Alexander Wragge

Blog von Alexander Wragge

08.03.2009 | 17:17

Wer A sagt, muss auch Z sagen?

Am Morgen beriet attac noch einmal in Seminaren und Worshops über System-Alternativen wie regionale Wirtschafts- und Sozialräte, die Sozialökonomie und die Wirtschaftsdemokratie. Das Forum "Variationen und
Transformationen von Kapitalismen" offenbarte im Kleinen die
Herausforderung des Kongresses.

Eingangs-Frage war, inwieweit es lohnt, verschiedene Ausprägungen des Kapitalismus (Kapitalismen) zu diskutieren, speziell das skandinavische Modell.

Skandinavische Wunder

Die Politologin Cornelia Heintze referierte den Unterschied im Staatsverständnis zwischen Deutschland und skandinavischen Ländern. In Finnland hat beispielsweise jedes Kind seit den 80er Jahren das Recht auf eine musikalische Erziehung. In
Schweden wurde einer Bank im Zuge der Krise innerhalb eines Tages die Lizenz entzogen. Am nächsten Tag hatte die Bank eine neue Lizenz und war komplett verstaatlicht. "Von allen europäischen Kapitalismen ist in Skandinavien die Eingriffsschärfe der Gesellschaft am Stärksten.", so Heintze.

Zudem sei der Grad an Vergesellschaftung der Arbeit für den öffentlichen Sektor (Bsp.: Bildung, Gesundheit) in Skandinavien weit höher als in Deutschland. In Dänemark unterlägen ca. 45 Prozent der Volkwirtschaft nicht dem Gewinn-Motiv (3.
Sektor), in Deutschland seien es ca. 12 Prozent. Und Dänemark stehe in der Krise relativ stark da.

Die skandinavische Kultur der staatlichen Regulierung und Intervention werde auch von den dortigen Konservativen nicht prinzipiell in Frage gestellt. Hohe Steuern,
eine hohe Staatsquote und eine systematische Umverteilung hätten sich bewährt. Cornelia Heintzes Fazit: „Es ist eine völlig falsche Vorstellung, dass der Staat die Wirtschaft aussaugt. Der Staat ist selbst Akteur und organisiert die Binnenwirtschaft.“

Zur Ideologiefrage sagte Heintze: „Marxismus und Neoliberalismus haben etwas gemeinsam. Beide haben grundlegend nicht verstanden, dass soziale Dienstleistungen nicht unproduktiv sind.“

Explosion der Diskussion

Nun ist das Vorbild Skandinavien nichts Neues. Pisa-geschockte Bildungs-Delegationen pilgern seit Jahren zu den nordischen Nachbarn. Trotzdem schien das Thema jetzt wirklich brandaktuell. Aus dem Plenum schossen die Fragen: Wie können sich die Skandinavier das leisten? Sind ihre Modelle in Deutschland und weltweit umsetzbar? Werden sie in der Krise scheitern? Basieren sie nicht auch auf globaler Ungerechtigkeit?

Und jetzt spielte sich etwas ab, was auf der Konferenz oft zu beobachten war. Erstens: Zum Diskutieren blieb kaum Zeit. Zweitens: Das Forum war so organisiert, dass thematisch völlig unterschiedlich orientierte Referenten den Diskussions-Rahmen maximierten. Auf dem Podium saßen neben Cornelia Heintze der Philosoph Michael Brie (Rosa-Luxemburg-Stiftung) und Thomas Seibert von der Hilfsorganisation medico international.

Thomas Seibert referierte nicht über Kapitalismen, sondern schwerpunktmäßig über die Migrations-Thematik. Außerdem reichten seine Ausführungen von Genmais über „Destruktivtechnologien“ bis Opel, wobei er für die Besetzung der Opel-Werke plädierte. Ohne Thomas Seibert und den Anliegen von medico international (medico.de) zu Nahe zu treten zu wollen, seine Analysen wären in einer anderen
Veranstaltung besser aufgehoben gewesen. Jetzt blockierten sie die Diskussion über Kapitalismen. Ein spät gekommener Teilnehmer schaute verwirrt ins Programmheft und fragte mich gleich zweimal, ob er im richtigen Forum sitze, während Seibert sprach.

Auch Michael Brie machte das Mitdenken nicht leicht. Eine seiner Eingangspositionen lautete: „Wer über Kapitalismen redet, darf vom Irakkrieg nicht schweigen.“ Brie mahnte die globale Perspektive an, streifte die Themen Aids, Blutdiamanten, Klima-Erwärmung – für Brie alles „Teile des kapitalistischen Weltsystems“.Bries Fazit: „Es gibt immer eine natürliche Grenze der Umverteilung, wenn letztendlich alles am Tropf des kapitalistischen Systems hängt. Wir müssen über die Überwindung des Kapitalismus reden.“

Bries Thesen waren sicher spannend zu diskutieren. Das Grundsätzliche seines Ansatzes sprengte für mich allerdings den Rahmen des Forums, und hätte besser in eine „grundsätzliche“ Veranstaltung gepasst.
 
Andere Teilnehmerinnen werden es vielleicht genau anders herum erlebt haben, und sagen, jedes Forum einer Kapitalismuskonferenz muss „grundsätzlich“ diskutieren: Man kann nicht über „A“ oder „B“ sprechen, ohne das ganze Alphabet im Blick zu haben, zu dem die Buchstaben gehören. Sie haben auch Recht.

So offenbarte das Forum die Herausforderung des ganzen Kongresses: Zwischen Getrennt- und Zusammendenken, zwischen Abstraktion und Konkretion, zwischen
Pragmatismus und Theorie, zwischen Tür und Angel, zwischen verschiedensten politischen, ökonomischen, sozialen, ökologischen, kulturellen, ethischen und religiösen Denkansätzen. Und das alles unter dem Zeitdruck dieser Krise.
 
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Kommentare
Ingo Stützle schrieb am 08.03.2009 um 17:47
Der gute Thomas von medico heißt Seibert, nicht Seifert - einmal ist es richtig geschrieben.
Alexander Wragge schrieb am 08.03.2009 um 17:52
Oh Danke, meine Rechtschreibung bräuchte auch noch einen Korrekturleser. Interesse?
Alexander Wragge schrieb am 08.03.2009 um 17:49
Der Blog zum Abschluss-Plenum kommt noch, heute Abend irgendwann.
Alexander Wragge
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