Andreas Kemper

Blog von Andreas Kemper

08.12.2009 | 14:48

Es wird Echtzeit!

Google bastelt uns Science Fiction, die noch niemand geschrieben hat. Mit der Implementierung von Twitter, MySpace und FaceBook in die Suchergebnisse gibt es keine Verzögerung von Informationen mehr. Sieht eigentlich sehr harmlos aus, die neue Google-Suche, ist aber eventuell eine neue Qualität im Fortschritt der Technologischen Formation.

Technologische Formationen waren stets geprägt von aufeinanderfolgenden Boss-Dispositiven. War von der Antike bis zum Mittelalter Form und Geist das bestimmende Moment, auf das die Materie reduziert wurde, so sorgte der Kapitalismus allmählich für eine Dynamisierung dieses primären Welterklärungsprinzips: alles wurde zur Energie, zumindest bis zur Energiekrise. Seitdem wird die Technologische Formation unserer Gesellschaft durch etwas erklärt, was noch dynamischer als Energie ist. Gibt es etwas dynamischeres, etwas fluideres als Energie? Aber sicher doch: die Information.

Aber hier ist noch kein Ende an Dynamisierung erreicht. Während meine Generation noch mit der Energie-Krise aufwuchs, und ein ambivalentes Verhältnis zur Energie entwickelte (Alternativ-Energie), wachsen die heutigen Digital Natives mit der Informations-Krise auf. Die Grünen von 1980 sind die Piraten von heute. Informations-Krise, das heißt nicht nur Zeitungssterben, sondern ganz aktuell auch Wikipedia-Krise (die sich sehr negativ auf meinen E-Mail-Account auswirkt, da seit zwei Wochen heftigst über den Wikipedia-Verteiler diskutiert wird).

Doch was dynamisiert die Information? Die Verechtzeitigung der Information? Verhält sich Echtzeit zur Information wie sich Information zur Energie verhält und wie sich Energie zur Form verhält? Es scheint so. Oder ist die Relevanz das Zauberwort der kommenden Tage? Die Wikipedia-Krise ist eine Relevanz-Krise. Und Kritiker fürchten, dass die Echtzeit-Implementierung in der Google-Suche zu einem Rauschen der Irrelevanz führt. Die Kombination von Echtzeit und Relevanz wird die Information dynamisieren.  Wie aber wird herausgefunden, was relevant ist? Bei Wikipedia wurden die Relevanzkataloge durch den Kakao gezogen - mehr oder weniger zurecht. Bei Google-Knol, was keine Wikipedia-Konkurrenz im Sinne einer Verdrängungskonkurrenz ist, sehr wohl aber eine Konkurrenz in der Frage "Wer baut das bessere Relevanz-System", wird die Relevanz der Artikel weitgehend über die AutorInnen der Artikel hergestellt.  Ist die Autorisierung (im wörtlichen wie im übertragenen Sinne) die Dynamisierung der Information? Erhalten nach und nach alle Menschen einen PageRank, d.h. einen Rang in der Wertigkeit der Relevanz dessen, was sie zu sagen haben, und werden so bezüglich ihrer Informationen autorisiert? Das ist der Trend. Dachte ich bislang noch, Wikipedia und Google führten direkt zur Entstehung der Borg, so glaube ich jetzt (hier und jetzt in der Echtzeit meines Schreibflusses), dass kein Kollektiv der Gleichheit entsteht.

Das Internet wird die Menschen autorisieren, in AutorInnen verwandeln, und Google wird mit seinen Algorithmen die Grundlage liefern Menschen individuell zu autorisieren, zu verpageranken, um relevante Stimmen im Rauschen hörbar zu machen. Der individuelle PageRank bringt die bourdieuschen Kapitalsorten durcheinander. Dieser Science Fiction wurde noch nicht geschrieben.

Apropos SF: Möchte noch jemand ne Wave? Hab noch ein paar Einladungen über für AutorInnen in meiner PageRank-Klasse ;-)

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 08.12.2009 um 16:25
Manchmal neigst Du auch ein wenig zum Sarkasmus, steht Dir gut.
Im Ernst: Anregende Überlegungen, Danke!
Andreas Kemper schrieb am 08.12.2009 um 22:22
Ja, ich sollte mich mehr im Sarkasmus üben.

Aber das mit dem PageRank für jede Nase meine ich durchaus nicht sarkastisch. Wenn Google Twitter-Mitteilungen in die Suche aufnimmt, dann ist dort nicht umsonst eine "Pause"-Taste installiert. Google ist nicht nur eine gute Suchmaschine, weil sie alles mögliche findet, sondern weil der Google-Gründer Page ein Ranking-System für Websiten erfunden hat. Bei Twitter posten aber nicht Webseiten, sondern Menschen. Alles läuft also darauf hinaus, die TwittererInnen (und die Facebook-NutzerInnen und MySpace-UserInnen...) irgendwie zu ranken.

Wie wichtig ist dein von Google verpasster Internet-Rang? Spielt er bald eine ähnliche Rolle wie die Brieftasche, Bildungszertifikate, Job und soziale Herkunft? Oder wird der "personifizierte PageRank" DAS symbolische Kapital der Zukunft?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 08.12.2009 um 22:26
Das wird wohl so sein/werden. Es leben die Parallelgesellschaften, in denen man sich nicht dafür krumm legen muss...
kopfkompass schrieb am 09.12.2009 um 11:09
Ich glaube es wird nicht Echtzeit sondern Spam.

Ich habe ja schon länger den Eindruck, in einem Paralleluniversum gefangen zu sein, in dem man die Definition des Begriffes "Information" bis zur Unkenntlichkeit überdehnen muss, damit das was auf auf Twitter oder Facebook passiert da noch mit reinpasst.

Ich gebe mir wirklich Mühe, aber um da 2 wertvolle Informationen zu ergattern, muss ich mir 98 mal eine klebrige, berauschende und leider sehr appetitanregende glitzernde Paste einverleiben. Ich nenne sie social spam.
Andreas Kemper schrieb am 09.12.2009 um 12:26
Daher stellt sich die Frage nach Relevanz-Filtern. Und meine Vermutung ist, dass dies über diejenigen geht, die etwas sagen. Wahrscheinlich wird diese personifizierte PageRank die Vergangenheit von Äußerungen berücksichtigen und die Bekanntschaften des Twitteres.
kopfkompass schrieb am 10.12.2009 um 07:54
Und das ist etwas, vor dem sich fürchten darf: Neue unbekannte Quellen von Informationen werden es dann sehr schwer haben durch den Schaum der renommierten und wahrscheinlich relevanten Quellen nach oben gespült zu werden. Eigentlich ist das schon so: Stell dir vor es käme heute jemand in seiner Garage auf die Idee eine neue Suchmaschine zu gründen, beispielsweise. Selbst mit Kapital und Werbung hätte er wenig Aussicht auf Erfolg.

Dieser Relevanz-nach-Popularität-Filter ist ja einer, den wir jahrelang in den alten Medien hatten, und von dem wir uns mit der Erfindung des Internets vielleicht für 10 Jahre befreien konnten.

Wie geht's jetzt weiter?
Andreas Kemper schrieb am 10.12.2009 um 09:12
Vielleicht ist ja noch nicht mal das Problem, dass man mit seinen Ideen nicht durchkommt, sondern viel mehr, dass man selber zu einem Internet-Profil mit einem eigenständigen Rang wird. Der Spruch: "mich gibt es nicht, ich habe keinen eigenen Wikipedia-Eintrag" ist ja nicht so ganz verkehrt. Nur wird dies sehr viel feinmaschiger verlaufen. Welcher Herbert Müller findet sich auf Platz 1 bei Google, Bing oder FaceBook oder Twitter? Aber auch das ist schon ein alter Hut. Es besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass Google Twittermeldungen nach Relevanz ordnet und dass Google dies anhand der Relevanz der Twitterer macht. Gibt es erstmal einen personalisierten Pagerank, dann kann dies auch Auswirkungen bei Kreditvergabe, Karriere und so weiter nach sich ziehen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 23.12.2009 um 23:15
Andreas Kemper
Mich interessieren die Themenbereiche * Diskriminierung - insbesondere Klassenspezifische Diskriminierung * Genderforschung * Erkenntnistheorie (Fragen zur Virtualität) * Utopien * Entwicklung der Wissensplattformen im Internet (Wikipedia, Google-Knol) * Anarchismus
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