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Der 9. Band aus der Reihe „Deutsche Zustände“ kommentiert wieder ausführlich die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Diesmal wird die Abwertung von Obdachlosen und Langzeitarbeitslosen besonders hervorgehoben und es gibt ein Kapitel zur Elite. Auch in diesem Band werden eine Reihe von Begriffen vorgeschlagen, um die Abwertung von Menschen aus der sogenannten „Unterschicht“ zu bezeichnen. Es gibt da aber noch keine klare Linie, wie auch sonst werden die Begriffe durcheinander geworfen. Zudem warnen antirassistische Aktivist_innen davor, Begriffe wie Klassenrassismus oder Sozialrassismus zu benutzen, weil hierdurch die Benennung von alltagsrassistischen Haltungen / Handlungen erschwert wird.
Der Dishwasher hat eine Umfrage gestartet, mit welchem Begriff es benannt werden soll, wenn Kinder aus der sogenannten "Unterschicht" als wertlos bzw. nutzlos gesehen werden. Es geht dabei nicht nur um die Sarrazins und Heinsohns, sondern auch um konkrete Gesetze wie das Elterngeld, welches armen Familien / Alleinerziehenden das Erziehungsgeld entzogen hat und dieses nur noch an Besserverdienende auszahlt, weil deren Kinder gewünscht sind, nicht die aus "unteren" Schichten.
Wenn Frauen diskriminiert werden, dann ist das Sexismus, wie aber nennt man es, wenn ausgesagt wird, Kinder aus der Unterschicht "brauchen wir nicht"?
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>>sondern auch um konkrete Gesetze wie das Elterngeld, welches armen Familien / Alleinerziehenden das Erziehungsgeld entzogen hat und dieses nur noch an Besserverdienende auszahlt, weil deren Kinder gewünscht sind, nicht die aus "unteren" Schichten.<<
Es geht immer um konkrete Ausbeutungsverhältnisse und deren Verschärfung. Das Geschwwurbel von "genetisch bedingtem Untermenschentum", einer unerforschlichen "sozialen Schwäche morbus hartz" und dgl. ist nicht nicht Grundlage, sondern dient der Verschleierung der Ziele. >>...wie aber nennt man es, wenn ausgesagt wird, Kinder aus der Unterschicht "brauchen wir nicht"?<< Am ehesten wäre es "Propaganda für Dumpfbacken" zu nennen. Dass eine "working poor class" gebraucht wird, hat die FDP in den 90er Jahren noch in aller Deutlichkeit gesagt und auf das Vorbild USA mit den "McJobs" verwiesen. Otto Solms hat damals offen frohlockt: Wenn die Arbeistlosigkeit weiter steigt, werden wir bald wieder preiswerte deutschsprachige Haushaltshilfen finden, Auch dass die Armutskaste Nachwuchs haben soll, ist klar. Denn auch in 30 Jahren soll es Menschen geben, die man zur Arbeit für fast kein Entgelt zwingt. Zwecks Wohlstandssicherung der "upper class". Eine Kastengesellschaft, in der Armut genau so wie Reichtum vererbt wird ist das Ziel. Nur sagt man das nicht so, denn das könnte mehr kritischem Bewusstsein im Volk wecken. Mit Unterscheidung in die "Wertvollen Bürger" und die Minderwertigen wird das Ziel der Ausbeutungsverschärfung ausgeblendet. Jeder, der/die noch nicht ganz unten angekommen ist, soll glauben, dass er/sie auf richtigen Seite steht und von irgendetwas dort gehalten würde. Ich weiss, wovon ich rede. Es gab viele Kollegen, die die Hetze gegen Arbeitslose gedankenlos mitgemacht haben. Bis es sie selber traf. Viele haben sich von der Depression aufgrund der Erkenntnis, plötzlich selber zu den bislang Beschimpften zu gehören, nicht erholt und bleiben so, von aussen gesehen, in der Schablone des "sozial schwachen Untermenschen" stecken. |
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Hallo Claudia,
aber die Ausbeutung sollte doch eigentlich in der kapitalistischen Logik in der Produktion stattfinden. Und zwar nur als Mittel zum Zweck der Steigerung der Profite, bzw. der Profitrate. Und das sollte in der reinen Lehre von der kapitalistischen Gesellschaft im Mittelpunkt stehen: die Erhöhung der Profitrate. Um diese Profitrate zu steigern, wurde bislang die Parole von der Leistungsgesellschaft ausgegeben: jeder solle sich selber anstrengen, dann wird er auch entsprechend belohnt. Das Bildungssystem hatte unter anderem den Zweck, über den technischen Fortschritt eine höhere Profitrate zu ermöglichen. Dem widerspricht, dass das Bildungssystem in Deutschland und Österreich nicht modernisiert wird, nicht den kapitalistischen Erfordernissen im 21. Jahrhundert angepasst wird, sondern strukturell noch immer im 19. Jahrhundert eingefroren bleibt. Ein Drittel der 15jährigen Jungen in Deutschland und Österreich sind sogenannte "Risikoschüler". Mit ihnen lässt sich die Profitrate sicherlich nicht besonders erhöhen. Daher gibt es ja auch Proteste aus der Wirtschaft. Also meine These ist, dass die Rede von den "unterbürgerlichen Schichten" eher der Umverteilung dient als den Ausbeutungsverhältnissen in der Produktion. |
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schrieb am
09.12.2010 um 15:56
Direkte Umverteilung, ja das ist ja z.B. Hatz4. wenn erst mal die Rücklagen fürs Alter auf den Markt geschmissen werden müssen, bevor es die (Lohnaufstock-)Hungergroschen gibt.
Aber auch die Höhe der Arbeitsentgelte ist doch auch eine Verteilungsfrage? Immer mehr vom erarbeiteten Mehrwert soll der Kapitalvermehrung dienen, der Anteil zur Reproduktion der Arbeitskraft schrumpft. In den 70ern gab es eine Prognose dazu, die sagte, dass der "tendenzielle Fall der Profitrate" zu einer solchen Entwicklung führt. Ich sehe zwei Ebenen der Ausbeutungsverschärfung: a) von den schrumpfenden Stammbelegschaften wird bei etwa kaufkraftgleich bleibendem Entgelt immer mehr Einsatz von Arbeitskraft gefordert. b) in den "outgesourcten" peripheren Bereichen wird Lohndumping betrieben. Die Struktur einer massenfertigenden Industrie wurde mit programmgesteuerten Produktionsautomaten beibehalten. Das Ziel ist eher Preiskonkurrenz bei altbekannten Produkten als Qualitätskonkurrenz mit Innovationen. --- Eine Qualifikationsoffensive gab es in den skandinavischen Ländern: Nicht nur Akademiker, auch Facharbeiter wurden weitergebildet. Es hiess in den 90er Jahren: "Zeit der Arbeitslosigkeit ist Zeit der Weiterbildung". Das Ziel wurde erreicht: Wer heute für neue Produkte hochqualifizierte Belegschaften sucht, investiert eher in Skandinavien als hier. Es wirkt wie eine Arbeitsteilung, denn von Seiten der deutschen Wirtschaft/Politik gibt es ja auch kaum Einwände gegen die Abwanderung von jungen, qualifitzierten Leuten nach Skandinavien. Die peripheren Bereiche der Industrie, das heisst, Arbeiten, die nicht direkt Produktion, Produktentwicklung oder Verkauf sind, wurden aus dem Tarifgefüge weitgehend ausgeschlossen und einer verschärften, von der Agentur für Armut geförderten Preiskonkurrenz unterworfen. Dazu kommt das Kontingent auf Abruf, das im hire&fire-System der Leiharbeit immer wieder mal kurzfristig geholt und wieder fortgeschickt wird. In diesen Bereichen wird mit der Arbeit kaum noch der Lebensunterhalt verdient. Wie ist das Zwangslohndumping in einer Gesellschaft, die sich als „Wohlstandgesellschaft“ definieren möchte, zu rechtfertigen? Die Opfer haben eine „angeborene soziale Schwäche“, die sich endemisch ausbreitet. Auch die schwarzen Sklaven auf den amerikanischen Baumwollfeldern des 19 Jahrhunderts haben hart gearbeitet, für fast keine Gegenleistung. Es hätte ja einem freiheitsdünkelnden US-Bürger die Schamröte ins Gesicht treiben müssen, dass der Rohstoff für seine Klamotten unter derart unwürdigen Bedingungen gewonnen wird. Das war nicht der Fall, denn der „Nigger“ war minderwertig*. Hier sehe ich eine Parallele zur heutigen Hetze gegen die neue Kaste der Armutsarbeiter. --- *Der Krieg der Nordstaaten gegen die Südstaaten hatte keinen ethischen Hintergrund: Die Industrieen im Norden litten an wachsendem Arbeitskräftemangel. Mit der Aufhebung der Sklaverei wurden die Farmer gezwungen, mehr Mashcien statt Menschen einzusetzen und die ehemaligen Sklaven wanderten in die Industrie der Nordstaaten ab. --- Den Begriff "Rassismus" halte ich für die Institutionalisierung der "modernen Untermenschenkaste" auch für zu unscharf. Treffender wäre "Kastismus"... |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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