2
]
Das Dümmste, was die SPD im Bund jetzt anstreben könnte, sind Neuwahlen. Denn die würden Gabriels Genossen nie und nimmer für sich entscheiden. Ganz egal, ob mit den Grünen oder ohne sie.
Was Palmstroem da so sicher macht, lässt sich mathematisch leicht belegen.
• Gehen wir also einmal davon aus, die Union, also CDU und CSU zusammen, erhalten tatsächlich die – demoskopisch zurzeit gestützten – 35 Prozent.
• Gehen wir weiter davon aus, dass die SPD – im Vergleich zu 2009 sensationelle – rund 30 Prozent aller Stimmen einfängt (sieben Prozent mehr als bei der letzen Wahl): dann ergibt das alles in allem eine knappe, aber satte Zweidrittel-Mehrheit.
• Lassen wir des Weiteren die FDP ihr Wahlergebnis von vor exakt zwei Jahren (das waren allzeithohe 14,6 Prozent) in etwa halbieren – was angesichts des Stammpotenzials allemal realistischer ist als jegliche Wunschträumerei, die Liberalen würden sich 2011 oder 2012 auch deutschlandweit schlussendlich in heiße Luft auflösen.
• Nehmen wir außerdem an, die Linke sinkt standesgemäß auf zwischen fünf (eher unwahrscheinlich) und zehn Prozent (wohl maximal).
• Und rechnen wir ferner damit, dass eine bundesweite Piraten-Partei auf jeden Fall vier bis fünf Prozent zieht und der klägliche Rest, wie gehabt, mit den gemeinsam üblichen vier Prozent ins Ziel hechelt.
Was bleibt dann für die Bündnis-Grünen?
Richtig, dann blieben elfeinhalb Prozent (in Ziffern: 11,5%) plus x für Künast, Roth, Trittin & Co.
Und, ebenfalls richtig, dann lägen SPD und Grüne bei hoch errechneten 41,5 Prozent plus x und Schwarz-Gelb bei 42,5 Prozent.
Das heißt im Klartext, siehe oben: Eine Koalition wie weiland Schröder/Fischer würde es in Deutschland so bald nicht wieder geben.
Nun mag der geneigte Leser fragen, weshalb Palmstroem darauf kommt, dass es den Grünen denn eigentlich nicht gelingen sollte, ihr Resultat – entsprechend dem augenscheinlichen Trend – auf zuletzt gefühlte 15 bis 20 Prozent zu schrauben.
Ganz einfach: Stadt ist nicht Land, und Land – sofern man dieses mit Ansiedlungen zwischen fünf (Wiedenborstel, Landkreis Steinburg, Schleswig-Holstein) und 99.000 Einwohnern (Kaiserslautern, Rheinland-Pfalz) definiert – wird in der Bundesrepublik von schlicht 60 Prozent der Bevölkerung repräsentiert.
Die wohnen vielleicht grün, aber das bedeutet noch lange nicht, dass sie auch Grün wählen.
Immerhin, das will Palmstroem hier nicht verschweigen, haben 4,641 Millionen Menschen am 27. September 2009 für Grün im Deutschen Bundestag gestimmt. Aber das war, und auch dieses wollen wir bitte nicht vergessen, für die Partei bereits das absolute Rekord-Ergebnis seit sie sich zum ersten Mal zur Wahl stellte.
Merke: Besser auf dem Boden der Tatsachen lustwandeln statt im Wolkenkuckucksheim Esoterikträume tanzen.
Nun also zur SPD.
Wie, das mögen die Agenda 2010-Genossen dem Wahlvolk gern einmal erklären, wollen sie es überhaupt anstellen, bei möglichen Neuwahlen als Sieger hervor zu gehen, noch dazu ohne tauglichen Kandidaten für die Kanzlerschaft?
Okay, Palmstroem weiß, es stehen gegenwärtig vier Namen im Raum: Steinbrück, Steinmeier, Gabriel und Wowereit.
Dann deklinieren wir die doch an dieser Stelle einmal durch, wenn sich schon die Sozialdemokratie das aus vermutlich guten Gründen derzeit nicht traut.
Erstens: Wowereit.
Ein Wahlkämpfer vor dem Herrn. Ein Charme-Bolzen, wenn er will. Ein Ekel-Paket, wenn die anderen nicht wollen, wie er will. Ein schwuler Chef, der wertkonservativen Hinterwäldlern – aller verordneten political correctness zum Trotz – nicht nur nicht leicht, sondern gar nicht vermittelbar ist. Ein Großstädter, der auf großem Fuß daher kommt und dem das kleine Karo nicht passt.
Aber dann ist da noch das Leiden mit dem Protokoll: Hat ja schon Madame Merkel ein Problem, ihren Mann Joachim Sauer im Damenprogramm unterbringen, wie stünde es dann um Jörn Kubicki, der mit Wowereit noch nicht einmal verheiratet ist? Das sind Sorgen, die zwar banal klingen, indes ganzen Heerscharen von Staatsbediensteten in so einem Kanzleramt die Tränen in trübe Augen treiben.
Vorschlag zur Güte: Der Berliner Bürgermeister bleibt was er ist und tritt 2016 die Nachfolge des dann 74jährigen Kulturstaatsministers Neumann an. Das könnte er und, Palmstroem wettet: Das würde er auch machen wollen.
Zweitens: Gabriel.
Ein bulliger Unsympath, warum auch immer. Einer, der tolle Reden halten kann, wenn man sie ihm aufschreibt. Einer, der dabei aber immer so laut bellt, als müsse er sich wie früher als Berufsschullehrer beim Bildungswerk Niedersächsischer Volkshochschulen gegen Andersdenkende durchsetzen. Einer, der gerne so gewichtig wäre wie sein Körperumfang. „Dicke Gabi“ haben sie ihn früher genannt, so etwas schmerzt und bleibt im Elefantengedächtnis.
Aber dann hängt da noch eine gewisse Großmäuligkeit in der Luft, die freilich selten den eigenen Riechkolben, sondern gern die anderen Nasen betrifft: „Wir dürfen uns nicht zurückziehen in die Vorstandsetagen, in die Sitzungsräume. Unsere Politik wirkt manchmal aseptisch, klinisch rein, durchgestylt, synthetisch. Und das müssen wir ändern. Wir müssen raus ins Leben; da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt. Wir müssen dahin, wo es anstrengend ist. Weil nur da, wo es anstrengend ist, da ist das Leben.“ Dort gesehen hat den „Siggi Peppone aus dem Harz“ allerdings bis heute selten jemand. Er ragt ja auch kaum heraus zwischen all seinen Sicherheitsleuten, die ihn vor dem Volk beschützen.
Vorschlag zur Güte: Der Parteivorsitzende der SPD macht weiter das, was er am besten kann, nämlich Gegner zur Sau, im Innern wie im Äußeren. Das macht er oft, das macht er gern, das macht er mit Macht. Wohl, weil er weiß: Ohne ihn geht nichts. Und ohne ihn geht’s auch nicht.
Drittens: Steinmeier.
Einer, der daher kommt wie ein Herr. Einer, der auch Herr sein mag. Kein Lautsprecher, sondern ein Diplomat. Ein Klarsprech, aber keiner, der verletzt. Einer, der mit allen kann, wenn er will. Einer, der sogar mit der CDU kann, wenn er muss. Jedoch auch einer, den alle mal können, wenn er nicht will.
Aber dann ist da noch die Sache mit der einen Niere, die ihm jetzt fehlt. Die hat er, medienrelevant, seiner Frau übereignet, und auf die wird er schon aus Liebe gut aufpassen, sonst hätte sich das alles ja überhaupt nicht gelohnt. Also muss er, vorsichtiger als bisher, auch in sich hineinhorchen und es im Zweifel ein wenig ruhiger angehen lassen. Das aber ist nicht gut für Deutschland und erst recht nicht für ein Deutschland mitten im Herzen von Krisen-Europa.
Vorschlag zur Güte: Der smarteste Außenminister seit Hans-Dietrich Genscher könnte in einem neuen Kabinett sein bester Nach-Nachfolger werden, immerhin kennt er das Amt und die Leute noch, die das Amt verwalten. Klingt zwar ein wenig langweilig, bleibt aber eine spannende Aufgabe und wäre überdies ein perfekter Deal: Alle Gurken und Bananen gerade biegen, die Guido Westerwelle hinterlässt.
Viertens: Steinbrück.
Einer der „Bild“-Text kann. Einer, den das Volk versteht. Einer, der von Mark und Pfennig Ahnung hatte und das, halbiert, in Cent und Euro übersetzt. Einer, den „die Menschen lieben, weil er nicht wirkt wie ein Politiker“, wie jedenfalls Die Zeit findet. Aber auch „einer, dem seine Partei misstraut“ – und zwar aus haargenau demselben Grund.
Aber dann steht da noch die Hypothek mit der ebenso finanzmächtigen wie schnell beleidigten eidgenossenschaftlichen Schweiz zu Buche. Als es um deutsche Steuerzieher in dem Land ging, da sprach Peer-Schnauze folgenschwer: „Die Kavallerie in Fort Yuma muss nicht immer ausreiten, manchmal reicht es, wenn die Indianer wissen, dass sie da ist.“ Angesichts derartiger Drohung spannten Tells Erben schon mal die Armbrust, und wer bereits die Riesen-Geschichte von Adam und Eva kennt, der weiß, dass schon ein einziger Apfel ursächlich sein kann für die Vertreibung aus einem Paradies.
Vorschlag zur Güte: Die SPD hält Steinbrück vorerst als spitzesten Pfeil im Köcher und schiebt statt seiner einen ganz anderen Kandidaten vor, einen zu Einhundertprozent medienkompatiblen Volks-Kanzler, mit dem sich definitiv keine Wahl verlieren lässt. Den hat Palmstroem auch schon in petto, aber das kommt gleich, soviel Spannung muss sein.
Denn: Wowereit gegen Merkel? Das wird nichts! Gabriel gegen Merkel? Das wird auch nichts! Steinmeier gegen Merkel? Hatten wir bereits und wurde schon mal nichts! Steinbrück gegen Merkel? Könnte klappen, aber dazu müsste die Partei des Kandidaten eben nun mal stärker werden als die Union der Kanzlerin.
Wir lernen: Neuwahlen jetzt? Bloß nicht!
Jedenfalls nicht aus realistischer Sicht, in stillem vorausschauenden Gedenken an SPD und Grüne.
Obwohl, einen gewissen Charme hätte die Veranstaltung schon, die FDP vorzeitig aus der gegenwärtigen Koalition zu schmeißen. Immerhin, und das ist ja die Höhe, verwaltet die Karriereknick-Combo der einstigen Paukenschläger und heutigen Blechtrommler seit den wohl gruseligsten zwei Jahren in der Geschichte der deutschen Parlamentsdemokratie gleich fünf Ressorts, und das sind nicht die unwichtigsten: Außenministerium, Wirtschaft, Justiz, Gesundheit und Entwicklungshilfe.
Wenigstens übergangsweise ließe sich folglich Reputation retten mit, sagen wir: Steinmeier statt Westerwelle, mit Steinbrück statt Rösler, mit Kraft statt Leutheusser-Schnarrenberger, mit Nahles statt Bahr, mit Gabriel statt Niebel.
Wenn man denn aber als SPD am Hirngespinst Neuwahlen jetzt! unbedingt festhalten und das Match gewinnen will, gibt es da bloß jenen Einen, der Super-Sozi-Kanzler könnte, der nicht nur gegen Merkel mühelos gewänne sondern auch, weil sie ganz bestimmt keine Lust auf eine Klatsche hat, gegen Thomas de Maiziére, Muttis gegenwärtig stärksten Ersatzkapitän:
Helmut Schmidt, meine Damen und Herren, der garantierte der SPD auch mit 93 Lenzen sozusagen aus dem Stand die absolute Mehrheit! Und, zum Troste, mehr noch: wahrscheinlich eher früher als später dürfte ihn Peer Steinbrück beerben.
Schmidts Schnauze hat er schließlich schon.
|
|
Achim, na dann lass die Karriereknick-Combo doch einfach noch etwas Musik spielen damit die Eiertänzerin sich neue Grausamkeiten ausdenken kann.
|
|
|
|
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen