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Gestern starb der Großscheich der Kairoer Al-Azhar-Universität, Muhammad Sayyid Tantawi, auf einem Besuch in Riad an Herzversagen. Viele, vor allem westliche Politiker, schätzen ihn wegen seiner moderaten Ansichten. So titelt auch der SPIEGEL bei seinem Nachruf bedenklich: Ende einer Ära der Milde?
Tantawi war unbestritten ein großer islamischer Gelehrter. Eine recht gradlinige Karriere brachte ihn an die Spitze der Al-Azhar. Um die Bedeutung dieses Postens würdigen zu können, muss man wissen, dass im sunnitischen Islam kein geistliches Oberhaupt existiert. Vielfältige Fragen werden von Gelehrten durch Fatwas, Rechtsgutachten, geklärt. Jedoch sind, anders als bei den schiitischen Muslimen, diese Fatwas nicht bindend. Jeder sunnitische Muslim muss sich, gerade im Falle divergierender Meinungen, selbstverantwortlich entscheiden, welcher er folgen will. Durch die herausragende wissenschaftliche Stellung hatten die Kairoer Universität und ihre Gelehrten jedoch seit jeher großen Einfluss auf die Fortentwicklung des sunnitischen Islams.
Diese Position wurde dadurch geschwächt, dass das wichtige Amt des Großscheichs seit 1952 nicht mehr durch eine Mehrheit der Gelehrten, die ihn sonst quasi als Primus inter Pares gewählt hatten, bestimmt wird, sondern vom jeweiligen ägyptischen Staatspräsidenten ernannt wird. So verdankte Tantawi sein Amt Mubarak.
Schon aus diesem Grund standen seine in Fragen auch politischen Interesses erlassenen Rechtsgutachten oft im Ruch staatstragenden Verhaltens, ohne Rücksicht auf die von ihm ausgearbeiteten Begründungen.
Insbesondere sunnitische Muslime im Westen fühlten sich von ihm oft eher im Stich gelassen. Ein besonders krasses Beispiel war seine Bemerkung, die Frauen könnten auf ihren Hijab verzichten, wenn sie sonst in Frankreich keine Schule mehr besuchen dürften. Diese Aussage, die den französischen Muslimas in den Rücken fiel, beruhte noch dazu auf einer Fehlinformation, alldieweil es in Frankeich die Möglichkeit gibt, alle Schulabschlüsse extern zu erwerben, es also nur eine Unterrichts- nicht aber eine Schulpflicht gibt.
Seine Aussagen bezüglich Terrorismus, Selbstmordattentaten und der ägyptischen Nahostpolitik waren im Westen meist beliebt, der arabischen Welt aber eher ein Dorn im Auge, wie z.B. seine Absegnung des israelisch-ägyptischen Friedensvertrages.
Eine seiner letzten bekannt gewordenen Fatwas wird wohl sein Andenken dauerhaft verdunkeln: er widersprach Scheich Qaradawi, als dieser im Januar den Bau einer auch Tunnel sperrenden Mauer zwischen Ägypten und dem Gaza-Streifen als haram, als Sünde, bezeichnete, mit der ehr dünnen Begründung, dass ein Staat, Ägypten, ein Recht auf Selbstverteidigung habe. Dass durch diese Mauer die prekäre Versorgungssituation der Muslime in Gaza ins Unerträgliche gesteigert wird, übersah er dabei.
Auch sein Nachfolger wird natürlich von Mubarak ernannt werden. Fraglich ist, ob er auch dieser Linie auf Dauer folgen oder doch eher wieder einen eher der Mehrheit der Gelehrten folgenden Kurs einschlagen wird. Ein Mann, der sich nachsagen lassen müsste, dass er Gefälligkeitsgutachten verfasst, würde den Islam nicht ändern, sondern nur die Stellung der Al-Azahar weiter schwächen. Noch mehr Muslime würden sich dann nicht nur in solch politischen Fragen, sondern auch bezüglich anderer Sachverhalte vorzugsweise nach anderen Gelehrten richten. Fraglich ist aber, ob Mubarak das berücksichtigt oder ob ihm eine weitere Zuarbeit zu wichtig ist, um eine unbequeme Persönlichkeit auf diesen Posten zu bringen.
Es ist, es war kein leichtes Amt. Tantawi hat immer betont, nur das Beste zu wollen – möge er nach seinen Absichten beurteilt werden.
Inna lillahi wa inna ilayhi raji'un
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Das ist ein Teil des 156. Verses der Sura "Al-Baqara". Ungefähr übersetzt heißt es: "wir kommen von Gott und zu Ihm kehren wir zurück". Es ist Sitte, dies bei einer Todesnachricht zu sagen.
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Trotz seiner Zeit in Riad, umgeben von Wahabiten, sagte Tantawy 2004 in seiner Beisetzungsrede bei der Beerdigung von Jassir Arafat, dass Arafat seine Pflicht als Verteidiger der palästinensischen Sache mit Mut und Ehrlichkeit getan hätte... Etwas das die Hamas sicher nicht akzeptiert, so absurd die sunitisch-shittischen Querelen auch sind. Darum ist es umso wichtiger zu Betonen das Tantawi nur durch Mubarak seine Arbeit so fortsetzen konnte. Auch wenn ich nicht glaube das es jetzt zu grossen Veränderungen an der Al-Azhar kommen wird, einige werden versuchen nun ihre Favoriten zu platzieren um Mubarak zu schwächen um Nord-Afrika wieder mehr dem orthodoxen Islam unterzuordnen. Der Typ in Libyen hat ja schon mit seinen Vorwürfen gegen die Schweiz angefangen. Von el-Beshir und den kommenden Bürgerkrieg im Sudan 'mal ganz abgesehen...
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Da muss ich mal an zwei Stellen widersprechen:
das Studium an einer der alteingesessenen Fakultäten in Medina oder Riad macht einen Muslim nicht automatisch zum "Wahabiten". Dort werden alle Rechtsschulen gelehrt. Beifall für Arafat - jein. Auch in der Hamas sind sehr viele alte Weggefährten von ihm gelandet, und es gibt da Erinnerungen an bessere Zeiten. Was das aber mit sunnitisch-schiitischen Querelen zu tun haben soll, erschließt sich mir gerade nicht. Der Typ in Lbiyen - der ist alles mögliche, aber kein Vertreter des orthodoxen Islams. Außer vielleicht, wenn es ihm grad in den Kram passt. Das machte aber Saddam Hussein auch nicht anders. |
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Einen sehr fundierten Artikel zum Thema fand ich nun auf Al-Jazeera - für Interessenten:
english.aljazeera.net/focus/2010/03/201031763554123901.html |
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Präsident Mubarak, noch während seiner Krankenbehandlung in Deutschland, hat nun den Nachfolger benannt:
Sheikh Ahmed Mohammed Ahmed al-Tayeb english.aljazeera.net/news/middleeast/2010/03/2010319165631215994.html Mir ist er bislang kein Begriff - laut Al-Jazeera soll er "moderat" sein und auch sonst Mubaraks Linie fahren. Natürlich nett für Mubarak, aber für das Ansehen der Al-Azhar in der islamischen Welt eher wenig förderlich. |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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