SusanneReindke

Blog von SusanneReindke

29.01.2009 | 19:38

Die Belohnung für den Schulbesuch.

Bonusprogramme und Kundenkarten schießen wie Pilze aus dem Boden – wieso sollte das also nicht auch von staatlicher Seite funktionieren? Spiegel Online berichtet über folgende Initiative: „100 Euro Prämie für pünktlichen Schulbesuch: Was tun, wenn Eltern sich nicht um ihre Kinder kümmern? Geld hilft - glaubt die Stadt Oer-Erkenschwick. In einem Experiment will sie Bonuskarten als "Rabattmarken für vernünftiges Verhalten" verteilen: Wenn Problemfamilien mitmachen, erhalten sie Einkaufsgutscheine.“

Die erste, spontane Reaktion: uns geht’s wohl zu gut. Abgesehen davon, dass die armen Kinder nichts dafür können, leben wir in einem Land, in dem so genannte „Unterschichten-Eltern“ nicht erkennen, dass die (noch) kostenlose Bildung ihrer Kinder der einzig mögliche Weg aus deren späterer geistigen und somit auch materiellen Armut ist. Mit dem Geld der Steuerzahler wird also nicht das sogenannte Allgemeinwohl gefördert, Straßen saniert und Kindergärten subventioniert, sondern die Mütter von Kevin und Ronny bekommen einen Pürierstab oder eine elektrische Zahnbürste, wenn die beiden regelmäßig die Schulbank drücken. Vielleicht funktioniert das tatsächlich, dennoch ist es für beide Seiten eine beschämende Angelegenheit.

Der zweite Gedanke ist: vielleicht ist eine Entlohnung für den Schulbesuch tatsächlich gerechtfertigt. Seit die PISA-Studien jedes Jahr wieder aufdecken, dass das deutsche Schulsystem Kinder aus sozial schlechter gestellten Familien enorm benachteiligt, hat sich am Sachverhalt nicht viel geändert. Die Prämien-Aktion löst das Problem also nicht im Kern, sondern versucht, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Kevin und Ronny können vermutlich zur Hauptschule gehen, so viel sie wollen, am Ende werden sie auch Hartz IV beziehen, genau wie ihre Eltern. Das Gefühl, dass man sich die langweiligen Jahre im Schulbetrieb direkt sparen kann, drängt sich auf – vor allem, wenn die eigene Schulzeit noch nicht so lange her ist. Zu Recht wundern sich bald die Kinder, die nicht aus „Problemfamilien“ stammen, wieso sie keinen Schadensersatz für den Schulbesuch bekommen. Nach 12 Jahren Gesamtschulzeit und fünf besuchten Schulen finde ich: eine elektrische Zahnbürste pro Jahr sollte das staatlich überreichte Minimum pro Kind sein, und die ganz fleißigen Musterschüler sollten sich einen DVD-Player verdienen können.
 
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Kommentare
althoff schrieb am 10.02.2009 um 21:30
Respekt! Die Stadt Oer-Erckenschwiek ist auf eine Idee gekommen, die sich in dem ein oder anderen Hilfsprojekt in Brasilien, im Kongo oder auf den Philippinen bereits bewährt hat: Familien erhalten Geld, damit sie ihre Kinder zur Schule schicken - können, müsste für die drei letztgenannten Länder hinzugefügt werden. Denn einen Unterschied macht es schon, ob es bei den finanziellen Leistungen um die Verunnötigung von Kinderarbeit zur Sicherung des Lebensunterhalts einer Familie oder aber um eine "Art Rabattmarkenheft für vernünftiges Verhalten" geht.
http://www.freitag.de/community/blogs/althoff/money-for-nothing----schulbesuch-braucht-gute-gruende
SusanneReindke
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