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...und läßt ein Manuskript unvollendet zurück
Zum 70. Todestag von Joseph Roth
Ein Monolog.
Berlin 1933, am Morgen nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland. Ein ziemlich schäbiges Zimmer, offensichtlich in einer Mietskaserne, ein ungemachtes Bett, zwei offene Koffer. Diverses Gewand liegt am Sessel, am Boden und am Bett herum, auf dem wackeligen Tisch liegt ein Stapel Bücher und einige Mappen, die scheinbar Manuskripte enthalten. Auf dem Tisch steht ein grosses Wasserglas, daneben eine Schnapsflasche. Joseph Roth geht unschlüssig im Zimmer auf und ab und versucht, seine Koffer zu packen. Er spricht mit sich selbst.
Es ist sinnlos, alt zu werden. Es ist ebenso sinnlos, wie jung geboren zu werden. Du sitzt in Berlin, mieses Zimmer, miese Unterkunft, miese Leute, miese Zeiten. Die Zeit ist reif für das Gesindel, und das Gesindel ist nur für eines reif: für diese Zeit. Es hat keinen Sinn zu bleiben, so wie es keinen Sinn hat, sich davonzustehlen. Aber diese Welt ist eine Welt des Diebstahls. Besser ein sich davonstehlender Dieb als ein bleibender Mörder.
Roth steht unschlüssig vor dem Koffer und betrachtet eine ausgebeulte Hose.
Die Hose sollte ich einpacken und einen Rock. Man hat ja nicht viel. Ein paar Erfahrungen und viele Verluste. Leben ist verlieren. Es ist gut, daß ich nie ein Optimist gewesen bin. Und es ist gut, daß ich schon 200 Jahre alt war, als ich auf die Welt kam. Es ersparte mir die Mühsal des Älterwerdens. Dieser Lärm von unten, nichts als Lärm, die neue Zeit! Daß ich nicht lache! Neu! Zeit! Ha! Nichts als Küchengerüche und ranziges Fett, ich gehe, und ich bin nicht beleidigt. Ich gehe frohen Herzens und mit leichter Seele, obwohl das Leben schon weiß, wie es einen zu Boden drückt.
Er kramt in seinen Taschen.
Wo nur die blöden Wohnungsschlüssel sind. Ich habe nie welche haben wollen. Und kaum hat man welche, kaum ist man ein paar Monate seßhaft, schon wird man vertrieben. Man geht ohne zurückzublicken. Den Blick zornig noch vorn gerichtet geht man und sieht trotzdem nichts.
Roth wischt mit einer eher verzweifelten als ärgerlichen Bewegung einige Unterhosen und Socken vom Sessel und setzt sich nieder.
Unterhosen, Socken, gebügelte Hemden. Man soll wenigstens ordentlich gekleidet sein, in diesen unordentlichen Zeiten. Bloß: wozu? Skepsis ist die letzte Erkenntnismöglichkeit, die noch geblieben ist. Mein Verleger ist Optimist, welch eine Verschwendung an Lebenskraft! Romane schreiben ist kein Ausweg, es ist eine Sackgasse, du sitzt in der Falle und füllst Seite um Seite. Leise quietscht die Füllfeder, wenn du sie über das Papier führst, die Buchstaben lachen dich aus. Jedes Wort eine Beobachtung, jede Beobachtung ein Irrtum, nichts als ein Irrtum.
Roth greift zu dem Stapel mit den Manuskripten und blättert darin.
Vergebliche Eitelkeit. Der Ruhm der Nachwelt. Wie überflüssig! Ich werde nur die Anfänge der Geschichten mitnehmen. Nur die Anfänge sind wichtig. Was wir zu Ende bringen ist bedeutungslos. Man bringt immer irgendetwas zu Ende! Der Beginn ist das eigentliche Wagnis. Beginnen macht mutlos, Beginnen macht einsam. Beginnen ist das wahre Leben - vielleicht! Es gehört kein besonderer Mut dazu, ein Ende zu machen. Anfang, das ist Abenteuer. Wie alles ausgeht, liegt auf der Hand, nur der Anfang liegt im Dunkel. Beginnen ist die wahre Torheit. Der eine, erste Satz beschreibt das Leben. Den Rest schreibst du ja nur, weil dein Verleger es so will, weil sich erste Sätze so schwer verkaufen lassen. Noch schwerer als Romane, und die sind schließlich auch fast unverkäuflich. Mein Verleger verliert an meinen Büchern. Ich auch. So ist das eben. Man hat es sich ja nicht ausgesucht. Wir verlieren alle.
Roth greift zu einem weiteren Manuskript.
Unvollendet. Wie töricht, begonnen zu haben. Die Geschichte eines Bürgers. Perlefter, ich habe ihn Perlefter genannt.
Roth liest vor.
Die körperliche Größe Perlefters war unbestimmt. Er konnte ganz klein gewachsen scheinen und wiederum sehr groß. Er konnte auch, je nach Bedarf, stark und schwach erscheinen, hinfällig, aber auch machtvoll. Die Farbe der Augen habe ich niemals feststellen können. Sie wechselte nicht etwa, nein, sie blieb immer die gleiche, aber sie war keine Farbe.
Er blättert ein paar Seiten weiter.
Nein, Perlefter liebte die Tiere nicht, und die Menschen waren ihm gleichgültig. Er konnte sich freuen an dem Glück der andern, er konnte Liebe, Haß, Freundschaft, Feindschaft spielen. Er war nicht krank. Und auch nicht gesund.
Er hält nachdenklich kurz inne.
Perlefter war in allem unbestimmt. Er hatte keinen Anstand, er hatte bloß Wohlstand. Ein deutscher Bürger.
Er blättert weiter.
Perlefters Braut war ein linkisches, nicht mehr junges und auch nicht hübsches Mädchen. Aber sie war immerhin ein Mädchen. Er heiratete sie fast ohne Grund, weil es sich so gehörte, und weil sie weiblich war. Selbst in der Liebe also war Perlefter unbestimmt. Politisch war er natürlich gemäßigt. Solange es Menschen geben wird, die sich den Luxus der Gleichgültigkeit leisten können, so lange wird es auch gemäßigte Menschen geben. Man sagt von ihnen, sie wären vernünftig genug, um in der Mitte zu bleiben. Sie aber sind satt genug.
Roth legt das Manuskript mit resignierender Geste zurück auf den Tisch.
Es zählt nicht. Wie sollte man diese Geschichte fertig erzählen? Mit welchem Ziel, zu welchem Zweck!
Roth geht zum Fenster und schaut hinunter auf die Strasse.
Was soll man denen da unten noch erzählen? Der unbestimmte deutsche Bürger hat seine Bestimmung erfahren. Mangels Begeisterung begeistert er sich für alles. Da er selbst sich nicht mehr bewegt, hält er jede Bewegung für Leben. Weil er selbst schon tot ist, hält er jeden Radau für den Atem des Lebendigen. Manche Geschichten erzählen sich selbst zu Ende. Das ist so eine.
Roth nimmt das Sakko von der Sessellehne, faltet es sorgfältig zusammen und legt es in einen der geöffneten Koffer.
Bügelfalten. Eigentlich hasse ich Bügelfalten. Sie sind überall: in der deutschten Philosophie, in den deutschen Köpfen, in den deutschen Schlafzimmern. Selbst auf ihren Reitstiefeln, diesem lächerlichsten Bestandteil der uniformen Lächerlichkeit, selbst dort würden sie noch welche hineinbügeln, wenn das Material nicht so widerspenstig wäre. Selbst die vermeintliche Denkerstirn legen sie noch in Bügelfalten.
Er nimmt einige Hemden und legt sie in den Koffer zu der Hose.
Ich weiche nicht der Gewalt, ich weiche der Dummheit. Nur die kann Berge versetzen, denn kein intelligenter Mensch käme je auf die Idee, einen Berg woanders hinzustellen. Ich versetze keine Berge, höchstens schweren Herzens meine goldene Uhr. Ich packe stattdessen meine Koffer. Ich lebe die Sackgasse entlang. Hinter mir das Gröhlen der Horden und die stampfenden Stiefel. Ich brauche keine Wohnung, ich wohne auf der Welt. Ich brauche keine Haustorschlüssel. Sie sperren ohnedies nur die falschen Türen. Wie töricht von mir, mich hier anzusiedeln. Diese kurze Idee des langen Verweilens. Ich nicht. Nicht mit mir. Nicht für mich. Ich bin Gast. Von Gästen erwartet man, daß sie beizeiten gehen - daß sie ganz einfach gehen, ohne Ausreden, ohne Entschuldigungen, ohne ungebührlichen Lärm und möglichst rechtzeitig. Also bin ich ein guter Gast und gehe.
Roth geht zum Kleiderkasten und nimmt einen riesigen Bogen braunes Packpapier heraus, den er sodann in zwei ziemlich gleich grosse Teile auseinanderreisst.
Ein Reisender sollte nie viel Gepäck haben. Und ein Gast möglichst wenig Wehmut. Ein Gast sollte pünktlich gehen und ein Reisender seine Koffer ohne Hilfe tragen können. Das ergibt ungefähr jenes Maß, innerhalb dessen, meine Existenz stattfinden kann. Es hat keinen Sinn, sich dagegen zu wehren. Anstand ist es, zu erkennen, wann man Abzureisen hat, und wie schwer die Koffer sein dürfen. Mehr ist es nicht. Mein Leben durfte nie ausufern. Mehr als zwei Koffer sind untragbar. Also weg mit allem Anderen.
Roth teilt den Stapel mit Manuskripten in zwei grosse und einen ganz kleinen Stoss. Die beiden grossen Stösse wickelt er vorsichtig in die beiden Packpapierbögen. Danach umwickelt er sie bedächtig und sehr sorgfältig mit einem festen Spagat.
Die bring ich heute noch schnell zu meinem Verleger. Möge er daran weniger verlieren als ich.
Roth nimmt den übergebliebenen, kleinen Stoss und legt ihn liebevoll in den Koffer.
Die Anfänge nehmen wir mit. Den Perlefter lassen wir da. Andere haben ihn vollendet.
Er sieht wehmütig hinunter auf die Strasse.
Für mich gibt es hier nicht mehr zu tun, außer die Koffer zu schließen.
Er schliesst die beiden Koffer und hebt sie kurz an.
Leicht genug, um sie allein zu tragen. Schwer genug, um nicht laufen zu können. So soll es sein.
Roth schliesst das Fenster und stellt die beiden Koffer sowie die zwei Pakete für den Verleger vor die Tür und schliesst die Wohnung von aussen. Das Zimmer bleibt leer und schäbig zurück. Durch die geschlossenen Fenster dringt das Brüllen der Nazihorden.
Joseph Roth starb vor 70 Jahren am 27. Mai 1939 in einem Pariser Armenspital. In den 70er-Jahren fand man in den Archivmaterialien des Kiepenheuer Verlages zwei braune Pappschachteln mit der Aufschrift "Joseph Roth". Darin fand sich unter anderem das unvollendete Manuskript "Perlefter - Die Geschichte eines Bürgers".
Die eingerückt gedruckten Textstellen sind Originalzitatge aus Joseph Roths Romanfragment "Perlefter".
Der Autor ist Joseph Roth-Spezialist und hat auch ein Theaterstück über ihn verfaßt, das über amazon und andere online-Buchhändler erhältlich ist. Auch konventionelle Buchhandlungen, die mit dem libri-Katalog arbeiten, können das Buch bestellen. Titel: "Horvath Roth Celan - Die Toten von Paris", 82 Seiten, Softcover, Edition Reinhard Deutsch, Bochum.
Anmerkung: Da ich an einem neuen Buch arbeite, das im Herbst erscheinen soll, werde ich bis Ende Juni 2009 meinen Blog nur unregelmäßig, etwa alle 14 Tage, schreiben.
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Der Link zur Autoren-Webseite stimmt nicht, CompuServe sagt:
"We're sorry to inform you that on July 6, 2009, CompuServe OurWorld was shut down permanently. We sincerely apologize for any inconvenience this may cause." |
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Schon behoben. Habe leider übersehen, das hier zu ändern. Hoffe außerdem, daß ich demnächst wieder Zeit habe, den Blog weiterzuführen. Aber Bücherschreiben kostet viel Zeit, da blieb der Blog auf der Strecke.
Neue Homepage: www.michaelamon.com |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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Einzelpreis: 3.60 €
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