Volker Hummel
04.10.2011 | 12:22 1

Die Leute

Film ist: Volkskunst

„Man kann unwahrscheinlich, aber wahr sein, übrigens ist die Wahrheit manchmal unwahrscheinlich. Setzen Sie sich doch mal vor ein Café: Sie werden überrascht sein vom Aussehen der ,wirklichen‘ Leute, kein Zuschauer würde solche Köpfe ertragen, die reinen Schießbudenfiguren. Kein Künstler würde sich trauen, diese Köpfe zu kopieren, ohne sie zu transponieren. Indem er sie neu schafft, macht er sie schlimmer oder akzeptabler. Sie einfach abzufotografieren, würde ihre Realität nicht wiedergeben.“ (Jean Renoir, Mein Leben und meine Filme)

Ein Gespräch mit Henrik Peschel, Regisseur (u.a. Rollo Aller 1 & 2, Madboy, Dicke Hose, Pete the Heat), und Daniel Schmidt-Lüthge, Regieassistent des diesjährigen Trailers des Filmfest Hamburg

Wie sah eure Zusammenarbeit aus?

Daniel Schmidt-Lüthge: Wir sind schon lange befreundet und haben bei der Arbeit am Schnitt von Pete the Heat gemerkt, dass unsere Ideen gut zusammenpassen. Nachdem das Filmfest bei Henna wegen eines Trailers angefragt hatte, haben wir uns erst mal zusammengesetzt, was man machen kann, das auch authentisch rüberkommt. Wir haben ein bisschen unseren Hirnschmalz auseinandergezogen, ihn verklebt und auf den Tisch in eine breiige Masse gerührt. Und dann haben wir uns getroffen und drei Tage lang Leute interviewt.

Henrik Peschel: Das Filmfest hat mich letztes Jahr schon gefragt, ob ich für 2011 den Trailer machen will. Da habe ich erst mal mit der auch involvierten Werbeagentur Kempertrautmann Ideen ausgetauscht und auch gleich Daniel dazugeholt. Die Idee, die sich bei uns schnell rauskristallisierte und dann auch akzeptiert wurde, war: das wahre Leben einfangen. Und zwar wirklich den Durchschnitt der Hamburger Bevölkerung, wir sind also nicht in die Szeneviertel gegangen, sondern direkt in die City und haben die Leute nach ihren Kino-Erfahrungen gefragt. Wir waren uns sicher, dass dabei was rauskommt, weil jeder im Kino schon mal geile Sachen erlebt hat. Darum geht man ja hin.

Und die Leute haben euch nicht enttäuscht?

Peschel: Im Gegenteil, das wahre Leben hat mich wie bei bisher allen meinen Filmen nicht hängen lassen. Wir sind ja ohne Drehbuch losgezogen, hatten uns vorher aber 20 Fragen überlegt. Daniel hat ein gutes Auge für interessante Typen und eine lockere Art, der geht einfach so auf die Leute zu, und ich habe manchmal auch eine gute Intuition, da haben wir uns gut ergänzt. Die meisten haben sowieso Lust, mitzumachen. Die freuen sich alle, wenn sie gefilmt werden. Da musste Daniel nur einen lockeren Spruch bringen, und schon tauten die auf, ganze Wandergruppen hat er zum Singen gebracht. Wir haben gesagt, dass wir vom Bürgermeister Geld bekommen haben, und eine Visitenkarte vom Filmfest vorgezeigt, das hat den Leuten gereicht, da wollten die der Stadt Hamburg schon helfen. Wir haben bestimmt an die 100 Passanten interviewt und acht Stunden Material aufgenommen, denn wir ahnten, dass wir viel Stoff brauchen. Gleich die ersten waren manchmal super, dann kamen ganz langweilige Leute und dann wieder ganz unscheinbare Typen, die plötzlich zu Hochform aufliefen und die schrägsten Anekdoten raushauten.

Schmidt-Lüthge: Zwei der Männer, die wir tagsüber interviewten, haben wir dann am Abend in einer Reality-Dokushow gesehen, als Zuhälter. Die sind alle schon im Trashfernsehen, die wir da gefunden haben. Alles Exhibitionisten. Aus dem Material, das wir haben, könnte man noch Dutzende andere Trailer drehen, Horror, Liebe, Sex, die Leute haben alles ausgepackt. Fünf von den Typen waren so gut, die hätten den Trailer allein bestreiten können. Aus all diesen freimütigen Erzählungen haben wir unseren eigenen roten Faden rausgefiltert.

Erzählt noch mal ein bisschen was über die Reaktionen der Leute.

Peschel: Einige gingen gar nicht. Am schlimmsten waren Junggesellenabschiede. Und auf keinen Fall darf man die Menschen nach ihren Lieblingsschauspielern fragen. 80 Prozent von ihnen, in allen Altersklassen, nennen Til Schweiger und werden ganz feucht dabei, das geht schon bei den Dreijährigen los.

Schmidt-Lüthge: „Der sieht so gut aus, der kann so gut schauspielern“, und wir dachten immer nur, was geht ab, da muss man doch draufhauen. Wir haben 53-mal die Frage gestellt und 50-mal seinen Namen gehört.

Und welche Schauspielerin liebt das Volk?

Peschel: Da hieß es immer nur „Megan Fox“, da musst du mal im Internet recherchieren, wer das ist.

Habt ihr vorwiegend Männer angesprochen?

Peschel: Nein, interessante Typen haben wir angequatscht. Zum Beispiel einen 55-Jährigen, der sich als 15-jähriger Raver Atze verkleidet, komplett mit weißer Sonnenbrille und so.

Schmidt-Lüthge: Wir sind so ein bisschen wie durch ein Kaufhaus gelatscht, haben uns umgeschaut und uns die Rosinen rausgepickt: „Der da.“ Man hat dann ganz schnell gemerkt, ob da was bei rumkommt oder nicht.

Peschel: Ich hätte Lust, mit Daniel jeden Tag als RTL-Reporterteam loszuziehen und Leute zu filmen. Die ganze Stadt ist voller merkwürdiger Typen. Du bist der letzte normale Mensch, Volker.

Denke ich auch immer, wenn ich mit dir spreche. Hattet ihr manchmal Eindruck, dass die Leute euch was vorflunkern?

Peschel: Das ja völlig egal, ob was ausgedacht ist, Hauptsache, es ist gut ausgedacht. Es geht auch gar nicht nur um den Inhalt, sondern um die Art, wie die Menschen sprechen, ihre Worte, ihren Tonfall, ihre Gestik. Wie der Seebär das Wort „Busen“ ausspricht. Das ist ein richtiges Original, der ist zuständig für die großen Hafenrundfahrten und holt da die Leute ran. Andererseits haben wir viele Touristen vor die Kamera bekommen, die für mich auch zur Stadt gehören. Ich wollte auf keinen Fall irgendwelche ironischen Typen, die darüber nachdenken, wie sie in den Medien wirken, sondern normale Menschen. Auf der Schanze macht ja mittlerweile jeder selber seine Filme, das ist der Horror. Jeder ist Blogger, jeder Zweite ist Journalist und jeder Dritte macht einen Film.

Ich hätte also für euren Film nichts getaugt, ich bin nicht das Volk. Wie seid ihr beim Schnitt vorgegangen?

Peschel: Unsere Leitidee bestand darin, die einzelnen Szenen so parallelzumontieren, dass der Eindruck eines simultan an verschiedenen Ecken Hamburg anschwellenden Chorus entsteht. Dass das so gut gelingen ist, verdanken wir auch dem exzellenten Cutter Sebastian Pleissner, mit dem ich auch schon an Pete the Heat gearbeitet habe.

Mir erschien der Trailer wie ein Requiem auf das Kino als ein sozialer, leicht anrüchiger Ort, in dessen Dunkelheit man nicht nur wegen der Filme verschwindet. Solche Kinos gibt’s doch gar nicht mehr, oder?

Peschel: Doch, solche Kino-Erfahrungen werden noch gemacht, das ist uns immer wieder erzählt worden. Deshalb haben wir auch den siebenjährigen Jungen ans Ende gestellt, der erzählt, dass er im Kino seinen ersten Kuss bekam. Die Kids von heute haben ihre Dates immer noch im Kino.

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Wer sich vom Festivalstress erholen möchte, dem empfehle ich einen Besuch in Daniel Schmidt-Lüthges Floatarium in der Schanzenstraße 10 („Floaten und Massagen im Herzen Hamburgs“). Termine nach Vereinbarung.

 

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