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„Man muss wirklich miteinander leben; die Erwachsenen müssen nicht nur mit den Kindern spielen, arbeiten, wandern und alle die Interessen und kleinen und großen Freuden und Leiden des Kindes teilen, sondern letzteres auch, je nach seiner Reife, am eigenen Erleben und Schaffen teilnehmen lassen, sodass mehr oder weniger innige persönliche Beziehungen entstehen.“ (Paul Geheeb über die Odenwaldschule 1936)
Paul Geheeb (1870 – 1961) war der Begründer der Odenwaldschule, die jetzt wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern erneut in die Schlagzeilen geraten ist. Er gilt als der Vater der Koedukation, des gemeinsamen Erziehens von Jungen und Mädchen. Die Odenwaldschule und ihr Gründungsleiter Geheeb galten politisch als fortschrittlich. Er war gegen den 1. Weltkrieg, verteidigte die Weimarer Republik, lehnte das Kaisertum ab, wurde von den Nationalsozialisten vertrieben. In den 20er Jahren war er Mitbegründer der Vereinigung der Freien Schulen und Landerziehungsheime. Ziel war, pädagogischen Reformen mehr Gewicht zu verleihen.
Im Lichte der Enthüllungen um die hessische Odenwaldschule lesen sich Sätze, wie das Eingangszitat in völlig anderem Kontext. Paul Geheeb wurde bis heute keine Verfehlung unterstellt. Er meinte den Satz in den 30er Jahren wahrscheinlich rein erzieherisch, wobei er den Begriff Erziehung, der auf eine undemokratische Situation verweist, vermied. Er zog es vor, von einem Entwicklungsprozess der Kinder zu sprechen, den es zu fördern gelte. Geheeb wollte den Unterschied zwischen den Lehrern und den Schülern aufheben, damit Pädagogik nachhaltige Wirkung entfalte. Das klingt nach Demokratie, war bei Geheeb wahrscheinlich auch so gemeint. Kann auch anders interpretiert werden. Vielleicht müssen manche pädagogische Klassiker neu gelesen werden. Vielleicht könnte dann die Erziehungswissenschaft in eine Krise geraten.
Gemeinsamkeiten zu kirchlichen Einrichtungen sind offenbar, wenn auch teilweise unterschiedliche Motivationen vorliegen. Die sexuellen Vergehen an Kindern in pädagogischen Institutionen geschahen bisher, soweit bekannt, in Internaten, in denen es zum pädagogischen Konzept gehört, die Kinder durchgehend zu betreuen, auch in ihrer Freizeit. Dass da pädophile Menschen angezogen werden, scheint offenkundig. Die ständige Nähe zu Kindern, getarnt als pädagogisches Verhältnis, eröffnet ihnen die Möglichkeit, ihren Trieb auszuleben.
Und das tat Leiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, in erheblichem Ausmaß. Am 17.11.99 stand in der Frankfurter Rundschau: „Lehrer sind hier gleichzeitig „Familienhäupter" , die sich in den idyllischen Wohnhäusern um sechs bis zwölf Minderjährige kümmern. Die Odenwaldschule, so steht es in der Heimordnung, möchte „eine freie Gemeinschaft" sein, „in der die verschiedenen Generationen unbefangen miteinander umgehen und voneinander lernen können". In der Rückschau wird deutlich, dass der Theologe Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 leitete, die Idee dieses Satzes mehr als ein Mal pervertiert hat.“
Und Becker, so ist jetzt in der Frankfurter Rundschau zu lesen, ist der Lebensgefährte von Hartmut von Hentig (84), der Reformpädagoge des ausgehenden 20. Jahrhunderts schlechthin. Ausgezeichnet mit unzähligen Preisen. Sein Einfluss auf die Theorie der Schule kann nicht überschätzt werden. Er gründete die Bielefelder Laborschule, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt wurde. Die Opfer der Odenwaldschule werfen ihm zumindest Mitwisserschaft vor. Er selbst nennt gegenüber der Frankfurter Rundschau diesen Vorwurf „grotesk“. Sehr glaubwürdig klingt das nicht. Sollten sich die Vorwürfe der Opfer des Missbrauchs bestätigen, würde nicht nur ein Denkmal vom Sockel gestoßen.
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Danke für den Blog. Schönes Beispiel. Wird vermutlich auch anderswo zum Lesen abgestellt werden.
So funktioniert Kampf um die Deutungshoheit. Achtermann ist da so C-Prominenz. Pressesprechermäßige Aktivitäten. Las ich nicht gerade noch von Katholischen Schulen, an denen verklemmte Sexualität offenbar so lange einbehalten wird, bis da ein wehrloses Opfer gefunden ist? Es handelte sich reihenweise um Schulen dieses Strickmusters. Und kaum ist eine Schule gefunden, die in anderen Zusammenhängen existiert, da kommen tatsächlich welche hierher und rollen den Sermon der Siebziger Jahre aus? Wo sind wir denn, lieber Achtermann! HamSie's wirklich nötig, sich noch an dem vierundachtzigjährigen Herrn Hentig zu reiben? Gut, das soll Ihre Sache bleiben. Andererseits, es ist ein etwas niedrigschwelliger Versuch, Deutungshoheit zu erringen. Ist ja auch immer gleich. Man verlässt sich auf die Vergesslichkeit der Leute, man ignoriert kühn alles, was dem eigenen Kurs im Weg stehen könnte. Nur, lieber Achtermann, das klappt offenbar nicht mehr. SchaunSie mal zum Beust nach Hamburg, der ein pädagogisches Reformkonzept unterstützt, offenbar gegen so Leute wie Sie. Und das gilt genauso für diverse andere Bereiche ... Banken ... AKW-Politik ..und und und. Also, lieber Achtermann, denken Sie mal nach. Sie werden doch nicht dem Westerwelle nachlaufen, oder? |
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.. und nehmen Sie sich mal die Zeit, sich die Rede von Stephen Fry anzuhören, die wahr heute Nachmittag in den blog von SexPower gestellt hat.
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Dreizehn,
Achtermann sucht in der Tat nach einem allgemeineren Deutungszusammenhang für die inkriminierten Handlungen, das macht er in vorsichtig fragender Form, und wenn man seine modal geäußerten Deutungen nicht teilt, so kann man ihnen hier sachlich und mit Argumenten widersprechen. Oder auch, Blog-üblich, da das Argumentieren geistige Potenzen und Anstrengungen erfordert, einfach seine "persönliche Meinung" hier kundtun. Was du aber hier machst, ist dem Diskussionsstil nach das Letzte. Was bildest du dir eigentlich ein, den Blogautor mit solchen Verunglimpfungen, wie "Kampf um die Deutungshoheit. Achtermann ist da so C-Prominenz" und "so Leute wie Sie" zu bedenken? Einen Deutungsversuch zu kommunizieren und zum Zwecke des Verstehens zur Diskussion zu stellen ist dasselbe wie das konkurrenzhafte Bestreben, Deutungshoheit zu erlangen? Wer solche Deutungen hier kommuniziert, hat wohl ein offenkundiges Problem damit, als Gamma-Delta-Blogger, von Prominenz nicht zu reden, beständig der Deutungshoheit von klugen Leuten unterworfen zu sein. |
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Vielen Dank Oranier für die Einordnung meines Textes. Es ist mir in der Tat nicht um irgendeine dümmliche Polemik gegangen, die Dreizehn anscheinend meint, mir niveaulos unterstellen zu müssen.
Was Dich, Dreizehn, so in Rage getrieben hat, vermag ich nicht nachzuvollziehen. Sexueller Missbrauch ist sexueller Missbrauch, ob dieser in einem katholischen Internat oder in einer Reformschule vollzogen wird, spielt für mich keine Rolle. Es geht keineswegs darum, „den Sermon der siebziger Jahre“ auszurollen, es geht um das Jetzt. Es dauert oft Jahrzehnte, bis die Opfer in der Lage sind, über den Missbrauch zu sprechen. Gerade deshalb wird derzeit über die Verlängerung der Verjährungsfrist dieser Verbrechen diskutiert. Dem Täter Gerold Becker kam die Rechtslage zupass, da seine Vergehen nicht gesühnt werden konnten. Im Fall der Odenwaldschule hatten die Opfer jahrelang vergeblich versucht, Gehör zu finden. Immer wieder gab es Vertuschungs- und Beschwichtigungsversuche. Erst letztes Jahr ist es ihnen gelungen, ihr Anliegen auf eine Ebene zu bringen, die nicht mehr übersehen werden kann. Angesichts des bevorstehenden Festaktes zum 100-jährigen Bestehen der Odenwaldschule, haben sie ihrem Gesuch zum Durchbruch verhelfen können. Keineswegs geht es mir darum, mich „noch an dem vierundachtzigjährigen Herrn Hentig zu reiben“ zu reiben, wie Du mir unterstellst. Die Opfer formulierten am 19.2.10 schriftlich: „Hartmut von Hentig ist nur der langjährige Lebensgefährte von Gerold Becker, er war auch durch seine häufigen Besuche in der OSO [Odenwaldschule] mit den Umgangsformen in Beckers ‚Familie’ vertraut.“ Deshalb, Dreizehn, ist die Aufforderung an mich „Also, lieber Achtermann, denken Sie mal nach. Sie werden doch nicht dem Westerwelle nachlaufen, oder?“ zumindest nicht sachgerecht, auch deshalb nicht, weil der Internatsplatz in der Odenwaldschule derzeit 2.220 Euro monatlich kostet. |
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Korrektur: Das Zitat muss heißen: "Hartmut von Hentig ist nicht nur..."
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Du hast recht, oranier. Ich bitte Achtermann, meine verletzenden Formulierungen zu entschuldigen. Es tut mir leid.
Ihre Argumentation, Achtermann, greift meines Erachtens zu kurz. Gewiss, "die ständige Nähe zu Schülern, getarnt als pädaogisches Verhältnis", ist eine Voraussetzung für sexuelle Vergehen. Ursache für jene Übergriffe ist jedoch eine Moral, die die öffentliche Darstellung von Sexualität permissiv zulässt und in Bedrängnis kommt, wenn es darum geht, dass eigene Normen einzuhalten sind. Die Übergriffe finden in den Bereichen statt, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind: Familie, Schule, Armee, ... und selbstverständlich handelt es sich stets um Abhängigkeitsverhältnisse. Überlegungen in diese Richtung helfen meines Erachtens weiter, und die katholische Kirche geht gezwungenermaßen einen ersten Schritt. Ein Ziel der Reformpädagogik war übrigens, die nur formal begründeten Hierarchien aufzulösen. Deshalb finde ich Ihren Ansatz irreführend, und die persönlichen Anspielungen sind, wie ich es empfinde, nicht frei von Boshaftigkeit. Im Vordergrund sollte stehen, die Strukturen zu verändern, die die Voraussetzungen für derartige Vergehen bereitstellen. |
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Schüler und Altschüler der Odenwaldschule diskutieren hier:
misalla.wordpress.com/ Ein Beispiel aus dieser Diskussion, das die Schwierigkeit im Umgang mit diesem Thema deutlich macht: "...es ist für mich fürchterlich schwierig: gerold hat mich gerettet: vor meinen irren familiären verhältnissen, ja ich war bis 1980 an der oso – die/der eine oder andere kennt sicherlich mein “pseudonym”… ich wusste, dass hübsche jungs bei gerold beliebt waren, ich war sehr befreundet mit einem der jungen, der sich mit gerolds bus das leben genommen hat – da war ich schon nicht mehr da. wie weit die übergriffe gingen, habe ich erst nach meiner schulzeit erfahren, jahre nach meinem abitur. ich war ein mädchen – daher nie im visier – vermute ich. und dennoch habe ich lehrer erlebt, die ihre “verliebtheit” sehr wohl bis zum ende der abiturfeier verschwiegen haben. ich habe erlebt, wie ein lehrer (wer es erinnert: der fdp-mann aus dem geheeb-haus) nach einem sexuell geprägten übergriff sofort geflogen ist unter der leitung von gerold. ich wusste, wie die jungs gerold _auch_ ausgenutzt haben – ich habe lange darüber nachgedacht, ob das gerolds schlechtes gewissen war? ich habe HvH weinen gesehen, weil gerold ihn betrogen hatte. ich wusste von meinem familienoberhaupt, dass HvH gerolds freund/liebhaber war. ich habe das immer als wahr angenommen. in meiner peer-group war uns die “frosch”-familie immer suspekt: wir haben nie verstanden, warum die schüler in der familie z.t. über jahre blieben – allerdings habe ich die familienmitglieder auch nie gefragt. da hat es mich eigentlich immer gewundert, dass das so war. ich weiss heute von einigen, die von gerolds übergriffen betroffen waren, denen es richtig schlecht ging. von hunderten, nein, das kann ich nicht glauben oder anders herum gesagt, mit dem, was ich selbst mitbekommen habe, nicht in einklang bringen. trotz allem: sex war ein thema und auch keines: hetero- und homosexueller sex. wie immer und überall: wer mit wem, spekulationen, gerüchte. das ist wohl normal – in jedem sozialen gefüge. gerolds taten haben “mein “wir ” während meiner oso-zeit nie miteinander besprochen, weder unter den schüler/innen noch mit den pädagogen. ich habe es während nur von einem gewusst, als ich auf der oso war. als ich ihn fragte, wie und was das für ihn ist – damals – sagte er nur, es kostet gerold einiges. mehr aber nicht. es gab kein weiteres gespräch darüber. ich kann eigentlich bis heute kaum verstehen, dass ein so guter pädagoge so “irre” sein konnte: gerold hat sehr guten unterricht gemacht, war engagiert und trotzdem seine andere seite, so schizophren. (merkwürdig nur, dass sexueller missbrauch mittlerweile so häufig von meist männlichem “theologischen personal” vorgenommen bzw. systematisch durchgezogen wird. oder ist das durch die aktuelle diskussion gefärbt…) ich halte es für dummes zeug, dass “drogen” besorgt worden sein sollen – zumindest nicht in meiner zeit: es gab einen, der anfing zu drücken, das kam so schnell auf, wir haben soviel dazu geredet in der ganzen schule, lehrer und schüler, das kann ich mir wirklich nicht vorstellen, dass in diesem klima des aufdeckens, so etwas nicht zur sprache gekommen wäre – doch ich weiss ja auch nicht alles. und trotzdem war die oso ein segen für mich. hier konnte ich mich entwickeln und erfahren. und trotzdem bleibt ein rest von scham, dass der mann, gerold, dem ich persönlich so viel zu verdanken habe, den ich jedoch nicht nur deshalb gemocht habe, der so toll lachen konnte, dass er eine so gruselige seite hatte – wie ich heute weiss. viele andere lehrer waren korrekt, gut und dem oso-gedanken tief verpflichtet. ich hoffe, die oso überlebt." |
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Lieber Achtermann,
dank dir für deinen blog, den ich mit Interesse verfolge. Doch bitte überdenk auch du die Übernahme des Begriffs: "Sexueller Mißbrauch". Das lenkt m.E. davon ab, daß es sich hierbei um Gewalt in hierarchischen Beziehungen handelt, die sich unter anderem in sexualisierten Übergriffen ausdrückt. Die gewählte Begrifflichkeit impliziert den Blick des Täters auf das Opfer, indem es einen angemessenen "Gebrauch" voraussetzt. All dies wurde bereits unzählige Male diskutiert, wir sollten jetzt und heute darauf aufbauen. Gutgrüße lausemädchen |
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@ läusemädchen
Welchen Begriff schlägst Du vor? |
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Ich benutze, wie heute schon viele KollegInnen, stattdessen den Begriff "sexualisierte Gewalt".
Gruß lausemädchen |
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Tutmirleid, das Thema hat mich beim Wickel und ich würd gern versuchen, mich hier sorgfältiger zu sortieren.
Solange es um repressive sexuelle Moral geht, solange unterdrückt wird, Zwang ausgeübt wird (in diese Schublade leg ich katholische Internate), ist das für mich das "traditionelle" Muster und eine erste Hilfe wäre, die Strukturen von Herrschaft beiseite zu legen. Ein altes Lied, oder? Es geht darum, Vertrauen zu schaffen. Ich kenne Internate vom Hörensagen; vermutlich hilft es, schulische Öffentlichkeit zu fördern und Schüler aus ihren Ecken zu holen, indem ihnen mitgestaltende Verantwortung übertragen wird. Und niemals aufhören, daran zu arbeiten. Das ultimative Problem klopft an die Tür, wenn Übergriffe an einer Schule geschehen, die zum Programm erhebt, ohne Herrschaftsstrukturen zu arbeiten, und Vertrauen zum tragenden Grundsatz des alltäglichen Umgangs erklärt. Da muss man Praxis neu an den honorigen Grundsätzen anbinden. Anbinden: eines der hübschen Bilder, die sich einstellen, wenn einer nicht weiterweiß. Letzten Endes muss unter den konkreten Bedingungen neu gestaltet werden, und sofern die Informationen zuverlässig sind, handelt es sich um Ereignisse der siebziger und achtziger Jahre. Interessant wäre, zu erfahren, was seitdem anders gehandhabt wird. Ein schwieriges Thema. Vielen Dank, Achtermann, für die Auszüge aus den Diskussionsbeiträgen. Bei einer Ursachenforschung darf auch die offenbar vorherrschende allgemeine Befindlichkeit ["oversexed and underfucked"] nicht unerwähnt bleiben. |
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@ Koslowski und Dreizehn
Die Pädagogik hat ja von allem etwas. In ihr vereinigen sich Elmente der Psychologie, der Philosophie, der Erkenntnistheorie, der Anthropologie, der Theologie, des Okkultismus u.a.m. Jeder kann als Eklektiker sich was zusammenklauben und eine neue pädagogische Theorie entwickeln. Manchmal entstehen neue Sichtweisen auf eine derartige Theorie, wenn gedankliche und lebenspraktische Hintergründe ihrer Entwickler klarer hervortreten. Rudolf Steiners Theorie, die heute noch eine riesige Anhängerschaft hat und sich in Form von Waldorfkindergärten und –schulen manifestiert, hat in den letzten Jahren Brüche erfahren, weil seine Rassenlehre, wonach der weißen Rasse, der von ihm so genannten Jupiterrasse, der Höchstrang zukäme, in die Diskussion kam. Die Rassenkomponente wird von den Steiner-Adepten angeblich abgelehnt. Doch Nachprüfungen sind kaum möglich, weil in diesen Waldorf-Anstalten das Unterrichtsmaterial aus Eigenprodukten besteht. Natürlich kann man jetzt die streng wissenschaftliche Position vertreten, ohne empirische Untersuchungen könne zur heutigen Waldorf-Praxis keine Aussage gemacht werden. Doch gab es in der Vergangenheit immer wieder Kontroversen, weil Eltern von Waldorf-Kindern merkten, dass mancher Pädagoge versuchte, mystische Elemente den Schülern nahezubringen, die den heutigen Erkenntnisstand über die Lebenswirklichkeit doch zu stark konterkarierten. Es können sicherlich auch zwischenmenschliche Gründe statt der oben angeführten vorgelegen haben, weshalb Eltern ihre Kinder dem Steiner’schen Umfeld entzogen. Ähnlich verhält es ich mit jenen Theorien, die sich der Reformbewegung zugehörig sehen. In dem von mir eingangs schon erwähnten Zitat Geheebs, wird sehr deutlich die Nähe zu den Schülern gesucht. Und aus dem Blickwinkel eines Pädophilen liest sich dieses geradezu wie eine Aufforderung nach uneingeschränkter Nähe: „Man muss wirklich miteinander leben; die Erwachsenen müssen nicht nur mit den Kindern spielen, arbeiten, wandern und alle die Interessen und kleinen und großen Freuden und Leiden des Kindes teilen, sondern letzteres auch, je nach seiner Reife, am eigenen Erleben und Schaffen teilnehmen lassen, sodass mehr oder weniger innige persönliche Beziehungen entstehen.“ Aufgrund der Vorkommnisse in der OSO und der pädagogischen Theorie Geheebs, dem Schüler so nah als möglich zu kommen, so meine These, könnte das Recht abgeleitet werden, das erzieherische Handeln an diesen Maßstäben subjektiv auszurichten. Und bei allem, was bisher bekannt geworden ist, hat der ehemalige Leiter der OSO diese Grenzen permanent überschritten. Erstaunt war ich zu lesen, dass die Schüler nur von „Gerold“ und nicht „Herrn Becker“ sprechen und schreiben. Man aß zusammen, duschte nicht getrennt, wurde morgens von Gerold streichelnd geweckt… Hartmut von Hentig, siehe aus dem von mir angeführten Posting weiter oben, weinte öfter an der OSO, weil er sich von Gerold betrogen sah… Man war „eine Familie“. Das sind natürlich keine wissenschaftlichen Belege. Doch mir erscheint die Behauptung von Hentigs noch unwahrscheinlicher, er habe vom Treiben seines Lebensgefährten keine Ahnung gehabt. Wenn ich heute HvH nochmals lesen würde, ich läse ihn anders. Vielleicht ist das nur mein Problem. Ich frage, weshalb stecken manche Männer so enthusiastisch in ihrer pädagogischen Arbeit. Ich denke schon, pädagogische Klassiker, insbesondere diese, die eine pädagogische Praxis folgen ließen, vor dem Hintergrund der Pädophilie nochmals zu lesen, könnte neue Interpretationen zulassen. |
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Diese Art des professionellen Generalverdachts der Pädophilie schätze ich als höchst gefährlich ein.
Dahinter steht m.E. die pure Hilflosigkeit. Und konsequenterweise müsste man dann alle Eltern in den Verdachtsbereich rücken: Sie haben tagtäglich - und nächtens! - Kontaktmöglichkeiten zu Kindern (den eigenen und ggf weiteren) und haben womöglich nur deshalb Kinder in die Welt gesetzt. Oha! Jede Berührung wird zum potenziellen Missbrauch. Ganz gefährliche Entwicklung. Die am eigentlichen Problem direktemang vorbeigeht. Das heißt - egal, ob Kirche, Regelschule, Reformschule, Elternhaus oder sonstige Übergriffe: Schweigen. Verschweigen. Decken. Unklare Grenzen. Bigotterie. Unaufrichtigkeit. Mit-sich-selbst-Unklarheit. Das einzige, das hilft, ist Transparenz, klare Grenzen, und starke Persönlichkeiten - Kinder wie Erwachsene. Das schreibt sich vielleicht leicht hin - und ist schwer zu erreichen, täglich, stündlich, minütlich neu, von engagierten Pädagogen, Eltern, Freunden, Kindern. Eine tendenziell denunziatorische Hetzjagd-Stimmung dagegen träfe viele falsche und nur ein paar richtige. Diese Sache ist verdammt noch mal zu wichtig, um sie Stimmungsmache zu überlassen. Und sie geht alle an. |
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katharina, Du schreibst: „Diese Art des professionellen Generalverdachts der Pädophilie schätze ich als höchst gefährlich ein.“ Ich denke nicht, einen Generalverdacht über diejenigen ausgebreitet zu haben, deren Profession die Erziehung ist. Der Gedanke, dass diese Möglichkeit besteht, sollte doch denkenswert sein, nämlich dass Pädagogen, die zu den Großen gezählt werden, evtl. andere Antriebe hatten als den der pädagogischen Zuneigung zum Zögling. Deshalb stimme ich Dir zu, Transparenz anzustreben. Dazu gehört aber auch, dass manche ältere Schüler, wie aus dem OSO-Blog, den ich weiter oben verlinkt habe, zu entnehmen ist, mit ihren Lehrern ein Spiel trieben, deren Begehren durchschauten und diese sogar in Abhängigkeiten brachten.
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endlich mal eine etwas differenzierende Meinung. Ich war ein Jahr in diesem Jahrzehnt dort und bin nur fassungslos über das was hier und andernorts geschrieben wird.
Selbst nach einem Jahr OSO wusste ich nicht was Reformpädagogik ist, was liberale Reformpädagogik ist und was das war, was ich erlebte. Wusste noch nicht einmal, was da mit Becker gewesen war.Nur irgendein diffuses Gebrummel war da mal zu vernehmen. Ich hatte nur den Eindruck, dass die Schule - jeden falls heute - für die meisten Kinder gut ist,die ja zu ca.40% aus reichen Familien und zu 60% vom Jugendamt zugewiesen werden. Und viele reden hier und an anderen Orten so, wie ich vor dem Eintritt in die OSO auch geredet und gedacht habe. Es gibt eine Sicht der medialen Öffentlichkeit, der LehrerInnen, der Eltern, eine Sicht der SchülerInnen. Der Tag beginnt für LehrerInnen um 5.30Uhr und endet so um 22h, 22h-23h Elterntelefonate und das jeden Tag. Danach Unterrichtsvorbereitung. Ich begreife rein praktisch nicht, wie das Unsägliche passieren konnte. Man kommt überhaupt nicht zu sich. Länger als ein Jahr war das nicht auszuhalten. |
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Da Du Erfahrungen mit der Odenwaldschule gesammelt und Pädagogen dort kennen gelernt hast, kannst Du mir sicher Fragen beantworten, die mich schon Tage bewegen. Du beschreibst den Tagesablauf der dort Lehrenden, der nicht nur an Selbstausbeutung grenzt, sondern Selbstausbeutung ist.
Was treibt einen Menschen (in diesem Falle Lehrerinnen und Lehrer) dazu, sich einen solchen Job auszusuchen? Niemand, der dort arbeitet, kann ein Privatleben führen, abseits dieser Schule. Welche Wünsche stecken dahinter, so leben zu wollen? |
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ich bin mit 55 Jahren dort gelandet als Seiteneinsteiger, nachdem ich in Brandenburg arbeitslos wurde und auf meinem Gebiet nichts mehr bekam. Ich hatte schon früher Leistungs- und Grundkurse unterrichtet und mich schon direkt nach dem Studium dort in der Odenwaldschule beworben. Ich wurde auch angenommen, habe aber schon auf der Rückfahrt von dort Schiss bekommen vor der Abgeschiedenheit. Es war Samstag und innerhalb von Minuten ließ der Schulleiter damals 10 Lehrer antanzen. Auf der Rückfahrt sagte ich mir "...und das kannst Du demnächst auch sein, am Samstag.." und 30 Jahre später hat sich das Gefühl bestätigt.
Welche Wünsche die Kolleg/innen haben, weiß ich nicht genau. Aber irgendwie läuft es darauf hinaus, Kinder stark zu machen,ihre ganz individuelle Situation zu verbessern. Es war für mich immer verblüffend,wenn die Kinder gebracht wurden und sich ihre Gesichter Stunden und Tage nach Abfahrt der Eltern aufhellten und sie oft regelrecht aufblühten in meiner Chaotentruppe.Es hatte so etwas wie "...Mann, oh Mann, das sind ja genau so Chaoten wie ich, super!!" |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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