AllesimReinen

überdasLeben und untendrunter

07.02.2012 | 14:47

Juliane vom Amt



Meine Sachbearbeiterin beim Amt heißt Juliane. Mit Vorliebe trägt sie altrosa Rollkragenpullover zu einem blondierten Kurzhaarschnitt. Sie hat keine Zeit. Nie und aus Prinzip nicht. In ihren Augen ist sie schlecht die Welt und ich glaube, ein bisschen auch meinetwegen. Zumindest gibt sie mir das Gefühl. Jedes Mal wenn ich mit Juliane telefoniere, hat sie entweder keine Zeit, weil sie gerade aus dem Urlaub kommt oder weil sie nächste Woche in selbigen fährt. Ich habe mich noch nie mit ihr unterhalten ohne dass das Wort ‚Urlaub‘ fiel und von mir kam das noch kein einziges Mal (von was auch?). Zur Beschönigung ihrer düsteren Rauhfaserbürotapete hat sie das Areal um ihren Schreibtisch bis zur Decke mit Urlaubspostkarten beklebt. Wir reden von einer ungefähren Fläche von 4 m². Und jedes Mal wenn ich da so sitze während sie ihren Computer mit militärischen Anweisungen beschimpft, frage ich mich, ob sie sich selbst aus jedem Urlaub eine Karte ins Büro schreibt oder ob das so eine Art Unternehmenskultur im Sozialamt ist: Urlaub als Teil dessen, was wir hier für den Bürger tun und was wir wichtig finden. Ich habe mich nie getraut, sie das zu fragen. (Juliane, wenn Du das liest, erbarme Dich meiner!)

...ein bisschen Ost-Berlin und die Erste Person Kindergarten...

Einmal da kam ich sieben Minuten zu spät zu einem Termin und da hat sie mich genau sieben Minuten vor ihrer Tür warten lassen: Staatsbürgererziehung. Das Bildungsprekariat muss lernen, dass Pünktlichkeit keine Marotte ist.  Das erinnert mich ein bisschen an den Kindergarten meiner Freundin in Ost-Berlin. Wenn man da nicht 8.58 Uhr im Morgenkreis am Platze sitzt, hat man keine Chance mehr! Da ist man wortwörtlich ‚weg vom Fenster‘, denn man muss die Zeremonie durch eine Glastür von außen beobachten und bekommt keinen Einlass mehr. Da zählt weder Alter noch Herkunft als Ausrede. Bei Juliane ist das ein bisschen wie im Ostberliner Kindergarten. Nicht nur mit der Pünktlichkeit, sondern auch, dass sie selbst die Institution verkörpert. Sie redet nie vom Staat, auch nicht von staatlichen Leistungen, sie redet immer in der ersten Person: „Wir zahlen die Miete, weil Sie das momentan nicht können. Sie können zwar einen Mietvertrag unterschreiben, aber wir können Ihnen das Geld streichen.“ (lächelnd) . Für Regelleistungen wie Miete verwendet sie die erste Person Plural. Noch besser ist es wenn Juliane gewährt, also Leistungen bewilligt, die ihrem Ermessensspielraum unterliegen, dann wechselt sie zur ersten Person Singular und es heißt: „Sie können das mal beantragen und dann muss ich sehen, was ich Ihnen zahlen möchte.“ Manchmal fühle ich mich ein bisschen wie im Beichtstuhl, wo über meinen Ablass entschieden wird. Oder wie im Ostberliner Kindergarten.

 
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Kommentare
GEBE schrieb am 07.02.2012 um 14:56
Tja, reisen bildet.
Und so fühlt sich dann manch ein Kapo vom Amt als Kap der guten Hoffnung selbst.
GeroSteiner schrieb am 07.02.2012 um 15:20
Das deutsche Schicksal: vor einem Schalter zu stehen.
Der deutsche Ideal: hinter einem Schalter zu sitzen.

Na, von wem ist's?
Richtig.
Tucholsky.
AllesimReinen schrieb am 07.02.2012 um 15:26
...sollte ich Juliane mal zu Weihnachten schenken... und ich stelle wieder fest, ich tauge eher zu Schicksal als zu Ideal :)
Amanda schrieb am 07.02.2012 um 18:43
Mich wundert regelmäßig, wie spurlos andere Länder und Menschen an manchen vorbeigehen. Wobei ich Juliane dies nicht unterstellen möchte.

Ich empfehle beim nächsten Mal un-be-dingt Pluralis Majestatis anzuwenden, z.B.: "Wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass ein drittes Bewerbungstraining uns eher in Richtung Investitionsruine tröbe (von treiben), was IHR sicher nicht wölltet?"
goedzak schrieb am 08.02.2012 um 01:53
Die ist aus dem Osten, ganz klar. Alles freudige Frühaufsteher, Korinthenkacker und Kaisertreue da. Kein Wunder, bei der Kanzlerin...
AllesimReinen schrieb am 08.02.2012 um 20:04
...das bin ich auch, washabe ich nur falsch gemacht?
weinsztein schrieb am 08.02.2012 um 03:52
Vielleicht ist Juliane eine von sehr vielen überforderten und nicht verbeamteten Mitarbeiterinnen der Sozialämter, denen man eingebläut hat, mit "Zuwendungen" unbedingt sparsam umzugehen, "Einzelschicksale" nicht zu nah an sich ranzulassen - bei Gefahr der Kündigung.

Steht Juliane kurz vor Ekel vor sich selbst/Depression/Burnout/oder so? Eventuell würde sie darüber reden, wenn man sie nach solchen Zwängen fragte - was Mut erfordert.

Ersatzweise darf man auf Ostberliner Kindergärtnerinnen zielen. Warum auch immer.
AllesimReinen schrieb am 08.02.2012 um 13:16
Der Zusammenhang zwischen Ostberliner Kindergärten und dem Amt ist, dass bei beiden die Regeln der Institution über dem Individuum stehen.
Ja, ich finde, dass man auf Kindergärten 'zielen' muss und nicht nur darf, die 3-jährige Kinder drei Minuten (nicht fünf!) nach neun weinend vor einer Glastür stehen lassen und die äußerst deutsche Tugend Unpünktlichkeit mit Ausschluss aus der Gemeinschaft bestrafen. Das kann man natürlich auch gut heißen, aber dann ist man in der DDR.
Diese "Mikro-Justiz der Zeit" wie es der gute alte Foucault nennt, ist Teil einer Disziplinierung und somit Teil des gesamtpolitischen Kunstwerks 'Sozialamt'. Die Anweisung zur menschenmissachtenden Empathielosigkeit in deutschen Ämtern betrifft natürlich auch diejenigen, die sie 'ausführen', aber sie lässt auch hier 'Ermessensspielräume'. Ich habe im Amt auch gelegentlich schon 'Menschen' hinter dem Schalter getroffen, die schaffen aber eine rhetorisch klare Differenzierung zwischen sich als Person und vom Staat zu gewährenden Mitteln.
weinsztein schrieb am 09.02.2012 um 05:06
Ostberliner und Kindergärten anderswo öffnen morgens um neun und wer sein Kind zehn Minuten später hinbringt, muss es weinend vor einer Glasscheibe stehen lassen oder mit zur Arbeit nehmen? Ist das so? War das in der DDR so?

Was wollen Sie mitteilen, wenn Sie schreiben: "Der Zusammenhang zwischen Ostberliner Kindergärten und dem Amt ist, dass bei beiden die Regeln der Institution über dem Individuum stehen."?
Mir fallen gerade keine Institutionen ein, die nicht per Regeln Individuen auf irgendeine Weise disziplinieren sollen.

Ihre Anwendung von Foucaults "Mikro-Justiz der Zeit" erheitert mich in diesem Zusammenhang, speziell bei Ihrem Bezug auf die stets urlaubende Juliane. Die Justiz der Zeit wurde mit dem Beginn der Industrialisierung ein Thema, das seit ca. 1850 diskutiert wird.

Ich glaube, Frau AllesimReinen, es geht nicht um Juliane, Sozialämter oder Ostberliner Kindergärten, sondern um ein politisches Engagement gegen Hartz-Gesetze, um menschenwürdiges Leben und den Kampf dafür.
AllesimReinen schrieb am 12.02.2012 um 23:30
Zunächst einmal freut es mich außerordentlich, dass ich Sie erheitern konnte. Wenn auch nur mit Bezug auf Foucault und da wird er sich nicht zu schade sein und ich schon gar nicht. Wenn wir zumindest jemand zum Lachen gebracht haben, der gute alte Michel und meine Wenigkeit, und sei es auf unsere Kosten, dann ist schon viel erreicht.
Zu letzterem Politikverdacht bekenne ich mich gern öffentlich, allerdings war es wohl überflüssig, das nochmal zu erwähnen.
Weil die Justiz der Zeit nicht erst seit der Industrialisierung ein Thema ist und weil ich meine expliziten drei Minuten ungern frech in zehn verwandelt sehe aus Gründen der Polemik, setze ich hier einen Punkt auch im Interesse aller Mitlesenden.
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