark darunter?

Ab und zu, aber es ist sehr viel besser geworden. Ich mache seit einigen Jahren Rückenübungen. Und solange ich die regelmäßig mache, ist alles gut. Schmerzmittel lehne ich grundsätzlich ab, genau­-so wie eine Operation. Aber meine Physiotherapeutin hat mir Übungen gezeigt für zu Hause. Die dauern nur 20 Minuten. Ich versuche, sie jeden Morgen nach dem Aufstehen zu machen.

Das ist hart, direkt nach dem Aufwachen an Rücken­gymnastik zu denken.

Ich dusche schon erst noch und trinke einen Kaffee. Heute habe ich auch noch nichts gemacht.

Yoga soll helfen ...

Das stimmt. Das machen viele Leute und einige der Übungen, die ich mache, sind auchYoga-orientiert. Meine Frau macht Yoga. Es ist interessant: Diejenigen, die damit anfangen, sind sehr schnell sehr überzeugt davon.

Sie teilen die Yoga-Leidenschaft aber nicht?

Nein, aber etwas anderes haben wir gemeinsam: Wir sind beide große Baseballfans. Meine Frau kommt aus New York und ist Mets-Fan. Ich ebenfalls, aber ich bin gleichzeitig auch für unser Team in Nashville.

Und was passiert, wenn beide Teams gegeneinander spielen?

Dann sitzen meine Frau und ich auf der Couch und kämpfen in unterschiedlichen Lagern.

Waren die Rückenschmerzen auch ein Grund, warum Sie ihren Beruf als Parkettleger aufgegeben haben?

Das hatte verschiedene Gründe. Ich habe relativ spät mit der Musik angefangen, da war ich schon 35. Und es war eher ein Zeitvertreib mit Freunden und absolut nicht professionell gedacht. So lief es auch fünf bis sechs Jahre. Als es dann doch erfolgreicher wurde und wir auf Tour gingen, wurde es immer schwieriger für mich, beides unter einen Hut zu bringen. Es gab den Zeitpunkt, da bin ich nach ein paar Shows in Europa zurückgeflogen, um am nächsten Morgen direkt zur Arbeit zu gehen. Das war körperlich sehr herausfordernd und ging dann irgendwann nicht mehr.

Und dann haben Sie lieber auf die unsichere Musikbranche gesetzt?

Ich hatte wirklich keine Ahnung, dass die Musik so erfolgreich werden würde. Und es war durchaus ein Risiko, den festen Job aufzugeben, aber ich hätte die körperliche Arbeit ohnehin nicht lang weiter machen können. Also habe ich mir ein halbes Jahr gegeben, etwas anderes auszuprobieren und das hat dann auch funktioniert.

Das war auch ein finanzielles Risiko ...

Ja, ich war verheiratet, aber wir hatten keine Kinder. Und der Musikindustrie ging es noch nicht ganz so schlecht wie heute. Aber du weißt natürlich trotzdem nie, was nächstes Jahr passiert. Du kannst nur das tun, was dir liegt und dann hoffen, dass es dich weiter bringt.

Als ehemaliger Handwerker – reparieren Sie zuhause trotzdem noch Sachen?

Das hängt davon ab, was es zu reparieren gibt. Kleine Schäden kann ich ganz gut beheben, aber sobald es kompliziert wird, müssen wir einen Profi rufen. Ich mag es aber, handwerkliche Arbeit als Ausgleich für die eher mentale Arbeit des Songschreibens zu haben.

Über Ihr neues Album heißt es, sie nähmen darauf zum ersten Mal das Wort „Liebe“ in den Mund. Das kann ich mir kaum vorstellen.

Das bezieht sich darauf, dass ich es bisher tatsächlich kaum eingesetzt habe, aber mehr noch auf den Aspekt, es auf andere Arten aus­zudrücken. Ich bin in Nashville aufgewachsen, der Hauptstadt der Country-Musik, in der jedes zweite Wort „Love, Love, Love“ ist. Das ist da Standard: Wenn du nicht weißt, worüber du reden sollst, redest du über Liebe. Es gibt so viele Songs über Liebe, aber die interessanten sind die, die andere Wege als die herkömmlichen finden, darüber zu singen. Das ist eine Herausforderung.

Und warum haben Sie sich entschieden, es doch mal mit der bewussten Nennung zu versuchen?

Ich habe mit Cortney Tidwell das Projekt KORT gemacht, in dem wir klassische Country-Songs gecovert haben, in denen auch jedes zweite Wort „Love“ war. Dabei habe ich festgestellt, dass es nicht darum geht, das Wort in den Mund zu nehmen, sondern darum, wie du das tust. Das war wie eine Offen­barung. Und nachdem ich das verstanden hatte, dachte ich: Cool, vielleicht versuche ich es doch mal.

Dabei ist Ihre Musik prädestiniert für Pärchen.

Ja, das denke ich auch. Menschen schreiben uns Briefe, in denen sie erzählen, wie ihre Beziehungen oder Ehen von Lambchop-Songs begleitet wurden. Das ist manchmal schon berührend.

Dann schreibe ich auch mal einen. Einer meiner Ex-Freunde hat mir zu Beginn unserer Beziehung Ihre Nixon-LP geschenkt.

Muss ein cooler Typ gewesen sein.

Viele empfinden Ihren flüsternden Reibeisengesang auch als extrem sexy, obwohl Sie ...

... obwohl ich als Person ein bisschen eine Enttäuschung bin im Vergleich zur Stimme. Das wollten Sie sagen, nicht wahr? (

lacht

)

Auf Ihrem neuen Album gefällt mir die Zeile „The Sky Opens Up Like Candy“ besonders gut. Die zu hören, vermittelt ein Gefühl von Liebe, ohne dass Sie es explizit benennen müssten.

Das freut mich und ja, ich glaube, Liebe heißt, sich ganz allgemein und ehrlich um andere Menschen zu sorgen und zu kümmern, für sie da zu sein. Auch auf freundschaftlicher Ebene. Es ist ein Gefühl, das man generell im Herzen haben sollte. Und es bedeutet auch, weniger selbstsüchtig zu sein.

Spricht da die Altersweisheit aus Ihnen?

Es hat definitiv was mit dem Alter zu tun. Aber auch junge Leute sind sehr leidenschaftlich und ambitioniert. Die Occupy-Bewegung ist ein gutes Beispiel dafür, weil es dort darum geht, sich umeinander zu kümmern und sich gegenseitig zu unterstützen. Das ist die Botschaft dahinter. Es geht nicht um das Geld und all das Haben und Nichthaben. Es gibt keinen Grund, dass jemand hungrig oder ohne Job ist. Es ist genug für alle da.

Engagieren Sie sich politisch?

Ja und nein. Einerseits ist meine Frau kommunalpolitisch aktiv, also bin ich durchaus in diese Themen involviert. Anderseits stehe ich eher abseits und versuche zu begreifen, was passiert. Ich möchte meine musikalischen Ideen und Aussagen nicht in einer politischen Botschaft verpacken. Und umgekehrt möchte ich Politik nicht als Marketing-Tool für meine Musik verwenden. Du kannst auf andere, subtilere Wege – durch Unterschriftenlisten und anderes – unterstützen, das muss ich nicht als Musiker machen.

Aber Sie haben doch eine politische Meinung.

Auf jeden Fall. Ich war an Weihnachten auf einer Party mit vielen Menschen meines Alters, mit denen ich über die Occupy-Bewegung sprach und die Probleme, die dahinter stecken. In meinem Alter neigt man dazu, das Damals zu verklären. Aber als wir jung waren, gab es den Vietnamkrieg und all das. Es sind nie die guten alten Zeiten gewesen. Aber wir hatten auch unseren Idealismus und sind heute diejenigen auf der anderen Seite. Heute vertreten wir manchmal Interessen, die wir nicht teilen.

Wie meinen Sie das?

Eine Freundin von mir ist Juristin an einer Uni in Kalifornien und musste dafür sorgen, dass die Demonstranten den Campus verlassen, obwohl das ihrer Überzeugung widersprach. Und ein anderer Freund, ebenfalls Anwalt, war in einer ganz ähnlichen Situation. Es ist doch seltsam, dass du, um deinen Job zu machen, gegen deine Überzeugung handeln musst.

Waren Sie jemals in einer ähnlichen Situation?

Als ich jung war, lebte ich in Chicago und arbeitete einige Zeit in einer Kunsthandlung. Dort habe ich aber gekündigt, weil mein Chef ein Rassist war. Sechs Monate lang habe ich versucht, einen anderen Job zu finden, aber umsonst. Schließlich musste ich zurück nach Nashville und alle meine Pläne aufgeben, in Chicago zu leben und Künstler zu werden. Aber ich konnte nicht für diesen Rassisten arbeiten. Letztlich hat mein Leben durch diese Entscheidung eine komplett andere Richtung genommen.

So wurden Sie Parkettleger?

Ja, aber auch, weil ich als Künstler vorher schon mit Holz gearbeitet hatte.

Aber aufgegeben haben Sie die Kunst trotzdem nicht.

Ich habe eigentlich immer nebenbei gemalt. Früher habe ich auch Installationen gemacht, als ich die Möglichkeit bekam, in großen Ateliers zu arbeiten. Aber nachdem ich weniger Platz zur Verfügung hatte, habe ich mich allein aufs Malen konzentriert.

Malen Sie viel?

Mein Ziel ist es, die Malerei als selbstverständlichen Teil meines Alltags zu sehen. Jeden Tag, eine Stunde zu malen, das muss möglich sein. Aber das gelingt nicht immer.

Wie mit den Rückenübungen.

Genau. Wenn ich zum Beispiel auf Tour oder wie jetzt für Promotermine unterwegs bin, habe ich keine Malmaterialen mit. Ich bin auch niemand, der ein Skizzenbuch mit sich herumschleppt. Und was es außerdem schwer macht, ist es dann unterwegs das Gleichgewicht zwischen Musikmachen und Malen zu finden.

Dafür haben Sie auf Tour die Gelegenheit, in unterschiedliche Museen oder Ausstellungen zu gehen.

Das mache ich tatsächlich gern, vorausgesetzt, die Zeit lässt es zu. Ich gehe lieber in Museen als in Galerien, weil ich mir die Gemälde, vor allem die alten ansehen will. Das hat mehr mit meiner eigenen Kunst zu tun. Museen inspirieren mich ähnlich wie ins Kino zu gehen: Wenn man rauskommt, möchte man selber kreativ sein, unabhängig von dem, was man gesehen hat.

Sitzen Sie beim Malen auch?

Ja, auch weil ich sehr kleinteilig male und dafür lange brauche. Früher habe ich sehr große Leinwände benutzt, aber ewig gebraucht, um ein einziges Bild fertig zu stellen. Manchmal bis zu einem Jahr. Bei einem Bild pro Jahr dauert es sehr, sehr lange, bis ich eine Ausstellung machen kann. Mittlerweile arbeite ich an so kleinen Leinwänden, dass ich in ein oder zwei Wochen ein Bild malen kann.

Würden Sie ohne Rückenschmerzen eigentlich andere Kunst, andere Musik machen?

Hm, ich weiß nicht, aber vielleicht hat es tatsächlich was damit zu tun.

Würden Sie sich selbst auch als Melancholiker beschreiben?

Nein, eigentlich nicht, ich bin schon eher so ein heiterer Upbeat-Typ.

Ihr neues Album

Zu dem Zeitpunkt, als Vic starb, habe ich wenig Musik gemacht und mich mehr aufs Malen konzentriert. Wobei ich das nie ganz voneinander trennen kann, weil es derselbe Raum ist, in dem ich Songs schreibe und male. Es gibt also immer eine Verbindung zwischen den beiden Dingen.

War der Tod Ihres Freundes der Auslöser, neue Songs zu schreiben?

Als Vic starb, wusste ich einfach nicht, was ich tun sollte. Ich habe erst eine Weile gemalt und dann wieder mit der Musik angefangen, auch, weil Musikmachen so eng mit ihm verbunden war. Er war derjenige, der mich ermutigt hat, meine Musik ernster zu nehmen und hat mich zum Beispiel schon sehr früh mit meinen paar Songs auf Tour nach Europa genommen. Wir waren sehr enge Freunde, auch wenn wir uns nicht jede Woche gesehen haben.

Sie hatten nicht mit seinem Tod gerechnet ...

Sein Tod war eine komplette Überraschung. Ja, absolut. Es war wirklich ein Schock, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll ... Aber das Malen hat mir geholfen, danach wieder Musik machen zu können.

Das Gespräch führte Verena Reygers. Auf freitag.de erscheint alle 14 Tage immer mittwochs ihre Kolumne über Frauen und Popmusik