Wolfgang Walkiewicz
26.09.2012 | 15:57 11

Politiker beleidigen Politiker

Kulturkommentar Französische Politiker waren schon immer kreative Beleidiger und betiteln ihre Kollegen auch gerne mal mit Begriffen aus der Zoologie

Politiker beleidigen Politiker

Diese Clownsnase lockt François Hollande gewiss nicht aus der Reserve, selbst den "Tretbootkapitän" hat er ja geschluckt

Foto: Joel Saget/AFP/Getty Images

Ein überzeugter Europäer ist der deutsch-französische Doppelbürger Daniel Cohn-Bendit, deshalb will er nun die französischen Grünen verlassen. Und er verteidigt sein Europa gegen die Feinde. „Sie kommt aus Mecklenburg-Vorpommern und hat keine Ahnung“, sagte er über Angela Merkel. Gemessen an französischen Standards war das etwas plump. Wie kreativ sich die Politiker in Frankreich beschimpfen, zeigt ein neues Wörterbuch der politischen Injurien (Petit dictionnaire des injures politiques. L’Editeur 2012 ). Auch das hochgelobte Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch wirkt dagegen sehr deutsch.

Wie sollte es auch anders sein im Land Voltaires, im Land der revolutionären und parlamentarischen Tradition, im Land der Wortspiele? Einige Beispiele: ein chinesischer Henker mit einer Seidenschnur (Mitterand über Balladur), Briand weiß nichts, aber versteht alles. Poincaré weiß alles, aber versteht nichts (Clémenceau), Wenn man aufhört von ihm zu sprechen, glaubt M. de Châteaubriand, er sei taub geworden (Talleyrand). Aber dies sind harmlose Sentenzen. Denn auch die Franzosen schöpfen in der politischen Auseinandersetzung aus dem Reservoir der Zoologie. Ganz unten befinden sich Wurm, Tausendfüßler und entartete Mikrobe (an einen Kommunisten adressiert). Beliebt sind – natürlich – Körperbezüge, die Maskulinisierung von Frauen und umgekehrt die Feminisierung: Mademoiselle Jaurès war bereits ein sehr reifes Mädchen, als sie die Partei wechselte (Maurras). Die skatologische Beleidigung darf auch hier nicht fehlen: Klospinne, und sehr apart: Caca auf Beinen. Diese Art Beleidigungen wird, so mein Eindruck, eher von der extremen Rechten praktiziert.

Bei "Feigling" wurde sich duelliert

Spannend ist die semantische Veränderung. Feigling war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein unerhörter Angriff auf die Virilität eines Politikers, der unweigerlich ein Duell nach sich zog. 1898 lässt sich Jean Jaurès zu einem Monsieur de Bernis, Sie sind ein elender Feigling provozieren, worauf dieser mit seinen Fäusten von hinten auf den Beleidiger einschlägt. Ein Duell also? Mitnichten. Jaurès reagiert cool: Da M. de Bernis mich von hinten angegriffen hat, hat er sich außerhalb der Ehrenregeln gestellt. Ich kenne ihn nicht mehr. 2006 beschimpft Premierminister de Villepin einen gewissen François Hollande: Ich sage Ihnen sogar ins Gesicht. Da ist Feigheit, Feigheit in Ihrer Haltung. Auch dieser Angegriffene reagiert stilvoll: Dominique de Villepin hat seine Selbstbeherrschung verloren... Auf jeden Fall hat er die Wertschätzung verloren, deren ein Premierminister bedarf.

Es kommt wie immer auf den historischen Kontext an. Zu Beginn der Dritten Republik sind antisemitische Beleidigungen charakteristisch. Der Verräter und der Nazi werden dann zu beliebten Injurien in der Zeit des Kalten Krieges (vor allem auf Seiten der Linken). Wichtig ist das statusgerechte Beleidigungsverhalten. Die „großen Tiere“ (de Gaulle, Mitterand) führen eher eine feine Klinge; Sarkozy stellt eine Ausnahme dar. Und wer erwartet von Hollande einen verbalen Ausfall? Selbst den Tretbootkapitän hat er ja geschluckt.

Aus der Sicht des Beleidigers muss die Beleidigung vor allem „verdient“ erscheinen, und falls sie angegriffen werden, halten die Politiker es hoffentlich mit dem Sozialisten Jaurès, der auf nationalistische Invektiven 1904 entgegnete: Mein Herr, es hat nicht jeder das Recht zu beleidigen.

Kommentare (11)

wwalkie 23.09.2012 | 17:23

Danke, ed2murrow, für die Illustration. Ein faszinierendes Titelblatt, voller Witz (im Sinne auch vonGeist), situativer Komik, Anspielungen en masse und politischer Aggressivität. Ein solches Titelblatt ist in deutschen Medienlanden kaum vorstellbar. Den 68ern, die heute unsere Blätter machen, fehlte damals schon die verbale Kreativität der französischen Genossen.

ed2murrow 23.09.2012 | 17:55

Ein Titelblatt, lieber wwalkie, das Libération nach Recherchen von Le Monde mindestens 150.000 €/Jahr an Werbeeinnahmen durch die von dem Abgebildeten direkt beherrschten Firmen aus dem Luxussegement vn LVMH kostet. Und noch einmal die gleiche Summe von Firmen, die aus "Solidarität" mit Arnault ebenfalls ihre Anzeigenschaltungen storniert haben.

Was mich zur Frage bringt: Die hier immer wieder sichtbare Werbung für l'Oreal gehört zu welchem Konzern, dessen Patriarchin wem wieviel wann für den Wahlkampf gespendet haben soll? Hach ja, immer diese Ungewißheiten ...

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Ehemaliger Nutzer 23.09.2012 | 19:35

Danke für die Übersetzung. So können sich auch die Ungebildeten unter uns ein Bild machen.

Was wäre denn eine kreative französischsprachige Beleidigung für Ungebildete? (In letzter Zeit habe ich wieder viel mit dem Thema Kreativität zu tun. Heute und hier anhand eines pseudopsychologischen Blogs übers menschlcihe Gehirn und Gedächtnis, letzte Woche mit einer Studie aus 2011, die mal wieder bestätigte, dass besonders kreative Menschen zu Unehrlichkeit und Verlogenheit neigen.)