Adriane Seliger

Ökoblog

14.06.2009 | 08:59

Die Superbrummer kommen

Wer sich beim Gedanken an Bienen noch nostalgisch-romantischer Gefühle erfreut, summ, summ, summ und so, dem muss ich heute leider die Augen öffnen. Die nützlichen kleinen Honigsammlerinnen sind inzwischen offenbar immer häufiger eine Art technisch aufgerüsteter Superbrummer, und ich bin gar nicht mal sicher, wie ich das finden soll.

In einem Forschungsprojekt der Uni Würzburg sollen Bienen mit Mikrochips auf dem Rücken im Zusammenwirken mit einem Roboter Umweltgifte in Wald und Heide aufspüren. So meldet es jedenfalls der Informationsdienst Wissenschaft. Ausgangspunkt ist, dass die Bienen beim Pollensammeln auch Schadstoffe mitbringen. Am Eingang zum Bienenstock wird der Chip auf ihrem Rücken gescannt und ein Teil des mitgebrachten Pollens abgestreift. Dieser wird sofort chemisch auf Pestizide oder Radioaktivität getestet. Wird etwas gefunden, kommt die Biene unter besondere Beobachtung. Und jetzt kommt’s: Die Forscher analysieren anhand des bei Bienen üblichen Schwänzeltanzes, mit dem sie ihren Kolleginnen im Stock den Weg zur Futterquelle weisen, wo das Gift herkommt.

Dorthin wird ein Roboter-Auto namens Merlin entsandt, das nach Schadstoffen sucht. „Weil die Ortsangaben aus dem Schwänzeltanz der Bienen nicht ganz präzise sind, sucht der Roboter ein größeres Gebiet ab, nimmt Luft- und Bodenproben und kann per Massenspektrometer auch feststellen, ob auf Blättern von Pflanzen Schadstoffe sind“, sagte der Würzburger Roboterexperte Klaus Schilling jetzt der „Süddeutschen Zeitung“. Noch ist das alles im Werden begriffen. Aber Praxistauglichkeit soll schon in vier Jahren erreicht sein. Dann könnte die Bienen-Roboter-Kombination zum Beispiel Radioaktivität in der Nähe Reaktoren aufspüren oder nach einem Chemieunfall zur Messung der Belastung ausrücken.

Klingt das nicht gruselig? Ich weiß, das ist alles unheimlich faszinierend und zielführend, und es wird sogar von der Europäischen Union mit einer halben Million Euro gefördert.  Zugegebenermaßen sehen die freundlichen Würzburger Professoren mit ihren Vertrauen erweckenden Spitzbärten nicht gerade aus wie Big Brother.

Aber kann man sich da noch sicher sein, dass nicht bald auch Stubenfliegen mit dem vier Milligramm schweren Mikrochip ausgerüstet und bei mir im Wohnzimmer als elektronische Spitzel eingesetzt werden? Wenn künftig die Klatsche niedersaust, ist dann auch gleich noch richtig teure Technik futsch. Oder ergehe ich mich hier in Verfolgungswahn?

Die Würzburger Forscher sind nicht die einzigen, die mit Bienen mit funkgesteuerten Chips experimentieren. Auch der Frankfurter Forscher Bernd Grünewald montiert den Tierchen High-Tech-„Rucksäcke“ auf. „So meldet sich jede Biene am Flugloch ab und am Lesegerät der künstlichen Futterstelle wieder an“, schrieb Grünewald in einem Aufsatz. „So wissen wir genau über den Tagesablauf der Biene Bescheid.“ Das geschieht übrigens in diesem Fall alles zum Besten der Biene. Denn es gilt zu erforschen, wie die Tiere auf Vergiftungen mit Pestiziden reagieren. Dazu wird ihnen eine vergiftete Zuckerbrühe als Nahrung vorgesetzt – allerdings mit nicht tödlicher Dosis, wie Grünewald betont.

Trotzdem schlägt mein romantisches Herz für die Biene, gilt sie doch als „Musterbeispiel für altruistisches Verhalten“. Denn sie sammelt nicht für ihre Nachkommen Nahrung  – die hat nur die Königin –, sondern für ihre Brüdern und Schwestern, wie ich Professor Grünewalds Werk entnehme. So sozial, so uneigennützig, und dann Opfer einer Rund-um-die-Uhr-Totalüberwachung. Das hat sie nicht verdient.

 
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Kommentare
Columbus schrieb am 14.06.2009 um 20:09
Liebe Frau Seliger,

Kennen Sie Ernst Jüngers "Gläserne Bienen". Das ist "SciFi" von einem erzkonservativen Käfersammler. Trotzdem lesenswert. Jetzt schreiten die Herrn Ingenieure zur Tat.

Liebe Grüße

Christoph Leusch
I.D.A. Liszt schrieb am 15.06.2009 um 16:34
Hallo Adriane Seliger,

So etwas ist wirklich ausgesprochen gruselig.
Ich habe schon oft die Befürchtung gehabt, daß wier alle eines Tages so einen Mikrochip (RFID oder so) in die Ohrläppchen implantiert bekommen.

Können wir denn sicher wissen, daß wir nicht alle längst ein solches Impkantat haben? Da brauchte man die 'ferngesteuerten Stubenfliegen' nicht.

Sollte diese Ihre Vision Wirklichkeit werden, so werden wir es daran merken, daß in allen Medien plötzlich die Nützlichkeit der Stubenfliege gepriesen wird (außer natürlich im 'Freitag', der das kritisch hinterfragt), und daß der Verkauf von Fliegenklatschen eingestellt wird, weil sie nicht der EU-Norm XYZ entspricht, nach der die Tötung von Stubenfliegen nur von ausgebildeten Stubenfliegen-Exterminatoren durchgeführt werden darf.

Wir brauchen keine Horror-Sci-Fi mehr - wir leben mittendrin!

Herzlich,
I.D.A. Liszt
Querine schrieb am 15.06.2009 um 19:28
Vier Milligramm schwerer Microchip - dann ist bal alles möglich, überall Chips, die irgendwas messen - also mich gruselts dennoch nicht, denn Technik ist erst einmal dazu da, genutzt zu werden. Allerdings sollte das immer im Sinne von Freiheit und nicht im Sinne von Einschränkung und Überwachung geschehen.

Nur - manchmal benötigt man Sicherheit, zum Beispiel eben gerade vor schädlichen Substanzen. Und da solche Substanzen kein Privatleben haben, kann man die ruhig aufspüren :)
I.D.A. Liszt schrieb am 15.06.2009 um 20:58
Hallo Querine,
Sie schreiben: >Technik ist erst einmal dazu da, genutzt zu werden.<
Jaja, das kennen wir schon. Die Atombombe war auch erst einmal dazu da genutzt zu werden!

An die Zweckfreiheit der Technik glauben Sie doch hoffentlich nicht.

Eine gewisse Art von Technik wird entwickelt, um gewisse Aufgaben zu erledigen. Diese Aufgaben sind nicht notwendigerweise im Sinne der Allgemeinheit oder im Sinne einer freiheitlichen Gesellschaft.
Wenn es denen, die diese Technik nutzen, um weiter zu unterdrücken und/oder die bestehenden (Herrschafts-)Verhältnisse zu zementieren, so behagt, wird die Technik a u c h eingesetzt, um Schaden von der Gesellschat abzuwenden.

Darum macht es sich auch immer so nett, wenn die Oder über die Ufer tritt oder (ja, ich weiß, es hört sich albern an, aber es ist hier kaum zu vermeiden!) die Elbe. Da kann man regierungsseits wieder einmal zeigen, wie nützlich die Bundeswehr als solche ist, und dann erst einmal ihr selbstloser Einsatz im Innern!

Vielleicht sollten wir lieber mit dem Risiko leben zu erkranken oder zu sterben (am Ende kann dem sowieso niemand entgehen) als alles unter Kontrolle haben zu wollen, denn die Kontrolle richtet sich unweigerlich gegen uns selbst.

Herzlich,
I.D.A. Liszt
Querine schrieb am 24.06.2009 um 23:31
Da bin ich nicht ganz richtig verstanden worden, denn ich schieb nicht nur

"Technik ist erst einmal dazu da, genutzt zu werden."

sondern ganz ausdrücklich im nächsten Satz:

"Allerdings sollte das immer im Sinne von Freiheit und nicht im Sinne von Einschränkung und Überwachung geschehen."

Es wird immer ein stetiges Abwägen bleiben. Ich bin gerade nicht dafür, alles zu kontrollieren. Ich bin aber dafür, da Technik einzusetzen, wo es der persönlichen Freiheit nicht wirklich entgegen wirkt, denn die Freiheit umfasst mehr als nur zu tun, und zu lassen, was man gerade will. Und sie betrifft alle, darf nicht zum Ausdruck von Egoismus werden.
Adriane Seliger
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