voodoente
15.02.2013 | 10:56

Nachbarschaftsstreit ist ins Netz abgewandert

Internet Vom Umgang mit negativem Feedback im Netz. Muss man deshalb mit Kanonen auf Spatzen schiessen?

Gegen einen Onlinejournalisten von klinikbewertungen.de wurde vor zwei Wochen vom Amtsgericht Duisburg Beugehaft verhängt, weil er Userdaten nicht preisgeben wollte. 

Nach der Ende Januar erzwungenen Herausgabe von Nutzerdaten bei der Augsburger Allgemeinen und der Beschlagnahmung von Bildern einer Demonstration bei verschiedenen Fotografen stellt sich bei mir das Gefühl einer Steigerung ein. Was Zufall sein kann oder auch nicht. Da wurde dreimal viel Aufwand betrieben, davon zweimal wegen längst gelöschter Usereinträge, um die es mir hier geht. 

Dazu zu Info: Wer sich in einem Portal anmeldet, kann zurückverfolgt werden. Wenn derjenige eine erfundene Identität benutzt, ist trotzdem seine IP-Adresse gespeichert, seine Verbindungsdaten werden zumindest für eine gewisse Zeit vorgehalten.  Zwei Links zum Thema „anonymes Surfen“ befinden sich im Kasten links. 

Ich bin kein Jurist. Nicht nur mir ist unklar, wo das Zeugnisverweigerungsrecht gilt und wo nicht. Mir fällt auf, dass in den Beiträgen von Leuten, die von der Gesetzeslage mehr verstehen als ich, oft das Wort "Verhältnismässigkeit" auftaucht. Das übersetze ich mit meinem Nichtjuristenhirn als "kann man nicht genau sagen".    

Mein Nichtjuristenhirn fragt sich auch, warum jemand zur großen Keule greifen muss, wegen eines Eintrags, den es gar nicht mehr gibt. Soweit ich aus den Blogs nachvollziehen kann, haben beide Einträge nicht zu Riesenkatastrophen im Leben des Klägers geführt.  Der deutsche Nachbarschaftsstreit ist  ins Netz abgewandert. 

Feedback ist im Netz ja durchaus erwünscht und willkommen. So funktioniert das "like" auf Facebook, Kommentarspalten in Blogs, Feedbackseiten von Herstellern. Auch ebay hat schnell erkannt, dass User ihre PR selbst generieren, was für diese einen Zusatznutzen hat. Womit man allerdings leben muss: wer um Feedback bittet, kann nicht immer damit rechnen, dass es positiv ausfällt. Was eigentlich auch jedem einleuchtet. Meistens. 

An dieser Stelle klemmt es wohl, da wir gelegentlich weder nett zueinander sein wollen noch nett zueinander sind. Ob das an der gleichzeitigen Anonymität und Nähe im Netz liegt, wo man gefühlt jeden zu kennen glaubt, an unverarbeiteten Aggressionen, Pöbellust oder schlechten Manieren, kann man diskutieren. Von jemandem, der die Herausgabe von Userdaten erzwungen hat, weil er sich für positive Kommentare bedanken wollte, habe ich noch nie gehört. 

Ich habe mich selbst mal wegen eines Kunstfehlers auf einem Onlineportal über einen Arzt beschwert. Längere Zeit später meldete sich der Portalbetreiber und verlangte zusätzliche Angaben wie Klarnamen, Datum usw. Ich lieferte diese Angaben nicht, der Eintrag wurde gelöscht. 

Bisher hat mich noch niemand verklagt. Bei einer juristischen Auseinandersetzung hätte ich wohl keine großen Erfolgsaussichten. Trotzdem wollte ich aufzeigen, dass es Kunstfehler gibt und dass Ärzte keine Götter sind sondern Menschen, die gelegentlich Fehler machen. Ich war froh, dass ich die Möglichkeit hatte mich anonym zu äußern. 

Ein Betreiber kann solche oder ähnliche Sachverhalte normalerweise weder nachvollziehen noch überprüfen. Was er machen kann, ist grobe Beleidigungen filtern oder Schadensbegrenzung leisten während eines Shitstorms. Und das auch nur, wenn dafür genügend Personal zur Verfügung steht. 

Der Umgang mit unerfreulichen Rückmeldungen ist teilweise drastisch. Wer sich beleidigt fühlt, ruft nach dem Verantwortlichen. Frei nach dem Prinzip "Strafe muss sein" .Wenn der Verursacher mangels Klarnamen nicht gefunden werden kann oder will, ist eben der Provider dran 

Mal abgesehen davon, dass hier Verantwortung an einer Stelle abgeladen wird, wo sie eventuell nicht hingehört: was könnte ein Portal denn gegen „grenzwertige“ Einträge tun?

Die Kommentarfunktion abschalten? Will das wirklich irgend jemand? Die Kläger, die Anwälte, die Betreiber und die User bestimmt nicht. Denn dann wäre das Internet ganz schnell nicht mehr interaktiv. 

Also Klarnamenzwang? Userdaten gleich veröffentlichen?  Ohne
drauf einzugehen
, dass Facebook das auch nicht geschafft hat, sind die Nicks, also Pseudonyme, keine ganz neue Erfindung. Jeder benutzt sie, aus allen möglichen Gründen. Einer der Gründe ist die Trennung von öffentlicher und privater Person, ein anderer ist Datenschutz. Eine schöne Auflistung von Gründen befindet sich auf Wikipedia unter Pseudonym

Klarnamenzwang  wäre ein zumindest technisch gangbarer Weg. Mit der wahrscheinlichen Folge, dass eine Art Wikileaks für Bagatellprobleme entsteht. Oder sich jeder seinen amtlichen Nick beim Einwohnermeldeamt abholen darf. Für den Betreiber wäre das zumindest weniger Arbeit. Nur, dass dann niemand mehr postet. Na ja, totale Kontrolle war schon immer ein totaler Irrtum. Aber schön, dass dann niemand mehr rumpöbelt.

Einfach mit der Situation leben? Das hätte den gleichen Effekt wie der Klarnamenzwang. Empfehlen könnte man das aber vielleicht den Beleidigten. Schon deshalb, weil es viel weniger Stress ist. Oder der Anwalt nicht die Augen verdreht, wenn man den Raum verlässt.  Lobbyismus ist auf Platformen ja auch normal. Worüber sich zwar manchmal jemand ärgert, was aber noch keine Klagewelle losgetreten hat. Schlussendlich hat ja auch niemand gerne Beamte mit Durchsuchungsbefehlen vor der Tür stehen. 

Es gibt ganz sicher Einträge im Netz, die wirklich unter Rufmord fallen, unter Bedrohung oder Stalking. Muss man deshalb grundsätzlich mit Kanonen auf Spatzen schießen? Und war da nicht mal was mit "Meinungsfreiheit"?