SusanneReindke

Blog von SusanneReindke

26.04.2009 | 12:51

Wenn ich groß bin, werde ich auch mal Ehemann.

Irgendwo zwischen Frühling und Sommer spaltet sich der unmittelbare Freundeskreis in zwei Parteien: Die einen, die ihre Steuererklärung selbst machen, und die anderen, die es längst aufgegeben haben und lieber ordentlich Geld an einen Steuerberater bezahlen, damit dieser sich mit ihrer Zettelwirtschaft auseinander setzen möge.

Unter denen, die sich verzweifelt durch die etwa 10  Seiten des Formulars kämpfen, wird das Wort "Steuererklärung" zu einem gefürchteten Begriff, mit dem man auf jeder Party die Stimmung innerhalb einer Minute in die untersten Kelleretagen befördern kann. Noch nie habe ich jemanden sagen gehört "Ach, das ist doch alles gar nicht schlimm, in zwei Stunden ist das ausgefüllt." Ich hielt das immer für einen Erwachsenentopos, eine Art Haltung, die man haben muss, sobald man ein Geldverdiener geworden ist. Letztes Jahr machte ich also meine erste Steuererklärung, und allein die Suche nach all den lappigen Lohnbescheinigungen, die mir im Laufe des vorangegangenen Jahres überreicht worden waren, dauerte nervenaufreibend lange. Ich hatte nicht geahnt, dass diese recyclingpapierbraunen Zettel aufhebenswert waren, und das am besten noch an ein und dem selben Ort. Danach wurschtelte ich mich mit Mühe und Not durch die Felder des Formulars, und war froh, dass man seine Steuerformulare in doppelter Ausführung zugesendet bekommt, als eine Art zweite Chance. Irgendwann bekam ich einen Brief, indem viele Nullen standen, und am Ende war mir klar, dass das Finanzamt und ich wohl quitt waren. Sie wollten nichts mehr von mir, und ich nichts von ihnen.

Dieses Jahr fühlte ich mich gewappnet: Alle Bescheinigungen warteten in einer Klarsichtfolie auf ihren Einsatz, und mit der festen Überzeugung, dass das beim zweiten Mal einfacher werden würde, dachte ich, das sei in zwei Stunden doch sicher ausgefüllt. Das Formular war noch immer das gleiche, schön gendermäßig inkorrekt trägt man als junge Steuerzahlerin seine Daten in das Feld mit der Bezeichnung "Steuerpflichtiger/Ehemann" ein. Dieses Formular scheint seit etwa 50 Jahren nicht überarbeitet worden zu sein. Abgesehen davon hatte sich meine Lage seit dem letzten Jahr irgendwie verkompliziert, denn auf einmal gab es mehr zu beachten, aber genauso wenig zu verstehen wie zuvor. Formulardeutsch ist an sich eine Sprache, die dem Nichtbeamten  recht unverständlich ist, aber hier fragt man sich bei jedem zweiten Feld: Was soll das sein - habe ich das am Ende? Könnte ich hier irgendwas geltend machen, wenn ich es genauer verstehen würde?  Wahrscheinlich besteht die wahre steuerliche Ungerechtigkeit nicht in Hinterziehungsskandalen in Zumwinkelschen Ausmaße, sondern in der Benachteiligung des Ottonormalverbrauchers, der sich keinen Steuerberater leisten kann - und aufgrund des Formularunverständnisses weniger Geld vom Finanzamt zurück bekommt, als ihm eigentlich zustehen würde. In der Zwischenzeit ist die Steuererklärung irgendwie fertig geworden, mit dem kleinen Unterschied, dass ich das Gefühl habe, dass das Finanzamt mir dieses Jahr doch einiges an Geld zurückgeben sollte.

Je nachdem, ob das Finanzamt das auch so sieht aufgrund meiner ausgefüllten Formulare, werde ich mir überlegen, im nächsten Jahr den Kampf wieder selbst auszutragen, oder kapitulierenderweise einen Steuerberater zu beauftragen. Von irgendwas muss diese Berufsgruppe auch leben, und wenn es nur das unangenehme Gefühl ist, das man mit dem Wort "Steuererklärung" auf einer Party auslöst.

 
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SusanneReindke
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