Dieser Tage war Palmstroem dorthin unterwegs, wo andere Leute, die es im Wahlkampf eigentlich dringender nötig hätten, nicht mal mit dem Finger auf der Landkarte landen: zwischen Dömitz, Lassahn, Benckendorf und Quadenschönfeld, Neurochlitz, Mönkebude.
Hier ist das nordostdeutsche Land zurzeit noch so, wie es gerne sein soll: kilometerlange sattgrüne Alleen, flach gehügeltes Agrarland. Glasklare Seen, in denen sich Wolken, Sonne und blauer Himmel im fliegenden Wechsel spiegeln. Kräftige Suppenhühner und fleischige Weihnachtsgänse zwischen prächtigen Stauden und paradiesischen Obstgärten.
Dazwischen, allerdings, immer wieder: gähnende Leere, unbestelltes Brachland, überschwemmte Wiesen, verlassene Häuser, nicht eine Menschenseele.
Wen oder was soll wer oder was oder warum und weshalb an diesem Sonntag hier um Himmels Willen wählen?
Hoch an längst vergammelten Laternenmasten hängen sie, die Kandidaten der unmittelbar bevorstehenden Landtagswahl von Mecklenburg-Vorpommern. Es sind Visagen, die hier bald jeder irgendwie aus dem Regionalguckkastenkanal oder dem örtlichen Anzeigenblatt von Ferne her zu kennen meint, deren Nasen im Ort aber kaum jemand je leibhaftig zu Gesicht bekommen hat.
Stattdessen die volle plakative Dröhnung in Rot und Rot und Gelb und Schwarz und Grün. Jederzeit auswechselbare Parolen schreien die ehemaligen Arbeiter und Bauern, die Ackerbau- und Viehzuchtbürger, gleich hinter dem einen oder anderen Scheißhaus in aller Beliebigkeit an:
„Es ist Zeit!“ „Gut, wie das Land.“ „Klare Kante für M-V“ „Mit uns“ „C wie Zukunft“.
Nicht nur Palmstroem findet das inhaltsmäßig etwas denkfaul, schmalbrüstig, ärmlich hier, denn am unüberhörbarsten brüllen überall von oben herab immer noch und immer wieder Hirnriss-Parolen wie „Konsequent für deutsche Interessen!“ „Wir bleiben hier. Wir packen an!“ „Kriminelle Ausländer raus!“ „Sei kein Frosch. Wähle deutsch!“
Wie beklommen muss sich da ein aufgeklärter Leser des plattdeutschen Dichters Fritz Reuter fühlen, der das letzte Jahr seiner „Festungstid“ in Dömitz zubrachte und am meisten mit dazu beitrug, dass die weltoffene Stadt weit über Mecklenburgs Grenzen hinaus bekannt geworden ist?
Wie passt das bloß zum Pizzatag im Landgasthof St. Moritz in Quadenschönfeld?
Was soll man sich da als Gast im Deutsch-Polnischen Landhof „Arche“ an der Friedrichsthaler Straße in Groß Pinnow bei Neurochlitz nur denken?
Wer wollte da nicht vor Scham am liebsten in die Tiefen des Dassower Sees bei Benckendorf versinken?
Der Mecklenburger an sich hält es, hofft Palmstroem, an diesem Sonntag wie der schwarze Stier auf dem Landeswappen: Er reißt das Maul weit auf und streckt die Zunge bis zum Anschlag raus.
Der Vorpommer wirbt unterdessen damit für sich, dass er generell tolerant und weltoffen sei, „unabhängig davon, ob jung oder alt, evangelisch, katholisch oder ungetauft, Arbeiter, Angestellter, Arbeitsloser oder Unternehmer, Sportler, Musiker oder Feuerwehrmann. Sie alle sind unsere Verwandten, Nachbarn, Kollegen und Freunde und machen den Reichtum unserer Region aus.“
Genau und eben davon hat sich Palmstroem nun sein extremes Panoramabild gemalt, zwanzig Jahre nach der letzten Intensiv-Visite.
Leider hat er unterwegs keinen einzigen Politiker mehr getroffen, der etwas von Belang zu sagen hätte, und was nicht ist, wird nun wohl auch nicht werden.
Wie sagte schon Bismarck: "Sollte die Welt untergehen, ziehe ich vorher nach Mecklenburg, dort geschieht alles 50 Jahre später."
Und heute ist morgen gestern.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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