Irgendwie ist es tröstlich, dass die Südbayerische Portland-Zementwerk Gebr. Wiesböck & Co GmbH in Rohrdorf künftig aus Abgaswärme Strom erzeugen wird. Das kostet den Steuerzahler zwar 5,5 Millionen Euro Projektförderung, wie das Bundesumweltministerium jetzt kundtat. Doch wird das „neuartige Kraftwerk“ künftig pro Jahr 16.300 Tonnen Kohlendioxid einsparen. Das klingt nach Ingenieurskunst, nach Innovation und Fortschritt im Kampf gegen den Klimawandel - klein, handlich und übersichtlich.
So ganz im Gegensatz zu den UN-Klimaverhandlungen, die am Montag in Bonn in die heiße Phase gehen sollen. Ich bin ja wirklich gespannt, was die AWG-KP mit den Brackets im FCCC/KP/AWG/2009/7 macht. Ich vermute allerdings, dass sie dabei unwesentlich weiter kommt als die AWG-LCA bei FCCC/AWGLCA/2009/8. Und ob die 13. Sitzung von SBSTA und SBI wirklich den Durchbruch bringt?
Ich erinnere mich, wie ich vor zehn Jahren den ersten Versuch machte herauszufinden, was die SBSTA und das SBI eigentlich genau tun. Damals gab es auch eine Sitzung im Bonner Hotel Maritim, und aus irgendeinem Grund wurde sie ständig durch Bombenalarme unterbrochen. Jedenfalls vermittelte mir der Sprecher des UN-Klimasekretariats, während er mit den evakuierten UN-Delegierten auf dem Parkplatz vor dem Maritim stand, ein exklusives Telefoninterview mit dem damaligen Vorsitzenden von SBSTA.
Wir waren alle sehr stolz, der UN-Sprecher und ich und der SBSTA-Vorsitzende, der mir sehr ernsthaft erklärte, welche Stelle in den Vorbereitungsdokumenten – damals ging es noch um die Umsetzungsverhandlungen des Kyoto Protokolls – jetzt gerade glatt geschmirgelt worden war und welch unermesslicher Fortschritt das sei. Schon damals beschlich mich das Unbehagen, dass hier jemand mit Sandpapier den Fliegenschiss auf der Nase von Teddy Roosevelt in Mount Rushmore bearbeitet, während anderswo ganz real die Welt zusammenbricht. Das Gefühl hat mich seitdem nicht mehr verlassen.
Nun sollen also die Unterhändler in Bonn in zwei Arbeitsgruppen – den Ad hoc working groups (AWG) – am Text für das geplante Kyoto-Nachfolgeabkommen feilen, das im Dezember in Kopenhagen unterschriftsreif sein soll. Die großen Fragen sind absolut einleuchtend: Um wie viel muss der weltweite Klimagasausstoß verringert werden? Wer macht wie viel? Wer zahlt? Wer braucht wo wie viele Dämme oder Bewässerungsanlagen und wer soll wiederum dafür zahlen?
Nur tut sich von dieser auch von mir intellektuell zu durchdringenden Makroebene eine tiefe Kluft auf zu den Niederungen des Verhandlungstexts, in dem sich der Vorsitzende der Arbeitsgruppe zum Beispiel länglich für die Differenzierung von „soll“ und „sollte“ rechtfertigt. Ansonsten sieht der Text aus wie ein vom Wildschwein zerpflügter Gemüsegarten. Allein beim Unterpunkt „Festlegung eines Langfristziels“ sind neun verschiedene Formulierungsoptionen aufgeführt, obwohl der Weltklimarat IPCC eigentlich glasklar vorgibt, dass die Temperatur global nicht mehr als zwei Grad steigen darf und auch genau sagt, was die Weltgemeinschaft dafür tun muss.
Am Ende der zwei Wochen werden die Delegierten wahnsinnig stolz darauf sein, dass sie aus neun Optionen sechs gemacht haben, frei nach dem Motto, das der Arbeitsgruppenvorsitzende Michael Zammit Cutajar für die Bonner Verhandlungen vorgegeben hat: „Wir müssen im Juni Bewegung spüren hin zu einer substanziellen Vereinbarung. Aber Juni ist noch zu früh, eine Messlatte zu legen für ein substanzielles Ergebnis oder für eine Vereinbarung über die rechtliche Form.“ Alles klar? Ich will es mal so sagen: Bisweilen habe ich leise Zweifel, ob die das wirklich alles ernst meinen.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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