Tessa

Ein Fetzen Gemeinschaft.

24.07.2009 | 15:32

Der Friede der Fashion-Familie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

esther perbandt - fashionumzug durch mitte

 

Natascha Ochsenknechts Bezug zur Welt der Mode ist bei ihren Besuchen im Zelt der Berliner Fashionweek nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier und anderswo sitzt sie, mal mit Jimi Blue und Wilson Gonzalez, mal ohne, aber niemals mit Uwe, stets in der ersten Reihe bei jeder Modenschau. Allgegenwärtig beäugt die magere Version von Brigitte Nielsen die kommenden Kollektionen durch eine dunkle Sonnebrille. Zu erwarten ist hier nicht „A shaded View on Fashion“, doch vielleicht ist die Frau von Schauspieler Uwe Ochsenknecht eine Art Bindeglied zwischen den völlig unterschiedlichen Sphären, die am Bebelplatz zu einer Woche der Mode zusammenkommen. Die Modebranche gastiert, so heißt es. Und obgleich dieser Branche die Verkleidung in einer glatten Oberfläche vorgehalten wird, greifen hier Elemente nur mit grobem Faltenwurf ineinander. An den der Mode gewidmetenen Tagen treffen viele Menschen aufeinander, die lediglich ein Zelt als Anlass miteinander teilen, aber ansonsten so wenig gemein haben, wie der Obdachlose mit dem Model nun einmal hat - nehmen wir die Inszenierung von Patrick Mohr als weiteres illustrierendes Beispiel.

Natasche Ochsenknecht hat selbst als Model gearbeitet, dann prominent geheiratet und inszeniert sich nun in Berlin als fachkundiger Stargast, dessen Outfit die wahren Editorialistas jeden Tag eines Besseren belehrt. Offenkundig scheint das vielen Prominenten der hinteren Plätze des Alphabets gemein: Ein großer finanzieller Spielraum resultiert meist in einem frenetischen Fehlgriff in den begehbaren Kleiderschrank. Im Ballkleid zum Bebelplatz an einem verregneten Freitagmorgen? Und obgleich die deutsche Prominenz für die Fashionweek in der ersten Reihe unverzichtbar scheint, sehen Designer davon ab diese auf den Laufsteg zu holen oder sich etwa eine Muse zu halten. Zu tief sind die ästhetischen Gräben, die Schöpfer und Zuschauer trennen. Ein gemeinsames Verständnis der Fashionweek schwelt nur in der Berichterstattung der Tagespresse. In jedem Jahr heißt es erneut, Berlin sei auf dem besten Wege mit den Modemetropolen der Welt auf gleicher Höhe zu schwimmen. Journalisten wagen sich dann zaghaft an eine Beschreibung der präsentierten Kollektionen und stolpern in der nächst besten Zeile ins Boulevard. Völlig falsch ist dabei die Interpretation, die Zugegenheit einer Schauspielerin erhöhe die Signifikanz der Veranstaltung. Was eine integere Zusammenkunft der Modezunft sein könnte, wird von Schauspielern, Musikern und sogar der Politik nur genutzt, um selbst das Konterfei im medialen Rahmenprogramm des Bebelplatzes wiederzufinden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

frida weyer show, chamäleon

 

Die größte Herausforderung an einen anspruchsvollen Modejournalismus scheint zu sein, den Ablenkungen zu trotzen und sich auf Spurensuche zwischen den Szenen zu bewegen. Parfümwolken und wacklige Stilettotritte auszublenden, die eigene Begierde nach den schmeichelnden Stoffen zurückzustellen und die Blende zu justieren, damit das Abschlussbild auf Vokabular basiert, das nicht ausschließlich subjektive Bewertungen der Entwürfe und vereinfachte Beobachtungen zu Schnittführungen und Materialopulenz beinhaltet. Selbst der Ansatz, den Meister als Tuchscherer und die Mode somit als Handwerk zu betrachten, kann den künstlerischen Aspekt des Schaffens nicht verwerfen. Warum die Annäherung an modische Konzepte meist nur über Epochen und dem des Inhalts befreiten Wort „Trend“ gesucht wird, nicht aber über Interpretation, Dekonstruktion und ein souveränes Urteil, könnte wie folgt erklärt werden: Niemand scheint den Frieden der Fashion Family stören zu wollen. Und jeder will der erste sein. Die Fülle und Hatz, in der neue Kleider den Laufsteg überspülen, lässt kaum Zeit für reflektierte Notizen.

Entschleunigung und Interpretation erfährt das Treiben derzeit maßgeblich durch eine andere Kunstform: die Fotografie. Mit der Mode als Muse und der Kamera in der Hand entsteht die Übertragung von fadenfixiertem Material zu temporärer Schönheit als Stillleben. Manches wird sogar noch nach dem zweiundreißigtem Trendwechsel als zeitlos stilvoll wahrgenommen. Die Modefotografie ist zweifelsohne das Fundament des Modejournalismus, besonders in der gedruckten Form. Sie erzählt die Geschichten, die kaum jemand in Worte fasst.
Mehr mit Herzblut geschriebene Zeilen über die Mode, zu der der Kritiker eine Fernbeziehung in großer Nähe führt, könnten dazu beitragen den Modejournalimus aus der Ecke herauszuführen, in der ihn Kollegen verankert sehen: Modejournalismus als Spielart des Boulevards, ausgeführt von kaufsüchtigen Schreibanfängern. Vielleicht können dann bald die PR-Agenturen in ihren Meldungen Suzy Menkes als einzige Referenz um andere Schreiber ergänzen, und den Hinweis, welche B-Prominente zu Weilen den Designer tragen, herausstreichen.

Ich zeige hier Marc Schuhmanns Erinnerungen, die seine Kamera in der ersten Juli Woche festgehalten hat. Mindestens eine Geschichte, versteckt sich in jedem Bild.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

patrick mohr backstage

 
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Kommentare
Titta schrieb am 25.07.2009 um 01:33
Ich kann mich nicht mal mehr an meine letzte Modenschau erinnern. War glaub ich, sogar in Berlin. Viel Tamtam, wenig bis kein Substanz, ist das, was als Gefühl bei mir zurückblieb. Leute, die sich und das, was sie tun, unangemessen wichtig nehmen.

Seit Jahren seh ich also nur noch Mode "aus dem Geschäft". Und die ist so gut wie nur noch Retro.
Was sagt uns das eigentlich? Eine Jahrzehnt nur noch modischer Retro.
Tessa schrieb am 25.07.2009 um 12:44
Das ist eine sehr gute Frage. Seit zehn Jahren sind die 80er wieder im kommen. In 5 Jahren sind sie das wahrscheinlich immer noch. Ich mache mir mal ein paar Gedanken dazu. Meine kleine Schwester ist gerade zu Besuch und wir gehen ein bißchen durch die Geschäfte streifen. Mal schaun, ob wir was finden, das noch vor Geburt meiner kleinen Schwester der letzte Schrei war. Vielleicht macht sich die Jugend heute so älter, und nicht mehr mit Schminke.
Was hoffentlich nicht mehr in der Form zurückkommt sind aber die Dauerwellen. Das darf nur Rudi Völler.
Titta schrieb am 25.07.2009 um 13:29
Oh Tessa,

irgendwann kommen vermutlich auch die scheußlichen Dauerwellen wieder. Auf die du mit deinen schönen Naturlocken ja getrost verzichten kannst.
Die 80er fand ich mit den breiten Schulterschnitten gar nicht schlecht, in diese 70er-Retro-Mode passe ich nämlich rein anatomisch nicht so gut rein.
mathegudrun schrieb am 25.07.2009 um 14:16
Die Fotos sind seeeeeeeeeeeeeeeehr schön. Vielen Dank!
(Mode ist mir sonst eher schnurz)
Tessa
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Winterkind hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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