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Ich finde das reichlich naiv, was Sie schreiben. Und zum Teil auch einfach falsch.
Sie haben zwar sicherlich recht damit, dass die britische KP keinen nennenswerten Einfluss auf die "Arbeiterklasse" hat, geschweige denn die DKP, die sicher nicht die Instanz ist, die "Entscheidungen im Interesse der Arbeiterklasse" zu treffen. Falsch ist es aber zu sagen, dass es keine "Arbeiter" mehr gibt. Sogar die klassischen Industriearbveiter sind noch lange nicht verschwunden. Wissen sie, dass selbst in einer als "Dienstleitungsmetropole" geltenden Stadt wie Frakfurt am Main die klassische Industrie etwa 40 Prozent an der Wirtschaftsleistung aufbringt? Die "Arbeiterklasse" gibt es - nach der Unterscheidung von Marx - zwar "an sich" noch immer - also in dem Sinn, dass die große Bevölkerungsmehrheit sein Einkommen über abhängige Arbeit bezieht und nicht über Kapitaleinkünfte. Sicher sind auch Veränderungen eingetreten und diese "Schicht", wenn Sie das Wort "Klasse" nicht mögen, ist heute heterogener zusammengesetzt und hat insofern auch nicht "objektiv" so sehr identische Interessen wie vielleicht im späten 19. Jahrhundert. Vor allem gibt es die Klasse "für sich" - derzeit - nicht. Die Leute sehen sich nicht als "Klasse". Das kann sich aber ändern. In der Bundesrepublik ist die Bedeutung der Gewerkschaften heute zwar geringer als in den Siebzigern, aber aktuell ist der Mitgliederrückgang gestoppt. Der DGB hat über sechs Millionen Mitglieder, das sind dreimal so viele wie alle politischen Parteien zusammen. Und dass gewerkschaftliche Forderungen auf Unwillen stießen, stimmt nicht. Z.b. will eine große Mehrheit der Deutschen inzwischen einen gesetzlichen Mindestlohn. Einerseits halten Sie den Gewerkschaften vor, zu oft mit den Mächtigen gepackelt zu haben - und andererseits fordern, man solle mit den Mächtigen, die ja auch nur Menschen seien, doch öfter und offener reden, dann würde man auch im Ansehen der Bevölkerung wachsen - also wie denn nun? Darüber hinaus finde ich die Annahme, die Politik würde eher auf politische Forderungen eingehen, wenn man nicht auf sie schimpft, geradezu kindlich naiv. "Unser" System funktioniert doch nach dem Prinzip "pressure group": wer "konfliktfähig" genug ist, ein Interesse so zu formulieren, dass es das "System" stören würde, es einfach zu ignorieren, kann Teile seiner Agenda umsetzen. Die anderen nicht... Das Ganze hat weit weniger mit Argumenten zu tun als mit Macht. Im Falle der kleinen Leute ist darunter zu verstehen: Der Druck, der auf die Politiker ausgeübt werden kann. Und um den aufzubauen, muss man auch mal zu kräftiger Rhetorik greifen... |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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