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Amons Freitag-Blog am Freitag

21.03.2009 | 05:22

Herr Ackermann, abnorme Straftäter & der Neoliberalismus

Die abnormen Straftäter sind los, und wer ist schuld? Der Neoliberalismus ...

Natürlich ist der Neoliberalismus nicht schuld an den Taten des Herrn Fritzl im österreichischen Provinzkaff Amstetten - ebensowenig wie am Amoklauf in Winnenden. Und doch gibt es da ein interessantes Phänomen - die Gemeinsamkeiten zwischen Amokläufern, Sexualstraftätern und skrupellosen Börsenspekulanten: ihre völlige Indifferenz gegenüber den Opfern ihrer Handlungen, und die Tatsache, daß sie nur sich selbst als Maßstab kennen.

Herr Fritzl gilt als geistig abnormer Täter. Armin Meiwes, der Kannibale von Rottenburg, zählt wohl zur selben Kategorie. Auch bei den meisten Amokläufern würde man zu einem ähnlichen Schluß kommen, käme es denn auch zu Gerichtsurteilen, denn meist enden diese Täter durch Selbstmord (genaugenommen ist ja auch ihr Amoklauf nur eine Art vergrößerter Selbstmord). Diese Menschen werden uns als wahre Ungeheuer vorgeführt, von deren Taten man sich nur mit Grau(s)en abwenden kann.

Die Bannerträger des Neoliberalismus (und vor allem dessen Nutznießer in Wirtschaft und Politik) dagegen gelten schlimmstenfalls als verirrte Wissenschaftler, möglicherweise als zynisch Politiker, mit Sicherheit als Leute, die ihre Eigeninteressen skrupellos verfolgen, die aber mental im allgemeinen ziemlich gesund sind. Und das ist jetzt die große Frage, die sich der Schreiber dieser Zeilen angesichts der Berichte über den Fritzl-Prozeß gestellt hat: sind die wirklich mental gesund?

Das sind Leute, die uns allen Ernstes Schuldverschreibungen von Menschen, die diese Schulden niemals zurückzahlen würden können (die amerikanischen Hauskäufer nämlich), die uns also diese Schuldscheine schön gemischt wie einen Stapel Skat-Karten, als sichere Geldanlage verhökert haben. Nebenbei haben sie dabei nicht nur Boni kassiert, sondern auch in einem Aufwasch die Weltwirtschaft in den Abgrund gerissen. So gerissen waren diese Leute!

Bei den abnormen Straftätern wurde Zurechnungsfähigkeit (=Schuldfähigkeit) konstatiert, weil sie angeblich zur Einsicht in das Unrecht ihres Tuns fähig waren. Man darf das bezweifeln, aber so ist die gängige Rechtssprechung.
Aber: waren die Vorstandschefs der HVB zurechnungsfähig? Die großen Bankbosse, die uns jetzt jahrzehntelang die Welt der Ökonomie erklärt haben?
Und: sind das mental gesunde Geschäftsleute gewesen? Oder ist die Gesundheit ihrer Gehirne eher in der Gegend abnormer Straftäter anzusiedeln? Ihre blinde Gier, der fatale Glaube an eine unsichtbare Hand des Markes (und diese Hand ist wirklich unsichtbar), spricht das nicht dafür, daß wir es hier mit abnormen Tätern zu tun haben? Und noch dazu mit solchen, die offenbar unzurechnungsfähig sind! Denn sie hatten keine Einsicht in die Folgen ihrer Handlungen, und die meisten haben sie bis heute nicht. Sie arbeiten jetzt schon - mit Staatshilfe und -garantie - an der nächsten Blase.

Gedankenspiel: würden Sie Herrn Meiwes, der genüsslich einen Mitmenschen verspeiste, die Hand geben?
Oder Herrn Fritzl, der seine eigene Tochter 24 Jahre in Sexualsklaverei gehalten und sie dabei über 3.000 Mal vergewaltigt hat?
Oder einem Amokläufer vom Schlage des Tim K. in Winnende?
Und wie halten Sie es mit den großen Verbrechern der Finanzwirtschaft, die mit ihren Spekulationen hunderte Millionen Menschen in die Armut gestoßen haben? Die damnit für den Hungertod von zusätzlichen Millionen Kindern der Dritten Welt verantwortlich sind?
Würden Sie denen die Hand geben? Oder sähen Sie diese Leute lieber weggesperrt wie geistig abnorme Rechtsbrecher?
Ganz ehrlich: wollen Sie Leute wie Herrn Ackermann von der Deutschen Bank noch grüßen?
Wie wäre es also mit Grußverweigerung als ersten Schritt einer dringend zu führenden Wertdebatte?!
 
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Kommentare
Gregor Keuschnig schrieb am 21.03.2009 um 21:13
Wissen Sie überhaupt was "Neoliberalismus" ist oder benutzen Sie das nur als Schlagwort (wie eigentlich fast alles andere auch).
amonlit schrieb am 21.03.2009 um 23:47
Ich denke schon, daß ich das weiß. Besser als die meisten "Neoliberalen" sogar, denn so Neo ist dieser Liberalismus ja nicht. Und ein freudiges Ja: natürlich verwende ich diesen Begriff auch als Schlagwort, um damit auf diejenigen einzu"schlagen", die uns die ganze Misere eingebrockt haben. Das ist doch legitim, oder?

Eigentlich müssen wir zwei Begriffe von Neoliberalismus auseinanderhalten. Ursprünglich entstand der Begriff in den 1920er bzw. 1930er Jahren zur Abgrenzung von den totalitären Ideologien von Kommunismus und Faschismus (wobei Hayek etwa beide als "sozialistisch" einstufte). Auf diesem "Neoliberalismus" baute auch die soziale Marktwirtschattskonzeption von Erhard auf.
In der Folge entwickelte sich Hayek immer radikaler, und die Chicago Boys rund um Friedmann entwarfen jene Theorien, die wir heute unter dem Überbegriff "Neoliberalismus" zusammenfassen: Deregulierung, keine staatlichen Eingriffe, der Markt regelt alles von allein, schrankenloser Freihandel etc. etc.

In meinem Buch "Nach dem Wohlstand. Politik jenseits der Menschen." (Molden, Wien 2007), das bereits vor dem Crash geschrieben und veröffentlich wurde, kann man meine Kritik am neoliberalen Denken im Detail nachlesen. Geschrieben ist das Buch übrigens so, daß es auch Nichtökonomen leicht lesen können.
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Michael Amon - Freier Schriftsteller, Romanautor & Essayist, Bruno-Kreisky-Preisträger. Versuch, einen Blog mit Essays, Satiren und Dramoletten zu gestalten. Themen: Politik, Wirtschaft, Soziales, EU, Kultur, Alltagsleben
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