8
]
Es geht um Verrat, übermäßigen Alkoholkonsum, Mobbing und sexuellen Missbrauch. Das Ungewöhnliche daran: der Ort der Handlung und die beteiligten Personen. Wir sind nicht in der Fiktion, nicht in einem genialen Kriminalbestseller von Patricia Highsmith, sondern in den „Menschlichen, Allzumenschlichen“ Intrigen und Abgründen einer Institution, die sich selbst als heilig erklärt hat.
Ort der Handlung dieser klassischen Tragödie ist die Katholische Kirche. Protagonist des Stücks ist der Ex-Augsburger Bischof Walter Mixa, der letzte Woche in einem Interview (www.welt.de/politik/deutschland/article8061378/Walter-Mixa-Der-Druck-war-wie-ein-Fegefeuer.html) seinen Rücktritt vom Rücktritt mit der Begründung erklärt hat, dass ihn der Münchener Erzbischof Reinhard Marx und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch gezwungen hätten, eine vorgefertigte Rücktrittserklärung zu unterschreiben. Daraufhin wurde nunmehr am Wochenende der Presse eine „Geheimakte Mixa“ zugespielt (www.sueddeutsche.de/bayern/bischof-walter-mixa-ich-brauche-deine-liebe-1.962509), in der es heißt, dass Mixa ein schwer alkoholkranker Mann sei und zu homosexuellen Übergriffen neige.
Papst Benedikt XVI. im fernen Rom scheint die Kontrolle über seine Kirche zu verlieren. Anstatt sich mit den Nöten und Ängsten der Menschen zu befassen, kreist die Institution der Katholischen Kirche in einem geradezu selbstreferentiellen System nur noch um sich selbst. Ja schlimmer noch: Sie ist durch ihre mangelnde Aufklärungsarbeit bei den Missbrauchsfällen, ihre zwischenmenschlichen Gemeinheiten und innerkirchlichen Machtkämpfe selbst zu einem gesellschaftlichen Problem geworden. Welche Glaubwürdigkeit und Legitimation besitzt eine Kirche eigentlich noch, wenn sie es selbst nicht schafft, Verbrechen gegen Kinder und Jugendliche in ihren eigenen vier Wänden zu unterbinden, anzuzeigen und aufzuklären?
Doch nein, man setzt sich nicht mit den Ursachen auseinander: Es finden keine Diskussionen über die innerkirchlichen Machtstrukturen, über die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau oder das Heiratsverbot für Priester statt. Das unreflektierte „weiter so“ regiert unbarmherzig und führt zu massenweisen Austritten. Die Kirche demontiert sich selbst und ist gerade dabei, ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft als Kämpfer für das Gute, Gerechte und Solidarische zu verlieren.
Vielleicht benötigen wir im Moment in diesem Land weniger Islamkonferenzen und Islamkritiker, dafür aber um so mehr Katholizismusdebatten und Katholizismuskritiker, die den Vatikan dazu auffordern, sich grundlegend zu reformieren. Aber möglicherweise brauchen wir ja auch gar keine Kirche mehr, haben in unseren modernen Gesellschaften die transzendentale Obdachlosigkeit schon längst überwunden und erleben im Augenblick die letzten Zuckungen einer jahrtausendealten Institution, die sich am Anfang des 21. Jahrhunderts selbst zerstört?
|
|
Aber wieso sollte sie "griechisch" sein, die Tragödie? Da war doch gleichgeschlechtliche Liebe durchaus erlaubt, selbst unter Priestern. Oder? Und Alkoholkonsum ebenso...
|
|
|
Vielen Dank!
Habe den Titel verändert. |
|
|
Wir sind nicht in der Fiktion, nicht in einem genialen Kriminalbestseller von Patricia Highsmith,
Eine kleine Anmerkung zu "genialer Kriminalbestseller von Patricia Highsmith", mit Mixa hat das, ich geb es zu, nichts zu tun. Im Wertstoff habe der Gemeinde habe ich vor vielen Jahren den rororo-Thriller "Mord mit zwei Durchschlägen" (1) von Patricia Highsmith gefunden und kostenlos mitgenommen. Ich muß ergänzen, daß dies der einzige Roman von Patricia Highsmith ist, den ich gelesen habe. Mehr von ihr wollte ich mir nach diesem Lese-Erlebnis nicht zumuten. Es handelt sich hier um einen alles in allem gut geschriebenen Roman, so gut geschrieben, daß man kaum merkt, wie absolut bescheuert und nicht nachvollziehbar sich sämtliche Hauptpersonen in diesem Roman benehmen, wie entsetzlich konstruiert und unglaubwürdig die ganze Geschichte ist. Ich hatte seinerzeit gehofft, es handele sich hier um einen der ersten Romane der Highsmith, als sie das Handwerk noch nicht so gut beherrscht habe, mußte mich aber inzwischen eines besseren belehren lassen. Ein Mann und eine Frau, verheiratet, irgendwo in England auf dem Lande. Er (Sydney Bartleby) ist Schriftsteller, sie (Alicia Bartleby) Malerin, beide sind mit ihren Künsten kommerziell absolut erfolglos, fretten sich mit jeweils geringen Vermögenszinsen durch, die sie von irgendwo her beziehen. Alicia fährt eines Tages irgendwohin fort, ans Meer, ohne Sydney. Die Leute aus der Umgebung der Bartlebys machen sich schon Gedanken, wo sie denn wäre, da kommt sie zurück. Einige Zeit später ist Alicia wieder weg, wieder mit Wissen von Sydney, dem sie sogar andeutet, daß sie möglicherweise nach Brighton führe. Eine Art Eheurlaub, um zu sich zu kommen. Sydney ist damit einverstanden, als Schriftsteller spielt er die Situation durch, wie es wäre, wenn er sie ermordet hätte und wie er sich dann fühlen würde. Er treibt das Spiel so weit, daß er einen neuen Teppich kauft, daß er eines Morgens den alten Teppich (in dem man eine Leiche versteckt aus dem Haus tragen könnte) im Wald vergräbt. Er wird beim Verlassen des Hauses mit dem Teppich auf der Schulter von einer Nachbarin gesehen, womit er im übrigen durchaus als Möglichkeit gerechnet hat, darin aber weiter kein Problem sieht . Alicia bleibt diesmal ziemlich lange weg, länger als erwartet und ohne irgendwem Nachricht zu geben. Sie beginnt in Brighton, wo sie tatsächlich ist, ein Verhältnis mit einem anderen Mann. Die Eltern Alicias alarmieren die Polizei, Sydney gerät unter einen vagen (man hat ja keine Leiche) Mordverdacht, scheint dies auch, zumindest teilweise, zu genießen. Als Schriftsteller möchte er selber mal herauszufinden, wie das ist, wenn man als mutmaßlicher Mörder seiner Frau verdächtigt wird. Er möchte das auch für sich festhalten, um es in einem Roman oder Fernsehspiel zu verwenden. Die Polizei gräbt schließlich den Teppich aus, es ist nur der Teppich, keine Leiche. Sydney ist damit aber nicht ganz entlastet, er könnte ja den Teppich als Tarnmanöver vergraben haben, während die Leiche ganz woanders liegt - Wenn du jemanden vom Suchen abhalten willst, dann gibt ihm das Gefühl, er habe das Gesuchte bereits gefunden. Sydney fährt schließlich nach Brighton, wo er Alicia vermutet. Er setzt darüber auch die Polizei in Kenntnis. Die Polizei beschattet ihn nicht!!! Sydney findet Alicia in Brighton tatsächlich, mit einem anderen Mann. Sydneys Lage hat sich inzwischen beträchtlich verschärft, sein Partner, mit dem zusammen er seine Fernsehstücke schreibt, setzt sich von ihm ab, hat Angst, daß man einen mordverdächtigen Co-Autor nicht ins Programm nehmen wird, daß also der gerade abgeschlossene Fernsehvertrag wieder rückgängig gemacht wird. Er möchte auch einen größeren Anteil an den Gesamteinnahmen. Obwohl ihn dies jetzt aus seiner mißlichen Lage befreien würde meldet Sydney nicht der Polizei, wo seine totgeglaubte Frau zu finden sein würde. Das Netz zieht sich immer enger um ihn zusammen, er könnte das Netz mit einem leichten Schlag zerreißen - und tut es nicht. Die Suchaktion der Polizei wird öffentlich, in allen Zeitungen erscheinen Berichte über die verschwundene Frau, auch darüber, daß man ihren Mann verdächtigt, sie ermordet zu haben. Auch Alicia selbst erfährt davon, natürlich. Und sie tut nichts!!! Sie meldet sich nicht, sie hält sich weiter versteckt, verändert sogar ihr Aussehen, damit man sie nach den Bildern in den Zeitungen nicht erkennen kann. Der lange erfolglose Autor Sydney bekommt nun eine ganze Serie von Zusagen - die dann binnen kurzem wieder rückgängig gemacht werden, solange die Sache mit seiner Frau noch nicht geklärt ist. Was macht der Typ, der die Sache ganz leicht für sich klären könnte? - Er hält immer noch dicht, er erzählt weder der Polizei noch irgendeinem von seinen Bekannten davon, daß er Alicia längst gefunden hat, daß sie lebt. Schließlich wendet sich Sydney direkt an Alicia, erst mit einem Brief und dann, als sie nicht reagiert, mit einem Telegramm, und fordert sie dringend auf, sich zu melden. Sie gerät in Panik (???), erzählt ihrem Geliebten nichts davon, besäuft sich, läuft davon und stürzt sich schließlich über die Klippen an der Küste in den Tod. Jetzt sucht Sydney den Liebhaber auf, der völlig aufgelöst ist, zwingt ihn, Schlaftabletten zu nehmen und läßt ihn dann sterbend in der Wohnung liegen. Wenn er nicht stürbe, sähe es böse aus für Sydney, aber Sydney scheint das kaum zu bekümmern. Wie auch immer: Der Typ stirbt tatsächlich, niemand kann Sydney den Mord nachweisen. Hirnrissig. Ciao Wolfram (1) Originaltitel "Suspension of Mercy", in den USA veröffentlicht unter dem Titel "The Story-Teller", eine zweite deutsche Ausgabe gab es später im Diogenes-Verlag unter dem Titel "Der Geschichtenerzähler". |
|
|
@ Alem
Die Umstände sind derzeit so, dass einiges öffentlich wird. Da kann man nur ahnen, was über die Jahrhunderte im Verborgenen gedeihte. Eine Institution, die streng hierarchisch gegliedert ist, ist anfällig für solche Entwicklungen wie von Dir beschrieben. Kritik und demokratische Kontrolle wären das Gebot der Stunde. Doch diese widersprächen den Grundsätzen, die in der katholischen Lehre angelegt sind. Dehalb haben die evangelischen Brüder und Schwestern in ihrem System die etwas besseren Karten. |
|
|
Bei allem Verständnis für den Autor und sein Thema bzw. seine Kritik, die ich durchaus teile, aber in dem Beitrag läuft einfach die Begrifflichkeit durcheinander bzw. ist ungenau, weshalb auch die abschließende Schlußfolgerung nicht stimmig ist.
Die Katholische Kirche ist eine Institution, die eine komplexe Organisation hat. Zu dieser (inner)weltlichen komplexen Organisation gehört in Deutschland zB die Caritas oder der örtliche Kindergarten genauso wie die Amtskirche an sich oder die ca. 25 Mill. Mitglieder. Die Kurie im Vatikan hingegen stellt die Gesamtheit der Leitungs- und Verwaltungsorgane dar. Daneben gibt es noch die theologischen Vorstellungen von Kirche als transzendenter, außerweltlicher Größe. Von welcher Kirche aber spricht der Autor? Doch vermutlich von der Kurie bzw. von der Leitungsebene in Deutschland, der Bischofskonferenz. Denn natürlich finden Diskussionen über die innerkirchlichen Machtstrukturen, über die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau oder das Heiratsverbot für Priester statt, vor allem in den Gemeinden. (Glaubt der Autor eigentlich wirklich, daß die Aufhebung des Heiratsverbots an den Mißbrauchszahlen etwas ändern würde? Priester mit derlei "Anwandlungen" haben eine Freundin, oft sogar im stillen Einverständnis mit der Gemeinde.) Zu den massenweisen Austritten: die sind, nach Angaben der entsprechenden Stellen, derzeit doppelt so hoch wie üblicherweise? Auf welche Zahlen stützt der Autor seine Ausführungen? Wie man angesichts der Mitgliederzahlen der katholischen Kirche allein in Deutschland zu der Schlußfolgerung gelangen kann, die Institution Katholische Kirche befinde sich in ihren letzten Zuckungen, ist mir daher schleierhaft. Die katholische Kirche demontiert sich nicht selbst, einigen führenden Amtsträger scheint allerdings ein gewisser Realitätssinn zu fehlen bzw. diese können ihre dogmatische Vorstellungen nicht weiter konservieren. Mehr ist nicht. Aber auch nicht weniger. |
|
|
Sehr geehrter Alem Grabovac,
zunächst eine Präzisierung: Als Lutheraner gehöre ich einer Kirche an. Diese Auffassung unterscheidet sich zwar etwas von der Lehrmeinung der römisch katholischen Kirche, was aber insoweit nicht mein Problem ist. Genauso wenig wie es Mein Problem oder das Meiner Kirche ist, was Hochwürden Mixa im Schoße Seiner Kirche, nämlich der römisch katholischen so treibt. Ökumene kennt da ganz undogmatische Grenzen. Das bitte ich demnächst bei solchen Artikeln zu berücksichtigen. Etwas allgemeiner bitte ich zu berücksichtigen, dass Deutsche und insbesondere deutsche Katholiken nicht der Nabel des Heiligen Stuhls sind, der weltweit an die 1,2 Milliarden Menschen repräsentiert und dem annähernd 4800 Bischöfe angehören. Wenn da ein kleinerer Fürst möglicherweise aus pathologischen Gründen Terz macht, so hat das nichts damit zu tun, dass „Papst Benedikt XVI. im fernen Rom die Kontrolle über seine Kirche zu verlieren“ scheint. Der hat schon lange entschieden und bei der Entscheidung wird es bleiben. Alles andere ist Hype und Gossip und viel Lärm um rein gar nichts. Es ist exakt dieser Zungenschlag, der die grundlegenden Diskussionen verhindert, dieses Tragödische, das vermeintlich Schicksalshafte. Denn, ob es einem gefällt oder nicht, die römisch katholische Kirche beginnt allmählich in dem Sektor „Missbrauch“ aufzuräumen, das Gesetz der Omertà wird aufgebrochen, weswegen es überhaupt zur Causa Mixa kommen konnte. So leid es mit tut, aber wenn man das nicht erkennt, hat man die Entwicklung der letzten Monate schlicht verschlafen und kann für die Zukunft eigentlich keine Impulse geben. |
|
|
@ ed2murrow
Darüber lässt sich diskutieren, ob das Gesetz der Omertà tatsächlich aufgebrochen wird. Nach meiner Beobachtung sind die Missbrauchsfälle eher von außerkirchlichen Personen an die Öffentlichkeit geraten. Die rk-Kirche ist in einer Zwangsposition, Nabelschau zu betreiben. Auch die Causa Mixa ist von außen ins Rollen gekommen - Mixa-Opfer haben sich erklärt. Dass jetzt ein paar Scharmützel, wie das bei Politikern öfter zu beobachten ist, auf der Personalebene der Bischöfe helfen, weiteres an die Öffentlichkeit zu befördern, halte ich eher für eine Ausnahme. Eine Trendwende sehe ich nicht. |
|
|
Nach dem was ich hier
sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/34142/1/1 lese, muß ich Ihnen zu Ihren ersten beiden Sätzen Recht geben. |
Ausgabe 06/12
09.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen