Wolfram Heinrich
09.08.2009 | 18:07 14

Von der Weisheit des Mythos - Anmerkungen zu Ödipus - 1. Teil

Wenn Gerüchte alt werden, werden sie Mythos.
Stanislaw Jerzy Lec

Die Geschichte vom König Ödipus, der versehentlich seinen Vater erschlug und ahnungslos mit seiner Mutter Kinder zeugte, wird um 800 v. Chr. von Homer als bereits allgemein bekannt erwähnt. Gut abgehangen, wie die Story also schon in der klassischen Antike war, hat die Ödipus-Geschichte bereits damals mehrere dramatische Bearbeitungen erfahren. Die Ödipusdramen von Äischylos und Euripides sind verloren, erhalten geblieben ist uns der Oidipous Tyrannos von Sophokles, der die Geschichte als konkurrenzloser Monopolist für alle späteren Zeiten festgeklopft hat. In seiner Version hat der Mythos die Nacherzähler und Interpreten erreicht, von Seneca über Voltaire bis zu André Gide.
Die Ödipus-Geschichte, der Tragödienstoff aller Tragödienstoffe, wurde zu einer der fundamentalen Mythen des Abendlandes. Allgemein gültige Wahrheiten und Einsichten über den Menschen und sein Leben in dieser Welt werden darin formuliert und dargestellt. Der Ödipus-Mythos ist heute lebendig wie je. Spätestens Sigmund Freud hat ihm mit seinem Ödipus-Komplex eine grandiose Renaissance verschafft.
Es ist also nur konsequent, daß der "König Ödipus" von Sophokles immer noch zu den viel gespielten Stücken der Theater gehört, von hochmodernen Inszenierungen bis zur alljährlichen musealen Weiheaufführung im antiken Amphitheater von Delphi.

Zur Erinnerung: Die Geschichte

Jeder kennt den Mythos, die Wenigsten werden aber alle wichtigen Einzelheiten der Geschichte parat haben:
Die Ehe von Laios, König von Theben, mit Iokaste bleibt kinderlos, eine Katastrophe für einen Monarchen, der eine Dynastie fortführen muß. Das um die Gründe für seine Kinderlosigkeit befragte Orakel von Delphi hält Laios vor, er habe sich einst an einem Knaben vergangen und dadurch den Zorn der Götter entfacht. Laios würde von seinem eigenen Sohn erschlagen werden, sollte er je einen solchen zeugen. Trotz der Drohung schläft Laios Iokaste weiterhin bei; diesmal wird Iokaste schwanger und gebiert einen Sohn. Um dem angedrohten Schicksal zu entgehen, übergibt Iokaste ihr Neugeborenes einem Hirten, damit er es in der Wildnis aussetze. Der Hirte gibt den Säugling jedoch einem auswärtigen Kollegen, der ihn seinerseits an das kinderlose Königspaar Polybos und Merope von Korinth weiterreicht.
Erwachsen geworden, hört Ödipus Gerüchte, er sei gar nicht der leibliche Sohn des Königspaars, sondern ein angenommenes Findelkind. Die Eltern vermögen seine Zweifel nicht zu zerstreuen, so daß auch Ödipus nach Delphi reist. Auf die konkrete Frage nach seiner Herkunft erhält er keine Antwort, stattdessen die beunruhigenden Auskunft, es sei ihm bestimmt, seinen Vater zu töten und mit seiner Mutter Kinder zu zeugen. Um das zu vermeiden, kehrt Ödipus nicht nach Korinth zurück. An einer engen Wegstelle im Gebirge kommt es zum Streit zwischen Ödipus einerseits und Laios und Gefolge andererseits. Ödipus schlägt alle tot, bis auf einen Knecht, der entkommen kann.
Ein schreckliches Monster, die Sphinx, hält Ödipus auf, der aber ihr Rätsel löst, worauf die Sphinx in den Abgrund stürzt. In Theben feiert man Ödipus als Retter, man gibt ihm die Königswitwe Iokaste zur Frau und macht ihn damit zum König.
Einige Jahre später - Ödipus hat mit Iokaste inzwischen vier Kinder - leidet Theben unter der Pest. Das delphische Orakel sagt, die Pest werde erst dann weichen, wenn der Mörder von König Laios bestraft und aus der Stadt entfernt sei. Ödipus klärt binnen weniger Stunden den Mordfall Laios auf, wobei er sich selber als Mörder seines Vaters und Ehemann seiner Mutter enttarnt. Iokaste erträgt die Schande nicht, vom eigenen Sohn beschlafen und Kinder empfangen zu haben: Sie tötet sich selbst, Ödipus blendet sich und verläßt Theben als schuldgepeinigter Büßer.

Ödipus ist nicht ödipal

Seit Sigmund Freud haben wir uns angewöhnt, eine Geschichte nach dem Muster

  • Sohn haßt Vater und begehrt Mutter

eine "ödipale Geschichte" zu nennen.
Der heranwachsende Sohn sieht den Vater als Rivalen an, den er - meist unbewußt - haßt.

  • Er haßt ihn als überlegenen sozialen Rivalen, der all das schon erreicht hat, was der junge Mann noch erreichen muß, um seinen Platz im Leben zu finden.
  • Er haßt ihn vor allem aber als sexuellen Rivalen um die Gunst der Mutter, der ersten und wichtigsten Frau im Leben eines Mannes.

Wenn wir diese Beschreibung einer ödipalen Situation wie eine Folie über den Mythos von Ödipus legen, merken wir schnell, daß die Ödipus-Geschichte alles mögliche ist, nur eben keine ödipale Geschichte. Es ist nicht die Geschichte eines Sohnes, der seinen Vater haßt und seine Mutter begehrt.
Seinen Vater Laios kann Ödipus gar nicht hassen, da er ihn nicht kennt. Er haßt ihn nicht einmal symbolisch, als jemand, der ihn früh verlassen hat, da Ödipus von diesem Teil der Geschichte die längste Zeit nichts ahnt. Seine Mutter Iokaste begehrt Ödipus nicht, da er sie die gesamte Kindheit und Jugend über gar nicht und später nicht als Mutter kennt. Ödipus hält vielmehr bis zum Ende des sophokleischen Dramas Polybos und Merope für seine Eltern. Hätte er Polybos erschlagen und mit Merope geschlafen, dann wäre die Ödipus-Geschichte auch eine ödipale.

  • Ödipus verliebt sich nicht in seine biologische Mutter, um sie dann zu heiraten. Ödipus befreit eine ihm fremde und gleichgültige Stadt von einer schweren Bedrohung und bekommt als Lohn fürs Drachentöten die jüngst verwitwete Königin zur Gemahlin - eine ihm bis dahin fremde und gleichgültige, da unbekannte Frau.
  • Ödipus tötet seinen biologischen Erzeuger Laios, das ist richtig. Aber er tötet ihn nicht als den verhaßten Vater, sondern als einen beliebigen Fremden im Verlaufe eines Streits.

Laios, der Täter

Laios!
Dieser Laios wird in der Ödipus-Rezeption - sei es die philologische, die psychologische oder die theatralische - verdächtig weit in den Hintergrund geschoben. Wenn von ihm überhaupt die Rede ist, dann als bedauernswertes Mordopfer seines eigenen Sohnes. Aber was heißt schon Mord in diesem Falle? Nach dem heutigen Rechtsverständnis wäre die Tötung von Laios im Verlaufe eines Kampfes allenfalls als Totschlag, wahrscheinlich aber nur als Körperverletzung mit Todesfolge oder gar als bloße(r) Notwehr(exzeß) einzustufen. Schließlich hatte sich der Wanderer Ödipus im Verlaufe des erbitterten Streites mehrerer Kontrahenten zu erwehren, die ihn, im Falle, sie hätten gesiegt, sicherlich getötet hätten, den Bräuchen ihrer Zeit folgend.
Eine rühmliche Ausnahme bildet die Schweizer Psychoanalytikerin Alice Miller. Miller beklagt, alle Welt rede von Ödipus und seiner Schuld oder Nichtschuld oder schuldlosen Schuld, während kaum einer mehr als einen flüchtigen Gedanken an Laios, den eigentlichen Urheber der Tragödie, den Haupttäter verschwende.
Wer sich auf diese Sichtweise von Alice Miller einläßt und den Ödipus-Mythos von Laios ausgehend betrachtet, dem kippt auf einmal die vertraute Geschichte. Sie verwandelt sich ihm in eine andere und er wird danach nie mehr die alte Geschichte im Ödipus-Mythos finden können.
Das ist ja gar nicht die Geschichte eines Mannes, der seinen Vater tötet, seine Mutter zur Frau nimmt und mit ihr Kinder zeugt. Der Ödipus-Mythos ist vielmehr die Geschichte eines Mannes, der einem Mordanschlag entgeht, Jahre später seinen Mörder tötet und die Komplicin des Mörders in den Selbstmord treibt.
Das in die deutsche Sprache eingegangene jiddische Wort Chuzpe läßt sich mit "Frechheit, Dreistigkeit" so einigermaßen übersetzen, wobei allerdings selbst das Wort Dreistigkeit noch viel zu schwach ist. Was Chuzpe wirklich ist, erklären Anekdotenerzähler gerne durch die Geschichte von dem jugendlichen Elternmörder, der in seinem Schlußwort vor Gericht um mildernde Umstände bittet, unter Hinweis auf seinen Status als Vollwaise. Den Kindermörder Laios als Mordopfer zu bedauern, wie es die abendländische Geistesgeschichte seit der Antike macht - das macht der Chuzpe des Elternmörders ernsthafte Konkurrenz.
Seine Rache vollzieht Ödipus zwar nicht bewußt, aber er vollzieht sie. Und: Er vollzieht sie. Das Opfer vernichtet am Ende beide Täter. Eine Geschichte mit ausgleichender Gerechtigkeit, so befriedigend schön, daß sie im wirklichen Leben nur selten passiert. Eine wunderbare, versöhnliche Geschichte.
Und in der Tat ist bei Sophokles - und das meint im Folgenden immer auch: in jener Version des Mythos, die für die folgenden Jahrtausende quasi das Monopol erlangt hat - nicht der schicksalhafte Verlauf der Geschichte tragisch, sondern die Reaktion der Beteiligten auf die Enthüllung der wahren Zusammenhänge. Nicht das Schicksal schlägt am Ende den König Ödipus, sondern er sich. Er selbst inszeniert das tragische Ende des Stücks, weil er eine Ideologie in sich trägt, die ihn seine eigene Geschichte als Tragödie sehen läßt.

  • Der Ödipus-Geschichte zwischen Laios und Ödipus fehlt im Grunde der Ansatz zur Tragödie.

Die Sache mit der Mutter

Wenn da bloß nicht noch die Sache mit der Mutter wäre.
Machen wir uns nichts vor: Die "Sache mit der Mutter" ist der springende Punkt an der ganzen Ödipus-Affäre und dem Aufsehen, das sie über die Jahrhunderte hinweg erregt hat. Die Story vom Vatermörder aus Versehen hätte in der europäischen Geistesgeschichte keine nennenswerten Wellen geschlagen, wenn der junge Mann anschließend seine Finger von der Mama gelassen hätte.
Angesichts hunderter und aberhunderter Söhne und Väter aus allen Herrscherhäusern Europas, die im Laufe der Geschichte von ihren jeweiligen Vätern oder Söhnen ermordet wurden - und zwar bewußt getötet und gewollt ermordet - wäre eine versehentliche Vatertötung allenfalls als Kuriosität am Rande registriert worden.
Ma la Mamma...
Es war Ödipussens Mutter, welche die Phantasie der Leser und Zuhörer erregte. Erst die nach dem "Mord" an Laios erfolgte inzestuöse Beziehung zwischen Mutter und Sohn hat Horden von Groß- und Kleindenkern dazu gebracht, mit erigiertem Gänsekiel in feuchtoffenen Tintenfässern zu stochern.

Die Eltern von Ödipus

Mutter? Sagte ich "Mutter"? Was heißt "Mutter"? Und was "Vater"?
Im fortpflanzungsbiologischen Sinne ist meine "Mutter" jene Frau, die mich ausgetragen und geboren hat, und "Vater" nennt man jenen Mann, der sein Sperma in besagte Mutter versenkt hat. Im entwicklungs– und sozialpsychologischen Sinn hingegen sind "Mutter" und "Vater" jene Personen, die mich großgezogen haben, die sich also nach meiner Geburt wie Vater und Mutter zu mir verhalten haben. Im Normalfall ist eine solche begriffliche Trennung ohne praktischen Wert, denn beide Begriffe treffen in der Regel auf die gleichen Personen zu.
Wenn aber nicht, was dann?
Zur Beantwortung dieser Frage braucht man die Erkenntnisse der Psychoanalyse nicht zu bemühen. Seit Konrad Lorenz in den dreißiger Jahren der Entenmutter ihre Mutterrolle alleine dadurch abgeluchst hat, daß er vor den frisch geschlüpften Entlein wie eine Entenmutter einhergestapft ist, wissen wir, wie begrenzt die Bedeutung der biologischen Elternschaft auch bei schon vergleichsweise hoch entwickelten Tiergattungen ist - zum Kuckuck aber auch. So gesehen sind Ödipus’ Eltern - seine wirklichen Eltern - Merope und Polybos. Sie nehmen Ödipus als ihren Sohn an. Sie benehmen sich ihm gegenüber so, als wäre er ihr Sohn. Sie sind ängstlich bemüht, vor ihm die Tatsache der Adoption zu verheimlichen, um weder ihre persönliche Beziehung zueinander zu gefährden, noch den Anspruch von Ödipus auf den Thron von Korinth.
Im Gegensatz zu diesen beiden, die ihre Elternrolle mit sehr viel Aufwand spielen, tauchen Laios und Iokaste im Ödipus-Mythos lediglich als biologische Maschinen auf, die Ödipus - versehentlich! - erzeugt haben, um ihr Mißgeschick dann schnellstmöglich wieder zu vernichten. Der Plan des Kindesmordes mißlingt wegen des Ungehorsams des Hirten - und nur deswegen.

  • Es ist ein frivoler, biologistischer Mißbrauch der Begriffe "Vater" und "Mutter", Laios und Iokaste als Eltern von Ödipus zu bezeichnen.

Mord ist nicht gleich Mord

Wer sich dazu entschließt, den "König Ödipus" von Sophokles nicht kniend zu lesen, als Ehrfurcht heischenden Mythos in der dramatischen Bearbeitung durch einen klassischen Großmeister, sondern einfach als Theatertext, den springen bei der Lektüre mehrere Merkwürdigkeiten, nein: Ungeheuerlichkeiten regelrecht an.
Da ist zum einen der Umstand, daß sämtliche beteiligten Personen, Ödipus eingeschlossen, einerseits ein Riesengeschiß um die Tötung des Vaters machen, ein fast noch größeres um den Inzest zwischen Sohn und Mutter, andererseits jedoch den (versuchten) Kindesmord der Eltern als die selbstverständlichste Sache der Welt ansehen. Laios tötet den Säugling nicht eigenhändig, sondern gibt ohne jede Heimlichtuerei einem anderen den Befehl dazu. Er übt ganz einfach sein gutes Recht als König und Vater aus. Jahre später spricht Iokaste im Zuge der Aufklärung der alten Geschichte ganz unbefangen und vor allen Leuten davon, daß sie und Laios ihren gemeinsamen Sohn ausgesetzt hätten, damit er umkomme.
Dieser Auffassung seiner sämtlichen Hauptpersonen schließt sich der Große Sophokles an! Der Kindesmord von Laios & Iokaste wird von ihm nicht einmal ansatzweise problematisiert. An keiner Stelle des Stücktextes läßt eine der handelnden Personen auch nur in einem Nebensatz ein Fünkchen von Kritik/Selbstkritik aufscheinen.

Der mitleidlose Ödipus

Mehr als nur merkwürdig ist auch die Reaktion von Ödipus auf die Nachricht vom Tode von Polybos. Der bedrängte König nimmt diese Nachricht mit einem erleichterten Seufzer auf. Diese Reaktion ist durchaus nachvollziehbar, denn der Tod von Polybos, den er zu diesem Zeitpunkt noch fraglos als einzig in Frage kommenden Vater ansieht, befreit ihn - scheinbar - von der Angst, er könnte seinen Vater erschlagen. Aber: Ödipus ist nur erleichtert, nicht erschüttert und erleichtert. Ödipus, bei Sophokles ein eiskalter Hund, wenn es nicht um seine eigene, kostbare Seele geht, findet kein Wort der Trauer um den alten Vater.
Vor allem aber: Sophokles bewertet dieses Verhalten seiner Hauptperson als absolut normal und richtig. Im Text des Stückes lassen sich keine Anzeichen von Tadel erkennen.
Um es auf den Punkt zu bringen:

  • Als Eltern von Ödipus gelten bei Sophokles ausschließlich die biologischen Reproduktionsmaschinen Laios und Iokaste.
  • Sie bleiben es auch dann, als sie buchstäblich gewaltsam auf diese Eigenschaft verzichten wollen.
  • Die wirklichen Eltern von Ödipus, Polybos und Merope, die sich ihm gegenüber wie Eltern verhalten haben und dadurch zu seinen Eltern geworden sind, zählen nicht als solche.
  • Täter ist Ödipus, ausschließlich Ödipus.
  • Ödipus tötet (wenn auch unwissentlich) seinen "Vater", er nimmt (wenn auch unwissentlich) seine "Mutter" zur Frau. Er macht sich dadurch schuldig, er lädt damit so ziemlich die gräßlichste Art von Schuld auf sich, die der Mythos kennt.
  • Daß logischerweise auch Laios seinen "Sohn" (wenn auch unwissentlich) ein zweites Mal töten wollte - nämlich bei jenem Streit im Gebirge - wird niemals problematisiert oder auch nur angesprochen.
  • Daß nicht minder logischerweise auch Iokaste ihren Sohn (wenn auch unwissentlich) zum Mann genommen hat, also aktiv gehandelt hat, wird niemals problematisiert oder auch nur angesprochen.
  • Ödipus blendet sich wegen der Schuld, die er begangen hat.
  • Iokaste dagegen tötet sich wegen der Schande, die sie durch Ödipus erlitten hat. Sie tötet sich im übrigen erst dann, als die Schande öffentlich geworden ist. Sie erkennt die Zusammenhänge ein Stück eher als Ödipus und sie fleht ihn an, nicht weiter zu forschen. Den erkannten Inzest hätte sie hingenommen, den Tratsch darüber kann sie nicht ertragen.
  • Laios und Iokaste haben sich keines Verbrechens schuldig gemacht.
  • Vorsätzlicher Kindesmord ist selbstverständliches Elternrecht/Königsrecht.
  • Versehentliche Tötung des Vaters dagegen ist ein hochsanktioniertes Verbrechen.

Kurz:

  • Der "König Ödipus" von Sophokles transportiert eine - nach heutigem Standard - barbarische, menschenverachtende Ideologie.

 

 

Kommentare (14)

Knüppel 10.08.2009 | 09:59

Lieber Wolfram Heinrich,

mit Interesse habe ich gesehen, dass Du Deine Blogs auch bei ZEIT-ONLINE postest und dort interessante Kommentare erntest.

Dürfte ich Dich wohl bitten, in einer Deiner nächsten Kommentar-Antworten dort einfach mal:
"Ex-User Knüppel läßt seine ehemaligen Mitforisten herzlich grüßen"
ans Ende Deines Textes zu setzen? Ich wäre Dir sehr dankbar; weil ich dort nicht mehr als User angemeldet bin, kann ich das leider nicht selbst machen.

Ja, das ist eine ungewöhnliche Bitte und mit dem Thema Deines obigen Blogs hat sie auch nichts zu tun, dafür bitte ich um Entschuldigung.

Beste Grüße
SexPower (aka "Knüppel")

P.S. Deine Blogs sind herausragend!!!

Knüppel 10.08.2009 | 13:04

Hallo Wolfram Heinrich,

danke für die prompte Anwort und danke für die
Bereitschaft meine Grüße zu übermitteln.

Zu Deinen Fragen:

Es ist durchaus gängige Praxis identische Beiträge in mehreren Foren zu posten. Ich habe das zeitweise in bis zu 4 Foren getan und erhielt von einer Redaktion folgenden Kommentar: "Wir freuen uns außerordentlich, dass Sie Ihre Beiträge auch bei uns posten, herzlich willkommen!"

Als ich mich hier erstmals (vor einigen Wochen) anmeldete habe ich sofort gemerkt, dass meine Blogs häufig "zu lang" sind, um hier "am Stück" gepostet zu werden. Ich habe das dann während eines "Kommentarwechsels" (habe ich den Ausdruck soeben erfunden?) mit Jakob Augstein thematisiert und ... konnte leider nicht überzeugen die Limitierung aufzuheben. Mir wurde geraten "... link the rest" :-) Also damit müssen wir wohl leben. Inzwischen kürze ich meine Beiträge häufig notgedrungen, was nicht immer zum besseren Verständnis führt. Gelegentlich bleiben dann wichtige Hintergrundinformationen oder das Aufzeigen von Zusammenhängen auf der Strecke, aber ... man arrangiert sich halt.

Probleme machen mir jedoch weiterhin Überschriften, die ich auch ständig kürzen muss und die dann plötzlich "saudoof" 'rüberkommen (z.B. mein Blog über die Geldstrafe für die Bezeichnung "Schwuchtel" - so, mit Doppelpunkt wollte ich das überhaupt nicht haben, ging aber nicht anders ... so what?)

Beste Grüße
SexPower

P.S. Warum hast Du Dein Avatar-Foto entfernt, ich fand es gut und bei ZEIT-ONLINE habe ich es gestern ja auch noch gefunden. Ich meine Fotos erleichtern das Auffinden und die Wiedererkennung von Usern (ob das jetzt eigene Fotos sind oder nicht, manche schreiben ja auch hinter Fotos von Haustieren usw. - ganz gleichgültig, Hauptsache leicht wiederzuerkennen. Meine "Kissing Gays" sind bestimmt bald bekannt und werden mir zugeordnet. Denn, mal unter uns, wer hier schreibt, will auch gelesen (und möglichst kommentiert) werden, oder? Sonst könnte man sich die Veröffentlichung ja sparen.

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rahab 10.08.2009 | 13:39

richtig, das tut der könig Ödipus. die menschenverachtende ideologie nennt sich übrigens patriarchat (zumindest als begriff, an dem sich weiterarbeiten läßt).
und - nicht nur nach heutigem, sondern auch nach damaligem standard menschenverachtend. könig Ödipus kann insoweit als ein beispiel dafür bzw. eine etappe auf dem dahin gelesen werden, wie diese form der menschenverachtung salon-fähig wurde.

Wolfram Heinrich 10.08.2009 | 20:46

@ SexPower

"Es ist durchaus gängige Praxis identische Beiträge in mehreren Foren zu posten. Ich habe das zeitweise in bis zu 4 Foren getan und erhielt von einer Redaktion folgenden Kommentar: 'Wir freuen uns außerordentlich, dass Sie Ihre Beiträge auch bei uns posten, herzlich willkommen!'"

Ob das nicht vielmehr sehr sarkastisch gemeint war?

"Inzwischen kürze ich meine Beiträge häufig notgedrungen, was nicht immer zum besseren Verständnis führt."

Mach's wie ich: Aufteilen in zwei oder drei Postings und die dann unmittelbar hintereinander (letzter Teil zuerst, natürlich) abschicken.

"P.S. Warum hast Du Dein Avatar-Foto entfernt"

Weiß der Henker, was da passiert ist. Entweder ist es gelöscht worden oder ich habe es versehentlich selbst getilgt. Inzwischen ist es aber wieder da.

Ciao
Wolfram

Wolfram Heinrich 10.08.2009 | 21:40

"richtig, das tut der könig Ödipus. die menschenverachtende ideologie nennt sich übrigens patriarchat (zumindest als begriff, an dem sich weiterarbeiten läßt)."

Ach, na ja, das gute alte Patriarchiat. In dem Zusammenhang bringt mir der Begriff nicht viel, deshalb habe ich ihn auch nicht aufgegriffen.

"und - nicht nur nach heutigem, sondern auch nach damaligem standard menschenverachtend. könig Ödipus kann insoweit als ein beispiel dafür bzw. eine etappe auf dem dahin gelesen werden, wie diese form der menschenverachtung salonfähig wurde."

Das sind jetzt zwei Sätze, die ich so nicht stehenlassen will.

Als Kind, noch keine zehn Jahre alt, habe ich die Götter- und Heldensagen mit großer Begeisterung gefressen, all die aufregenden Geschichten von Odysseus, Achilles und Siegfried. Schon damals ist mir die ungeheure Diskrepanz zwischen den heutigen, als ganz selbstverständlich erlebten Werten und den so ganz anderen Werten, in denen man früher gedacht und nach denen man offensichtlich in früheren Zeiten ebenfalls ganz selbstverständlich gehandelt hat, aufgefallen.
Einige Zeit lang habe ich das in sonnigem Optimismus als Zeichen des Fortschritts angesehen. (Ich bin zwar nur fünf Jahre nach Kriegsende geboren, damals war mir aber das antike Griechenland sehr viel vertrauter als das Deutschland kurz vor meiner Geburt.)
Irgendwann aber begann ich mich zu fragen: Ist es wirklich so, daß dies der Fortschritt ist, daß unsere heutige Zeit so anständig und nobel denkt (wenn auch, weiß Gott, nicht immer handelt), während die früheren Saukerle alle so ganz anders drauf waren? Und wenn ja, warum war das so? Wieso sind die Menschen gerade jetzt auf die "richtigen Gedanken" gekommen? Wieso hat man sich nach hunderten und aberhunderten von Generationen auf einmal die Menschenrechte ausgedacht?

Als Student habe ich in Regensburg mal einen Besuch in der Folterkammer des Alten Rathauses mitgemacht. Der Fremdenführer hat nicht einfach die schaurigen Instrumente vorgezeigt und uns so richtig wohlig schaudern lassen, er hat die Prozedur dargestellt. Demnach ist im Mittelalter die reguläre Justizfolter (nicht zu verwechseln mit der Brachialfolter, um wie auch immer ein Geständnis zu epressen) nach sehr strengen Regeln abgelaufen. Es ging im normalen Gerichtsverfahren eben gerade nicht darum, den Beschuldigten solange zu foltern, bis man ein Geständnis hatte. Er wurde verhört und dabei nach einer vorgeschriebenen Methode Schmerzen ausgesetzt. Hatte er die Prozedur ohne Geständnis überstanden, dann war er nicht überführt und konnte mit seiner Freilassung rechnen.
Damals ist mir ein Licht aufgegangen. So hatte ich die Sache noch nie gesehen: Folter als Verhör unter (dosiertem) Stress.
Die hatten damals noch keine Fingerabdrücke, sie konnten keine Sperma- oder Blutspuren analysieren. Wenn jemand rechtmäßig verurteilt werden konnte, dann weil glaubwürdige Zeugen gegen ihn ausgesagt haben, weil er auf frischer Tat ertappt wurde oder eben weil er ein Geständnis abgelegt hat.
Etwas anderes hatten die nicht.

Was ich sagen will: Verschiedene Lebenswelten bringen verschiedene Ethiken und Moralen mit sich.

Ciao
Wolfram

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rahab 10.08.2009 | 23:34

patriarchat nehme ich noch als vorläufigen arbeits-und sammelbegriff.
mir fallen da noch etliche andere geschichten ein -und die nicht nur aus den klassischen sagen des alterums nach Schwab.
eine weitere sehr berühmte ist die akedat Jizchak (bindung Isaaks), welche in christlichen bibeln immer als opferung Isaaks übersetzt wird. eine andere, vielleicht etwas weniger berühmte, ist die von Jiftachs tochter.
zur erstern gibt es einen rabbinischen midrash, welcher erzählt, dass der 'teufel' Sara von diesem ereignis erzählte, worauf sie tot umfiel. womöglich bis vermutlich ein midrash, also eine auslegung, in der die erinnerung an andere elterliche gewalt- oder auch nicht-gewalt-verhältnisse aufscheint.
zur zweiten gibt es etliche midrashim, welche sehr klar zum ausdruck bringen, dass Jiftachs tochter entweder wegen der blödheit ihres vaterts oder aber dem hochmut eines hohepriesters sterben mußte. auch darin könnte wiederum eine erinnerung an andere/ältere? verhältnisse aufscheinen.

ob diese lesarten mit sonnigem optimismus des fortschritts zu tun haben, weiß ich nicht. ich selbst bin pepsimistin.

Wolfram Heinrich 10.08.2009 | 23:59

"eine weitere sehr berühmte ist die akedat Jizchak (bindung Isaaks), welche in christlichen bibeln immer als opferung Isaaks übersetzt wird. eine andere, vielleicht etwas weniger berühmte, ist die von Jiftachs tochter."

Schön, nett, ja. Aber ich versteh den Zusammenhang nicht recht. Das heißt, ich könnte ihn mir zusammenreimen, aber anhand einer eigenen, unsicheren Interpretation zu argumentieren, ist vielleicht ein bisserl inkommod.

Vielleicht könntest du die Argumentation nicht nur anreißen, sondern auch ausführen.

Ciao
Wolfram

Knüppel 11.08.2009 | 08:10

@Wolfram Heinrich

"Ob das nicht vielmehr sehr sarkastisch gemeint war?"

NEIN!

"Aufteilen in zwei oder drei Postings (...)"

Das habe ich "früher" auch gemacht, es kam aber überhaupt nicht gut an bei den Mitforisten, die haben sich zunächst beschwert (über "zu" lange Texte)und sie später ignoriert ...

"Inzwischen ist es aber wieder da (das Foto)."

Gut gemacht (wg. Wiedererkennungswert und so ...)

Denkst Du demnächst 'mal an meine Bitte um Grußübermittlung? Danke!

Beste (nicht sarkastische!) Grüße
SexPower

Wolfram Heinrich 11.08.2009 | 18:26

SexPower

"Aufteilen in zwei oder drei Postings (...)"

"Das habe ich "früher" auch gemacht, es kam aber überhaupt nicht gut an bei den Mitforisten, die haben sich zunächst beschwert (über "zu" lange Texte)und sie später ignoriert ..."

Aber einen Text, der anfängt und dann in einem Link endet, liest doch erst recht keiner weiter.

"Denkst Du demnächst 'mal an meine Bitte um Grußübermittlung? Danke!"

Melde gehorsamst Herr Lajtnant, daß ich schon hab.
kommentare.zeit.de/user/wolframheinrich/beitrag/2009/08/09/von-der-weisheit-des-mythos-anmerkungen-zu-%C3%B6dipus?page=0#comment-417011

Ciao
Wolfram

Wolfram Heinrich 11.08.2009 | 18:32

"mal gucken, was sich machen läßt, um das angerissene etwas zu unterfüttern. könnte aber nen bißchen dauern..."

Laß dir Zeit. Nur net hudeln.

"empfehle einstweilen den artikel zur prostitution - vielleicht erhellt der auch etwas mehr von dem, worauf ich abzielte."

Mir ist gar nicht wohl, mich so beim Meckern zu beobachten. Aber hier hatte ich auch den Eindruck, daß Argumente nur angerissen werden. Man wüßte doch zu gerne, wie jetzt die Prostitution (oder eben Nicht-Prostitution) bei den Griechen, Babyloniern etc. ausgesehen hat, was charakteristisch war und was daraus für Schlüsse zu ziehen sind.

Ciao
Wolfram

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rahab 13.08.2009 | 11:46

Bei den ollen griechen sah sie – vermutlich, möglicherweise – so aus:
commons.wikimedia.org/wiki/File:Erotic_scenes_Louvre_G13_n4.jpg

andererseits finden wir da auch die vulva-lose Aphrodite von Knidos:
penelope.uchicago.edu/~grout/encyclopaedia_romana/greece/hetairai/aphrodite.html

'dagegen' eine kleine auswahl aus dem, was zur darstellung von sexualität, mann und frau und nackt, der alte orient zu bieten hat:
books.google.de/bo...
www.bibelwissensch...
books.google.de/bo...

du wirst ein bißchen scrollen/blättern müssen müssen...
an direktheit lassen es übrigens die texte aus derselben region und demselben zeitraum nicht fehlen. Zainab Bahrani (Women of Babylon, Gender and Representation in Mesopotamia - läßt sich ergoogeln) schreibt dazu:
"Many texts from Mespotamia describe sexual intercourse in direct terms. there are also many descriptions that focus on the vulva:
My vulva is wet, (my vulva is wet)
I, the queen of heaven,(my vulva is wet),
let the man on top (put his hand) on my vulva,
let the potent man (put his hand) on my vulva. (Alster 1993: 20)"

Ich will damit sagen: aus dem alten orient mag es darstellungen von prostitution geben. Aber sie sehen für mich nicht so aus. das kann an mir liegen und meinem blick. Das kann an dem liegen, worauf ich blicke. oder …?

und, eine frage, die mich auch beschäftigt: wäre Freud je auf den ödipus-schnödipus gekommen, hätte er nicht (nur) eine 'weltliche' sondern (auch) eine 'traditionelle jüdische' bildung erhalten?