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18.01.2013 | 10:54 11

Schöne neue Userwelt- Teil 2

User Compliance Es geht alles ganz schnell, ganz einfach und vor allem ganz mühelos.

Schöne neue Userwelt- Teil 2

Foto: Okko Pyykkö/ Flickr (CC)

In einem Science-Fiction Film aus den 80er oder beginnenden 90er Jahren habe ich mal den Satz gehört „Ich wohne hier, leben tue ich da drinnen“. Der Satz kam von einem coolen Helden der Subkultur, der dem etwas tumben ermittelnden Inspektor den neuen Information Superhighway erklärt.

Worum es in dem Film genau ging, weiß ich nicht mehr, das spielt auch keine Rolle. Der Punkt ist: Online und offline waren komplett getrennte Welten. Das wahre Leben fand offline statt.

Heute habe ich nicht nur ein Offline-Ich sondern dazu noch ein paar Online-Ich‘s, die mit dem Offline-Ich teilweise deckungsgleich sind. Das wahre Leben findet überall statt. 

Online passiert nicht viel anderes als offline auch. Man geht shoppen, streitet sich, verliebt sich und macht Blödsinn, man kann Formulare bei Ämtern bestellen und demnächst wohl auch wählen gehen. Nur die Kommunikationsregeln sind online zum Teil ein wenig anders. Gemacht werden sie vom Webmaster, vom Provider oder von Unternehmen, die mit Werbung nerven, um die Online-Ich‘s und sich selbst zu finanzieren. Dadurch, dass man ein anderes Produkt wählt, wenn einem die Regeln nicht passen, kann man darauf Einfluss nehmen. Irgendwelche Regeln muss es ja geben, ich fange ja auch nicht an, die Verkehrsregeln in Frage zu stellen, wenn ich mir ein Auto kaufe.

Die Regeln, nach denen ich offline so lebe, macht weitestgehend ein Staat, dem ich abnehmen muss, dass er die sie im Sinne der Allgemeinheit aufstellt. Die Regeln im Netz macht oft ein Konzern, der ohne Benutzer nicht existieren kann. Kein großer Unterschied? Na ja. Irgendwie doch.

Vor ein paar Monaten habe ich an einer dieser Befragungen teilgenommen, die manche Webseiten ab und zu durchführen und bei denen es am Ende oft darum geht, welche Jeansmarke man trägt. Die erste Frage lautete: „Ist es ok, wenn wir dich duzen?“. Einen Nein-Button gab es nicht.

Was mich geärgert und an eine andere Filmszene erinnert hat, nämlich dem Verhör von Neo in „Die Matrix“, in der er nicht mehr sprechen kann weil ihm die Matrix den Mund entfernt hat.

Die Matrix gibt es nicht, das Netz ist von Menschen gemacht. Ich bin nicht stumm und kann in der virtuellen Welt jede Menge sagen, in Form von Email, Posts, Chats, Blogs, per Twitter, mit Skype oder Facebook. Nach mancher Meinung wird eher zu viel gesagt und zu wenig Sinnvolles. Nur: Wenn eine Social Network Site nicht will, dass ich etwas sage, sage ich es nicht. Mitwirkung ist vom Hersteller nur vorgesehen, solange sie ihm nützt.

Daran, dass jemand bestimmt, wer wann was von mir sehen kann und wie lange es gespeichert wird, habe ich mich schon weitestgehend gewöhnt, an vieles andere auch. Mein Leben „da drin“ folgt Regeln, die ich einfach so akzeptiere.

Im ersten Teil der schönen neuen Userwelt habe ich mich gefragt, warum ich mich von meinen Gadgets gelegentlich gegängelt fühle. Jetzt frage ich mich, warum ich viele Standards, die das Netz mir so vorsetzt, so einfach hinnehme.

Wenn das ein Teil meines Lebens ist, warum verhält sich mein Online-Ich dann oft wie ein sediertes Schaf? Warum behalte ich in neun von zehn Fallen die Default-Einstellung obwohl ich es besser weiß? Weil das vom Marketing so gewollt ist? Ja auch, aber vor allem,weil ich faul bin. Bequem und verführbar. Weil ich ja so gerne Vertrauen haben möchte. Weil mir ständig jemand sagt, dass das alles prima ist so.  

Wer’s nicht glaubt, beobachte sich mal selbst. Gelegentlich bin ich erstaunt, wie leicht man sich an der Hand nehmen lässt. Nur fünf Minuten, lese ich, es geht alles ganz schnell, ganz einfach und vor allem ganz mühelos. Bis ich alles ganz sauber weggeklickt habe. Schöne neue Userwelt.

Kommentare (11)

Lee Berthine 18.01.2013 | 12:32

Auch ich bin manchmal erschrocken über meine eigene Bequemlichkeit, mit der ich zum Beispiel AGBs auf die Schnelle anklicke (ohne sie wirklich zu lesen) und langatmige Agreements ebenfalls ohne zu zögern "akzeptiere"(meine Linsen streifen dabei den Text nur quer).

Das könnte heißen, mir ist die Zeit zu schade, mich mit solchen Dingen gründlich und sorgfältig auseinander zu setzen und WIRKLICH in Ruhe zu entscheiden... Und wenn das alle so machen, gibt es als Resultat eine gemeinschaftlich "akzeptierte" Online-Welt, die ihre Tentakel bis in die Offline-Welt ausstrecken könnte. 

Gruselig. Mir gruselt vor mir selber.

MopperKopp 18.01.2013 | 15:08

Diese Einstellungen sind egal, da sie sich auf Objekte beziehen, reale oder virtuelle, also auf veraltete Wesenheiten des Seins. Beides trifft auf mich nicht zu, ich schwinge zwischen den Welten in hoher Geschwindigkeit, man kann sagen: ich quantel, so dass mich keines dieser Defaults tangiert. So, genug hier kommentiert, nun tunnel ich zum nächsten Beitrag.

Aussie42 18.01.2013 | 21:29

Zutreffende Analyse.

Die Frage ist aber doch, muss man  alles mitmachen? Die off-on-line-Einheit ist ja nicht genetisch hardwired.

Offline kann man sich entscheiden, nicht alles mitzumachen, online auch.

Muss ich einen f+t+g Account haben? Muss ich meine e-mail auf dem Weg zum Bus lesen? Brauche ich eine glotze, ein tablet? Muss ich meine Daten in ne cloud schieben? Muss ich mir unentwegt die Ohren zustoepseln? etc. pp.

Natuerlich muss man  Kompromisse machen, wenn man nicht einoedeln will.

...und dass es die Online-Versuchungen gibt: klar doch. Aber...

 

lurch 19.01.2013 | 12:24

Mir ist nicht recht klar, worauf der Text hinaus will. Wen es stört, dass die meisten Webseiten autokratisch geführt werden und die Nutzer ähnlich betrachten wie ein Fleischfabrikant ein generisches Schwein, der braucht nicht mitzuspielen. Es gibt zu vielen repressiven Diensten freie Alternativen, man muss sich aber etwas anstrengen, sie zu finden, manchmal minimal geringeren Funktionsumfang inkauf nehmen und natürlich seine Freunde überzeugen (was oft nahezu unmöglich ist).

Aber hier scheint es eher um ein gefühliges "Die Welt ist so schlecht!" zu gehen, denn es werden nicht einmal beispielhaft Alternativen genannt, es wird nicht einmal die Idee diskutiert, auf alternative Dienste umzusteigen, geschweige denn, dass Strategien diskutiert würden, träge Freunde zum Umstieg zu bewegen.

Wer kapituliert, verwirkt sein Recht zu jammern.