Adriane Seliger

Ökoblog

12.07.2009 | 07:42

Lauter Attrappen

Was für eine Serie gespenstischer Auftritte.

Zuerst Vattenfall-Europachef Tuomo Hatakka, der der Welt erklärte, dass in seinem Pannenreaktor Krümmel alles richtig gelaufen ist. Immerhin hat sich der Schrottmeiler nach dem Kurzschluss im Trafo letzte Woche doch automatisch abgeschaltet, oder? Immerhin ist die erhöhte Radioaktivität im Kühlwasser, die auf einen kaputten Brennstab deutet, doch „detektiert“ worden. Alles total bestimmungsgemäß. Da frage ich mich doch, warum Hatakka sich so aufregte.

Er sei „tief betroffen, aber nicht paralysiert“, rief er melodramatisch ins Mikrofon und setzte dann noch ein erschütterndes „Das schwöre ich Ihnen“ drauf. Er räumte Fehler ein, das kann nicht schaden. Aber welche eigentlich? Wo doch alles so unheimlich bestimmungsgemäß lief. Als er sich wieder beruhigt hatte, hauchte der Finne noch mit tief gefalteter Stirn: „Krümmel ist sicher.“ Was zumindest derzeit unbestreitbar ist, denn das AKW steht nach dem 313. meldepflichtigen Ereignis seiner 25-jährigen Geschichte wieder einmal still.

Dann meldete sich Umweltminister Sigmar Gabriel ausgerechnet aus Tschernobyl, um zu sagen, dass Krümmel und sieben Altreaktoren früher vom Netz sollen als geplant. Das sagt er zwar auch schon die ganze Woche, aber es wirkt irgendwie dramatischer, wenn es mit Bildern aus der Sicherheitsschleuse von Tschernobyl unterlegt ist. Im Wesentlichen ist die Drohung mit der Beschleunigung des Atomausstiegs aber heiße Luft – und zwar unabhängig davon, ob die SPD dafür jemals Mehrheiten findet.

Denn als geänderte Formulierung für das Atomgesetz schlägt Gabriel vor: „Abweichend von Satz 1 erlischt für Anlagen, die ihren kommerziellen Leistungsbetrieb nach Anlage 3 Spalte 3 vor dem 31.12.1980 begonnen haben, die Berechtigung zum Leistungsbetrieb, wenn die in Anlage 3 Spalte 2 aufgeführte Elektrizitätsmenge erreicht ist.“ Das soll die Übertragung von Produktionsmengen von neuen Reaktoren auf die alten ausschließen, die es aber ohnehin noch nie gegeben hat. Die sieben alten Meiler dürfen damit genau so viel Strom produzieren, wie im Atomkonsens vorgesehen, und sie müssen auch genau dann vom Netz, wie es im Jahr 2000 ausgehandelt wurde, nämlich zwischen 2010 und 2012. Worin, bitte, liegt also die Beschleunigung des Atomausstiegs?

Den skurrilsten Auftritt aber legte SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier hin, der sich am Donnerstagnachmittag ein paar Medien zu einem Krümmel-Statement einlud. Der Gedanke ist nicht dumm, da der SPD mit dem peinlichen Pannenreaktor das erste zündende Wahlkampfthema in den Schoß gefallen ist. Dort stand er also, der Exkanzleramtschef, von seinem Exkanzler Gerhard Schröder vor kurzem noch als Architekt des Atomausstiegs gefeiert, vor der blauen Wand im Auswärtigen Amt, garniert mit Bundes- und Europaflagge und sagte: gar nichts. Zehn, 15 Sekunden blieb der Kanzlerkandidat stumm, was eine elend lange Zeit ist, wenn fünf Kameras laufen und die Eingangsfrage schon eine Weile wie abgestandene Luft im Raum steht. Für einen Moment dachte ich, er würde in sich zusammensinken. Dann presste Steinmeier in seinem erdenschweren Außenminister-Ton fünf vorgestanzte Sätze hervor mit der dramatischen Kernaussage: „Es ist an der Zeit, dass das Atomkraftwerk Krümmel jetzt abgeschaltet wird.“ Dann sagte er „Danke“ und schritt davon.

Mal ganz abgesehen davon, dass Krümmel ja bereits abgeschaltet ist, sagte Steinmeier kein Wort dazu, wie er das Wiederanfahren verhindern will. Denn das Ding hat nach derzeitigem Stand noch Produktionszeiten bis mindestens 2019. Gabriel gesteht ganz offen: „Eine spezielle gesetzliche Regelung für das AKW Krümmel ist nicht möglich.“ Der Umweltminister setzt auf Ermüdungstaktik: Auflagen, Sicherheitsüberprüfungen und Inspektoren - bis Hatakka umkippt. „Wir werden Krümmel auf Herz und Nieren prüfen“, kündigt Gabriel an. Nicht schlecht. Fragt sich nur, wieso das nicht passiert ist, bevor Krümmel nach dem letzten Vorfall von 2007 vor drei Wochen wieder ans Netz durfte.

Was also bleibt am Ende dieser Woche? Ein pseudoreumütiger, triumphierender Atommanager, ein wild fuchtelnder Umweltminister und die Attrappe eines Kanzlerkandidaten. Arme Sozis, armes Deutschland. Bald ist die Bahn frei für Atomminister Günther Oettinger.

 


 

 
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Kommentare
merdeister schrieb am 12.07.2009 um 09:12
„Krümmel ist sicher.“ So sicher wie die Rente?
Friedland schrieb am 12.07.2009 um 21:47
Aus aktuellem Anlass sei hier auf meinen allerersten Freitags-Blogbeitrag hingewiesen:

www.freitag.de/community/blogs/friedland/die-atomkraft-ist-sicher-ich-bin-es-mir-nicht
merdeister schrieb am 12.07.2009 um 22:01
Um das gleich aufzugreifen:
"Jedes Jahr liegt die Chance bei 1:1.000.000, dass wir alle etwas verlieren – unser Leben, einen Teil der Umwelt, ein Kraftwerk und seine Energie. Dennoch spielen wir dieses Spiel mit.
Jede Woche liegt die Chance bei 1:140.000.000, dass einer etwas gewinnt – den Jackpot im Lotto mit ein paar Millionen Euro. Und dennoch spielen wir auch dieses Spiel mit.
Bei einer Chance von 1:1.000.000 hoffen wir, dass nichts passiert, aber bei 1:140.000.000 hoffen wir, dass es passiert. Wir Menschen sind schon seltsam..."

Wenn ich kein Lotto spiele, mache ich die Welt dann unsicherer oder sicherer.
Zurzeit sind weltweit 210 AKW am Netz, Deine Rechnung sieht also noch düsterer aus
210:1000000 = 1:5000 das sind doch ganz andere Zeiträume...
Friedland schrieb am 12.07.2009 um 22:19
Bei Lotto ist nur eines sicher: Die Umverteilung von unten nach oben, da meist die unteren Schichten mehr spielen und mit einem Teil des Gewinns u.a. Kulturveranstaltungen der Oberen gesponsort werden...

Statistisch ist jedes AKW wohl ein Einzelereignis, unabhängig von den anderen. Ich bin mir nicht sicher, ob man die dann miteinander "verrechnen" kann. (Nach Tschernobyl hätten wir jetzt aber noch 4977 Jahre Zeit...)

Allerdings denke ich, dass AKWe genauso sicher sind wie all die anderen menschlichen Technologien, am Ende so sicher wie der Mensch selbst...
merdeister schrieb am 12.07.2009 um 22:31
In Tschernobyl war es letztlich auch menschliches Versagen, vielleicht fällt es dann gar nicht unter die 1:1000000.

Mit der Verrechnung könntest Du recht haben, ich glaube da läutet was in meinem Kopf, das ist wahrscheinlich Unsinn, was ich geschrieben habe.
mh schrieb am 12.07.2009 um 09:22
man darf ruhig wissen, dass alle atomkraftwerke kaputte brennstäbe haben. da gibts 80.000 brennstäbe, ein paar kaputte sind immer einkalkuliert und werden auch ersetzt, nur nicht sofort, da das kraftwerk sonst ständig stillstehen würde. die sicherungsmaßnahmen sind entsprechend darauf ausgelegt.

das mit den trafos muss bemängelt werden.

mir ist allerdings nicht klar, warum selbst hier nur von vattenfall gesprochen wird. e.on gehört auch 50% an dem teil.

ne saftige geldstrafe an die betreiber in milliardenhöhe ist das sinnvollste, die sprache verstehen se. und alle anderen auch, die da rumschludern.
Hans Kelsen schrieb am 12.07.2009 um 19:40
Ich glaube gelsen zu haben, dass Vattenfall das Ding betreibt.
mh schrieb am 12.07.2009 um 22:42
das ändert ja nichts an der eigentümerstruktur. eigentum = verantwortung. lernt man als erstes in der volkswirtschaftslehre.
klara schrieb am 12.07.2009 um 21:13
Das trifft den Nagel - traurigerweise - auf den Kopf. Und den Krümmelgabrielsteinmeieratomkonsens gleich mit.

Aber ein Trost bleibt: gut geschrieben!
Anna Dorothea schrieb am 13.07.2009 um 09:30
Liebe AS;

danke für Ihren sehr informativen und interessanten Blog!

Zu den Vorfällen gabs hier auch den Blog von Fabian Loeffler und Kommentare, zu denen er bisher keine Stellung genommen hat (er fand sie unsachlich, warum auch immer). Er will aber noch was dazu schreiben.

Haben Sie auch die Auftritte vorher, von Peter Harry Carstensen und unserem (Hamburgs) Regierungschef Ole von Beust verfolgt? Carstensen nutzte den Vorfall, um Muskeln rsp. Stärke zu demonstrieren ("Papa spricht ein Machtwort"). Die Grünen wiederum, die in Hamburg ja mit in der Regierung sitzen, nutzten das Ganze, um zu taktieren. Denn unser Ole wollte, wie das so seine Art ist, das Ganze lieber ausssitzen. Bloß keine Konflikte. Er macht eben lieber den Grüßaugust. Sollten doch die Grünen die Drecksarbeit machen...

Den Gefallen tat ihm unsere Umweltsenatorin Anja Hajduk nicht. Sie schwieg, zur Verwunderung und Verärgerung vieler. Das war ausnahmsweise mal klug und kein Opportunismus: Denn jetzt MUSSTE von Beust sich zu Wort melden. Das war natürlich schwammig, Vertrauen kam drin vor, ganz oft, es waren einfach nur Phrasen. Immerhin, er hatte deutlich mit dem Zeigefinger gedroht!

Herzlich, Anna
Adriane Seliger
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Wolfram Heinrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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