Beim Blick durch das Schlafzimmerfenster fiel mir heute Morgen Michael Müllers jüngste Pressemitteilung zur Luftqualität in Innenräumen wieder ein. Denn tatsächlich habe ich die Fenster unseres Nachbarn im Hinterhaus schräg gegenüber noch nie auch nur ein Spältlein geöffnet gesehen. Was sicher nicht weiter auffiele, wenn er nicht gleichzeitig auch noch rund um die Uhr die Jalousien geschlossen hielte. Was spielt sich dort ab im dunklen Mief?
Früher habe ich schon einmal ausgemalt, dass dort eine rund um die Uhr beleuchtete Marihuana-Plantage vor sich hinwuchert, was vermutlich für die Innenraumluft die beste Lösung wäre. Aber dann habe ich die Lüftungs- und Beleuchtungsgewohnheiten meines Nachbarn aus dem Blick verloren. Bis mich der Staatssekretär im Bundesumweltministerium wieder aufrüttelte.
Anlässlich einer zweitägigen Konferenz diese Woche wies Müller noch einmal darauf hin, dass wir uns 80 bis 90 Prozent unseres Tages in Innenräumen aufhalten und bis zu 20 Kubikmeter Luft einatmen, umgeben von bis zu 200 verschiedenen flüchtigen und schwer flüchtigen Stoffen. Formaldehyd, VOCs, polychlorierte Biphenyle, Tetrachlorethen, Biozide: Mit unaussprechlichen Ausdünstungen gehen uns Laminat und Laserdrucker, Farbe, Fliesenkitt und Fugenmasse im wahrsten Sinne auf die Nerven.
Kann das gesund sein? Man ahnt die Antwort schon.
Deutschland hat selbstverständlich eine zuständige Kommission, die Innenraumlufthygiene-Kommission (IRK) und auch Richtwerte für etliche bedenkliche Chemikalien wie Toluol, Napthalin oder Pentachlorphenol. Zusammen mit einigen Hämmern wie Asbest sind sie „dank politischer Bemühungen und konsequenten Handelns verschwunden“, wie Müller vermeldete. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass bei dem säuerlich müffelnden schwedischen Billigschrank im Arbeitszimmer alles mit rechten Dingen zugeht. Der stinkt nun wirklich schon ein Jahr vor sich hin.
In einer 2007 veröffentlichten Kinderstudie hat das Umweltbundesamt in Luft- und Staubproben aus 600 Wohnungen überall Umweltgifte nachgewiesen. Bis zu 37 Prozent der untersuchten Kinder hatten zum Beispiel problematische Konzentrationen des Weichmachers DnBP im Urin, der wahrscheinlich auch über Hausstaub und Innenraumluft aufgenommen wird.
Wie wäre es mit ein paar guten altmodischen Verboten? Das UBA hat sich dagegen ausgesprochen. „Bessere Erfolge lässt eine geeignete Kombination aus Emissionsbegrenzungen, Kennzeichnung, Normen und Verbraucheraufklärung erwarten“, meinen die Experten. Unter dem Strich hört sich das doch alles ziemlich hilflos an: Der Verbraucher soll mal schön auf sich selbst aufpassen.
Immerhin tragen wir zu unserem eigenen Unheil auch selbst bei, wie das UBA betont, nicht nur durch Rauchen und das sinnlose Abbrennen von Kerzen, sondern auch durch Kochen und Wäschetrocknen, und nicht zuletzt: durch bloße Anwesenheit. „Der Mensch selbst beeinträchtigt die Qualität der Innenraumluft, indem er Kohlendioxid und Feuchtigkeit ausatmet“, schreibt das Umweltbundesamt. Das klingt doch gleich viel konkreter als die Mutmaßungen über mysteriöse, clandestin entweichende chemische Mixturen.
Ähnlich banal ist deshalb auch der Rat der Experten für uns verunsicherte Besitzer von Sperrholzschränken: „Ausreichende Belüftung ist daher immer unerlässlich.“ Von Raumsprays, Duftkerzen und Ölen sowie Mülleimer- und Staubsaugerparfüm wird dagegen abgeraten. „Schlechte Innenraumluft sollten Sie nicht mit Duftstoffen überdecken. Besser ist, die Quellen unangenehmen Geruchs zu beseitigen, die Wohnung regelmäßig zu lüften und zu reinigen.“ Ich möchte diese überraschende Erkenntnis hiermit meinem Nachbarn vom Hinterhof weiter leiten.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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