Ghassan Abid

Blog von Ghassan Abid

23.10.2011 | 11:44

Tunesien wählt – Die Stunde der Wahrheit schlägt nun an

Skepsis und Hoffnung liegen nah beieinander

- TUNESIENWAHL-SPEZIAL -

(Autor: Ghassan Abid)

Am heutigen Tage wird gewählt. Die ersten demokratischen Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung werden zeigen, inwieweit die Jasminrevolution als erfolgreich bewertet werden können. Die Europäische Union lässt die Wahl beobachten, mehrere neue und unabhängige Parteien sind gegründet worden und die Arbeit der Übergangsregierung verlief im Großen und Ganzen äußerst reibungsfrei. Kritisch sind die Umstände, dass die Berichterstattung zu den Wahlen eingeschränkt ist, wichtige Reformen ausblieben und die Gefahr einer Islamisierung Tunesiens größer denn je ist.

Urnengang in Tunesien

© Urnengang in Tunesien

Verschwörungen erleben Renaissance

Verschwörungstheoretiker erleben in gewisser Weise eine Renaissance ihrer selbst und halten den Ablauf freier Wahlen als einen großen Bluff. „Ehemalige RCD-Anhänger steuern alles; es wird niemals ein demokratisches Zeitalter geben“, so ein 24-jähriger Informatikstudent namens Sofien aus dem südtunesischen Gabès. Auch die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit scheint für viele Bürger eher utopisch als realistisch, zumal mit dem Einbruch des Tourismussektors weitere Arbeitsplätze wegfielen.

Blogger Slim Amamou: „Mein Einfluss als Staatssekretär war gering

In der Vergangenheit resignierten einige tunesische Politgrößen, wie zum Beispiel der Blogger Slim Amamou von seinem Amt als Staatssekretär für Sport und Jugend. Er bemängelte, dass er während seiner Karriere als Regierungsmitglied kaum Einfluss auf die Gestaltung politischer Verhältnisse hatte. Diese Erkenntnis ist mit großer Sorge zu betrachten, sollte man davon ausgehen, dass erst mit der Aufnahme eines solchen politischen Mandats eine Veränderung der soziopolitischen Situation möglich ist.

Persönliche Einschätzung des Politikwissenschaftlers Ghassan Abid

Meine tunesischen Mitbürgerinnen und Mitbürger sind mündig genug, um die Zukunft dieses Landes mit bestem Wissen und Gewissen mitzugestalten. Tunesien begeht mit dem heutigen Wahltag einen bedeutenden Schritt in Richtung Demokratie. Denn die Ausarbeitung einer Verfassung wird als Grundlage dieses Transformationsprozesses in die Geschichtsbücher eingehen. Bedauerlich ist die geringe Wahlregistrierung und -beteiligung im deutschen Wahlkreis. Auch der zugenommene Einfluss des islamistischen Milieus beunruhigt mich zutiefst, wenn ich mir die Anfänge des Bürgerkriegs im Nachbarland Algerien anschaue. Ebenfalls gehe ich davon aus, dass dem Pressewesen Tunesiens und den Frauenbewegungen schwierige Zeiten bevorstehen.

Bleibt nur das Beste zu hoffen, insallah!

 
Senden Bookmarken Drucken
Ghassan Abid
Politikwissenschaftler (Tunesien, Südafrika) und Blogger
Mitglied seit:
22.07.2011
Zuletzt aktiv:
08.01.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 11
Kommentare: 8
Logbuch
05:21
oi2503 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
04:40
Otis B. Driftwood hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:51
Nashira hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:34
Nashira hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:28
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
David Graeber Schulden. Die ersten 5000 Jahre Klett-Cotta 2012

536 Seiten. Gebunden.

26,95
 
Seit der Erfindung des Kredits treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG