Dirk de Pol

Brave New World

05.02.2009 | 07:00

Medienevolution

Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss schreibt in seinem Buch "Das Rohe und das Gekochte", daß den Wilden die Eigenschaften ihres mythischen Denkens verborgen bleiben. Diese Einsicht dehnte er auf sein wissenschaftliches Denken, die Mythenanalyse, aus. Warum sollte es dem Ethnologen auch anders als den Wilden gehen? Von sich, dem Subjekt, sah er ab, um die Mythen nicht zu verzerren. So erfand er die subjektlose Ethnologie. Sie erkennt nicht wie "die Menschen in Mythen", sondern wie "die Mythen in den Menschen ohne deren Wissen denken". D.h. die Mythen denken sich bloß untereinander. Doch wer Mythen erzählt oder analysiert, konstruiert und verändert sie zugleich. Das gilt für Lévi-Strauss genau wie für uns.

Der Erkenntnis, wie vermessen der Anspruch einer subjektlosen, strukturalistischen, gleichsam objektiven Analyse der Diskurse, Sprachen, Codes und Texte dieser Welt ist, folgte die Erfindung des Intertextes: ein schon poststrukturalistisches Konzept, das die unausschöpfbaren Verbindungen und Verzweigungen in den Blick nimmt. Doch ganz von der Sprache gesprochen und so von den Lasten des Humanismus und der Aufklärung befreit, wollten einfach zu viele fröhliche Wissenschaftler - je nach Charakter ohnmächtig, paranoid oder lustvoll - im uns einspinnenden Intertext versterben: als denkende und verantwortliche Subjekte. Zum Glück war bald eine andere Spielwiese gefunden: die technische Implementierung des Intertextes als Medienverbund und Internet! Mit ihren Texten, Bildern und Tönen adressieren sie uns als Resonanzkörper und Projektionsfläche. Ein telematischer Weltgeist denkt sich selbst und gebiert den Mythos der unaufhaltsamen und unwiderstehlichen Medienevolution.

Dieser Mythos beschwört die Entwicklung der Medien als natürliche Evolution, in der wir kaum noch eine Rolle spielen und für deren Katastrophen wir deshalb nicht verantwortlich sind. Die Medien: ein vampiristisch-parasitäres Geflecht, das über jede Nische und orbital über die Welt hinaus wächst. Kein Wunder, daß ihre Theorie sich Vorläufer so einverleibt wie die hungrigen neuen Medien die alten (uns eingeschlossen).
 
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Dirk de Pol
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