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Einsam, fast verlassen steht er auf der alten, eingefallenen Treppe. Als wir zu zweit zu ihm stoßen, schlägt uns eine Mischung aus Freude und Ablehnung entgegen. Freude, da endlich jemand da ist, mit dem er sich auch mal unterhalten kann in den kommenden Stunden. Ablehnung, weil wir offensichtlich in sein Reich eindringen. Von den anderen Zuschauern oder Fotografen, wie wir kommt keiner zu ihm. Zu aufwändig ist der Weg durch das Unterholz, über die glitschigen Steinen am Ufer und entlang der Baustelle. Dabei haben wir noch Glück, dass nur die Kamera über die Schulter geworfen werden musste und uns zwei Hände zum festhalten und abstützen blieb. Er selbst hatte mit einem Kollegen eine ein Meter hohe Lautsprecherbox die 100 Meter entlang geschleppt. Nun steht er da, wirkt doch zufrieden und öffnet sich eine PET-Flasche des mitgebrachten Bieres.
Er ist der Startmann bei der diesjährigen Drachenbootregatta im Düsseldorfer Hafen. Über zwei Tage erstreckt sich die ganze Veranstaltung, bei der am Samstag erst die Profis die Strecke zurück legen und einen Tag später auch Amateure – hauptsächlich Firmengruppen – diesen Spaß erleben dürfen. Drumherum haben die Stadtwerke ein kleines Volksfest organisiert mit Bühne, Fressständen und Spielmöglichkeiten für die Kleinsten.
Das Areal hier sei wunderbar für die Drachenboote führt uns der Startleiter in die Feinheiten ein. Der Teil des Hafens ist abgeschirmt, man hat eine schöne Rennstrecke. Zuschauer können sich auf die Brücke stellen und das Rennen verfolgen. „Nur die Kaimauern sind ein bisschen hoch“, findet er, „dadurch sind die Zuschauer etwas weit weg vom Geschehen.“ Aber optimale Bedingungen findet man eh recht wenig. Flensburg hat den schönsten Hafen für die Drachenbootrennen.
Er muss es wissen. Schließlich ist er schon jahrelang dabei und in der Saison von April/Mai bis September im Prinzip jedes Wochenende unterwegs. Da freut man sich, wenn man mal ein paar Tage Urlaub hat zum Ausspannen. Oder wenn man mal Startmann ist. Dann steht man zwar in der Pampa, hat aber an sich einen entspannten Job.
Lediglich die Kollegen fehlen ihm ein wenig. Dabei ist der Kontakt zu den Begleitern auf dieser Tour ein wichtiger Bestandteil, warum ihm die Arbeit so viel Spaß macht. Viele sind früher mit und gegen ihn gepaddelt. Viele seien ehemalige Kanuten. Wie auch Wolfram Faust, der Organisator des Events. Nicht nur hier in Düsseldorf, sondern im gesamten Bundesgebiet. Überall, wo Drachenboot gefahren wird, hat der Wolfram irgendwie seine Finger im Spiel. „Ist ja auch klar“, weiß der Startmann, „schließlich müssen sich seine Boote auch rechnen.“
Dreißig Stück hat er mittlerweile. In jedes passen 20 Sportler. Dazu liegen in seinem Headquarter auch zwei 50-Mann-Boote. Nur mit denen könnten man in Deutschland fast nirgends fahren. Zu lang sind die Gefährte. In kaum einem Hafen könnte man damit wenden. Auch Stege müssen entsprechend lang sein, damit wirklich alle 50 Mann am Ende auch im Boot sitzen. In Cottbus gibt es demnächst diese Möglichkeiten. Aber sonst? Nur in China. Da ist Drachenbootfahren populär. Von dort kennen wir auch die Bilder, die uns beim ersten Gedanken an Drachenbooten im Kopf herum schwirren. Lange, klobige, pompöse Rennboote aus Holz. In Deutschland sind das alles moderner aus. Man ist fast ein wenig enttäuscht.
Statt alter Holzboote liegen überlange Kanus im Hafen. Die Drachenköpfe- und schwänze werden erst kurz vor dem ersten Rennen angeschraubt. Auch wenn es nicht so Spektakulär daher kommt, wie man sich das erwartet hat, lustig sieht es allemal aus. Da sitzen zwanzig Kollegen und Freunde in einem Boot, tragen teils lustige Hüte und Kostüme, feiern sich selbst und lassen sich von den Zuschauern feiern. Gewinnen wird da fast zur Nebensache. Wenn man aber in manche Gesichter blickt, dann weiß man, dass ein (Prestige-)erfolg doch ganz schön ist. Schließlich soll sich die ganze Anstrengung auch lohnen.
Damit es nicht komplett kreuz und quer läuft, sorgt Wolfram Faust für Ordung und unser Startmann für eine gerechte Aufstellung. Mit bestimmender Stimme bittet er Boot fünf noch ein wenig nach hinten, während Boot zwei noch ein wenig nach vorne fahren kann, ehe der Startschuss erfolgt. Schließlich soll es gerecht zugehen. Auch die Zeiten sollen für jeden stimmen. Erst recht, da die Startlinie ein imaginärer Strich zwischen zwei Bojen auf dem Wasser ist. Der Startmann geht seiner Sache mit Akribie nach und freut sich, dass die Düsseldorfer Teilnehmer brav auf ihn hören.
Das hat er auch schon anders erlebt. In einigen Städten finden Starter kaum den wenig ins Boot und fahren ohnehin nur mit, um das Boot zum Kentern zu bringen. Die Partie drumherum gehört dazu. Aber bitte erst nach dem Startschuss, findet der Startmann. Sonst verliert auch er die Lust. Erst recht, wenn er, wie in Düsseldorf zwischen Sträuchern und Dreck sitzt. Alleine. Fast einsam.
In Düsseldorf ist er zufrieden. Auch wenn der Himmel erst am Sonntag Mittag aufreißt und die Sonne auf seinem Kopf brennt. Die Kollegen melden sich regelmäßig durchs Mikrofon. Zudem sind die Zuschauer nett, die Teilnehmer vernünftig und er hat einen Platz, wo er sich auch mal auf seinen Campingstuhl setzen kann. Schließlich ist sein Fuß kaputt. Wenn er zwei Tage stehen müsste, könnte er eine Woche nicht laufen. Das wäre bitter, weil er dann vielleicht nicht beim nächsten Rennen mit dabei sein könnte. Dann sind auch wieder alte Kollegen dabei, die diesmal bei einer anderen Veranstaltung antreten müssen. Dann sind sie wieder wie eine kleine Familie. Eine große Familie, die sich während der Saison regelmäßig sieht und in Erinnerungen schwelgt. In großer Runde und nicht, wie diesmal alleine am hintersten Ende des Hafenbeckens, in den sich nur selten ein Zuschauer oder eher Fotograf verirrt.
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Hab fast mehr abseits fotografiert als beim eigentlichen Geschehen... ein paar Impressionen gibt es hier: www.andre-gierke.de/dusseldorfer-drachenbootregatta/
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Dankeschön, da freut man sich :)
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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