Alien59

Amman-Impressionen

02.12.2011 | 13:09

Warum sie? - Die Auswahl der Opfer

Über die Täter und die Weggucker wird viel spekuliert und geschrieben.  Ich habe in meinem Artikel, aber auch in diversen Kommentaren die Frage nach der Auswahl der Opfer aufgeworfen. Die stellte sich mir, auch wenn ich damit ziemlich allein zu sein schien, da ich mich wunderte, wie eine Gruppe relativ junger Thüringer im Westen einzelne Geschäftsleute ausgesucht haben sollte, wenn da nicht jemand beriet.

Offiziell lese ich zu diesem Thema noch immer nichts, aber in einem - insgesamt lesenswerten - Interview mit Bernd Wagner in der FR sagt der folgendes:

Haben die Zwickauer Terroristen ihre Opfer zufällig gesucht?


Eher nicht. Es ist eine mögliche Hypothese, dass diese Gruppe auch als „Schakal“ in Erscheinung getreten ist. Das heißt, dass die Terroristen vielleicht im Auftrag und auf Anforderung von regionalen und lokalen Strukturen Taten ausgeführt haben könnten.


Was bedeutet die Liste mit Tausenden Namen und Privat-Adressen, die in Zwickau gefunden wurde?


Wir müssen davon ausgehen, dass es bundesweite Vernetzungssysteme der Rechtsextremen gibt, die Nachrichten sammeln. Es gibt Neonazis, die eine Art nachrichtendienstliche Arbeit für die Szene leisten. Es werden dann Listen generiert, die für unterschiedliche Zwecke nutzbar sind. Möglicherweise hat die Gruppe solche Listen übernommen.


Die Terror-Zelle wäre dann also nicht Hersteller, sondern Empfänger der Liste?


Richtig. Das sollte man annehmen. Die Zelle könnte Empfänger von bundesweiten Recherche-Ergebnissen der militanten Szene sein. Solche Listen werden aus unterschiedlichen Quellen zusammengestellt. Manche sind sehr detailreich und beinhalten auch staatliche Informationen, die normalerweise geheim gehalten werden. Ich weiß, dass etwa Daten der Bundesagentur für Arbeit und anderer offizieller Stellen angezapft wurden. Rechtsextreme Anwälte haben zudem die Möglichkeit, im Auftrag von Neonazis Melderegisterdaten von politischen Gegnern einzusehen und weiterzugeben. Und rechtsextreme Wachschutz-Mitarbeiter haben zahlreiche Observationsmöglichkeiten. Es gibt auch einzelne Informanten der Rechtsextremen innerhalb der Polizei, die an Neonazis konspirativ Auskünfte aus polizeilichen Speichern weitergeben. Die Liste der Zwickauer Zelle ist offensichtlich mit Hilfe eines Netzwerkes erstellt worden, mutmaßlich auch mit Daten aus staatlichen Quellen.

 


Die Hervorhebung ist von mir, meine Vermutungen gingen in die gleiche Richtung. Aber auch die weiteren Erklärungen über Arbeitsweise und Zusammenhänge sollte man sich genau ansehen. Da steckt weit mehr drin als nur schlampige Ermittlungen.

 

 

 

 
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Kommentare
ed2murrow schrieb am 02.12.2011 um 13:53
Liebe Alien,

ich werfe in dem Zusammenhang einen anderen Bezug ein:

de.wikipedia.org/wiki/Gruppe_Ludwig

Wenn mich nicht alles täuscht, umfaßt die Liste dieser sog. Zwickauer Zelle achtundachtzig Namen, was nun bekanntlich in Kodierung (grenzwertig zu: Zahlenmystik) eine eigene Bedeutung hat. Damit will ich nichts von dem konterkarieren, was Sie schreiben oder zitieren, gebe aber den spekulativen Charakter zu bedenken.
Alien59 schrieb am 02.12.2011 um 14:07
Auf die "Gruppe Ludwig" wäre ich da nicht gekommen - hat ein paar Ähnlichkeiten, aber die beiden hatten wohl eher kein Netzwerk im Hintergrund, wenn ich das richtig sehe.

Es soll eine Liste mit 88 Namen geben, aber auch andere, viel längere. Ich kann mir schon vorstellen, dass aus der Vielzahl der Informationen diese kurze Liste mit Rücksicht auf die Zahlensymbolik erstellt wurde - aber das ändert nichts daran, dass die Namen von irgendwoher kamen, und wohl nur die wenigsten davon selbst recherchiert waren.

Deshalb hatte ich ja in meinem ersten Artikel zum Thema ein wenig ausgeführt, warum die Keupstraße gerade für lokale Rechte so ein bevorzugtes Anschlagsziel darstellte. Die kämen als Auftraggeber durchaus in Frage.
In Köln hingen, Jahre zuvor, sogar Plakate, wo für die Auffindung einer Roma-Asylbewerberin Belohnungen ausgelobt wurden. Geld zum Anheuern von "Schakalen" wäre sicher vorhanden gewesen. Nur am Rande.
ed2murrow schrieb am 02.12.2011 um 14:21
Ihre Ausführungen zur Keupstraße waren plausibel. Ob und inwieweit diese sogenannte Zelle ein gedungener bewaffneter Arm von anderweitig, etwa "politisch entschiedenen" Morden war, darüber läßt sich solange spekulieren, bis die einzige Überlebende des unmittelbaren Trios den Mund aufmacht. Nahrung erhält eine solche These freilich mit der immer evidenter werdenden personellen Verflechtung zwischen der Partei NPD und deren militanten Bezugsgruppen.
"mutmaßlich auch mit Daten aus staatlichen Quellen" liest sich eben ... mutmaßlich. Dazu gehörte der Abgleich, ob nicht evtl. akurate Recherche (so zynisch das auch klingt) im Netz nicht das gleiche Ergebnis brächte.
seriousguy47 schrieb am 02.12.2011 um 15:11
Hallo Alien,

die Frage, ob es sich da um Auftragskiller handelte, muss natürlich geprüft werden und könnte sich in Einzelfällen auch bewahrheiten. Sollte sie sich in der Mehrzahl der Fälle nicht bewahrheiten, hieße das aber noch lange nicht, dass es sich dabei dann um "Zufallsopfer" handelt. Denn die Listen gibt es ja. Und das ist für mich denn auch die viel bedrohlichere Sache: im Internet dürfte es jede Menge von Rechtsradikalen eingestellte "Feind"-Adressen geben, auf die jede(r) zurückgreifen kann, der gerade Lust bekommt, "fürs Vaterland" zu morden. Dann kann er/ sie sich in aller Ruhe aussuchen, wo es am günstigsten, einfachsten, sichersten usw. ist. Im Prinzip kann dann jeder das "Zufallsopfer" sein - vom Täter nicht nach politischen oder sonstigen von uns üblicherweise erwarteten Gründen ausgewählt, sondern nach rein opportunistischen Gesichtspunkten. Und es könnte sogar ein rechter Sympathisant sein, der bei einem Kumpel in Ungnade gefallen ist.....
Alien59 schrieb am 02.12.2011 um 17:21
Nein, direkt Auftragskiller meinte ich auch nicht. Sondern das rechte Kreise ihnen die Tipps gaben.
Zufällig war da wohl gar nichts, wie ich auch einem Artikel entnehme, der zwar schon gestern erschien, den ich aber eben erst fand:
www.taz.de/Ermittlungen-zur-Neonazi-Bande/!82947/
"Die Täter haben nichts dem Zufall überlassen", sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke am Donnerstag in Karlsruhe. Gemeinsam mit Generalbundesanwalt Harald Range stellte er neue Ermittlungsergebnisse im Fall der rechtsterroristischen Mordserie vor.

"Die Opfer wurden nicht willkürlich ausgewählt, sondern regelrecht ausbaldowert", sagte Ziercke unter Hinweis auf "Skizzen, Karten und handschriftliche Aufzeichnungen". Details zu den Auswahlkriterien wollten die Ermittler aber nicht nennen."
fahrwax schrieb am 04.12.2011 um 14:50
Tach Alien,
alles bisher bekannte spricht für deine Sicht. Auch der Versandt der tollen Videos ohne Postweg dürfte das entsprechende Umfeld dokumentieren.
Alien59
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