Alien59

Amman-Impressionen

19.02.2011 | 16:27

Freitag, 18/2/2011 - Prioritäten

An diesem Freitag beschäftigte sich Deutschland vorzugsweise mit der Frage, ob der Verteidigungsminister bei seiner Dissertation Quellen nicht ordentlich angegeben hatte.

An diesem Freitag wurde in der arabischen Welt in vielen Ländern demonstriert. Nachdem in den letzten sechs Wochen dabei schon zwei Diktatoren abgesetzt wurden, wehren sich die nun angegriffenen ohne Rücksicht auf Verluste: so sollen an diesem Freitag in Lybien 80, im Yemen 6, in Bahrain 4 getötet worden sein, unzählige sind schwer verletzt und der Kampf geht weiter.

Aber in Deutschland zählt man Gänsefüßchen und widmet der schlechten Pressearbeit des Freiherrn einen Brennpunkt im ZDF.

Das ZDF berichtete in seinen Abendnachrichten dann zwar über eine große Demonstration auf dem Tahrir-Platz in Kairo im Anschluss ans Freitagsgebet, aber die eigentliche Sensation wurde übersehen - warum auch immer:

Auf dem Tahrir-Platz, vor einer Menge von ca. 2 Millionen Menschen, hielt kein anderer als Scheich Yusuf Al-Qaradawi die Freitagspredigt und leitete anschließend die Gebete. Seit 1981 hatte er nicht mehr öffentlich in Ägypten predigen dürfen, hatte sich sogar in Qatar einbürgern lassen und hatte erst jetzt zurückkehren dürfen. So, wie in seiner Stimme Tränen zu hören gewesen waren, als er von Doha aus Mubarak zum Rücktritt aufgefordert hatte, war auch gestern das Schwanken in seinem Ton deutlich zu hören. In seiner Predigt wurde deutlich, wie weit die Forderungen der Demonstranten auch seiner Denkweise entsprechen. Auf dem Platz konnte man teilweise eine Stecknadel fallen hören. Nicht nur Al-Jazeerah, sondern sogar der ägyptische Channel 1 übertrugen das Gebet.

Hier wurde Geschichte geschrieben.Weltweit haben Zuschauer vor den Fernsehgeräten gebannt gesessen - ich war nicht die einzige, die kaum glauben konnte, was sie dort sah.

Aber in Deutschland zählt man Zitate einer Dissertation von zweifelhaftem Rang.

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Gustlik schrieb am 19.02.2011 um 16:39
Ein Armutszeugnis, dass sich ein Medium samt Blogbehang dieser "1.200 Fußnoten aus 475 Seiten - Soap" anschließt.
Da können selbst tote Soldaten nicht für "Ablenkung" sorgen. Hoffentlich wird bald Montag...
Rahab schrieb am 19.02.2011 um 16:41
wundert mich nicht!
im zweifel muß mann doch wissen, ob der verteidigungsminister ein fähig-pfiffiger kopf oder ne pfeife ist.
denn wenn pfeife, dann gälte es ja in anbetracht der ereignisse schleunigst einen neuen fähig-pfiffigen zu suchen, wa.
Magda schrieb am 19.02.2011 um 17:06
Alien, Du hast völlig Recht, aber das nützt auch nichts. Die Welt ist aus den Fugen, alles richtet sich neu und die Deutschen grübeln eben über Guttenberg.

Waren die Deutschen nicht schon immer so? Ohne wirkliche Anteilnahme? Ohne Interesse für die Welt, sofern sie sie nicht selbst erobern wollten. Schon immer auf die "inneren" Zustände gerichtet, auch wenns nur um Steuern und Geld und eine Doktorpleite geht? Wird wohl so sein.

Vielleicht wäre es spannender, wenn eine Truppe vors Verteidigungsministerium zöge und dort Krawall machte und den Rücktritt forderte, Mahnwachen mit fingierten Doktorhüten abhielte und dann behauptete, die Geschichte der Erlangung eines Doktorgrades in Deutschland müsse neu geschrieben werden. Und man hätte Geschichte gemacht.

Immerhin: In Dresden demonstrieren auch viele Bürger gegen die Neonazis.

Kurzerhand - es ist nicht verwunderlich, aber tröstlich, weil die Erde sich dennoch fortbewegt.
Alien59 schrieb am 19.02.2011 um 17:23
Natürlich hast du recht - aber nach dem xten blog zu diesem Thema konnte ich einfach nicht mehr die Klappe halten. Grad sehe ich auch noch, dass der SPIEGEL diese hochwichtige Affaire für die nächste Woche als Titel hat....

Was mir gestern abend dann wirklich die Schuhe auszog, war "heute": Berichterstattung und Brennpunkt Guttenberg, die Toten in Libyen, Bahrain und Jemen eine Randnotiz, und das Freitagsgebet in Kairo praktisch unerwähnt. Dabei ist das eine Art von Erdbeben.

Für Interessierte hat jemand das bei YouTube hochgeladen:


Dresden beobachte ich, muss allerdings, wie bereits ein Blogschreiber schon darstellte, über die Berichterstattung auch den Kopf schütteln. Was mir manchmal auffällt, sind gewisse Parallelen im Umgang mit Demonstranten, nicht nur zwischen Dresden und Stuttgart, sondern auch mit Tunis und Kairo ....
KalleWirsch schrieb am 19.02.2011 um 17:29
Die Prioritäten waren hier im Forum ähnlich gelagert.
Alien59 schrieb am 19.02.2011 um 18:34
Eben.
j-ap schrieb am 19.02.2011 um 18:02
Ich stimme Ihnen zu, Alien. Ich habe dieses krasse Mißverhältnis schon vor einigen Tagen gerügt. Geändert hat sich seither nichts, was die Sache nicht besser macht.
Streifzug schrieb am 19.02.2011 um 18:14
Hallo Alien,

während in der arabischen Welt Geschichte geschrieben wird, dreht sich in der deutschen Bewußtseinsindustrie alles um den Kriegsminister.

oder doch so:

weil in der arabischen Welt Geschichte geschrieben wird, dreht sich in der deutschen Bewußtseinsindustrie alles um den Kriegsminister.

Passt doch.
j-ap schrieb am 19.02.2011 um 18:23
Da könnte was dran sein, Streifzug.

Es könnte aber auch so sein, daß man sich über eine ganz und gar triviale Sache wie ein Plagiat eines Ministers viel leichter, viel bewußtloser und viel breiter eine Meinung und ein Urteil herausnehmen kann als über einen Krieg am anderen Ende der Welt, von dem man nur über zig Vermittlungsinstanzen hinweg ab und an etwas erfährt.

Deshalb beschäftigt etwa die Ausweisung einer Parkplatzfläche einen Stadt- oder Gemeinderat in der Regel viel länger und intensiver als etwa abgeschlossene Cross-Border-Leasing-Verträge.
Streifzug schrieb am 19.02.2011 um 19:05
Warten wir mal ab, J.A.-P.

wie viel und ausführlich berichtet wird, wenn es um den Iran geht. Für den Fall sind die Erklärungsschablonen schon gedruckt. Die jetzige Situation "in der arabischen Welt" erfordert eigenes Nachdenken, ganz und gar unmöglich und obendrein völlig unerwünscht in deutschen Tendenzbetrieben.
Alien59 schrieb am 19.02.2011 um 19:24
Streifzug, in diesen Stunden sterben in Libyen, wenn die Berichte stimmen, die nach außen dringen, nicht 10, nicht 20, sondern möglicherweise hunderte von Menschen. Ich lese von Artillerie gegen Demonstranten, von überfüllten Krankenhäusern, wo es kein Blut mehr gibt, kein Platz mehr für die Leichen - wieviel davon wird berichtet?
Wäre das der Iran, gäbe es schon längst Sondersendungen.
Streifzug schrieb am 19.02.2011 um 19:37
Alien,

ich habe jetzt (19:35) mal auf tageschau.de nachgesehen.

1. Schlagzeile: Deutsche Reporter im Iran wieder frei

2. Schlagzeile: Libyen: Scharfschützen feuern in Menschenmenge - Unter der Überschrift befinden sich kurze Anrisse zu: Libyen, Algerien, Jemen, Bahrain und Obamas Aufruf zu irgendwas.

3. Schlagzeile: Irans Revolutionsgarden fordern Gewaltverzicht

Das große Abwarten?
Streifzug schrieb am 19.02.2011 um 19:42
Spiegel Online:

1. Im Netz der Plagiate-Jäger
2. Iran lässt deutsche Reporter frei
3. Bundesagentur-Chef wehrt sich gegen Dauerdefizit
4. "Ich bin nicht der Förmchenwerfer"
5. Linke liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei
6. Bayern verteidigt Führung gegen Mainz

Spiegel Online wie es singt und lacht eben ...
Streifzug schrieb am 19.02.2011 um 19:44
FAZ: kurz gesagt: nix

Süddeutsche: noch weniger ...

Die Tendenzbetriebe sind wohl noch nicht "eingenordet", wie es auf guttdeutsch heißen würde.
Alien59 schrieb am 19.02.2011 um 19:50
Scheint so - aber es ist für mich daher um so gespenstischer, diesen Lachparaden zuzusehen (zu lesen), wenn ich anderswo die Berichte sehe, die eher mit dem Begriff "Massaker" zu überschreiben sind.
Die Hilfeschreie aus dem Netz - und daneben diese Nichtigkeiten.
Streifzug schrieb am 19.02.2011 um 20:10
... da hilft nur Al Jazeera
zephyr schrieb am 20.02.2011 um 16:55
Es sollte schon jetzt dringend über den Iran berichtet werden: über die Inhalte der Freitagspredigt Chameneis vom 11.2.; über die verbotene Montagsdemonstration der Opposition (die trotzdem stattfand), über die Todesdrohungen gegen Karrubi und Massawi, über die "Gegendemonstration" der Regierungstreuen nach dem Freitagsgebet vom 18.2. ; über die für heute angekündigten weiteren Demonstrationen der Opposition....
Rahab schrieb am 20.02.2011 um 16:59
dass du einem aber auch immer die freude vermiesen mußt....
wo doch jetzt unsere reporter wieder frei sind
Alien59 schrieb am 20.02.2011 um 17:26
Ein Libyer tweetete vorhin, man möge doch verbreiten, dass das Massaker im Iran stattfände, dann wäre ihnen sicher jede internationale und mediale Öffentlichkeit sicher.
Recht hat er.
zephyr schrieb am 20.02.2011 um 17:37
Es nicht notwendig irgendetwas über den Iran zu "verbreiten". Es reicht völlig z.B. Al Jazeera aufzurufen und die entsprechenden Artikel zu lesen.
Alien59 schrieb am 20.02.2011 um 17:50
Ich denke, da hast du den tweet nicht verstanden.
zephyr schrieb am 20.02.2011 um 19:46
Ja, das stimmt. Ich habe nicht genau gelesen.
Magda schrieb am 19.02.2011 um 20:23
Wobei ich dazu neige, diese zu Guttenberg-Affäre ernster zu nehmen. Innenpolitisch gesehen. Sie wirft ein Licht mehr auf die diesen Guttenberg-Hype und ist vielleicht ein Tropfen zuviel im Becher der Lobhudeleien.

Zu Guttenberg führt sich andaurend so auf, als sei er tatsächlich unverwundbar. Woher kommt das. Wer stützt ihn. Stimmt es mit der guten Vernetzung mit den USA.

Und wer steckt hinter der Veröffentlichung. Sowas passiert doch auch nicht ohne Grund und Veranlassung.

Wen will man treffen? Die Merkel am Ende selbst? Und so Sachen, die seltsam sind.
Streifzug schrieb am 19.02.2011 um 20:29
Ha, Magda, bist du nun unter die Verschwörungstheoretikerinnen gegangen ;)
archinaut schrieb am 20.02.2011 um 04:43
Liebe Alien59,
wieder mal triffst Du den Nagel auf den Kopf,
der Tellerrand wird zum Brett vorm Kopf...
BanaBab schrieb am 20.02.2011 um 12:25
@Streifzug
"Ha, Magda, bist du nun unter die Verschwörungstheoretikerinnen gegangen ;)"
Das hat nicht mit Verschwörungstheorie zu tun. Guttenberg wurde/wird wie Merkel und auch Özdemir bei der Atlantikbrücke als "young leader" geführt. Warum wohl. Habt Ihr ergänzend den Dokumentarfilm Gladio gesehen (auf Arte)? Seit den 50ern nehmen USamerikanische Kreise Einfluss auf unsere Politik. Das ist völlig normal und wer unsere politischen Strukturen kennt Alltag und hat absolut nichts mit Verschwörungstheorien zu tun. Man muss nur bereit sien die Augen aufzumachen. Deshalb ist die Guttenbergdiskussion auch keine um Gänsefüsschen sondern die Frage wie verhindert werden kann, dass diese Marionette Deutschland in weitere Kriege verstrickt. Er ist seit 2002 im Auswärtigen Ausschuss massgeblich an der Förderung des Afghanistaneinsatzes beteiligt gewesen und keine Unschuldslamm. Seine transatlantischen Kontakte geben ihm bisher die Sicherheit hier die grosse Lippe riskieren zu können und dem Volk gelegentlich nach dem "Maul" zu reden. Mann sollte sich schon mal die Mühe machen die Hintergründe für die überraschenden Karrieren einiger Politiker in Deutschland genauer anzuschauen. Man stösst immer wieder auf dieselben Seilschaften.
Wenn die Deutsche Presse bezüglich der arabischen Ländern rumeiert dann aus der Verunsicherung um die Folgen welche
diese Veränderungen bewirken können.sich ergeben könnten.
Auch meine Begeisterung für ein Auftritt von Yusuf Al-Qaradawi hält sich in Grenzen. Er fiel bisher vor allem dadurch auf dass er Öl ins Feuer goss, Provokationen gegen Israel ausstösst. Ob das Realpolitik wird wird sich zeigen, mein Bauchgefühl warnt mich allerdings. Wenn es Ägypten nicht gelingt säkulare Politik zu machen wird noch viel Blut fliessen.
Die Gewalt gege Demonstranten in Lybien etc. ist unerträglich und die Reaktionen unserer Politik wieder erbärmlich da mit Blick auf die Rohstoffe unehrlich wie immer.
Alien59 schrieb am 20.02.2011 um 17:37
"Deshalb ist die Guttenbergdiskussion auch keine um Gänsefüsschen sondern die Frage wie verhindert werden kann, dass diese Marionette Deutschland in weitere Kriege verstrickt. "
Dann sollte man diese Diskussion auch führen - aber blog um blog, Debatte um Debatte über seine vermutliche Dummheit beim Schummeln, das ist einfach unerträglich.

Was Qaradawi angeht: ich hatte tatsächlich da mit einer lebhaften Diskussion gerechnet - so kann man sich irren.
Jedoch, eines sollte man sich im Westen klar machen: sehr, sehr vieles, was er sagt - insbesondere vorgestern auf dem Tahrir-Platz - ist in Ägypten und vielen anderen Staaten mainstream und durchaus Mehrheitsmeinung. Die sogenannten Friedensverträge sind eher nicht mehrheitsfähig. Nach dem, wie sich Israel seit derem Abschluss den Palästinensern gegenüber verhält - was auch oft besagte Verträge verletzt! - ist die Stimmung in der Bevölkerung sehr negativ.
Das gestrige Veto der USA gegen eine Resulution betreffs der illegalen Siedlungen macht es nicht besser.
Alien59
Nächster Versuch.
Mitglied seit:
2 Jahre 20 Wochen
Zuletzt aktiv:
20.05.2012
Status:
Bloggerin
Aktivität:
Beiträge: 114
Kommentare: 3234
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
12:24
rolf netzmann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:22
JOK hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:15
musica hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:13
antares56 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
12:11
langweiler hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG