Andererseits

Was auch immer, ich bin dagegen

21.03.2009 | 01:39

Die Systemfrage - eine Träumerei

Aus Fernsehen und Zeitungen weiss ja jedermann, wer die Schuld an der Finanzkrise hat: die fiesen Börsenzocker natürlich und allen voran der unvermeidliche gierige Manger. Ebenso selbstverständlich weiss aber eigentlich jeder, der über ein gewisses Maß an Bildung verfügt, dass das Unsinn ist. Man muss nicht Marx gelesen haben, um zu wissen, dass Krisen zum Kapitalismus gehören wie Gladiatorenkämpfe zum römischen Imperium.

Allerdings ist das eine nur allzu menschliche Eigenart, man hat's vergeigt und braucht einen Sündenbock. Der Makel an der aktuellen Sündenbocktheorie ist aber, dass die Politiker bisher ganz gut selbst von der Zockerei gelebt haben, mithin also Teil des Systems sind, also ebenso "schuld" sind. Schuld in Anführungsstrichen, weil man von Schuld im eigentlichen Sinne nicht sprechen kann, weil die Ursache eine Frage des Systems ist. Stellte man sich dieser Frage, hiesse das aber, sich selbst in Frage zu stellen, was aus nachvollziehbaren Gründen Regierungen und Politiker eher unangenehm finden.

Die "Systemfrage" ist an sich leicht zu beantworten: die Zinseszinsen sind schuld. Zur Erinnerung, Zinseszinsen sind Zinsen die man für Zinsen bezahlen muss, die man für eine Schuld bezahlen muss, bzw. bekommt, sofern man der Gläubiger ist. Das ist der Grund, warum Arme immer ärmer und Reiche immer reicher werden. Und - hier wird es haarig - sie sind auch der Grund, warum unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem, der Kapitalismus, so derart vom Wachstum abhängig ist. Denn anders lassen sich Zinseszinsen nämlich nicht bezahlen.

Der Rest ist simpel. Wachstum ist eine endliche Sache, das begreift jedes Vorschulkind. Und wo nichts mehr wächst, muss man aufblähen. Damit es wie Wachstum aussieht. Genau das ist passiert. Kreditpapiere wurden gebündelt, verkauft, bewertet, wieder gebündelt, weiterverkauft, erneut gebündelt, in Fonds zusammengefasst, als Kapitalanlage verhökert und so weiter und so fort, bis ans Tageslicht gekommen ist, was dahinter steckte. Nämlich nichts. Und schon haben wir unsere Krise. Nicht die erste und nicht die letzte.

Bleibt die Frage, wie könnte man es besser machen? Merkels Plan einer sogenannten neuen "Finanzverfassung" ist natürlich die pure Heuchelei. Damit soll nur ein erwiesenermaßen nicht funktionierendes System zementiert werden. Hin und wieder ein kleiner Reboot vielleicht aber ansonsten soll bitte alles beim Alten bleiben.

Neben den Zinsen gibt es meiner Meinung nach einen weiteren Faktor, der damit untrennbar verbunden ist - die Macht. Die jenigen, die die Zinseszinsen kassieren, haben die Macht. Und wollen sie behalten. Und wenn Blut fließen muss.

Die Lösung des Dilemmas wäre daher die Abschaffung der Macht. Ja ich weiss, eine reine Utopie wird nun jedermann sagen. Aber träumen wird man ja mal dürfen. Wie sollte also ein Gesellschaftssystem aussehen, damit es zu keinen Krisen mit all ihren hässlichen Gesichern mehr kommen kann?

Eine Gesellschaft, in der es keine Macht gibt, nennt man Anarchie. Nicht zu verwechseln mit der Anomie, die gerne von Politikern und Linksextremen mit der Anarchie verwechselt wird. Anarchie heisst nicht, dass es keine Ordnung gäbe und dass jedermann tun und lassen könnte was er will.

Vorstellbar wäre zum Beispiel eine "Demokratische Anarchie". Das System wäre im Grunde einfach: es gäbe in einer solchen Gesellschaft durchaus ein Parlament, jedoch keinen Staat und keine Regierung. Jeder Bürger wäre abstimmungsberechtigt. Und zwar bei jeglichem Anliegen. Darüber hinaus wäre jedermann vorschlagberechtigt. Rein technisch gesehen, steht einer solchen Aufgabe heutzutage nichts im Wege. Wo Google zig Millionen Suchanfragen gleichzeitig in Echtzeit verarbeitet, sollte es kein Problem sein, im Fall der Fälle ein paar Millionen Bürger über ein Thema abstimmen zu lassen.

Mehr Regeln müsste es nicht geben, alles andere würde sich organisch aus diesem System ergeben. Zum Beispiel die Frage der Zinseszinsen, wenn nicht sogar die nach der des Geldes überhaupt. Wenn nicht gleich das Geld so würden zumindest Erstere recht bald abgeschafft sein, soviel ist sicher. Denn wo man mit solchen Mitteln keine Macht über Andere mehr erlangen kann, sind sie sinnlos geworden.

Das übliche Gegenargument zu solcherlei Ansinnen ist, dass das "Volk" als ganzes angeblich zu dumm sei, um Dinge von bestimmter Tragweite entscheiden zu können. Allerdings wird dabei übersehen, dass das Volk von heute, und zwar weltweit, dumm gehalten wird. Das ist also keine physikalisch unabänderliche Notwendigkeit.

Sicher, eine solche Welt wäre wohl auch nicht perfekt. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Mehrzahl der Menschen regelmäßig von einer Handvoll "über ihnen" an der Nase herumgeführt wird, würde dadurch erheblich sinken.
 
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