Andererseits

Was auch immer, ich bin dagegen

28.02.2009 | 19:18

Warum die Linken längst verloren haben

In diesen Zeiten der Krise hätten die Linken, Kommunisten und Gewerkschaften eine geschichtsträchtige Chance, wirklich etwas zubewegen. Das werden sie aber nicht. Sie sind eine Randerscheinung,exotische Ewiggestrige, die schon verloren haben, bevor sie überhauptangefangen haben.

Schauen wir uns einige Aussagen von RobertGriffiths, dem Chef der britischen Kommunisten (CPB) in einemaktuellen Interview in der "Jungen Welt" an:

"Ich bin mir sicher, daß die DKP die richtigen Entscheidungen im Interesse derdeutschen Arbeiterklasse trifft."

"Deshalb haben wir und unsereVerbündeten in den Gewerkschaften immer den demokratischen undKlassenstandpunkt hervorgehoben"

"Deshalb betonen wir ja dendemokratischen und Klassenstandpunkt, den wir gegen die EUeinnehmen"

"Diese muß Wahlen gewinnen und die Lage der Arbeiterund ihrer Familien verbessern können."

"Bestimmte Elemente inder EU behandelten uns sehr abschätzig, wobei sie den Einflußunterschätzten, den wir auf die britische Arbeiterbewegung bezüglichder Europäischen Union haben."

"Arbeiterklasse", "Klassenstandpunkt", "Arbeiterbewegung" - das sindRelikte der Vergangenheit, die nicht mehr existieren. Von welcherArbeiterklasse spricht der Mann? Wieviel Prozent der noch Beschäftigtenin Europa sind denn heutzutage "Arbeiter"? Die Wenigsten. Und dass dieBeschäftigten in Europa oder in irgendeinem einzelnen europäischenStaat in erwähnenswerter Weise organisiert seien, ist pure Einbildung.

Längst haben Gewerkschaften nichts mehr zu melden, längst rufen derenForderungen mehr Unmut denn Zustimmung in der Bevölkerung hervor, längstsind sie zu zahnlosen Papiertigern verkommen, die einmal zuoft mit "denMächtigen" kollaboriert haben.

Und welches Verständnis von Demokratie hat der Mann, wenn er permanent"von uns hier unten" und "denen da oben" spricht? Gehören "die da" etwanicht zum Volk? Haben "die da" nicht vielleicht auch ein Recht gehörtzu werden?

Wenn man sich die Aussagen der europäischen Linken anschaut - die sichderer von Griffiths sehr ähneln - dann wird vor allem eins deutlich:man will die "Machthaber", die als das omnipotente Böse betrachtet werden,bekämpfen und stürzen. Doch was dann? Anarchie? Oder gar Diktatur, so wie einst?

Demokratisches Verhalten sieht anders aus. In einer wahren Demokratiebegegnet man dem anderen, der eine andere Meinung vertritt, mit Respekt.Man betrachtet ihn nicht als Gegner oder verteufelt ihn. Anstatt ständiggegen die bösen Machthaber und die bösen Firmenbosse zu zetern könnteman das Gespräch mit ihnen suchen, sie als das sehen, was sie sind:nämlich auch nur Menschen. Vor allem wäre ein solches Vorgehen in doppelterWeise erfolgreich: zum einen nähme man dem politischen Gegner dieAngriffsfläche, er wäre dann gezwungen sich sachlich mit den Linken undihren durchaus legitimen Forderungen auseinanderzusetzen; und zum anderengewänne man in der Bevölkerung ein beträchtliches Maß an Ansehen.

Diesen "unteren Weg" zu gehen, ist sicherlich nicht einfach. Herumschreien,Provozieren und Beleidigen ist immer mit weniger Aufwand und Selbstbeherrschungverbunden.

Über die zweifellos zahlreichen Ungerechtigkeiten in Europa und Deutschlandmag man sich zu Recht nur noch aufregen. Aber durch sich Aufregen wird mannichts ändern.
 
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Kommentare
vomsehen schrieb am 28.02.2009 um 23:15
Ich finde das reichlich naiv, was Sie schreiben. Und zum Teil auch einfach falsch.

Sie haben zwar sicherlich recht damit, dass die britische KP keinen nennenswerten Einfluss auf die "Arbeiterklasse" hat, geschweige denn die DKP, die sicher nicht die Instanz ist, die "Entscheidungen im Interesse der Arbeiterklasse" zu treffen.

Falsch ist es aber zu sagen, dass es keine "Arbeiter" mehr gibt. Sogar die klassischen Industriearbveiter sind noch lange nicht verschwunden. Wissen sie, dass selbst in einer als "Dienstleitungsmetropole" geltenden Stadt wie Frakfurt am Main die klassische Industrie etwa 40 Prozent an der Wirtschaftsleistung aufbringt? Die "Arbeiterklasse" gibt es - nach der Unterscheidung von Marx - zwar "an sich" noch immer - also in dem Sinn, dass die große Bevölkerungsmehrheit sein Einkommen über abhängige Arbeit bezieht und nicht über Kapitaleinkünfte. Sicher sind auch Veränderungen eingetreten und diese "Schicht", wenn Sie das Wort "Klasse" nicht mögen, ist heute heterogener zusammengesetzt und hat insofern auch nicht "objektiv" so sehr identische Interessen wie vielleicht im späten 19. Jahrhundert. Vor allem gibt es die Klasse "für sich" - derzeit - nicht. Die Leute sehen sich nicht als "Klasse". Das kann sich aber ändern.

In der Bundesrepublik ist die Bedeutung der Gewerkschaften heute zwar geringer als in den Siebzigern, aber aktuell ist der Mitgliederrückgang gestoppt. Der DGB hat über sechs Millionen Mitglieder, das sind dreimal so viele wie alle politischen Parteien zusammen. Und dass gewerkschaftliche Forderungen auf Unwillen stießen, stimmt nicht. Z.b. will eine große Mehrheit der Deutschen inzwischen einen gesetzlichen Mindestlohn.

Einerseits halten Sie den Gewerkschaften vor, zu oft mit den Mächtigen gepackelt zu haben - und andererseits fordern, man solle mit den Mächtigen, die ja auch nur Menschen seien, doch öfter und offener reden, dann würde man auch im Ansehen der Bevölkerung wachsen - also wie denn nun?

Darüber hinaus finde ich die Annahme, die Politik würde eher auf politische Forderungen eingehen, wenn man nicht auf sie schimpft, geradezu kindlich naiv. "Unser" System funktioniert doch nach dem Prinzip "pressure group": wer "konfliktfähig" genug ist, ein Interesse so zu formulieren, dass es das "System" stören würde, es einfach zu ignorieren, kann Teile seiner Agenda umsetzen. Die anderen nicht... Das Ganze hat weit weniger mit Argumenten zu tun als mit Macht. Im Falle der kleinen Leute ist darunter zu verstehen: Der Druck, der auf die Politiker ausgeübt werden kann. Und um den aufzubauen, muss man auch mal zu kräftiger Rhetorik greifen...
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