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I. „We should return from Marx to Hegel“
Eigentlich wollte Žižek mit seinem Vortrag „The Limits of Hegel: Rabble, War, Sex and Marriage“ die Buchneuerscheinung des Genossen Frank Ruda fundieren, wozu es allerdings nur äußerlich kam. Der Slowene war der Magnet des Abends, seine schiere Präsenz vermutlich die Ursache für einen überfüllten Roten Salon mit tropischen Temperaturen.
Die im Titel angekündigte Problematik nach den Grenzen Hegels und dem Status` des Pöbels, wurde lediglich schemenhaft angesprochen. Größtenteils gestikulierte sich der Philosoph durch die Witzchen und Kalauer seiner Weltreisen, sprich China-, Amerika- Ideologiekritik und Ökolifestylebashing; darüber verlor er sich in wilden Assoziationen seiner biografischen Dialektik, in Rechfertigungen kontroverser Einlassungen auf Vorträgen in Indien oder Israel: Nur wenn du von allen Seiten missverstanden wirst, dann bist du auf dem richtigen Weg – „You will be poor and jobless, but you will have moral satisfaction“.
Zwischen dieser ganz unterhaltsamen Polemik erforderte es höchster Konzentration, den philosophischen Gehalt seines Vortrags nicht zu überhören: „We should return from Marx to Hegel“, denn die Widersprüche unserer Zeit machen eine radikale Reflexion des Ganzen zwingend erforderlich. Damit plädiert Žižek für die Rehabilitierung des Denkens und die Umkehrung der elften Feuerbachthese: Mehr Interpretation statt Aktion. Im Hinblick auf die grassierende kulturindustrielle Absorption von Geist, erscheint jedes auf Totalität ausgerichtete Anti-Expertentum bereits als subversiv.
Laut Žižek ist der subversive Charakter dem hegelianischen Denken immanent. Die Negation, die zentrale Kategorie in Hegels Konzeption, ist nicht nur negativ, sondern aus ihr entsteht immer etwas Zusätzliches, ein Moment der Erfahrung, der historische Lerneffekt. Oder mit Žižek gesprochen: „To order coffee without cream is something different than to order plain coffee."
Durch die Zurückweisung wird das Positive umso stärker betont, und hier wird Žižek politisch, versucht zum Vortragstitel zu gelangen. Der Pöbel ist bei Hegel das notwendige Gegenüber zum König, ein fruchtbares Spannungsverhältnis (Widerspruch) der Gesellschaft, denn der Geist kann sich nur in seiner Negation erkennen. Da der Pöbel der (Post)Moderne – vermutlich meint Žižek an diesem Punkt das Proletariat, beziehungsweise die Ausgebeuteten im allgemeinen – in sich zutiefst fragmentarisiert ist und in phlegmatischen Selbst-Widersprüchen steckt, das heißt der Klassenkampf in weite Ferne gerückt ist, sollte man zu Hegel zurück kehren, um mit dessen dialektischer Hilfe die postmetaphysischen und postmaterialistischen Verwicklungen (subversiv) zu entwickeln.
Leider bleibt Žižek mit seiner Aktualisierung dieses altbekannten Herr-Knecht Gedankens vage. Stringent (vulgär)dialektisch gedacht, bedeutet dies wiederum, dass es beim nächsten Vortrag besser klappt – oder weiter auf die List der Vernunft gehofft werden muss...
II. Systemwechsel – Eine andere Welt bleibt zu gewinnen?!
Woran lässt sich die gegenwärtige Marx-Renaissance festmachen? Welche Auswirkungen hat die Finanzkrise im Hinblick auf systemische Alternativen? War die Krise System stabilisierend oder schwächend? Welchen Stellenwert hat der Kapitalismus für die menschliche Zivilisation insgesamt? Wie lange dauert es noch bis auch die restlichen Strukturen der westlichen Welt kollabieren? Ist der Kommunismus ohne die totalitären Ereignisse der Vergangenheit möglich? Gibt es dafür politische Akteure?
„We are in deep shit and we know it!“ proklamiert der omnipräsente Žižek diesmal von der Filmleinwand. Nina Power, Marxistin aus London, fügt an anderer Stelle ergänzend hinzu: „Es scheint einfacher sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus.“ Das Problem, zumindest für die an diesem Abend Anwesenden, ist also nicht das Wissen um die Fragilität und Unmenschlichkeit der bestehenden Verhältnisse, noch deren konservative Apologeten, sondern dass die Opfer des Kapitalismus immer auch gleichzeitig seine Nutznießer sind, dass wir selber uns kaum eine andere Welt, eine Welt außerhalb des Kapitals vorstellen können, weil unsere Rentenfonds da mit drin hängen. Ergo, in dieser Welt haben die Proletarier zwar immer noch nicht mehr zu verlieren als ihre Ketten (vgl. Marx/Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, letzte Seite) – aber an den Ketten hängen heute BMW-Schlüssel dran...
Mit der Kritik am Kapitalismus ist es nicht getan. Es bedarf auch der Neubewertung daran sich anschließender Termini – Revolution und Kommunismus insbesondere – ansonsten „fällt man mit Marx in das unglückliche Bewusstsein eines Wissens ohne Praxis und einer Einsicht ohne Relevanz“ zurück (Heinz Bude: Wie weiter mit Karl Marx?, Hamburg 2008, S.19.).
In der erfolgten Diskussion im Anschluss an den Film mit Alex Demirović (Prof. für Politikwissenschaften, TU) und Albrecht von Lucke (Redakteur der Blätter für deutsche und internationale Politik) wurden speziell diese offenen Fragen nochmals virulent. Zweiterer spricht genau das “Ketten“-Dilemma an, wenn er sagt: „Der Charakter einer ausstrahlenden, alternativen Theorie zur Überwindung des Kapitalismus fehlt heute.“ Demirović hält dagegen. „Nicht die Kritiker müssen sich ausweisen, sondern die Befürworter des Systems. Wie lange soll die Konsumgesellschaft noch gut gehen? Die Geschichte ist offen. Kollektivereignisse ergeben sich plötzlich. Der Kontingenzcharakter des Widerstands ist etwas ganz entscheidendes für das Verständnis desselben.“
Wer es sich zur Aufgabe macht, die Relevanz Marx` auf heutige Weltzustände in 52 Minuten auch nur im Ansatz substanziell dokumentieren zu wollen, der muss scheitern. Der Film „Marx Reloaded“ versucht das erst gar nicht, sondern macht sich direkt an die Aufbereitung von exemplarischen Impulsen. Ein solch zentraler ist die immense Macht der Warenwelt, die ungebrochene Gültigkeit von Marx` Mehrwerttheorie und des damit einhergehenden Warenfetischismusbegriffs. Da die Tauschgesellschaft und ihr universelles Medium Geld, alles und alle als Ware identifiziert, entwickeln die Produkte für die Konsumenten ein Eigenleben, zu denen sie erotische, fetischhafte Beziehungen ausbilden. Walter Benjamin hat dieses Verhältnis später in seinem Aufsatz „Kapitalismus als Religion“ (1921) auf den Punkt gebracht, und jede Fußgängerzone ist dafür täglich tausendfache Zeugin.
Dabei verweist der Film noch in ganz anderer Art und Weise auf die planlose Gesamtsituation im Kapitalismus: Beschleunigung, Oberfläche, Schein, Reizüberflutung, Fortschritt, Chaos, Beziehungslosigkeit, Transformation et cetera. Die immense Flut der Bilder, die Rasanz der Schnitte, der kaleidoskopartige Stilmix (Comic, Doku, Arthouse, Agitation) und die collagierten Zitate der Experten (internationale: Žižek, Negri, Hardt, Ranciere, Power, Toscano, Gray wie nationale: Sloterdijk, Bolz, Brumlik, Münkler, den namenlosen Sprecher der Frankfurter Börse nicht zu vergessen) tun ihr übriges dazu, dass der Film einem Abbild unserer kapitalcodierten Lebenswelt gleicht.
Die Heterogenität der Formen spiegelt sich schließlich auch in der Reaktion der Experten auf den Begriff des Kommunismus wider. Während Antonio Negri ernsthaft die totale staatliche Kontrolle als das genaue Gegenteil dessen, was Marx gesagt hat, zurück weist und der Verfasser des konsumistischen Manifest, Norbert Bolz, spielerisch die Zivilisation ohne den Kapitalismus für beendet erklärt, hält sich Slavoj Žižek an die Subversivität des Absurden: „Kommunismus ist eine Gesellschaft, in der jeder in seiner eigenen Dummheit verweilen darf.“
Mit dem finalbinären Angebot, blaue Pille gleich Genuss der Konsumgesellschaft oder rote Pille gleich unbequeme Wahrheit, pointiert der Film zum Schluss die Wahl- sowie Entscheidungs-Möglichkeit gleichermaßen und positioniert sich insofern als unzufrieden gegenüber der Einrichtung der Welt so wie sie derzeit ist. „Die treibende Fragestellung muss die Frage bleiben, wie wir zu neuen Formen demokratischer Aktivität gelangen. Dass die Verhältnisse von denen wir bestimmt werden eben nicht von den Wenigen, sondern den Vielen bestimmt werden, das gilt es zu verändern.“ (Demirović)
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Wer diese Einlassungen hier, die auch philosophische "tour de horizon" und ihre Analogien zur Jetztzeit nicht gleich verinnerlichen wollte, dem sei zu Einstimmung dieser 3sat-Beitrag empfohlen:
www.youtube.com/watch?v=gh12v2TQt5g Zu dem dort erwähnten Buch "Auf verlorenem Posten" wäre ein separater Blog schon angezeigt, könnte doch der Blogersteller hier leisten, oder? Bei mir wird es noch etwas dauern, ist dennoch und grundsätzlich bereits im Hinterkopf angemarkt. Nur noch kurz zu der von Zizek im Film angesprochenen Gier Einzelner, deren Diffamierung unter jeglicher Ausblendung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen: "Das hatte schon fast antisemitische Ausmaße..." Und bei dieser Sequenz kam mir beinahe sofort dieses "Der Müll, die Stadt und der Tod" denken, jenes kontroverse Fassbinder-Stück: www.filmzentrale.com/rezis/schattenderengelub.htm Ok, schweife ab... |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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