Andreas Kemper

Blog von Andreas Kemper

05.05.2011 | 02:29

Ein Soziales Wikipedia?

Gründen macht Spaß - vor allem wenn Gründungsgründe vorliegen. Ein soziales Wiki zu gründen hat zwei Gründe: ein Standpunkt sollte immer sozial sein und darf nicht - wie bei Wikipedia - eine Neutralität suggerieren, die es gar nicht geben kann. Und das Verhältnis zwischen Schreibenden und Lesenden sollte ebenfalls sozial gestaltet sein.

Seit sechs Jahren schreibe ich bei Wikipedia. Es brachte mir viel Wissen ein, aber auch viel Ärger, unter anderem einen ganzseitigen Artikel bei der rechtskonservativen Jungen Freiheit. Doch es gab weder Anerkennung für meine Artikelarbeit, noch erhielt ich von der Wikipedia-Community oder dem Verein Unterstützung, als ich zur Zielscheibe von Rassisten und Antifeministen wurde, weil ich ihnen für ihre Propaganda-Tätigkeit in Wikipedia im Weg stand. Wikipedia ist "neutral", sowohl inhaltlich wie gegenüber den eigentlichen Produzenten und Produzentinnen der Artikel. Wikipedia ist nicht sozial.

Was also läge näher, als ein Wiki unter der sozialen Prämisse zu starten: ein soziales Wiki

SozialesWiki.de

Sozial heißt, dass die Welt von einem gesellschaftlichen Standpunkt aus betrachtet wird. Die "Elf Feuerbachthesen"  vom frühen Karl Marx fallen mir hier als Orientierung ein. Und auch das Verhältnis von Schreibenden und Lesenden könnte sozialer gestaltet werden: Die Lesenden können die Texte frei und ohne Werbung erhalten, den Schreibenden wird aber ermöglicht, mit ihren Texten über METIS und Flattr zumindest eine symbolhafte finanzielle Anerkennung für ihre Texte zu erhalten. Und sie sollen nicht hinter den Texten verschwinden. Es ist ein Mythos, dass in Wikipedia Texte kollaborativ von einer Schwarmintelligenz erstellt werden. Hinter den meisten Texten stehen klar identifizierbare Hauptautor_innen.

Das Soziale Wiki ist offen. Mitarbeit ist erwünscht und weiterführende Ideen sowieso.

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 05.05.2011 um 03:01
@Andreas Kemper

"Sozial heißt, dass die Welt von einem gesellschaftlichen Standpunkt aus betrachtet wird. Die "Elf Feuerbachthesen" vom frühen Karl Marx fallen mir hier als Orientierung ein. Und auch das Verhältnis von Schreibenden und Lesenden könnte sozialer gestaltet werden: Die Lesenden können die Texte frei und ohne Werbung erhalten, den Schreibenden wird aber ermöglicht, mit ihren Texten über METIS und Flattr zumindest eine symbolhafte finanzielle Anerkennung für ihre Texte zu erhalten. Und sie sollen nicht hinter den Texten verschwinden. Es ist ein Mythos, dass in Wikipedia Texte kollaborativ von einer Schwarmintelligenz erstellt werden. Hinter den meisten Texten stehen klar identifizierbare Hauptautor_innen.

Das Soziale Wiki ist offen. Mitarbeit ist erwünscht und weiterführende Ideen sowieso."

Danke für die spannende Idee.

Wieso wurdest Du bei und durch Wikepeda angefeindet, obgleich Dein Name als Autor doch gar nicht bekannt wurde?

Nenne doch einmal einen vor Dir verfaßten Artikel bei Wikepeda.

Übrigens:
Der Spiegel mußte ja auch erst lernen, Autorenschaft kentlich zu machen
Andreas Kemper schrieb am 05.05.2011 um 03:23
Ich bin in Wikipedia mit Volkmar Weiss aneinandergeraten, dem Eugenik befürwortenden Stichwortgeber von Sarrazin.

Wenn du zu so esoterischen Themen wie Klassendiskriminierung (Klassismus) in Wikipedia und auf Papier schreibst, dann muss man nicht viel Phantasie haben, um Wikipedia-Accounts und Klarnamen in Übereinstimmung zu bringen.
h.yuren schrieb am 05.05.2011 um 09:54
lieber andreas, einverständnis. auch ich hab ne zeitlang für wikipedia gearbeitet, bis die negativen erfahrungen zu viel wurden.
das neutralitätsprinzip ist so verlogen wie die wertfreie wissenschaft, sozusagen eine verspätete neuauflage derselben.

was hältst du von dem vorschlag, statt wikipedia einen ganz anderen namen aus einer anderen tradition zu wählen: netzyklopädie?
die französischen enzyklopädisten waren bewusst nicht neutralistisch.
sie kämpften und arbeiteten für mehr wissen und gegen zu viel wahn, sie hatten nicht ein kleines parteiglück im sinn, sondern die menschheit, die im französischen zugleich menschlichkeit bedeutet: humanité.
was der herausgeber diderot über die encyclopédie in einem artikel in derselben schrieb, ist noch immer beispielhaft, meine ich.
Joachim Petrick schrieb am 05.05.2011 um 10:44
@h.yuren

"netzyklopädie" gute Idee.

Wie wäre es mit "webzyklopädie"
Andreas Kemper schrieb am 05.05.2011 um 14:54
Hallo h.yuren,

das mit Diderot und den Enzyklopädisten sehe ich genauso. Wikipedia ist da in gewisser Weise ein Rückschritt. Es gibt seit anderthalb Jahren eine Gruppe, die unter dem Label "critical point of view" Wikipedia kritisch unter die Lupe nimmt. Konferenzen dazu gab es in Bangalore, Amsterdam und in Ostdeutschland (Leipzig oder Jena?). Aber die Ergebnisse dieser Konferenzen fließen nicht zurück in die Wikipedia-Praxis.
h.yuren schrieb am 05.05.2011 um 20:31
@jp

das sind synonyme, net und web. zwei gute ideen. immerhin.
Andreas Kemper schrieb am 06.05.2011 um 02:16
Hallo h.yuren, hallo Joachim Petrick,
ich habe hier eine Autorenliste angelegt: sozialeswiki.de/wiki/index.php?title=Sozialeswiki:Autoren-_und_Autorinnenseite

Das Wiki kommt nur in Gang, wenn losgelegt wird ;-) Oft reichen für so ein Projekt schon drei bis vier Engagierte und ein paar sporadisch Interessierte.
Nietzsche 2011 schrieb am 05.05.2011 um 10:13
Grundsätzlich finde ich die Idee sehr gut.
Dennoch weiß ich nicht ganz, wie bei dir "sozial" zu verstehen ist.
"ein Standpunkt sollte immer sozial sein" – was heißt sozial? Parteilich, gerecht oder . . . ? Standpunkte im argumentativen Diskurs sollten immer theoretisch fundiert sein - meiner Ansicht nach die Grundvoraussetzung. Aber das meinst du offenbar nicht.
Klär doch mal auf.
Andreas Kemper schrieb am 05.05.2011 um 15:04
Hallo Nietzsche 2011

Das mit der Definition dessen, was ich unter "Sozialen Standpunkt" verstehe, ist eine schwierige Sache. Zum einen möchte ich natürlich Vorgaben machen, dennoch sollte auch diese Definition nicht von einer Einzelperson, sondern im sozialen Prozess stattfinden. Zum anderen sollte die Definition möglichst offen sein, gleichzeitig aber auch Grenzen setzen. Ich habe daher als Vorschlag die elf Thesen von Karl Marx über Feuerbach als Orientierungsrichtlinie gemacht. Diese sind durchaus aus in einer aufklärerischen Linie mit Diderot zu sehen.
Und ich habe mit zwei Themenschwerpunkten begonnen: "Diskriminierung" und "Pierre Bourdieu". Pierre Bourdieu finde ich als Kritiker einer scholastistischen Vernunft sehr vielversprechend. Und mit dem Thema Diskriminierung soll von Anfang an deutlich gemacht werden, dass Diskriminierung existiert und dass das Wiki sich hier positioniert.
Andreas Kemper schrieb am 06.05.2011 um 16:12
Heute hochgeladene Artikel:

- Liste utopischer Romane
- Konkrete Utopie
- Der Klassenbegriff bei Karl Marx
Andreas Kemper schrieb am 06.05.2011 um 17:41
Und
- Der Klassenbegriff bei Pierre Bourdieu
Pantherin schrieb am 06.06.2011 um 13:25
hallo Andreas,
hab dein Buch zu Männerrechtlern gelesen und fand es sehr interessant und wichtig!

2. ich hoffe doch, du bleibst wikipedia erhalten! sprich: mir scheint es genauso wichtig zu sein, ein soziales wiki aufzubauen als auch bei allen gesellschaftlichen themen bei wikipedia zu intervenieren,da dort ja die große masse mitliest.

3. z ugeschlechterfragen: ich denke, arne hoffmann hatte recht,wenn er ungefähr sowas sagte wie, dass die männerrechtsbewegung einen enormen schwung kriegen wird durch as web 2.0. .
die frage ist: wie kann dem im web 2.0 begegnet werden?

lg Pantherin
Andreas Kemper schrieb am 04.07.2011 um 22:11
2. Ja. Aber sehr viel weniger.

3. Durch Aufklärung. Und dadurch, dass wir das Wissen weiterentwickeln. Solidarisch. Naja, eine Plattitüde... aber wie sonst?
Salder schrieb am 04.07.2011 um 21:50
Wikipedia ist nicht neutral und kann es auch nicht. Es muß immer eine andere Quelle hinzugezogen werden.
Fehler und ledigliche Meinungen haben zum Teil ewig bestand.
Gesellschaftspolitisch wird es kritisch, weil dort keine Fachleute sitzen und zum Teil Tendenzen mitschwingen, die in eine gute Enzyklopädie nicht gehören. Das Bonmot vom "Meinung durchdrücken" (administrativ) trifft, natürlich wie überall, auch da zu. So ist eine seriöse Arbeit, auf der alleinigen Grundlage von Wiki, zur Zeit nicht möglich. Die Idee Wiki ist aber grandios.
Salder schrieb am 04.07.2011 um 21:50
Wikipedia ist nicht neutral und kann es auch nicht. Es muß immer eine andere Quelle hinzugezogen werden.
Fehler und ledigliche Meinungen haben zum Teil ewig bestand.
Gesellschaftspolitisch wird es kritisch, weil dort keine Fachleute sitzen und zum Teil Tendenzen mitschwingen, die in eine gute Enzyklopädie nicht gehören. Das Bonmot vom "Meinung durchdrücken" (administrativ) trifft, natürlich wie überall, auch da zu. So ist eine seriöse Arbeit, auf der alleinigen Grundlage von Wiki, zur Zeit nicht möglich. Die Idee Wiki ist aber grandios.
Salder schrieb am 04.07.2011 um 21:54
Verzeihung, hatte aus Versehen zweimal gepostet.
Salder schrieb am 04.07.2011 um 21:54
Verzeihung, hatte aus Versehen zweimal gepostet.
Andreas Kemper schrieb am 04.07.2011 um 22:09
Ja, die Wiki-Idee, also das Wiki-Prinzip, ist grandios. Der Neutralitäts-Anspruch tritt aber hinter einer anderen grandiosen Idee zurück, nämlich der der Enzyklopädisten aus dem 18. Jahrhundert, das Wissen in einem nicht neutralen, sondern aufklärerischen Sinn zusammen zu bringen. Daher soll das Soziale Wiki auch einen sozialen und nicht einem neutralen Anspruch folgen.
Salder schrieb am 05.07.2011 um 15:17
Wenn eine Enzyklopädie nicht neutral ist, taugt sie nichts. Dann wird nicht mehr klar, ob man der Sache bzw. den Informationen noch trauen. Ich möchte weder von links noch von rechts manipuliert werden. Deshalb: neutral ist ein muß.
Andreas Kemper schrieb am 05.07.2011 um 15:43
"Neutral" gibt es aber nicht. Man sollte natürlich so schreiben, dass man alle wichtigen Quellen zum Thema zur Kenntnis nimmt. Aber es wird immer von einem bestimmten Standpunkt und mit einer bestimmten Motivation geschrieben. Das solte dann möglichst offen gemacht werden. Am gefährlichsten sind die Leute, die sagen, dass sie einen neutralen Standpunkt vertreten oder neutral sind.

Ich finde es methodisch sauberer, wenn man seinen Standpunkt immer mitreflektiert und offen macht. Meine Hoffnung ist, dass Wikipedia irgendwann nur eins von vielen anderen Wikis ist und das bei den anderen Wikis deutlich wird, von welchem Standpunkt die Menschen dort schreiben.
Salder schrieb am 05.07.2011 um 16:15
""Neutral" gibt es aber nicht."

Da haben Sie nur in soweit recht, als das es schwierig ist. Hier geht es ja meist um Gesellschaftspolitik, wo es wesentlich defiziler ist, etwas zu beschreiben oder gar zu beurteilen, als zum Bsp. in der Chemie. Die Artiltel müssen Wertneutral sein und dürfen nur die Fakten wiederspiegeln. Alles andere ist Meinungsmache, die Administratoren und Sichtern nicht zusteht, einfach weil sie nicht das nötige Wissen haben. Anders sieht schon bei den Naturwissenschaften aus. Aber wie lange sich auch da Fehler halten, ist schon beeindruckend. Der Standpunkt des oder der Schreiber interressiert den Nutzer doch garnicht. Dann kann er oder ich doch gleich seinen/ meinen Nachbarn fragen.
Andreas Kemper schrieb am 05.07.2011 um 18:21
Dass der Standpunkt den Nutzer/die Nutzerin nicht interessiert, mag für naturwissenschaftliche Themen vielleicht gelten. Aber bei politisch brisanten Artikeln sollte immer deutlich sein, wer was mit welchem politischen Standpunkt geschrieben hat.
Salder schrieb am 06.07.2011 um 02:16
Interessnat kann doch nicht das Geschreibe irgendwelcher noname Autoren sein, dann verkommt die Enzyklopädie zwangsläufig zur "Lieschenmüller" Broschüre. Die Schreiber dürfen also bloß Meinungen reinschreiben die sie mit Quellen belegen, es will doch keiner wissen was Administrator A oder Sichter B "meint". Das ist völlig irrelevant. Weil die genauso schlau oder erfahren sind wie Nutzer. Es sind keine Experten und somit ist deren Meinung so interessant oder langweilig, wie Ihre und meine.
Salder schrieb am 06.07.2011 um 02:16
Interessnat kann doch nicht das Geschreibe irgendwelcher noname Autoren sein, dann verkommt die Enzyklopädie zwangsläufig zur "Lieschenmüller" Broschüre. Die Schreiber dürfen also bloß Meinungen reinschreiben die sie mit Quellen belegen, es will doch keiner wissen was Administrator A oder Sichter B "meint". Das ist völlig irrelevant. Weil die genauso schlau oder erfahren sind wie Nutzer. Es sind keine Experten und somit ist deren Meinung so interessant oder langweilig, wie Ihre und meine.
Andreas Kemper schrieb am 06.07.2011 um 08:33
Wikipedia ist ja gerade deshalb so groß und populär geworden, weil dort nicht ausgewiesene Expert_innen schreiben, sondern Menschen mit Interesse.
Es ist schwierig zu bestimmen, welcher Mensch ein_e Expert_in ist. Akademische Abschlüsse sind nicht unbedingt aussagekräftig - siehe Guttenberg-Affäre. Jeder Mensch ist ein Experte.
Beim Sozialen Wiki möchte ich es so handhaben, dass es verschiedene Artikel zu einem Thema geben kann.
Salder schrieb am 06.07.2011 um 02:18
Also irgendwie habe ich mit dem Button Schwierigkeiten. Verzeihung.
Salder schrieb am 06.07.2011 um 15:29
Jeder Mensch ist ein Experte, ja für was? Hier sollte es nicht um selbsternannte Experten gehen; daß ist fatal. Diese "Experten" will aber der Wikipedia Nutzer nicht haben, das was geschrieben steht soll mit Quellen belegt sein. und kann dann nicht mit eigenem Gedankengut vermischt werden. Es gibt doch v.a. gesellschaftspolitisch immer mehrere Ansichten, und die sollten Vertreten sein. Guttenberg ist ein Betrüger; ein schlechtes Beispiel an sich, aber in der Einschätzung zur Truppe, hätte seine Meinung Gewicht, und würde wesentlich mehr Gewicht haben, als meine und Ihre, als Beispiel. Allein allerdings auch nicht, denn diese unterliegt der Gefahr der Subjektivität. Wenn dann doch allein, ist sie allemal mehr Wert, als die von Freizeit - "Autoren". Ihr soz. Wiki hört sich passabeler, ja ausgewogener an. Es ist natürlich eine Frage der Hirarchie, ab wann eine Meinung rausgedrückt wird, und welchen Prämissen ein incoming folgt, bzw. wie ist der modus operandi im Ausschlußverfahren. Verschiedene Betrachtungsweisen (Artikel) machen gesellschaftspolitisch Sinn, es ist doch niemals alles nur gut und böse, schwarz und weiß. Populär mag Wiki sein, verlassen kann sich darauf auf keinen Fall.
Andreas Kemper
Mich interessieren die Themenbereiche * Diskriminierung - insbesondere Klassenspezifische Diskriminierung * Genderforschung * Erkenntnistheorie (Fragen zur Virtualität) * Utopien * Entwicklung der Wissensplattformen im Internet (Wikipedia, Google-Knol) * Anarchismus
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