Sonntag, gegen 14 Uhr, fuhr Palmstroem in der Paulstraße Renate Künast über den Weg. Dann stand sie da, ganz symbolhaft, an einer Ampel, deren „Rot“ die Weiterfahrt blockierte, und wartete auf „Grün“.
Frau Renate aus Recklinghausen war natürlich nicht allein, sondern ein kleines Rudel junger Leute auf Funktions-Fahrrädern, mit lustigen Luftballons an den Gepäckträgern, klingelte ihr hinterdrein: ratiers en route, auf dem Weg zum Menschenfischen in Moabit.
Wenn Wowereit das gesehen hätte, er hätte sich kaputt gelacht, denn dieser Auftritt seiner Möchtegern-Bürgermeisterkonkurrentin hatte etwa soviel Charme und Charisma wie ein Schluck stilles Wasser aus blasser Birkenstock-Sandale an Stelle von Champagner-Lustgeprickel aus rosarotem Stöckelschuh.
Dieses frohgemute Feeling des früheren Berliner Party-Meisters ist indes kein Fatalismus, vielmehr die schlichte Fortsetzung seines So-Seins:
Palmstroem erinnert gern daran, wie blendend amüsiert „Wowi“ nicht einmal vor Jahresfrist sich zeigte, als die Grünen angesichts ihres damaligen 30:26-Umfrage-Vorsprunges offiziell inoffiziell schon einmal tastend anfragten, ob der Regierende und die SPD denn wohl als Juniorpartner in einer Grün-Roten Koalition zur Verfügung stehen würden.
Eine gescheite Antwort auf derartige Allüren und Avancen kam Klaus Wowereit vor lauter Gluckserei nicht aus der Kehle, die überließ er seiner sozialdemokratischen Artenvielfaltsexpertin Andrea Nahles: „Es gibt“, sprach die Generalsekretärin, „bei uns noch immer ein bisschen Welpenschutz für die Grünen. Das ist unprofessionell.“
Tschirrbumm.
Dieselbe Frau Nahles wirft heute, wo sich der Wind auch ohne großes eigenes Dazutun landesweit pro SPD gedreht hat, mit weitaus tieferem Teller: Wowereit sei, wie jeder (Wahlen im Triple gewinnende) Ministerpräsident ihrer Partei „für Höheres geeignet“.
Kann Kanzler, soll das wohl heißen. Auf Berliner Niveau herunter gebrochen: Dreimal rein und keinmal raus, fertig ist der große Klaus.
Doch da steht, bis auf Weiteres, eben die liebe Frau Künast vor, die sich in Moabit und anderswo in den Bezirken abstrampelt und trotz schrumpelnder Werte auf zuletzt nur noch dramatische 20 eigene gegenüber 32 SPD-Prozent keck in Mikrofone kräht: “Mein Ziel sind zehn Jahre Regierende Bürgermeisterin – dann wäre ich 65. Ein schöner Zeitraum.”
Ein schöner Zeittraum, möchte Palmstroem ausbessernd meinen, so vorhersehbar, enttäuschend oder unvorsichtig geplatzt wie anderer Leute Seifenblasen, Luftballons oder Kondome.
Denn inzwischen hat sich die Grünlage in der Metropole, die – das fehlte noch – Hundehinterlassenschaften nach der Wahl aus Kostengründen einfach zu stadttypischen Kulturobjekten erklären könnte und Tiergartenmüll für kunstvolle Installation, dramatisch verändert:
Stand heute müsste Künast sich schon freuen, wenn Frank Henkel von der CDU anklopft und fragt, ob ihre Partei als Juniorpartnerin in eine Schwarz-Grüne Koalition einsteigen möchte, falls es für Rot und Rot am Fuße des 18. September nicht ganz reicht oder Rot und Grün wegen ideologischer Disharmonie (Koch & Kellner) alternativ dann doch nicht funktioniert.
Abgesehen davon hat die grüne Spitzenkandidatin längst und vorsorglich ihre eleganteste Fluchtmöglichkeit aus der Berliner Stadtpolitik ausgekundschaftet, mit dem Fahrrad oder ohne, obwohl sie das nicht zugibt: Wenn schon nicht Bürgermeisterin im Roten Rathaus, dann wenigstens wieder Bürgerin mit Meisterlohn zwei Ecken weiter, im Reichstag.
Das ist natürlich kein Grund zum Verzweifeln, findet Palmstroem, denn so funktioniert nun mal ein Fünfjahresplan in Zeiten des politischen Klimawandels, und die dazu passende Berlinische Lebensbetrachtung hat Mascha Kaléko dramaturgisch korrekt aufgeschrieben:
„Im Somma lebste. Im Winta strebste. In Friehling werbste. Und denn, in eenen strengen Herbste – sterbste.“
Volle Granate, Renate, Renate.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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